Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Schön sein | August 2014
Freddy steht auf Rot
von Monika Heil

Mit drei Jahren kam Freddy in den Kindergarten. Gleich am ersten Tag verliebte er sich in Julia, eine gleichaltrige Schönheit mit roten Haaren, die sie mit langen Zöpfen zu bändigen versuchte, was jedoch selten gelang. Ständig stahlen sich ein paar Strähnen aus den geflochtenen Zöpfen. Julias helles, fröhliches Lachen zog ihn magisch an. Sofort gesellte er sich zu ihr in den Sandkasten. Schon nach einer Woche verkündete er lautstark zu Hause: »Die Julia heirate ich mal.«

Daraus wurde dann doch nichts. Seine erste große Liebe zog zwei Jahre später mit ihren Eltern in eine andere Stadt. Da beide noch nicht schreiben konnten, ging der Kontakt verloren.

Als Freddy in die Schule kam, galten Mädchen als doof. Das war auch seine Meinung. Eine Ausnahme machte in seinen Augen nur Charlotte, die wegen ihrer feuerroten Haare nur „Karotte" gerufen wurde. Sie saß in der Bankreihe vor ihm. Nie erfuhr sie von Freddys wilden Träumen, in denen sie seine Prinzessin war und er sie auf einem feurigen Hengst entführte. Nie kam ein Wort über seine Lippen, wie schön er sie fand. Seine Schulkameraden hätten ihn aus ihrer verschworenen Gemeinschaft der „Weiberfeinde“ geworfen und das war seine Liebe zu „Karotte“ nun doch nicht wert.

In der Gymnasialzeit hieß sie Mona. Ihre tizian-rote Lockenpracht sprühte Funken, aus ihren nachtschwarzen Augen blitzten Feuer, die ihn zu verbrennen drohten. Sie war seine große Tanzstundenliebe. Ihr gab er den ersten Kuss. Mit ihr besuchte er die Partys im Freundeskreis bis sie einen Medizinstudenten kennenlernte und ihm den Laufpass gab.

Freddy studierte Jura. Gleich am ersten Tag im überfüllten Lehrsaal quetschte sich eine Kommilitonin neben ihn auf die Bank. Freddy registrierte nur eines - wunderschöne, lange und seidig glänzende Haare, kupferrot. Leider entpuppte sich Lisa als ausgesprochene Emanze. Sie verpasste seinem männlichen Ego einige Kratzer und Dellen. Dennoch blieben sie während der gesamten Studienzeit gute Freunde.

Er machte ein blendendes Examen und ließ sich als Anwalt in der eigenen Praxis nieder. Die Schreibkraft, die er engagierte, war keine Koryphäe in ihrem Beruf aber ihre roten Locken faszinierten ihn.

Auf einem Juristenkongress lernte er Lydia kennen. Ihn beeindruckte nicht nur ihr selbstbewusst vorgetragenes Referat. Auch ihr Haarschopf, der in einem undefinierbaren Rot leuchtete und ihre strahlenden grünen Katzenaugen hatten es ihm angetan. Die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie kamen sich schnell näher. Als er ihr einen Antrag machte, zögerte sie nicht. Sehr bald stellte Freddy fest, dass sowohl die Ehe mit der schönen Lydia als auch ihre Haarfarbe falsch gewesen waren. Nach einem turbulenten Jahr war er wieder Single.

Als er seine Anwaltskanzlei mit siebzig Jahren aufgab, war er zwar wohlhabend, hatte aber zu seinem Bedauern keine Familie. So beschloss er, in ein sehr gepflegtes und auch teures Seniorenheim zu ziehen. Er ließ sich viele Prospekte kommen, die er aufmerksam durchlas. Dass er sich am Ende für ein Haus entschied, welches auf dem Titelblatt mit einer rothaarigen Schönheit warb, wurde ihm nie bewusst.

Freddy fühlte sich wohl in dem Seniorenstift. Die Mitbewohner schienen überwiegend nett zu sein. Besonders Frau Rauterberg hatte es ihm angetan, eine weißhaarige, sehr gepflegten Witwe etwa in seinem Alter. Ihr Mann war Jurist gewesen. So ergaben sich schnell Anknüpfungspunkte.
Als sie ihn - nur eine Woche nach seinem Einzug - zum Kaffee in ihr Zimmer einlud, sagte er freudig zu.

Freddy bewunderte die geschmackvolle Einrichtung. Er genoss den vorzüglichen Kaffee wie auch den erstklassigen Cognac. Irgendwann holte Frau Rauterberg ein Fotoalbum herbei. Ihre Hand zitterte ganz leicht, als sie es öffnete. Freddy beugte sich interessiert über das erste Foto. Plötzlich glaubte er, sein Herz bleibe stehen. Er kannte die Unterschrift, ehe er sie las: »Freddy und Julia im Sandkasten.«

Die Hochzeit war d a s Ereignis im Seniorenstift. Selbst die örtliche Tagespresse schrieb darüber.
Version 2

Letzte Aktualisierung: 15.08.2014 - 09.13 Uhr
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