Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere K├Âstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Sch÷n sein | August 2014
Heute kommt es darauf an
von Wolf Awert

Der Wecker schrillte und bestimmte damit, wann die Nacht endete und der Tag begann. Wilbert rieb sich die Schlafreste aus den Augen und setzte sich seine Brille auf. Heute kam es darauf an. Er durfte nicht versagen wie schon einmal, denn das hatte er gelernt: Der kleinste Fehler konnte alles zerst├Âren.

Die Dusche sprudelte nur eine Spur zu hei├č. Das war der Komfort, den er sich ohne Gewissenbisse g├Ânnte. Die Tropfen kamen aus den gro├čen ├ľffnungen. Sie lie├čen sich einfach fallen, klatschten auf seine Haut, wo sie unter dem f├╝r Wassertropfen so typischen Glucksen Schwei├č, Fett und all die Anspannung, die sich unter der Haut in den Muskeln angesammelt hatte, aufnahmen und dann der Erde entgegenrannen. Wilbert genoss es, wie sich erst die Haut unter der Hitze dehnte und dann die Muskeln nachgaben. Auf ein Shampoo verzichtete er schon seit Jahren. Wenn das Haupthaar sich zur├╝ckzog, war es nicht mehr n├Âtig, mehr als ein Gel zu verwenden.
Mit entschlossenem Griff stellte er den Hebel von hei├č auf kalt. Es fiel ihm zunehmend schwerer, die zwei Minuten unter dem kalten Wasser zu bleiben, die seine Haut brauchte, um sich wieder zusammenzuziehen, aber Nachgeben kam f├╝r ihn nicht infrage.
Er trocknete sich nur fl├╝chtig ab. Das Gef├╝hl einzelner vergessener Wassertropfen auf seiner Haut gab ihm ein Gef├╝hl von M├Ąnnlichkeit, Kraft und dieser beinahe schon vergessenen Erinnerung von ÔÇ×Was kostet die Welt?ÔÇť.
Das feuchte Badetuch schlug er sich um die Lenden. Zwar war er allein in seinem Bad, und auch in dem Rest des Hauses gab es au├čer seiner Katze kein Lebewesen ├╝ber Insektengr├Â├če, aber es geh├Ârte sich einfach nicht, nackt herumzulaufen. Das war eine Frage von Prinzip und Anstand und nicht von Augen, die durch irgendwelche Fenster hereinschauen mochten.

Nun zur Rasur. Nach gr├╝ndlicher ├ťberlegung entschloss er sich f├╝r eine konservative Methode. Er feuchtete den Dachshaarpinsel an und lie├č ein paar Wassertropfen ├╝ber die Seife laufen - das hatte er von seinem Gro├čvater ├╝bernommen -, bevor er mit lockeren Bewegungen aus dem Handgelenk den Schaum in der Schale schlug. Das beherrschte er noch immer.
Mit dem Rasiermesser erst mit dem Strich, dann gegen ihn. Und zwischendurch durchaus noch einmal ledern, wenn die Klinge abzustumpfen drohte.
ÔÇ×Autsch!ÔÇť
Das aus den Haaren herabtropfende Wasser vermengte sich mit dem Blut des kleinen Schnittes. Herzblut. Aber verw├Ąssert wie Armeleutesuppe. Wilbert griff mit besorgter Miene zum Alaunstift. Das war ihm schon lange nicht mehr passiert. Mit dem Waschlappen dr├╝ber, dann den letzten Blutstropfen kurz abgetupft und die Wunde mit Alaun und Rasierwasser, das sch├Ąrfer biss als das Messer, endg├╝ltig geschlossen. Noch ein wenig Fingerspitzengetrommel auf der gequ├Ąlten Haut. Fertig.

Wilbert streifte sich die Armbanduhr ├╝ber. Ein schneller Blick. Der Brieftr├Ąger kam erst um halb elf. Das sollte ihm ausreichend Zeit lassen. Er w├╝rde sogar noch etwas essen k├Ânnen, aber an ein Fr├╝hst├╝ck wollte er gar nicht erst denken. Hungrig wollte er bleiben. Satt und zufrieden durfte er sich heute unter keinen Umst├Ąnden f├╝hlen.

Der Anlass gebot eine feine Garderobe, die Uhrzeit des Vormittages h├Ątte auch etwas Legeres erlaubt. Trotzdem, dunkelblauer Anzug mit Weste. Ein wenig wertekonservativ war gut. Allerdings verbot sich die Krawatte, sie w├╝rde nicht nur den Hals, sondern auch das Aroma des Deodorants strangulieren. Nein, das Hemd blieb am Hals ge├Âffnet.

Wilbert schaute in den Spiegel. Was er sah gefiel ihm. Er sah Ruhe und Gelassenheit, Freude und Erwartung, und einen attraktiven Mittvierziger mit ernstem Blick. Jetzt war er bereit. Er trat an seinen Schreibtisch, sein Blick streifte einen ├╝berquellenden Papierkorb mit den Resultaten gestriger Bem├╝hungen. Aber heute war heute. Jetzt galt es.

Wilbert setzte sich an den Schreibtisch, schraubte seinen F├╝llfederhalter auf und schrieb in einer k├╝hnen Schrift auf den Bogen aus Leinenpapier:
Geliebte Evelyne.

Letzte Aktualisierung: 17.08.2014 - 12.52 Uhr
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