Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Schön sein | August 2014
Spiegelbild
von Martina Lange

Das Gesicht im Spiegel. Wie es sie ansah. Augen, in tiefen Höhlen, flammten Rubina aus einem Gewirr winziger Fältchen erbittert entgegen. In der Dunkelheit erkannte sie dort noch immer das junge Mädchen, dass sich ungeduldig auf das Abenteuer eines jeden neuen Tages stürzen wollte. Selbst wenn dieses sich nun beinah verloren hatte im Netzwerk vergangener Jahre.
Weißgraue Strähnen ringelten hinunter bis auf die Schultern. Jedes Haar war der Ausdruck von gelebter und durchliebter Zeit, eines vergangenen Schmerzes. Sie erzählten ihre Geschichte.
Und hinter dem spiegelnden Schein sah sie bereits das Morgen hämisch lachen über ihrem bleichen Schädel. Rubina schauderte und senkte den Kopf.

War es erst gestern gewesen, da die straffen Wangen rosig schimmerten. Rubina fuhr sich mit den fleckigen Händen über die hängenden Wangen.
Einst hatte dieses Gesicht Männer in den Wahnsinn getrieben. Dieses Haar tizianrot geschimmert. Unter dem vollen Mond seliger Augustnächte hatte sie sich ihrem Verlangen ergeben. In dieser reifen Welt, die geduftet hatte nach Pfirsich und Wein und erfüllt gewesen war vom Lied der Zikaden. Oder als sie badete in dem Schweigen, das sich hinter einer wispernden Regenwand über die grün duftende Welt legte, so lockend.

Rubina wog den kugeligen Parfümzerstäuber in der Hand. Noch einmal erwiderte sie ihren Blick. Ihr gläsernes Gegenüber nickte entschlossen, und so warf sie das schwere Gefäß in die Mitte des Spiegels.

Aus dem Einen wurden viele, Handtellergroß oder Fliegenflügel klein und jeder zeigte ein Bild von ihr und jedes war anders. Sie blinzelte sich noch einmal an, dann stoben glitzernde Splitter zwischen den Haaren des Handfegers auf und verwandelten den Innenraum ihres Mülleiners in ein silbernes Mosaik. Vergangener schimmernder Schein. Und die hundertfache Rubina schlüpfte zurück. Wer ist noch wahr, was noch das Ich? Wie viele Wahrheiten gab es hinter dem schwarzen Glas gesplitterter Zeit?
Sie konnte sein wie immer sie wollte, solange sie in sich blieb. Solange sie atmete.

Auf der Straße flüsterte ein junges Mädchen ihrem Freund zu: "Wenn ich so alt bin wie sie, dann möchte ich auch so aussehen."
"So runzlig? Wie eine Dörrpflaume?"
"Ach, Quatsch. Sieh doch, sie ist unglaublich schön. Sie ist ganz bei sich selbst. Die braucht weder Schminke noch Haarfarbe oder künstliche Einbauteile."
Verständnislos starrte ihr Freund sie an und der Alten hinterher.
Rubina drehte sich um. Sie fing den Blick des jungen Mannes ein und lächelte. Die Patina schmolz. Dahinter sah er das Mädchen auflachen. Und sie war schön.

Letzte Aktualisierung: 09.08.2014 - 17.45 Uhr
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