Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Schön sein | August 2014
Spiegelbild
von Martina Lange

Das Gesicht im Spiegel. Wie es sie ansah. Augen, in tiefen Höhlen, flammten Rubina aus einem Gewirr winziger FĂ€ltchen erbittert entgegen. In der Dunkelheit erkannte sie dort noch immer das junge MĂ€dchen, dass sich ungeduldig auf das Abenteuer eines jeden neuen Tages stĂŒrzen wollte. Selbst wenn dieses sich nun beinah verloren hatte im Netzwerk vergangener Jahre.
Weißgraue StrĂ€hnen ringelten hinunter bis auf die Schultern. Jedes Haar war der Ausdruck von gelebter und durchliebter Zeit, eines vergangenen Schmerzes. Sie erzĂ€hlten ihre Geschichte.
Und hinter dem spiegelnden Schein sah sie bereits das Morgen hĂ€misch lachen ĂŒber ihrem bleichen SchĂ€del. Rubina schauderte und senkte den Kopf.

War es erst gestern gewesen, da die straffen Wangen rosig schimmerten. Rubina fuhr sich mit den fleckigen HĂ€nden ĂŒber die hĂ€ngenden Wangen.
Einst hatte dieses Gesicht MĂ€nner in den Wahnsinn getrieben. Dieses Haar tizianrot geschimmert. Unter dem vollen Mond seliger AugustnĂ€chte hatte sie sich ihrem Verlangen ergeben. In dieser reifen Welt, die geduftet hatte nach Pfirsich und Wein und erfĂŒllt gewesen war vom Lied der Zikaden. Oder als sie badete in dem Schweigen, das sich hinter einer wispernden Regenwand ĂŒber die grĂŒn duftende Welt legte, so lockend.

Rubina wog den kugeligen ParfĂŒmzerstĂ€uber in der Hand. Noch einmal erwiderte sie ihren Blick. Ihr glĂ€sernes GegenĂŒber nickte entschlossen, und so warf sie das schwere GefĂ€ĂŸ in die Mitte des Spiegels.

Aus dem Einen wurden viele, Handtellergroß oder FliegenflĂŒgel klein und jeder zeigte ein Bild von ihr und jedes war anders. Sie blinzelte sich noch einmal an, dann stoben glitzernde Splitter zwischen den Haaren des Handfegers auf und verwandelten den Innenraum ihres MĂŒlleiners in ein silbernes Mosaik. Vergangener schimmernder Schein. Und die hundertfache Rubina schlĂŒpfte zurĂŒck. Wer ist noch wahr, was noch das Ich? Wie viele Wahrheiten gab es hinter dem schwarzen Glas gesplitterter Zeit?
Sie konnte sein wie immer sie wollte, solange sie in sich blieb. Solange sie atmete.

Auf der Straße flĂŒsterte ein junges MĂ€dchen ihrem Freund zu: "Wenn ich so alt bin wie sie, dann möchte ich auch so aussehen."
"So runzlig? Wie eine Dörrpflaume?"
"Ach, Quatsch. Sieh doch, sie ist unglaublich schön. Sie ist ganz bei sich selbst. Die braucht weder Schminke noch Haarfarbe oder kĂŒnstliche Einbauteile."
VerstÀndnislos starrte ihr Freund sie an und der Alten hinterher.
Rubina drehte sich um. Sie fing den Blick des jungen Mannes ein und lÀchelte. Die Patina schmolz. Dahinter sah er das MÀdchen auflachen. Und sie war schön.

Letzte Aktualisierung: 09.08.2014 - 17.45 Uhr
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