Der himmelblaue Schmengeling
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vorgegebenes Bild | September 2014
Nach Hause kommen
von Jochen Ruscheweyh

„Ich habe eine wahnsinnig tolle Frau kennengelernt“, fing mich mein Arbeitskollege Frank am Montag nach meinem Urlaub am Kopierer ab. Wahrscheinlich brachte ich dieser Information nicht die offensichtlich von ihm erwartete Begeisterung entgegen, weil Frank ständig tolle Frauen kennenlernte.
„Kannst du nicht wenigstens so tun, als wenn du dich für mich freuen würdest?“, fragte er, während ich den Doppelseiten-Scan resettete, 45 Kopien ein- und gleichzeitig feststellte, dass Frank wieder kein Papier nachgelegt hatte. Ich riss ein 500er Paket Silver Premium auf, füllte Fach zwei damit nach und ließ ihn wissen: „Na dann, herzlichen Glückwunsch.“
Frank legte mir eine Hand auf die Schulter und schien zu einer weiteren Erörterung ansetzen zu wollen. Ich bedachte erst meine Schulter, dann ihn mit einem entsprechenden Blick. Woraufhin er die Stelle, an die er gefasst hatte, abklopfte, als wolle er mein Hemd glätten und seine Hand dann zurückzog. „Ich kann mir vorstellen, was du jetzt denkst, Matty, und ja, es stimmt, ich fange andauernd Beziehungen an und beende sie meist eine Woche später wieder. Aber diesmal ist es anders. Echt. Es ist Schicksal.“
„Deins oder meins?“, gab ich zurück. „Ich muss jetzt gleich zu meinem Meeting, wir sehen uns.“

„Valentina ist einfach wunderbar“, stellte Frank am Mittag in der Kantine fest. Ich hatte keinen Tisch gefunden, an dem nur ein Platz frei gewesen war. Warncke Media hatte aktuell derart viele Aufträge, dass kaum jemand aus den Kreativ-Abteilungen eine richtige Mittagspause machte. Daher hatte Frank den leeren Stuhl neben mir sofort mit Beschlag belegt, als er mich entdeckte.
„Mit ihr zusammensein ist wie ...“, er fuchtelte mit seiner Gabel, auf der ein Stück Karotte spießte, in der Luft herum, als teste er den neuen Gesten-Interpreter, an dem das Team aus der vierten Etage seit Wochen arbeitete, „ich weiß auch nicht ... wie nach Hause kommen.“
„Aha.“
„Du kannst dir nicht vorstellen, was wir gestern gemacht haben.“
„Falls es dir entgangen sein sollte, Frank, ich esse gerade.“
„Du, das muss ich dir einfach erzählen. Wir haben uns vorgestellt, wir wären Pudel.“
„Pudel. Hmm, ja, klingt ziemlich verdorben.“
„Aber das Aufregende daran ist, das war es gar nicht, ich meine verdorben. Eher so retro und elementar. Wenn du verstehst, was ich meine.“
„Nein.“
„Gekommen bin ich aber trotzdem.“
Ich schob meinen Vanillepudding zur Seite und sagte: „Schön für dich.“
Frank lächelte grenzdebil, dann fragte er: „Kann ich den haben, wenn du ihn nicht mehr isst?“

Ein paar Tage später - ich arbeitete gerade an einer Präsentation für eine Kampagne von Hexal, ein wirklich großes Ding - tauchte plötzlich Franks Gesicht mit einem dieser PhotoBox-Papp-Schnäuzer unter der Nase neben meinem iMac auf. „Herrgott, Frank, was soll der Scheiß?“
„Du glaubst nicht, was ich gestern gemacht hab, Schulz!“
„Nein, und es interessiert mich auch nicht, weil ich gerade ziemlich beschäftigt bin. Und nenn mich nicht Schulz!“
Frank öffnete seinen Krawattenknoten und den obersten Hemdsknopf. Etwas Schwarzes kam zum Vorschein.
„Du hast dich tätowieren lassen. Toll. Ein echtes Husarenstück. Und jetzt lass mich hier weitermachen.“
„Quatsch, keine Tätowierung. Du weißt doch, wie leicht ich friere. Valentina hatte eine ganz unglaubliche Idee. Ich trage jetzt einen Surfanzug unter meinem Hugo-Boss-Outfit. Das ist ein ganz neues Körpergefühl. Wie elektrisierend. Ich glaub ich könnte ...“
„Heb’s dir für später auf und geh endlich wieder an dein Projekt. Warncke guckt schon die ganze Zeit rüber.“

Als ich Frank am Abend in der Tiefgarage traf, klebte sein Scheitel wie nach einem Iron Man - Lauf an seiner Stirn. „Einfach nur geil mit dem Surfanzug“, schnaufte er und ließ sich in den Sitz seines Lexus fallen, während seine Finger das Victory-Zeichen formten. Ich konnte diesen Blödsinn allein schon deshalb nicht nachvollziehen, weil ich nur selten fror und auch gerne mal im November im Polo-Shirt ins Büro ging.

In den nächsten Wochen fielen mir immer wieder kleinere, aber auch größere frische Narben auf Franks Handrücken auf. Als eine davon dick und eitrig zu werden drohte, nahm ich Frank beiseite. „Hör zu, was immer ihr da gerade tut, du und Valentina, ihr müsst damit aufhören. Du bist im Front-Row-Marketing mit einer erheblichen Customer-Frequenz. Du kannst hier nicht mit Händen auftauchen, als wenn du Baumwolle pflücken würdest.“
„Du verstehst das nicht, Matty, Melinda ist aus unserem Liebesleben nicht mehr wegzudenken.“
„Wer zur Hölle ist Melinda?“
„Valentinas Ratte ...“

Ich konnte mich den Nachmittag über kaum mehr auf meine Präsentation konzentrieren. Denn mir war mit einem Schlag bewusst geworden, dass Frank sich verändert hatte. Aber irgendwie nicht zu seinem Nachteil. Gut, er redete zwar immer noch oft über Dinge, die Valentina und er ausprobiert hatten oder testen wollten, aber zum einen dauerte diese Beziehung bereits länger als irgendeine seiner vorherigen und zum anderen wirkte er weit weniger getrieben und konfus als noch vor einigen Wochen. Es schien, als sei er auf dem Weg, anzukommen. Auch wenn ich es mir bisher nicht hatte eingestehen wollen: Ich war zum Platzen gespannt, wer sich hinter der geheimnisvollen Valentina verbarg.

Als wenn er mich am Vortag beim Denken belauscht hätte, eröffnete mir Frank, als er gegen Mittag - er hatte sich Morgens auf mein Drängen den Tetanusschutz bei seinem Hausarzt erneuern lassen - im Büro eintraf: „Valentina würde dich gerne kennenlernen. Heute Abend bei uns, so gegen Sieben?“
„Ihr wohnt schon zusammen?“, fragte ich gespielt überrascht, obwohl ich eigentlich seit Längerem davon ausging, dass dies der Fall wäre.
Frank nickte lächelnd: „Bring Constance doch mit.“
Ich weiß nicht genau, aus welchem Grund ich mich einverstanden erklärte. Um meine Neugierde zu befriedigen oder weil ich mit einer Zusage billigend in Kauf nahm, dass ein Abend mit Frank und der unbekannten, aber zweifelsohne kräftigst gestörten Valentina durchaus geeignet sein könnte, meine seit Längerem kriselnde Beziehung zu Constance endgültig zum Erliegen zu bringen, da Constance nichts mehr hasste, als bei Leuten eingeladen zu sein, die sie nicht kannte.

Erwartungsgemäß schwiegen Constance und ich uns auf der Taxifahrt zu der Adresse, die Frank mir genannt hatte, an. „Was für ein heruntergekommenes Viertel, na Spitze, genau wonach mir heute Abend der Sinn steht: Besuch im Plattenbau“, machte Constance ihrer Laune Luft, als sie den Fahrer bezahlte. Trotzdem suchte ich ihre Hand, als wir auf das Haus mit der Nummer 17 zuschritten. Constance erwiderte mein Angebot, indem sie mit dem Blumenstrauß, den sie besorgt hatte, nach mir schlug.

Es ging einen langen schummrigen Flur hoch bis in die zweite Etage.
Als Valentina mich an der Tür begrüßte, hatte ich das Gefühl, in ihre Arme zu fallen wie in ein weiches Daunenbett, obwohl sie höchstens einmetersechzig maß und von der Figur eher schmächtig daherkam.
Das Auffälligste an ihr aber war der Duft, der sie umgab. Nahm ich im Flur noch Aromen von Blumenkohl mit Kotelett an Valentina war, duftete sie im Wohnzimmer plötzlich nach Sauerbraten mit Klößen. Und als sie uns das Schlafzimmer zeigte, und ich mich an ihr vorbei in den kleinen Raum hineinbeugte, meinte ich Zimtwaffeln mit Kirschen zu riechen. Es schien wie eine Rückführung in meine Kindheit. Trotzdem kam mir irgendetwas verkehrt vor. Ich wusste nur nicht, was.

Valentina erzählte von ihrer Heimat, weiten unbewohnten Landstrichen im fernen Sibirien, wo Menschen abends um Feuer saßen, Bärenfleisch und Lachse grillten und sich Geschichten erzählten. Immer wenn ihr kleiner Fuß - sie konnte höchstens Schuhgröße 36 haben- mich dabei zufällig unter dem Tisch streifte, durchlief mich ein wohlig warmes Gefühl.
Der ungefilterte Wodka, den sie reichlich nachschenkte, war wohl der Grund dafür, dass erst Frank und dann Constance, die sich zu meiner Verwunderung - von der Blumenattacke einmal abgesehen - den ganzen Abend lang ausgesprochen harmonisch mir gegenüber verhalten hatte, am Tisch einschliefen.

„Ich weiß nicht, wie du das machst, was du mit den Menschen tust, aber Frank hat verdammtes Glück gehabt, dich kennenzulernen“, hörte ich mich irgendwann sagen, während ich wie bei diesem Kinderspiel Hoppereiter auf ihrem Schoß saß, ohne zu wissen, wie ich dorthin gekommen war. Ich nahm jetzt einen anderen Geruch an Valentina wahr, einen wilden, ungestümeren. Eher nach Campingküche als nach Hausmannskost.
„Frank war wichtig, damit ich dich finden konnte“, sagte sie und streichelte mir über meine Brust.
„Du hast mich gesucht?“, fragte ich.
„Das weißt du doch.“
„Was wird jetzt aus Frank und Constance?“, überlegte ich laut.
„Erinnerst du dich noch daran, wie wir es gemacht haben, als wir klein waren?“, gab sie zurück.
Mit einem Mal wurde mir klar, dass meine bisherigen Erinnerungen an meine Kindheit so falsch und durchsichtig waren wie eine schlechte Marketing-Kampagne, dass ich mich mein Leben lang an etwas geklammert hatte, das so niemals passiert war.
Mit ungeheurer Macht strömten die Bilder auf mich ein: Lachs und Bärenfleisch, das Gefühl klirrender Kälte, das prasselnde Geräusch offenen Feuers. Ich glitt von ihrem Schoß, legte meine Hände an ihre Hüfte und ihre Taille und bog sie seitlich auseinander. Mit dem vertrauten plöppenden Geräusch öffnete sich ihr Rumpf. Constance war kein Problem, nur bei Frank musste ich mehrmals nachschieben bis er in dem schwarzen Loch in Valentinas Innerem verschwunden war, da ihn der Surf-Anzug, den er drunter trug, so sperrig und unbeweglich machte.
Zu guter Letzt warf ich meine Auto- und Wohnungsschlüssel, Armbanduhr, PDA und Mobiltelefon hinterher, sowie meinen Ausweis, der symbolisch für den Matty stand, den die Gesellschaft für mich vorgesehen hatte, der ich jedoch niemals hatte werden sollen.
Anschließend verschloss ich Valentina wieder. Dann taten wir das, was wir in einem früheren Leben versäumt hatten: Wir küssten uns, während Schnee durch die Zimmerdecke fiel und ein böiger Wind die Fenster aufdrückte.

V2

Letzte Aktualisierung: 26.09.2014 - 09.15 Uhr
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