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Traumzeit | Oktober 2014
Gemeinschaftsgefühl
von Anne Zeisig

Ich wälze mich gequält aus dem Bett und stemme beide Hände in die Hüften, bevor ich aufstehe. Meine Füße tasten nach den Hausschuhen und mit zusammengekniffenen Augen suche ich den Nachttisch nach meiner Brille ab. Hangele nach ihr.
“Du stöhnst wie ein altes Walross”, sagt meine bessere Ehehälfte und hüpft voller Elan aus dem Bett.
“Wir benötigen neue Matratzen”, stelle ich fest. “Die alten malträtieren meinen Rücken.”
Nun schlüpfe ich in meinen Bademantel und schlurfe in die Küche. Dabei halte ich meine Wirbelsäule möglichst steif, aus Angst, dass Bewegung abermals Schmerz auslösen könnte.
“Mach dich mal locker”, rät mein Mann. “Du gehst, als hättest du einen Besenstiel verschluckt. Da muss man ja Schmerzen haben.”
“Heute Nachmittag kaufen wir neue Matratzen”, beschließe ich.
“Eine”, kontert er, “meine ist okay. Außerdem haben wir erst neue gekauft. So alt sind die also nicht.”
Ich setze mich vorsichtig auf den Küchenstuhl.
“Sie sind zehn Jahre alt!”
“Höchstens fünf! Das Auto ist zehn Jahre alt.”
Er muss es mal wieder besser wissen als ich.
“In dem Jahr, wo wir das Auto erworben haben, haben wir auch die Matratzen gekauft! Da war nämlich der Sparvertrag abgelaufen.”
“Wenn ich an diese Niedrigzinsphase denke, bekomme ich heute noch Alpträume.”
Die Kaffeemaschine gurgelt vor sich hin.
“Und ich habe Alpträume, weil mir eine orthopädische Matratze fehlt. Im neuen City-Center gibt es den Laden “Traumzeit-Betten-Und-Mehr.”
Endlich ist der Tisch gedeckt.
“Wetten! Die lassen sich die Zeit des Träumens mit überhöhten Preisen honorieren. Damals haben wir im “Matratzenlager” die Tonnentaschenfederkernmatratzen ausgesucht, Verbrauchertest Sehr-Gut. Und sie tun immer noch ihre Dienste.”

Ich lasse mich jedoch nicht von meinem Vorhaben abbringen.
Natürlich ist mir bei dem Gedanken, nur eine Matratze zu kaufen, etwas mulmig zumute.
Fast kommt mir das vor wie “Getrennt-Von-Tisch-Und-Bett”, wo es nun eine Gemeinsamkeit weniger gäbe.
Ist das etwa der Anfang vom Ende?
Was würde als nächstes folgen?
Ich tränke weiterhin aus unseren braunen Kaffeepötten und mein Mann aus einer weißen Schnabeltasse?
Quatsch!
Wir sind gerade mal Mitte bis Ende sechzig, und was bei mir der Rücken ist, ist bei meinem Mann der Magen.
Ich trinke aus Solidarität magenmilden Kaffee, obwohl ich‘s nicht bräuchte.
Ich verzichte auf Essig im Salat, verwende Zitronensaft.
Ich dünste alles und verzichte aufs Braten, obwohl ich Röstaromen liebe.
Da kann ich doch erwarten, dass er auch auf einer neuen orthopädischen Matratze schläft!
Mir zuliebe!
Wegen des Gemeinschaftsgefühls, was wichtiger wird, je länger eine Ehe andauert.
“Kauf dir doch die für dich passende Matratze. Ich behalte meine, da weiß ich, was ich habe, auf ihr fühle ich mich wohl, habe wunderbare Träume und basta.”
Mein Siggi und träumen? Das ist ja was ganz Neues!
“Was sind das denn für Träume?”
“Träume eben. Was man halt so träumt.”
“Du hast mir noch nie erzählt, dass du nachts wun-der-ba-re Träume hast.”
Er schlürft seelenruhig aus seiner Schnabel, äh, Tasse, dem Kaffeepott. “Ich erinnere mich morgens nicht mehr an meine Träume.”
“Und woher weißt du, dass das wun-der-ba-re Träume waren?”
“Weil ich ausgeruht und frisch aufwache.”
“Aha. So einfach ist das.”
Mein Mann nickt und beißt ins Marmeladenbrötchen. “Ist die Konfitüre auch nicht zu säuerlich? Du weißt ja, mein Magen.” Er legt seine linke Hand auf den Oberbauch.
“Du solltest endlich einen Arzt aufsuchen.”
“Muss ich nicht. Mit der entsprechenden Ernährung geht es mir gut.”
Meinem Rücken ginge es mit der passenden Matratze auch besser.
Aber Siggi sitzt da und tut, als wenn nichts wäre.
“Das machst du extra!”
“Schmatze ich etwa wieder? ‘tschuldigung.” Er kaut weiter.
“Du sperrst dich extra gegen eine neue Matratze, weil du keinen Wert auf Gemeinsamkeit legst! Du hast keinen Sinn für Tradition!”
Oh nein. Das sind keine Tränen. Ich kriege immer feuchte Augen, wenn ich mich aufrege.
“Was hat eine neue Matratze mit Tradition und Gemeinsamkeit zu tun?”
“Wir haben immer beide Matratzen erneuert! Immer! Und nun soll das anders sein?”
Siggi legt sein Besteck zur Seite. ”Jawohl, nun ist das anders, weil nur du eine Neue benötigst. Du machst immer viel zu viel Trara um Nichts.”

* * *

Ich gebe es zu!
Die Aufmerksamkeit des jungen Verkäufers im “Traumzeit-Betten-Und-Mehr-Store” tut mir gut.
Auch fühle ich mich wohlig eingelullt von ‘Mozarts Kleiner Nachtmusik’, welche dezent im Hintergrund ertönt.
Er räkelt sich lasziv auf einer Matratze mit viscoelastischem Hartschaumkern und säuselt mit testosonorer Stimme, dass sie auch allergikergeeignet sei wegen der integrierten Milbensperre im Mikrofaserbezug. Nun rollt er sich vom Rücken auf den Bauch und erklärt, der Bezug ist zudem kochfest, sei also für Menschen geeignet, die unter Inkonsistenz leiden.
“Nicht, dass Sie mich falsch verstehen.” Er bringt sich in eine stabile Seitenlage und zeigt mir zwei kariesfreie Zahnreihen. Seine Samtaugen vervollständigen das Klischee eines gut aussehenden jungen Mannes. “In Ihrem Alter geht es sicherlich nicht um irgendwelche Gebrechen, sondern um Vorbeugung.”
Für diesen Satz könnte ich ihn sofort küssen.
Er weiß ja nicht, dass ich manchmal inkonsequent bin. Aber nur, wenn ich stark huste.
Wie gerne würde ich durch seine haselnussbraune Lockenpracht wuseln, mein Haupt auf seine feste behaarte Brust ablegen, einmal tief durchatmen, meinen Rücken vergessen und ebenso den Magen meines Mannes.
“Außerdem”, säuselt er geflissentlich weiter, “gibt es sieben Zonen auf dieser Matratze. Für jeden Körperteil eine eigene in unterschiedlicher Festigkeit.”
In der Luft liegt ein Hauch von Moschus und Amber.
Meine Geruchsknospen sind in Alarmbereitschaft.
Wie heißt doch noch gleich dieser männliche Duft? ‘Prado’! Ich atme tiiiief ein.
Mir wird heiß.
“Wir verkaufen nicht nur Matratzen, wir vermitteln ein Lebensgefühl. Life-Style-To-Night, sozusagen.”
‘To- Night-to-Night-sweet-Dreams-to-Night’, summe ich gedanklich und befehle mich abrupt zurück in die Realität.
“Nachts habe ich keine Probleme, aber morgens, wenn mein Rücken ... “
Er lässt mich nicht ausreden, hechtet neben mich und wirf sich auf die nächste Schlafgelegenheit. “Dann ist unser Porsche genau das Richtige für Sie! Ein Boxspringbett!”
Ich erfahre, dass es eine Unterbox mit Taschenfederkernpolsterung hat, darauf liegt eine Obermatratze aus Microtaschenfederkern und als letzte Lage ist der MediGelTopper aufgebracht. “Antibakteriell.” Die Matratze habe Härtegrad zwei und drei. Er mustert mich. “Das müsste hinkommen. Sie wiegen in etwa siebzig Kilo?”
Wie schmeichelhaft.
“Gibt es in den unterschiedlichsten Farben! Der Stoff ist geruchsneutral. Das müssen Sie ausprobieren.”
Bin ich froh, dass ER nicht geruchsneutral ist und nehme noch einmal tief einatmend eine Prise in mich auf.
Plötzlich reißt er mich neben sich auf den Porsche. “Gegen Aufpreis gibt es noch die elektrische motorische Verstellung. Alles ist druckentlastend und körperunterstützend. Aber ohne Beimöbel.”
Was? Hat der gerade Beischlaf gesagt?
“Die Beimöbel gehen Extra. Nachtschränkchen zum Beispiel. Auch Klemmleuchte und Plaid, das Beiwerk halt.”
“Aha.” Brauche ich nicht. Wir haben Nachtschränkchen. Außerdem kommen die eh nicht mit meinem Rücken in Kontakt.
Es surrt, brummt und vibriert unter mir.
Das Fußteil hebt sich nun aufwärts und das Kopfteil senkt sich ab.
Mein Lendenwirbel knackt. Oder mehrere, das kann ich in dem Moment nicht sagen.
“Und?”, fragt er mich, “ist das ein Traum von einem Bett? Da möchte man überhaupt nicht mehr aufstehen.”
Selbst wenn ich wollte ...
Bevor mir fünf Verkäufer hoch helfen, werden eiligst Sichtschutzwände um mich und das Porschebett aufgebaut, denn vermutlich gebe ich nicht die beste Werbung dafür ab.

* * *

Eine neue Matratze habe ich im “Matratzenlager” gekauft.
Damit das Gemeinschaftsgefühl nicht leidet, frühstücken wir jetzt immer im Bett.
Ich lehne meinen Kopf an die starke Schulter meines Mannes. Das entlastet meinen Rücken und zum Beruhigen von Siggis nervösem Magen läuft im Hintergrund der ‘Sommernachtstraum’.

Man muss auch mal gewohnte Ehepfade verlassen können!


©Anne Z. Fassung ZWEI

Letzte Aktualisierung: 12.10.2014 - 18.02 Uhr
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