Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Traumzeit | Oktober 2014
Rein in den Wald ...
von Helga Rougui

Nach seiner Panikattacke raste das Huhn minutenlang mit wehenden Flügeln den Ackersaum entlang.
Es war kopf-, hals- und orientierungslos aufgebrochen, nachdem der erste herbstliche Windstoß sein durch die Jahre etwas wackelig verwohntes Hühnerhaus stürmisch gezaust hatte.
Das Huhn hörte nicht nur die Böen durchs Dach pfeifen, sondern auch die Englein singen, und es dachte, soweit es dazu in der Lage war, daß es eine gute Idee wäre, sich zwischen den hochaufragenden dunklen Stämmen des uralten Hains zu verstecken. Vielleicht färbte die Farbe der Ewigkeit ab auf sein vergängliches Gefieder? Und keinesfalls wollte es wieder als Spielball der göttlichen Elemente durch die Lüfte gefegt werden.

- Ich TRAU Mich jetzt! - aber nur so weit ins Gehölz, wie mir ZEIT bleibt, schnell wieder rauszufinden, sollte mir ein mißgünstiges Subjekt nebst Schicksal begegnen.

So war das Huhn - unüberlegt und tollkühn, aber nicht allzusehr - Absturz bitte gern, aber verläßlich angeleint an ein Gummiband, das möglichst nicht zu ausgeleiert sein sollte.

Vorsichtig betrat das Huhn modrig wippenden Waldboden, nach ein paar Hüpfern war die Sonne wie ausgeknipst, ein anmutiges Halbdämmer dämpfte alle Aufgeregtheit auf ein Minimum. Das Huhn schwamm stetig vorwärts in der leicht grünlichen laubdurchrieselten Luft, wich den Lianen aus, die es kitzeln wollten, pflügte mit den Krallen durch weiche weiße Blümchenherden –

- und versank mit der Nase tief in einem rostroten, leicht struppigen Fellbauch, aus dem eine angenehm dunkle Stimme grollte:
- Ei*, ei*, wer kommt denn zu Besuch daher?

Das Huhn sog tief den Duft von Raubtierschweiß und ungezähmter Wildheit ein und wurde von einem angenehmen Zittern erfaßt.
Es linste am Fellbauch entlang nach oben und versank in Augen, die sich wie brennende dunkle Teiche in die seinen bohrten – und es fühlte - es wußte! die Zeit der zahllosen in öder Einsamkeit getrunkenen Becher Kamillentee war vorbei – vorbei – vorbei!!!

Eine spitze Schnauze tupfte das Huhn von oben auf den leidenschaftlich vibrierenden Kamm,
und als sich die Lefzen des Hünen zu einem verbindlichen Lächeln verzogen, blitzte auf dem rechten Fangzahn in allen Farben ein Diamant groß wie ein Taubenei – das Huhn schaute geblendet und hörte die Worte:

- Ich taufe dich auf den Namen Elvire.

Ein Traum hatte sich erfüllt. Elvire hatte endlich ihren Namen.

Nun war alles möglich.

_____________
* ... sie sind überall ...

Letzte Aktualisierung: 21.10.2014 - 22.28 Uhr
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