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Traumzeit | Oktober 2014
Der Traumbaum
von Karl-Otto Kaminski

Weißt du, was ich vergangene Nacht geträumt habe? Ich träumte, ich wäre in der Mittleren Schlappohrei. Hast du davon schon einmal gehört? Nein? Ich vorher auch nicht. Der Name klingt zwar so ähnlich wie östliche Türkei oder Innere Mongolei. Diese Gebiete könnte ich dir in meinem Atlas oder auf dem Globus zeigen. Die Mittlere Schlappohrei liegt aber ganz wo anders. Dahin kann man nicht gehen, nicht fahren und auch nicht fliegen. Dahin muss man sich schon träumen.
Als ich in diesem seltsam schönen Land ankam, schien dort wunderbar hell und mild die Sonne. Ich stand auf einer großen Wiese in zartblauem Gras und schaute mich neugierig um. Die Bäume sind dort ganz anders als bei uns. Einige tragen Kronen, die lustigen violetten Federbüscheln ähneln, andere wieder sehen aus wie riesengroßer grüner Blumenkohl. Und noch andere strecken lange gelbe Wedel in die Luft, die gigantischen Mohrrübenblättern gleichen.
Ach ja, und Blumen gibt's da, wie ich sie bei uns noch nie gesehen habe, mit schwarzweiß karierten Blüten zum Beispiel, aber auch mit solchen, die so knallbunt schillern wie ein Regenbogen. Ich hörte Vögel, die zweistimmig singen konnten und sah ein paar rosafarbene Hasen mit niedlichen hellblauen Ringelschwänzchen. Die veranstalteten am Waldrand einen Wettbewerb im Rückwärtshüpfen. Das sah ganz besonders lustig aus.
Von dem Platz, an dem ich stand, konnte ich weit über Felder und Wälder sehen, die sich auf und zwischen sanften Hügeln ausbreiteten. In einem kleinen Tal, rechts von mir, standen einige Häuser. Sie waren wie Kugeln und hatten runde Fenster. Ihre quittengelben Dächer sahen aus wie große Zitronenhälften. Ganz oben quoll dünner, blauweiß gestreifter Rauch heraus. Der wehte zu mir herüber und duftete zart nach Marzipan.
Das also war die Mittlere Schlappohrei. Du wunderst dich, woher ich das wusste? Ich nicht. Ich habe längst aufgehört, mich in meinen Träumen zu wundern. Dafür passieren einfach zu viele seltsame Dinge darin.

Während ich mich noch begeistert in dieser zauberhaften, fremdartigen Landschaft umsah, kamen aus dem nahen Waldstück zwei seltsame Wesen in langsamem Watschelgang auf mich zu. Sie waren kaum größer als du. Ihre kugelrunden Körper sahen fast wie Bälle aus. Sie hatten ganz kurze, stämmige Beine und breite Plattfüße. Auf ihren kräftigen Hälsen saßen Köpfe, die unseren menschlichen recht ähnlich sahen. Nur wurden die freundlichen Gesichter von ein paar bis auf die Schultern herabhängenden, mit wuscheligem Fell bewachsen Ohren eingerahmt. Das waren zwei der Bewohner, von denen dieses wundersame Land seinen Namen hat.
Das eine Schlappohr trug eine Art Pullover aus pinkfarbenem Samt und ein grünweißes seidenes Beinkleid. Das war ihm offenbar viel zu lang. Es bauschte sich über den Plattfüssen so stark, dass es fast aussah, als würde das kugelige Kerlchen auf kleinen Stoffbällen gehen, anstatt auf Beinen. Zwei breite, kreuzweise angebrachte Hosenträger hielten das eigenartige Kleidungsstück; denn so etwas wie Hüften hatte das runde Wesen nicht.

„Guten Schlappohrtag“, sagte es. „Herzlich willkommen in der Mittleren Schlappohrei. Mein Name ist Schlaumeier, und das hier ist Frohpeter.“ Damit stellte es sich und seinen Begleiter vor, der nicht minder putzig angezogen war. Frohpeter steckte in einer Strumpfhose, die aus fingerdicken hellgelben Schnüren gestrickt zu sein schien. Darüber trug er ein weites dunkelblaues Hemd, das in vielen kleinen Zipfeln endete. Sein Gesicht strahlte nur so vor Heiterkeit.
„Schön, dass du endlich mal zu uns gekommen bist“, fuhr Schlaumeier mit warmer, freundlicher Stimme fort. „Du bist doch der, der Geschichten und Gedichte schreibt, nicht wahr?“ Seine klugen Augen funkelten mich zwischen vielen Lachfältchen an.
„Ja, der bin ich“, antwortete ich, nun doch ein wenig erstaunt. „Aber woher kennt ihr mich?“
„Ach“, sagte nun Frohpeter, „wir wissen sehr vieles über dich und über viele andere Menschen. Aber ihr habt so gar keine Ahnung von uns. Und das ist sehr, sehr schade.“ Er bewegte bedauernd seinen Kopf, sodass die langen Ohren hin und her flogen wie bei einem Spaniel, wenn er sich das Wasser aus dem Fell schüttelt.
„Na, das wird sich aber jetzt ändern“, versprach ich. „Es ist ja so herrlich hier bei euch und so wundersam. Natürlich werde ich meinen Mitmenschen über euch und euer Land berichten, sobald ich wieder zurück bin. Ist doch klar!“
„Oh ja, tu das bitte!“, bat Schlaumeier. „Wie schön wäre es, wenn mehr von euch Menschen hierher kommen würden, vor allem natürlich die Kinder. Es ist doch ganz leicht, sich woanders hin zu träumen, wie du heute gemerkt hast. Und schließlich kann man sich seine Träume ja aussuchen. Wir Schlappohren tun es fast jede Nacht.“
„Ach, so einfach ist das für uns Menschen leider nicht“, entgegnete ich seufzend. „Wir können nicht einfach bestimmen, was wir im Schlaf erleben möchten. Wir müssen die Träume nehmen, wie sie kommen, ob schön oder hässlich. Leider.“
Frohpeters lustiges Gesicht nahm jetzt einen fragenden Ausdruck an. „Ja habt ihr denn gar keine Traumbäume, die ihr um schöne Träume bitten könnt?“, wollte er ungläubig wissen.
„Nein“, antwortete ich. „Jedenfalls habe ich noch nie von solchen Bäumen gehört.“
„Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ Schlaumeier riss seine pfiffigen Augen ganz erstaunt auf. „Die gibt es doch überall auf der Welt. Warum sollten sie ausgerechnet in eurem Land nicht vorkommen. Wahrscheinlich habt ihr nur noch nie danach gesucht.“
„Wie sollten wir wohl nach etwas suchen, von dem wir gar nicht wissen, dass es existiert?“, gab ich zu bedenken. „Wie sieht denn überhaupt so ein Traumbaum aus, wo wächst er, und wie kann man sich von ihm Träume wünschen?“, wollte ich wissen.
Frohpeter lachte: „Das kann ich dir genau erklären. Der Baum steht immer an einem Waldrand, nie im Innern eines Waldes, doch auch nie ganz allein im Feld. Er hat einen hellbraunen, sehr glatten Stamm und dunkelgrüne, fast kreisrunde Blätter mit ganz zarten, feinen Adern. Und in seinem Laub rauscht es Tag und Nacht ganz leise, so als wolle er uns am liebsten gleich die vielen interessanten Geschichten zuflüstern, die er weiß. Hast du solch einen Baum noch nie gesehen?“

Ich dachte eine Weile darüber nach, welcher der vielen, vielen Bäume, die ich in meinem Leben schon gesehen habe, wohl ein Traumbaum gewesen sein mochte. Aber ich kam nicht drauf.
„Ich weiß es nicht. Aber ich werde mich schon morgen danach umsehen, werde solange alle Waldränder in der Umgebung absuchen, bis ich einen Traumbaum finde“, versprach ich. „Und dann werde ich ihn bitten, mir viele schöne Träume zu senden.“
„Halt, halt!“ Schlaumeier hob den rechten Zeigefinger. „So einfach ist das mit dem Bitten nicht. Wenn du einen Traumbaum gefunden hast, musst du dich unter seine Zweige stellen und einen magischen Vers aufsagen, den Traumspruch. Wenn dann das Rauschen der Blätter stärker wird, hat der Baum dich verstanden, und du kannst dir einen Traum wünschen.“
„Dann sag mir, bitte, schnell diesen Vers, damit ich ihn auswendig lernen kann“, bat ich das Schlappohr. Schlaumeier nickte ernsthaft mit dem Kopf, und seine langen, wuscheligen Ohren schaukelten vor und zurück.
„Also, pass auf!“, begann er. „Der Spruch lautet:
„Aufstehn! Marsch, aus dem Bett, du Faulpelz! Es ist bald acht.“
Ich rieb mir verdutzt die Augen. Das war doch nicht der Traumspruch! Das war auch nicht mehr die Stimme des Schlappohrs. Ich lag plötzlich in meinem eigenen Bett. Die Sonne schien hell durch das Schlafzimmerfenster herein, und vor mir stand meine Frau, die Arme in die Hüften gestemmt, um mich zu wecken. Ich hatte nämlich wieder mal verschlafen.
Leider machte sie mich ausgerechnet in dem doch so wichtigen, entscheidenden Augenblick wach, als Schlaumeier gerade Luft holte, um mir den magischen Vers beizubringen. Hätte sie doch ein paar Minuten gewartet, dann könnte ich ihn dir jetzt weitersagen. Wie sollen wir nun wohl ohne ihn in Zukunft an die schönen Träume kommen?

Also ich gehe heute ganz bestimmt besonders früh ins Bett. Vielleicht gelingt es mir ja noch einmal, im Schlaf zu den freundlichen Schlappohren zu kommen. Ich muss doch unbedingt wissen, was man zu einem Traumbaum sagen muss, wenn man ihn findet.
Willst du mir dabei nicht helfen? Versuch doch einfach, dich auch in die Schlappohrei zu träumen, in die Mittlere Schlappohrei, versteht sich. Wenn du hinkommst, grüß bitte Schlaumeier und Frohpeter schön von mir, dem Schreiber. Frage sie unbedingt nach dem Traumbaum und vor allem nach dem Spruch, der all die schönen Träume bringt. Und morgen früh rufst du mich dann gleich an. Ich stehe im Telefonbuch. Tust du mir den Gefallen? Ja? Bitte, bitte!
Also, dann schlaf jetzt ein. Aber mach schnell! Ich bin ja so neugierig auf deinen Anruf.
Gute Nacht!

Letzte Aktualisierung: 20.10.2014 - 15.34 Uhr
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