Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Traumzeit | Oktober 2014
Der Koffer
von Eva Fischer

Das gelbe Blatt kam von irgendwoher. Welcher Baum es freigegeben hatte, wusste er nicht. Vielleicht eine Linde, vielleicht ein Kastanienbaum? Das Blatt war zu zerfasert, als dass er es hätte identifizieren können. Was spielte es auch für eine Rolle? Er wollte es mit dem Fuß in die Höhe kicken. Doch auch das misslang. Ein Windzug kam ihm zuvor. Erst verließ das Blatt den Boden so leicht, wie es ihn berührt hatte, dann machte es eine Drehung von ihm weg, wirbelte über die Straße, wo es seine Reise fortsetzte, ohne dass ein Auto es zerquetscht hätte, bis er es schließlich aus den Augen verlor.

Er seufzte auf, wollte gerade seinen Spaziergang fortsetzen, als sich sein Blick an etwas Glänzendem verfing, einem Messingschild. Jasmin Wood, Traumtherapeutin, entzifferte er. Sprechstunden nach Vereinbarung. Während er las, spürte er, dass jemand ihn beobachtete. Hinter den Fensterscheiben stand eine Frau. Ihre langen glatten Haare waren früher wohl blond gewesen. Jetzt schlängelten sie sich weiß an dem schmalen Gesicht entlang, das von großen braunen Augen dominiert wurde. Die vollen Lippen waren hellrot geschminkt, wirkten jedoch eher clownesk als aufreizend auf ihn.
Einen kurzen Augenblick lang kreuzten sich ihre Blicke, dann beschleunigte er seine Schritte.
Er wollte weg. Wohin wusste er nicht so genau. Zu Hause wartete niemand auf ihn und so ging er in die nächste Kneipe, hörte sich die Gespräche über Fortuna an, ohne sich daran zu beteiligen. Nachdem er das zweite Glas Bier ausgetrunken hatte, machte er sich auf den Heimweg. Er hoffte, ein traumloser Schlaf könnte ihm Erholung bringen für den nächsten Tag.

Der Sand peitschte wie Nadelstiche gegen seine Waden. Mit aller Macht krallte er sich am Boden fest, um seinen Stand nicht zu verlieren. Blitze zuckten über das tobende Meer, das sich wie ein schwarzes Ungeheuer erhob und nach ihm zu greifen schien. Er konnte den Blick nicht abwenden, wollte nicht weichen, stemmte sich trotzig dagegen.
Auf dem Rücken der Wellen sah er einen Gegenstand. Er schaukelte hin und her, drohte, von dem Moloch verschlungen zu werden, hob und senkte sich, bis er schließlich mit Schwung auf den Strand geschleudert wurde, direkt vor seine Füße.
Nun erkannte er den Gegenstand, ein schwarzer Koffer, dessen glattes Leder wie eine Seehundhaut glänzte. Nirgendwo fand er ein Schloss, wo sich der Koffer hätte öffnen lassen. Als er ihn hochheben wollte, merkte er, dass er ihn kein Jota bewegen konnte, so sehr er auch daran zerrte.

Immer wieder war es der gleiche Traum, der ihn schweißnass zurückließ und ausgemergelt in den neuen Tag spuckte. Wie sollte das weitergehen? Wer konnte ihn endlich davon befreien, vor allem von seiner ihn wahnsinnig machenden Neugierde? Was enthielt dieser Koffer zum Teufel noch mal?

Abends lief er erneut durch die Straßen, in der Hoffnung er könne seinen Körper sich zum Verbündeten machen, ihn durch Bewegung zur befreienden Müdigkeit zwingen, die keinen Raum mehr ließ für das Erinnern.
Das Messingschild, das er am Vortag entdeckt und nie zuvor gesehen hatte, leuchtete jetzt überdimensional. Er erkannte sein Gesicht darin wie in einem Spiegel. Die Schatten der Nacht hatten tiefe Furchen hinterlassen. Da beschloss er, auf die Klingel zu drücken.

Die Weißhaarige trug ein pastell gemustertes langes Kleid. Mit nackten Füßen stand sie vor ihm. Er spürte, wie sein Vertrauen schwand. Sie folgte seinen Blicken.
„Meine Füße vertragen keine Schuhe, zumindest keine, die mir gefallen“, fügte sie lächelnd hinzu. Lautlos glitt sie vor ihm über das Parkett. Der dünne Stoff ließ eine zierliche Figur erahnen. Sie führte ihn in ihr Behandlungszimmer.
„Ich bin Jasmin Wood“, stellte sie sich vor und schüttelte ihm die Hand.
„Ich weiß.“
„Kennen wir uns?“
„Nein, aber Ihr Name steht ja auf dem Schild.“
Sie nickte, schob eine Haarsträhne aus der Stirn.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Können Sie Träume auslöschen?“
„Sie meinen, weil ich Traumtherapeutin bin?“
Sie betrachtete ihn einen Augenblick lang amüsiert, bevor sie fortfuhr.
„Wir werden sehen, was wir mit Ihrem Traum machen können, der sie offensichtlich quält.“
Sie legte ihre Hände in den Schoß.
Er betrachtete die Zimmerpalmen, die mit Blumen bemalten Wände. Durch die hohen Altbaufenster drang weiches Abendlicht.
„Möchten Sie mir Ihren Traum erzählen?“, durchbrach sie das Schweigen.
Er hatte nicht gedacht, wie schwer es war, den Traum in Worte zu fassen, ihn für ein Gegenüber verständlich zu machen. Er stockte immer wieder, rang nach Atem. Sie redete erst, als er fertig war.
„Das ist ein wundervoller Traum! Wir werden ihn nicht löschen, bevor wir wissen, was in dem Koffer ist, oder?“ Sie blinzelte ihm zu, auf sein Einverständnis wartend.
„Nein, nein. Sie haben recht.“
In dieser Nacht schlief er ein, ohne dass ihn sein Alptraum gequält hätte.

Sie hatte ihm keine leichte Lösung versprochen. Man müsse Geduld haben. Im Traum spräche eine Stimme des Unterbewussten zu ihm in symbolischer Sprache. Er allein besäße den Schlüssel. Sie könne ihn lediglich dabei begleiten.
Die Sitzungen waren anstrengend. Immer und immer wieder suchte er einen Zugang zu dem Koffer zu bekommen, vergebens.
Anschließend plauderten sie bei einer Tasse Tee miteinander, so dass die wiederkehrenden wöchentlichen Termine seinem Leben einen neuen Sinn und Halt gaben.

An diesem Tag war er besonders nervös und unkonzentriert, als ob er ahnte, dass ein Ende bevorstünde. Er hatte sogar zwei verschiedene Schuhe an, einen schwarzen und einen braunen, was ihm peinlich war, als er bei ihr über die Schwelle trat. Doch sie schien es nicht zu bemerken, lächelte ihm freundlich zu wie immer.

Der Koffer platzte auf wie eine Wunde. Der Schmerz bohrte sich wie ein glühendes Schwert in seine Brust. Er schrie auf und war schweißgebadet, als Jasmin ihn aus der Hypnose zurückholte. Sie nahm ihn wie eine Mutter in den Arm, ließ ihm Zeit, bevor sie fragte: „Was haben Sie gesehen?“

Jetzt erinnerte er sich wieder, wie wütend er gewesen war. Wie konnte seine einzige Tochter ihm dies antun? Er war Malermeister mit einem eigenen florierenden Betrieb in einer Kleinstadt. Jeder kannte und respektierte ihn. Er war Mitglied im Kirchenrat. Und da wollte seine Tochter einen Türken heiraten, einen Muslim! Sie hatte ihn auf der Uni kennengelernt während ihres Germanstikstudiums. Dafür hatte er sich nicht krumm gearbeitet.
Ihre Argumente prallten an ihm ab. Jedes Wort verstärkte seine Wut, bis er zuschlug, immer wieder, immer härter. Sie lag schon am Boden, aber sie hörte einfach nicht auf zu reden. „Paps, er ist ein Mensch wie du und ich“, schluchzte sie. Er sah ihren ungläubigen Blick, als er ihr entgegenschleuderte: „Du bist für mich tot. Ich will dich hier nie wieder sehen!“

„Was haben Sie gesehen?“ wiederholte sie.
„Ein kleines Mädchen in einem weißen Kleid.“
„Haben Sie das Gesicht gesehen?“
„Ja, es war das meiner Tochter Miriam in ihrem Kommunionkleid.“
Wieder wurde er von einem Weinkrampf geschüttelt.
„Sie hatte ein ganz bleiches Gesicht. Sie war tot!“

**
Monate später

„Wie kann man nur so verblendet, so stur, so gottlos sein!? Ich begreife es immer noch nicht, Jasmin.“
Er rieb sich mit den Fingern die Stirn, bis sie rote Striemen hinterließen.
Sie nahm seine Hände in die ihren.
„Komm, trink lieber eine Tasse Tee. Das wird dir gut tun. Hast du deine Koffer gepackt?“
„Klar!“, er zeigte auf den silbernen Hartschalenkoffer in der Ecke, wedelte mit den Flugtickets.
„Ich freue mich riesig auf unsere Türkeireise“, sagte sie mit einem kindlichen Lächeln.
„Auf den Spuren des Apostel Paulus, ein Traum!“, ergänzte er.
„Hoffentlich kein Albtraum,“ zwinkerte sie ihm zu.
„Mit dir bestimmt nicht. Und wie ich sehe, hat Madame auch das passende Schuhwerk gefunden.“
„Oh nein, diese Treter sind scheußlich!“
„Aber praktisch.“

Letzte Aktualisierung: 11.10.2014 - 10.38 Uhr
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