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Traumzeit | Oktober 2014
Das Jucken an der Innenseite meiner HandflÀchen
von Jochen Ruscheweyh

Ich wusste, dass ich Bussmann diesmal töten wĂŒrde. Die Gelegenheit war einfach zu perfekt. Der Empfang war bereits seit Mittag nicht mehr besetzt, da Bussmann beide Mitarbeiterinnen, also Vanessa Meier und Daniela Blumenthal nach Hause geschickt hatte. Junggesellinnenabschied, wie Vanessa mir im Gehen zugeflĂŒstert und mir dabei in den Po gekniffen hatte.
Nur der Alte und ich. Bis Schluss wÀre.
Ich spĂŒrte ein Jucken an der Innenseite meiner HandflĂ€chen, das auch dann nicht verschwand, als ich meine NĂ€gel wie einen Pflug ĂŒber meine Lebenslinie zog.
Ja, ich wĂŒrde ihn töten.
Ein Blick auf die hĂ€ssliche Standuhr im Konferenzraum, deren atonales Bimbam zu jeder vollen Stunde ich schon viel zu lange ertragen hatte, sagte mir, dass er mich gleich zu sich rufen wĂŒrde, um die FĂ€lle fĂŒr den nĂ€chsten Tag zu besprechen.
Punkt 16.45 Uhr, fĂŒnf Mal die Woche, 52 Wochen im Jahr, mal fĂŒnf Jahre Betriebszugehörigkeit abzĂŒglich des gesetzlichen Mindesturlaubs von zwanzig Tagen pro Jahr, von denen er mich an mindestens zehn wegen irgendwelcher LĂ€cherlichkeiten trotzdem ins BĂŒro zitierte.
Ja, ich hasste Klaus Bussmann.
Ich hasste ihn so sehr, dass ich eine zeitlang sogar wieder regelmĂ€ĂŸig in die Kirche gegangen war und Gott in meiner Verzweifelung von harten HolzbĂ€nken aus angefleht hatte, mich mit NĂ€chstenliebe aufzufĂŒllen. Nachdem ich aber kein Zeichen von oben erhielt und mich gegen eine neugierige KĂŒsterin nicht anders zu wehren wusste als zu behaupten, ich sei homosexuell, habe aber dennoch meine verheiratete Halbcousine geschwĂ€ngert und suche nun hier nach Vergebung, formte sich mein Plan, Bussmann umzubringen.
Ich schaute zur Uhr. Der große Zeiger befand sich exakt auf der Grenze zwischen dem dritten und vierten Viertel, als er nach mir rief. Auf Bussmann war Verlass.
Ich ging in sein BĂŒro, trat seitlich an seinen Schreibtisch heran, beschrieb aber im letzten Moment einen kleinen Bogen, der mir Gelegenheit gab, im toten Winkel schrĂ€g hinter Bussmann nach den weißen Handschuhen zu greifen, von denen er immer ein paar im Regal liegen hatte. FĂŒr den Fall - so hatte er mir einmal erklĂ€rt - , dass er die mittlerweile an die 200 Jahre alten GeschĂ€ftsbĂŒcher der Kanzlei durchblĂ€ttern wollte.
Ich hatte geĂŒbt, mir die Handschuhe ĂŒberzustreifen, immer und immer wieder, wusste im Schlaf, wo deren Widerstand lag und wie ich meine HĂ€nde krĂŒmmen musste, um mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung hineinzugleiten, ohne steckenzubleiben. Bussmann hatte nicht einmal mehr Zeit zu bemerken, was ich dort hinter ihm tat, geschweige denn, sich umzudrehen und mir Einhalt zu gebieten. Seine harten Bartstoppeln drangen durch den Stoff der Handschuhe wie Haare eines unrasierten Beines durch eine Damenstrumpfhose. Ich spĂŒrte seinen Adamsapfel unter dem Druck meiner HĂ€nde hĂŒpfen. Seine HĂ€nde griffen nach meinen, aber Bussmanns Bewegungen wurden bereits fahrig unter dem Sauerstoffmangel, zu unkontrolliert, um mich von meinem Vorhaben abzubringen.
Es fiel mir schwer, auch nur eine Spur von Mitleid fĂŒr das zuckende und sich sinnlos aufbĂ€umende Geschöpf aufzubringen. Die Welt war besser ohne Klaus Bussmann dran. Davon war ich ĂŒberzeugt und dafĂŒr lohnte es sich auch, einen Mord zu begehen.
Ich verringerte den Druck auf seinen Hals, als seine Gegenwehr schwÀcher wurde.
Zu frĂŒh! Unter einem lauten Ächzen gelang es Bussmann, Luft in seine Lungen zu ziehen. Also begannen wir unser Spiel von vorne. War ich beim ersten Durchgang noch recht emotionslos gewesen, durchströmte mich jetzt ein unbeschreibliches GlĂŒcksgefĂŒhl, als mir klar wurde, dass ich definitiv erst aufhören wĂŒrde, wenn Bussmann tot in sich zusammensackte.
Als ich schließlich bemerkte, wie sich ein großer Urinfleck auf seiner Hose bildete, atmete ich tief ein, faltete meine HĂ€nde und drĂŒckte sie durch, bis die Gelenke knackten. Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis ich den SchlĂŒssel zu Bussmanns Minibar gefunden - er wechselte tĂ€glich das Versteck - und mir einen 15 jĂ€hrigen Single Malt eingegossen hatte. Der Whisky brannte herrlich in meiner Kehle.
Der zweite Schluck brachte mich zurĂŒck in die RealitĂ€t.

***

Ich stand auf, ging ins Bad und rasierte mich. Dabei dachte ich darĂŒber nach, wie sehr dieser Traum, den ich jetzt seit beinahe vier Wochen, jeden Morgen gehabt hatte, wenn ich nach dem ersten Weckerklingeln noch einmal kurz eingenickt war, meine Einstellung zur Arbeit verĂ€ndert hatte.
Bussmanns Schikanen, Spinnereien und abstruse Aufgaben belasteten mich viel weniger als frĂŒher, wusste ich doch, dass ich nur bis zum Morgengrauen warten musste, bis ich ihm seine gerechte Strafe zukommen lassen konnte. Das Wunderbare daran war, dass sich das GefĂŒhl, es ihm heimzuzahlen, nicht abzunutzen schien, sondern sogar von Tag zu Tag intensiver wurde.
Obwohl ich zugeben musste, dass sich Bussmanns Verhalten in den letzten Tagen geÀndert hatte. Er wirkte vorsichtig, abwartend manchmal sogar zögerlich.
Es kam mir vor, als vermute er, ich hÀtte eine Art Plan und dass er nun taxiere, wann ich meinen ersten Schritt mache.

***

„Sei vorsichtig! Der Alte hat Besuch. Niemanden den ich kenne.“, eröffnete mir Vanessa, bevor sie mich in die Nische neben dem Empfang zog und vollkommen unvermittelt kĂŒsste. „Ich mag den neuen Chris. Lass dir nichts gefallen!“
Es dauerte nicht lange, bis Bussmann mich zu sich rief. „Christian, das hier ist ... Dr.Radleffsen. Er ist ... nun, um es kurz zu machen, er ist mein Analytiker.“
Ein untersetzter bĂ€rtiger Mann mit Brille und kariertem Oberhemd erhob sich: „Danke, Herr Bussmann, das haben Sie sehr gut gemacht. Ich ĂŒbernehme jetzt. Herr Schneider, ich darf Sie doch Christian nennen? Fein! Mein Patient, also Ihr Chef, Herr Bussmann, hat ein Problem. Er leidet unter der obsessiven Phantasie, dass Sie ihn umbringen wollen. Diese Phantasie manifestiert sich vor allem darin, dass er seit einigen Wochen nachts davon trĂ€umt. Er kann den Mord, den Sie an ihm begehen, mittlerweile Ă€ußerst detailliert schildern kann. Ich denke, Sie verstehen, was fĂŒr ein Leidensdruck auf Herrn Bussmann liegt. Ich habe mir ĂŒberlegt, dass wir die Szene einfach einmal nachstellen, damit sein Unterbewusstsein lernt, dass von Ihnen keine Gefahr ausgeht. Wenn Sie so freundlich sein wĂŒrden und sich dieses Paar Stoffhandschuhe ĂŒberstreifen und neben Herrn Bussmann treten ...“

***

Radleffsen bestand darauf, die Traumszene immer wieder nachzustellen. Jedesmal, wenn ich Bussmann die HĂ€nde um den Hals gelegt und seine widerlichen Stoppeln an meinen HandinnenflĂ€chen gespĂŒrt, seinen Adamsapfel leicht gedrĂŒckt, ihn sich einmal aufbĂ€umen und wieder in sich zusammenfallen lassen hatte, stellte sich Radleffsen vor Bussmann, kontrollierte mit einer kleinen Lampe dessen Pupillen und schĂŒttelte dann den Kopf: „Nochmal!“
Beim zwanzigsten Durchlauf zitterten meine HĂ€nde bereits von der ungewohnten Haltung und beim fĂŒnfundzwanzigsten Mal drĂŒckte ich versehentlich so fest zu, dass Bussmann tatsĂ€chlich nach Luft rang.
„Wir haben ihn“, rief Radleffsen und fuchtelte mit seiner Lampe vor Bussmanns Gesicht herum. „Hören Sie nicht auf, drĂŒcken Sie weiter! DrĂŒcken Sie bloß weiter!“
„Aber ...“
„Machen Sie!“
Das hier hatte nichts mit dem Spaß zu tun, den ich morgens in meiner Traumphase empfand. Jener Bussmann, den ich dort tötete, schien geruchlos und stumm. Dieser, den ich gerade wĂŒrgte, dĂŒnstete nach alten Zigarren, Schweiß und Alkohol aus und gab gluckende GerĂ€usche wie ein Ferkel von sich.
„Gut, das reicht!“, sagte Radleffsen plötzlich. „Kommen Sie um den Schreibtisch herum.“
Ich stand jetzt vor Bussmann, und beobachtete, wie er sich ausgetretenen Speichel vom Kinn wischte. FĂŒr einen Moment sah ich etwas in seinen Augen aufblitzen, etwas Hinterlistiges, als besĂ€ĂŸe er plötzlich einen Wissensvorsprung. Dann legte mir Radleffsen die Hand auf die Schulter: „Gehen Sie jetzt!“

***

Ich hatte geĂŒbt, mir die Handschuhe ĂŒberzustreifen, immer und immer wieder, wusste im Schlaf, wo deren Widerstand lag und wie ich meine HĂ€nde krĂŒmmen musste, um mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung hineinzugleiten, ohne steckenzubleiben. Bussmann hatte nicht einmal mehr Zeit zu bemerken, was ich dort hinter ihm tat, geschweige denn, sich umzudrehen und mir Einhalt zu gebieten. Seine harten Bartstoppeln drangen durch den Stoff der Handschuhe wie Haare eines unrasierten Beines durch eine Damenstrumpfhose. Ich spĂŒrte seinen Adamsapfel unter dem Druck meiner HĂ€nde hĂŒpfen. Wie ein Greifvogel mit ĂŒberdimensionalen Krallen packte er plötzlich meine HĂ€nde und riss sie zur Seite. Mit scheinbar ĂŒbernatĂŒrlichen KrĂ€ften ließ er mich mit einem Schulterwurf auf den Boden krachen. Ehe ich reagieren konnte, saß er auf mir, presste meine Handgelenke auf den Boden, rutsche soweit vor, dass er mit seinen Schienbeinen meine Unterarme fixieren konnte, drĂŒckte mir die Luft ab und schrie: „Jetzt drehen wir den Spieß mal um. Ich mach dich kalt, du kleine Ratte!“
Ich versuchte, ihn abzuschĂŒtteln, meine Knie in seinen RĂŒcken zu rammen, aber er war mir körperlich ĂŒberlegen, parierte jede meiner Bewegungen mit einer passenden Reaktion. Sein Gesicht verschwamm bereits vor meinen Augen. In meiner Lunge brannte es, als hĂ€tte ich Tabasco getrunken. Als sich alles zu drehen begann, ließ der Druck an meinem Hals plötzlich nach. Es rauschte in meinen Ohren, als das gestaute Blut durch die Halsschlagader in meinen Kopf drĂ€ngte. Bussmann war nach vorne gekippt. Irgendetwas Feuchtes schien aus ihm herauszurinnen und auf mein Gesicht zu tropfen. Mit der grĂ¶ĂŸten Willensanstrengung, zu der ich fĂ€hig war, drĂŒckte ich ihn von mir und rollte mich zur Seite weg.
„Ich konnte das nicht zulassen“, hörte ich eine Stimme und sah eine Hand, die das Gewicht der hĂ€sslichen Standuhr hielt.

***

Ich stand auf, ging ins Bad, rasierte mich und schlĂŒpfte wieder ins Bett. „Ich mag die neue Vanessa“, flĂŒsterte ich und zog sie zu mir rĂŒber. „Wir sollten Bussmann anrufen, und ihm sagen, dass wir heute frei nehmen, ich könnte mir vorstellen, er hat nichts dagegen.“

Letzte Aktualisierung: 16.10.2014 - 09.43 Uhr
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