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Traumzeit | Oktober 2014
Onyx und Eulenfeder
von Martina Lange

Der Nachtwind trägt Methis. Vorüber an den tiefgründenden Bäumen, fährt er ihr zitternd zwischen die Federn. Kein Laut unterbricht das Mondlicht. Es gleitet von Blatt zu Blatt, tropft auf die spiegelnde Oberfläche und verzerrt das schwarzsilberne Bild der glänzenden Speerspitze.
Ein Wesen, nicht Tier, nicht Mensch, steht hoch aufgerichtet im Wasser. Ein Gewandt aus eisigem Zorn umfließt den nackten Körper. Mit aller Gewalt stößt es die Waffe in die Tiefe. Wellen breiten sich aus, nagen am Ufersaum und fressen sich am steilen Hang der Senke empor. Unreines Wasser tränkt den Boden. Ein ferner Donner bringt die Blätter der Weiden zum Erzittern. Sterbender Lebensquell.
Sie lässt sich davontragen. Flieht. Nicht schnell genug. Sein Blick folgt ihr. Ist überall. Fängt sie ein ... Sie schlägt nach den schwarzen Augäpfeln. Lachen. Lachen schneidet tief. In der davongleitenden Nacht sinken feuchte Federn zu Boden.
Aus der Dämmerung wächst das Wimmern eines Neugeborenen ... klagend der Schrei einer Katze ...


* * *


Methi häuft zusätzlich einen Löffel Kaffeepulver in den bereits feuchten Filter. Sie braucht etwas Stärkeres nach dieser Nacht. Noch immer kämpft sie mit den Fängen des Nachtmahrs. Tiefe Schnitte in ihren Gedanken. Die Angst löst sich wie schwerer Nebel im Sonnenlicht. Langsam.
Dabei ist der Mittag bereits vorüber. Auf der Straße kreischen Kinder. Hunde bellen. Das Leben gleitet vorüber, ahnt nichts von dieser Welt der Schatten. Vielleicht ein unerwartetes Frösteln, dann und wann. Methi verzieht das Gesicht und wirft drei Stücke Zucker in ihre Tasse. Bitter und süß. So ist das.
Sie wendet sich um und wandert durch die Sicherheit ihrer Räume. Von Fenster zu Fenster. Folgt der tiefstehenden Sonne. Durch das Wohnzimmer, hinüber zur Terrassentür. Dahinter wildert der Garten vor sich hin, ist begehrte Wohnstätte etlichen Getiers und Stachel im Fleisch der Nachbarn. Eine Elster wirft Methi durch die Scheibe einen neugierigen Blick zu. Perlschwarze Augen. Methi schließt kurz die Lider vor dem abstoßenden Nachgeschmack, der sich in ihr ausbreitet.
Aufdringlich schrillt die Türklingel durchs Haus. Drei, vier Mal hintereinander. Die Erinnerung an die Augen der Nacht schwappt ungehindert über den Rand der Kaffeetasse auf den Dielenboden. Kopfschüttelnd stellt Methi sie ab und eilt zur Tür.
Niemand ist da. Kein Besucher. Kein Paket. Kein Brief. Nur in der Straße ist es auf einmal sehr still. Stockend drückt Methi die schwere Holztür ins Schloss.
Kaum hat sie sich der Kaffeepfütze angenommen, als schon wieder die Klingel schrillt. Drei, vier Mal. Ein forderndes Klopfen kommt dazu. Sie lässt den Lappen zu Boden sinken und mustert das zitternde Holz. Auf einmal wirkt dieses bedrohlich. Zögernd legt Methi die Hand auf die Klinke. Die Sonne scheint und die Schatten der Nacht verschleiern dir lediglich den Kopf, ruft sie sich zur Ordnung und reißt die Tür auf.

Kein Mensch steht davor. Vielstimmiges Lachen, das arglistig um die Ecke des Nachbarhauses verschwindet, schlägt ihr ins Gesicht. Vereinzelte Worte der Schmähung bleiben in den Johanniskrautsträuchern hängen. Unbedachte Nachahmung. Eulenauge. Krötengesicht. Methi weiß dahinter die aufkeimende Saat Anderer.

Die Nacht wird zurückkehren. Die Saat wird aufgehen, sich wuchernd ausbreiten, niemand wird ihr Einhalt gebieten. Schaudernd stößt Methi die Tür zu. Und während sie sich entschließt, nicht mehr zu öffnen, ganz gleich wer daran rüttelt, wischt Onyx mit hoch erhobenem Schwanz durch den schmaler werdenden Spalt.
Sein Maunzen holt Methi in die Gegenwart zurück. Er, der Freigänger, zieht heute die Sicherheit ihrer vier Wände einer weiteren Nacht im Freien vor? Verwundert folgt Methi ihm zu seinem Aussichtsplatz auf der Fensterbank. Ihr Kater späht unverwandt über den Garten hinaus. Hinüber zu dem, hinter Weiden verborgenem Wasser. Grundlose Tiefe, bedeckt mit sterbendem Laub.

Seinem Blick folgend, krault Methi ihren vierbeinigen Begleiter. Sein Fell im Nacken ist feucht und färbt ihre Finger klebrig rot.
"Onyx?"
Die Sorge in ihrer Stimme lässt den Kater aufhorchen. Ein kurzes Zucken der Ohren. Also fliegen bereits Steine. Ein geheimnisvoll grünes Blinzeln ist seine Antwort. Ihre Besorgnis vor den Bildern der nächsten Nacht wächst im schwindenden Licht. Schnurrend schmiegt der Kater seinen schwarzen Kopf in Methis Hand. Und sie nickt.
"Nur noch neun Tage, mein Schöner." So wenige, bis zur Nacht der Erneuerung. Ihr wird kaum Zeit zum Schlafen bleiben ... oder zum Träumen.

Letzte Aktualisierung: 25.10.2014 - 09.17 Uhr
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