Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Verdorben | November 2014
Goldwurm interruptus
von Helga Rougui

"Ah – vous parlez du comte de Ver d'Or?? – Ben ... moi, je l'ai bien connu!"

Die Stimme der alten französischen Kurtisane erhob sich über das im Salon herrschende Gemurmel angeregter Gespräche, durchschnitt dissonant das leise Klirren der Champagnergläser wie eine zersprungene Glocke, und die Köpfe aller Anwesenden, meist Herren, wandten sich ihr zu.

Das Licht von tausend Wachskerzen brach sich in wandhohen kostbaren Spiegeln, zeichnete weich ihre Form und Gestalt, die wie aus einem Märchen entsprungen schien – immerdar schwarzes, hochaufgetürmtes Haar, mit Diamanten durchzogen, schneeweiße Haut, blutrote Lippen, schlanker Hals, edle Haltung, eine ewig Junggebliebene, deren Linien vorgerückter Jahre verschmolzen mit dem gedämpften Leuchten geschickt plazierter Halbschatten.
Erinnerung stieg auf allerorten an den legendären Grafen Goldwurm, selbst fast eine Märchengestalt, der mit ungeheurem Charisma und unter Einsatz der natürlichen Ausstattung, die ihm von Gott und Teufel mitgegeben worden war, ein Vermögen aus dem Nichts gemacht hatte und dessen unerklärliches Verschwinden vor ungefähr zwanzig Jahren nie aufgeklärt werden konnte bis zum gegenwärtigen Tage.
Die Herren schauten sich an.
Das Interesse war von neuem entfacht.

Es kursierten mehrere Theorien unterschiedlicher Glaubwürdigkeit über das Schicksal des Grafen. Rückzug eines Todgeweihten auf eine einsame, aber luxuriös ausgestattete Südseeinsel, endgültiger Wegschluß in ein Sanatorium für unheilbar Wahnsinnige, untröstliche Verzweiflung über die Erbarmungslosigkeit einer Belle Dame Sans Merci und Selbstentleibung ihretwegen und last but not least Entführung durch Außerirdische und bestialische Kastration im Weltenraum – das war die schlimmste aller Visionen – Graf Goldwurm ohne seinen Wurm? Undenkbar!

Da er nie zurückgekommen war zur eifrig sich das Maul zerreißenden Demi-Monde du Tout-Paris, wurde sein Weggang, seine Flucht, seine Entführung oder wie immer sich seine Absenz nun begründete, nie aufgeklärt, was die Neugier über die Jahre offensichtlich am Leben erhalten hatte.
Der erstaunte Ausruf der überreifen Halbweltdame nun ließ vermuten, daß sie ihm zumindest einmal, wenn nicht mehrmals begegnet sein mußte.
Die Herren in ihren dunklen Fräcken und eleganten Smokings umringten sie unverzüglich, tuschelten aufgeregt wie alte Klatschtanten hinter vorgehaltener Hand und fragten sich lüstern, ob sie wohl den Wurm je in seiner ureigenen Gestalt kontaktiert habe und mit welchen Körperteilen – aber das konnten sie natürlich so nicht fragen, und so fragten sie die Fragen so, wie man sie sittsamerweise fragen konnte:
Wußte sie etwas über den Verbleib des legendären Goldwurms?
Hatte sie ihn wirklich getroffen?
Wann?
Hatte sie ihn gut gekannt?
Wie gut?
Wie oft?
Die Belle De Nuit en question raffte mit geübter Geste ihre üppige Krinoline, so daß einen kollektiven heißen Seufzer lang ihre feine purpurbestrumpfte Fessel aufblitzte, drückte ihre immer noch prachtvollen Brüste so heraus, daß ihr schwellendes Dekolleté auch dem letzten Blindfisch erfreulich ins Auge springen mußte, und ließ sich nicht lange bitten, ihre Geschichte des Grafen zu erzählen.

"Wie manche unter Ihnen vielleicht wissen, wuchs ich im Château von Madame Gourdan in der rue des Deux Portes auf, wurde dort zur Frau und zur Hure - und ich merkte schnell, ich war prädestiniert dafür, die Männer in mich aufzunehmen, ich lernte alles, was nötig war pour les faire jouir d'une jouissance extrême, sie waren fasziniert von mir, und es lohnte sich."

Die Herren um sie herum nickten, das kannten sie, das war ihnen vertraut.

"Meine Mutter war eine illustre Lebedame, hatte jede Menge bedeutender Liebhaber, darunter auch den einen, der nur ein einziges Mal im Jahr erschien – an seinem Geburtstag? Er ließ sie vor sich tanzen bis zu ihrer erhitzten Entblößung, stets auf Erlösung hoffend, die er nicht fand. Er bezahlte sie fürstlich und ging.
Jedoch machte er niemals Anstalten, sie zu beschlafen, sein Hosenlatz blieb stets geschlossen, und auch seine Handschuhe zog er nie aus.
Meine Mutter tanzte den Tanz der Sieben Schleier, es sollte wohl damit eine Bibelszene nachgestellt werden, ich erinnere mich aber nicht, ich habe die Bibel nie gelesen.
Als sie starb, war ich schon seit einigen Jahren im Geschäft und auf dem besten Wege, so berühmt zu werden wie sie. Ich hatte wie selbstverständlich nach und nach ihre Stammkunden übernommen, darunter auch den geheimnisvollen Nicht-Liebhaber der Sieben Schleier, und der Zeitpunkt kam, wo nun ich zum ersten Mal für ihn tanzen sollte.
Pünktlich erschien er ... aber diesmal wollte er nicht schauen. Das merkte ich sofort. Quand il s'est approché de moi, il m'a ... "

Sie hielt inne, musterte die Zuhörer, die sich - ganz Ohr, höchst gespannt und intim erregt - begierig nach vorn beugten.

" ... il avait donc essayé de me la ..."

Die Herren rückten näher, der Kreis zog sich enger zusammen, schien kurz vor der Explosion.

" ... à un point, ses doigts m'ont ..."

***

Was die alte Kurtisane über ihre erste Begegnung mit Graf Goldwurm zu sagen hatte, war in den hinteren Reihen des Zuhörerkreises nur mehr bruchstückhaft zu vernehmen.

Aber die Geschichte hätte hier sowieso nicht weiter-, geschweige denn zu Ende erzählt werden können.

Sie ist zu versaut.

Letzte Aktualisierung: 22.11.2014 - 18.23 Uhr
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