Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere K├Âstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Verdorben | November 2014
Illusionen
von Barbara Hennermann

Wie lange kam er jetzt eigentlich schon hierher?
Zwei Jahre? Drei Jahre? Ludwig wusste es selbst nicht mehr.
Er hatte das Fenster durch Zufall entdeckt, als er wieder einmal einem einsamen Wolf ├Ąhnlich durch die belebten Stra├čen der Gro├čstadt gezogen war. Einsam inmitten des Get├╝mmels von Menschen, die ihren Alltagsgesch├Ąften hinterher hasteten. Alltagsgesch├Ąften, die er l├Ąngst hinter sich gelassen hatte.
Es musste im Herbst oder Winter gewesen sein. Jedenfalls konnte er sich noch daran erinnern, dass es das warme Licht war, das auf die Stra├če fiel, das ihn aufmerksam gemacht hatte.
Wie auch immer ÔÇô der Anblick der drei Frauen, die sich hinter der Scheibe r├Ąkelten, hatte ihn sofort gefangen genommen. Seitdem f├╝hrte ihn sein Weg regelm├Ą├čig in die kleine Nebenstra├če, kreisten seine Gedanken um die Sch├Ânen.
Lisa, Lola und Lena. So nannte er sie in diesen Gedanken, denn die Lust wie auch die Sehnsucht braucht einen Namen ...

Lisa war die mit dem hoch aufget├╝rmten blonden Haar, Lena trug das schwarze Haar zu einem flotten Bob gek├Ąmmt und Lolas rote M├Ąhne floss wie ein Strom ├╝ber ihre Schultern.
Ludwig liebte sie alle. Er liebte ihre gro├čen, von ├╝berlangen Wimpern beschatteten Augen. Er liebte ihre fein geschnittenen Gesichtsz├╝ge mit den schr├Ągen Wangenknochen, die geraden Nasen, die aufgeworfenen blutroten Lippen. Am meisten aber liebte er ihre Posen.
Lisa streckte ihren linken Arm grazi├Âs in die Luft, ihre Finger beschrieben einen imagin├Ąren Kreis und schienen ihm immer wieder Zeichen zu geben. Ihrem prallen Busen war anzusehen, dass hier nicht nur die Natur selbst Hand angelegt hatte, aber das st├Ârte Ludwig nicht. In seinen Tr├Ąumen versenkte er seinen Kopf zwischen ihren Br├╝sten und atmete die S├╝├če ihrer Haut.
Lena stand Lisa in Sch├Ânheit an nichts nach. Meist sa├č sie auf einem geflochtenen Korbstuhl und streckte die langen, glatten Beine in matt gl├Ąnzenden Seidenstr├╝mpfen dem Betrachter entgegen. In Ludwigs Phantasie entstanden Bilder, wie Lena mit langsamen Bewegungen diese Str├╝mpfe ├╝ber ihre wei├če, glatte Haut z├Âge, h├Âher und immer h├Âher, bis sie nahe ihrer intimsten Weiblichkeit an einem Hauch von Strumpfhalter ihr Ziel gefunden hatten.
Denn w├Ąhrend Lisa ihren makellosen K├Ârper unter eng anliegenden Pullovern und Hosen zur Schau stellte, bestand Lenas Aufgabe darin, die darunter zu tragenden Dessous zu zeigen. Darum war der Anblick ihres ebenfalls ├╝berdurchschnittlich ausgepr├Ągten Busens kein Geheimnis, sondern Bestandteil ihrer Bekleidung. Daran lag es wohl auch, dass Ludwigs erotischen Phantasien ein wenig der Hintergrund fehlte.
Lola war die Dame, die offensichtlich beide Bekleidungsformen in sich zu vereinigen hatte. Sie stand mit dem R├╝cken zum Fenster, den Kopf so zur Seite gedreht, dass von der Sch├Ânheit ihres Gesichtes nur ein kleiner Teil zu sehen war. Die rote M├Ąhne verdeckte die wei├čen Schultern und endete knapp ├╝ber dem Verschluss eines eng anliegenden schwarzen Mieders. Ein ebenso eng anliegendes schwarzes H├Âschen umh├╝llte nur unwesentlich die wohlgeformten Pobacken, die nackten Beine endeten in hochhackigen Stilettos.
Eine Augenweide alle drei, an der sich Ludwig kaum satt sehen konnte!

Nat├╝rlich wusste er von Anfang an, dass sich seine erotischen Tr├Ąume mit ihnen nie w├╝rden verwirklichen lassen. Auch wenn er die letzten Jahrzehnte kaum von seinem Hof in die Stadt gekommen war, war er schlie├člich kein Dummkopf! Er hatte mit seiner Hanna ein gutes Leben gehabt da drau├čen, auch wenn Erotik kein Thema gewesen war. Nun war Hanna gestorben, der Hof verkauft und Ludwig alt. Jetzt hatte er die Zeit, die ihm fr├╝her immer gefehlt hatte. Freir├Ąume, die er f├╝llen musste. Denn die entstandene Leere erdr├╝ckte ihn.
So war er hierher geraten.
Jede Woche fuhr er nach M├Âglichkeit in die Gro├čstadt und besuchte ÔÇ×seineÔÇť Damen.

Wenn Hanna das w├╝sste, ach du liebe G├╝te! ÔÇ×Ludwig, bist du auf deine alten Tage v├Âllig verr├╝ckt geworden? So was macht man einfach nicht! Gucken. Und schmutzige Phantasien haben. Pfui Teufel!ÔÇť So w├╝rde sie wohl mit ihm sprechen und dabei die H├Ąnde in die H├╝ften stemmen. Dann w├╝rde sie ihre Kittelsch├╝rze glatt streichen und in den Stall gehen.
Solche Gedanken brachten Ludwig immer zum Lachen.
Manchmal klang es auch wie ein Schluchzen.
Dann setzte er sich in den Zug und fuhr in die Stadt.
Zu seinen Damen.
Er hatte sogar schon ├╝berlegt, ob er sie nicht mal fotografieren sollte. Hanna hatte einen von diesen modernen Fotoapparaten gehabt, bei denen man die Bilder speichern kann. Sie hatte so gern ihren Garten fotografiert ...
Doch diesen Gedanken verwarf Ludwig rasch wieder.
Das w├Ąre ja dann wohl wirklich Schweinkram, oder? Nicht nur in Gedanken mit den Damen spielen sondern sozusagen schwarz auf wei├č? Das ging sicher doch wohl ein bisschen zu weit! Au├čerdem ÔÇô was w├╝rde das f├╝r einen Eindruck machen, wenn er da mit Fotoapparat anr├╝cken w├╝rde?
Andererseits ÔÇô die Damen ver├Ąnderten nat├╝rlich ihre Kleidung immer wieder. Zwar blieb sich die Bekleidungsrichtung grunds├Ątzlich gleich, aber die Bekleidung wechselte immer wieder. Da w├Ąre es nicht schlecht, man h├Ątte ... Aber nein. Ludwig verwarf den Gedanken. Wahrscheinlich h├Ątte er dann sowieso immer ein schlechtes Gewissen und w├╝rde die Bilder doch nie ansehen!
Genauso wie er damals ... Er bekam ja jetzt noch einen roten Kopf und Herzrasen, wenn er daran dachte!
Damals hatte er sich n├Ąmlich ein Herz gefasst und war durch die T├╝r neben dem Fenster in den Raum hineingegangen. Es war ein relativ gro├čer und eigentlich recht gepflegter Raum gewesen. Etliche Damen waren anwesend, wenn auch keine an Sch├Ânheit mit den ÔÇ×seinenÔÇť vergleichbar war. Eine dieser Damen kam gleich auf ihn zu und fragte: ÔÇ×Was kann ich f├╝r Sie tun?ÔÇť Sie roch stark nach einem s├╝├člichen Parf├╝m und hatte eine unangenehm piepsige Stimme. Ludwig stand da wie ein Standbild. Was sollte er jetzt entgegnen? ÔÇ×Kann ich mal an ihr Fenster gehen?ÔÇť Vollkommen idiotisch, oder? Als die Dame ihn auch noch am ├ärmel fasste, drehte er sich um und fl├╝chtete wieder hinaus.
So war das gewesen.
Nein, das brauchte wirklich keine Wiederholung!

Heute war wieder mal so ein Tag, der ihn zu erdr├╝cken schien.
Kalt. Feucht.
Sein Rheumatismus lie├č jede Bewegung zur Belastung werden.
Er brauchte dringend eine Aufheiterung!
Schon im Zug ging es ihm besser, die Vorfreude vertrieb K├Ąlte und Feuchtigkeit. Ja, tats├Ąchlich ÔÇô entdeckte er da nicht Sonnenstrahlen hinter den grauen Wolken?
Seine Schritte f├╝hrten Ludwig beschwingt den bekannten Weg, nur noch wenige Meter trennten ihn von seinen Damen. Wie sie heute wohl aussehen w├╝rden? Immerhin war er drei Wochen nicht mehr hier gewesen!

Das Grau der Wolken sackte hinter das Fenster.
Undurchdringlich.
Ein grauer, blickdichter Vorhang.
Und da, an der T├╝r, hing ein gro├čes Schild:

Wegen Gesch├Ąftsaufgabe geschlossen!

11/14 V2

Letzte Aktualisierung: 25.11.2014 - 20.55 Uhr
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