Der Tod aus der Teekiste
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Verdorben | November 2014
Ich und Jolanda
von Eva Fischer

Als meine Tante Jolanda heiratete, war sie 18. Ihre Schwester kotzte ihr auf die weißen Hochzeitsschuhe, als sie der Bräutigam zum Tanz aufforderte. Ob es an der zu süßen Hochzeitsstorte lag, die die Hochschwangere nicht vertrug oder ob ich bereits meine Hände im Spiel hatte, das lässt sich jetzt nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls wurde es als böses Omen gewertet, was nicht falsch war, denn bald darauf verließ der Bräutigam Jolanda, worüber diese jedoch keine Tränen vergoss. „Er war eine Null, Jan“, sagte sie. „Ich habe es zu spät gemerkt. Aber wer jung heiratet, macht schon mal einen Fehler.“

Ich wurde einen Tag nach ihrer Hochzeit geboren. Zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin verlor meine Mutter im Kaufhaus das Fruchtwasser, was den Verkäufer mehr beeindruckte als die Hochschwangere. Sie presste ihre Hände stöhnend gegen ihren dicken Bauch und ließ sich ein Taxi rufen, das sie umgehend zur Klinik fuhr. Dort presste und stöhnte sie noch eine Weile weiter, bis ich sie davon befreite und durch mein Schreien bekundete, dass ich wohlauf war.

Als Baby war ich problemlos, schlief die meiste Zeit und konzentrierte mich aufs Wachsen. Meine Mutter hatte andere Sorgen. Ihr Mann konnte das Trauma nicht überwinden, Vater zu sein, kein ungebundener Junggeselle mehr und machte sich alsbald aus dem Staub. Drei weitere Jahre hielt es meine Mutter mit mir aus. Dann packte sie mich und meine Siebensachen und übergab mich ihrer Schwester Jolanda. Sie selbst entschwand nach Portugal, wo sie einen Job als Nanny annahm, was Jolanda mit einem Kopfschütteln quittierte.

Ich schlüpfte auf den Schoß meiner Tante, drückte meinen Kopf gegen ihren Busen und fühlte mich augenblicklich selig, sodass ich alsbald einschlief.
Zwar hatte Jolanda recht, dass ihr Verflossener eine Null war, allein er hatte jede Menge Nullen auf dem Bankkonto hinterlassen, so dass einem sorgenfreien Leben nichts im Wege stand.
Die Anschaffung eines Kinderbettes erwies sich als überflüssig, da ich jeden Abend zu ihr ins Bett krabbelte. Erst wenn ich ihren Körper fühlte, ihre Hände, die mich kosten, ihre Arme, die mich umschlangen, fand ich im Schlaf eine nahtlose Fortsetzung meiner Träume.

Eines Abends wurde ich wach und entdeckte Jolanda in der Badewanne. Ihr Körper war von duftendem Schaum umhüllt. Sogleich wollte ich das Vergnügen mit ihr teilen. Sie bat mich, meinen Schlafanzug vorher auszuziehen. Ich gehorchte. Wir entdeckten unser eigenes Boot, das wir nun fast täglich benutzten, wo ich der Kapitän sein durfte. „Nicht so stürmisch, Jani!“,mahnte sie mich manchmal, wenn zu viel Wasser auf die Badezimmerfliesen schwappte.

Ich vermisste weder Vater noch Mutter. Mit Jolanda war mein Glück perfekt. Zu meinem sechsten Geburtstag beschloss ich, Jolanda einen Heiratsantrag zu machen. Sie lachte, küsste mich auf die Wangen und riet mir, ich solle mir eine jüngere Ehefrau aussuchen. „Kommt nicht in Frage,“ protestierte ich und schlang beide Arme um sie. „Na ja, ich laufe dir nicht weg“, beruhigte sie mich. „Frage mich noch mal, wenn du 18 bist.“

Mit 16 lernte ich Inga kennen. Sie war als Wiederholerin neu in unserer Klasse. Gemeinsam nahmen wir an einer schulischen Skifreizeit teil. Während sie indisponiert war wegen ihrer Tage, war ich außer Gefecht gesetzt, weil mein Knöchel angeschwollen war, da ich zwei rechte Skischuhe angezogen hatte. „Komm, wir spielen etwas!“, forderte sie mich auf. Ich dachte an ein Videospiel und folgte ihr. Da zog sie Jacke und Büstenhalter aus. „Du darfst mich streicheln“, entschied sie großzügig. Erst dachte ich, was für ein doofes Spiel, aber dann fand ich Gefallen daran und war traurig, als mein Knöchel wieder abschwoll. Hatte Inga doch andere Körperteile von mir zum Schwellen gebracht. Nebenbei sei bemerkt, dass Inga keineswegs ihre Tage hatte, sondern mich von Anfang an süß fand, wie sie sagte.

Wir schwänzten die Schule und gingen zu ihr nach Hause. Dort hatten wir sturmfreie Bude, weil ihre Mutter vormittags im Büro arbeitete.
Der Klassenlehrerin kam es merkwürdig vor, dass wir beide immer gemeinsam krank wurden. Die Entschuldigungen hatte Inga auf dem Computer geschrieben und eine unleserliche Unterschrift darunter gesetzt. Die Lehrerin runzelte beim Lesen die Stirn.
Als ich eines Mittags nach Hause kam, empfing mich Jolanda nicht mit dem gewohnten Lächeln, sondern fauchte mich gleich wütend an. „Wo kommst du her, Jan? Und sage mir nicht von der Schule. Das ist nämlich eine Lüge!“ Ich spürte, wie ich einen roten Kopf bekam.
Wie konnte ich Jolanda anlügen? Ich beichtete ihr alles. Anstatt einer Strafpredigt kam ein Glucksen aus ihrem Körper, das zu einem unbändigen Lachen anschwoll.
„Mein lieber Jan, warum sagst du mir nicht gleich, dass du zum Mann wirst. Das ist doch ganz natürlich. Ich schlage vor, du gehst wieder zur Schule und wir lösen das Problem anders. Ich bin jeden Mittwoch im Yoga-Kurs. Anschließend gehe ich mit Annette noch ein Bierchen trinken. Was hältst du davon, wenn ihr von sechs bis neun die Wohnung zur Verfügung bekommt?“
Sie drückte mich an ihre Brust. Ich wich wie elektrisiert zurück, versprach aber mit Inga darüber zu reden.
Zu meinem Erstaunen wurde Inga fuchsteufelswild. Keinen Schritt würde sie in die vermaledeite Wohnung meiner Tante tun. Wie hatte ich nur so niederträchtig sein können, unser Geheimnis zu verraten.
Es erstaunt nicht wirklich, dass unsere Spiele ein jähes Ende fanden.

Yolanda entging meine Niedergeschlagenheit nicht, die Ingas Reaktion ausgelöst hatte. Eines Tages unterbreitete sie mir einen Vorschlag. Wir könnten die Sommerferien im Club-Mediterrané verbringen. Morgens gäbe es Beach-Volleyball. Da könne ich die weiblichen Körper aus der Nähe studieren. Abends in der Disco hätte ich dann garantiert ein hübsches Mädchen im Arm. Ich sei groß und blond. Darauf stünden die französischen Mädchen. Außerdem könne ich mein Schulfranzösisch bei dieser Gelegenheit aufbessern.
Ich willigte ein, konnte ja nicht ahnen, was mich erwartete.

Tatsächlich traf ich auf eine sportliche Engländerin namens Peggy, die mir von Anfang an kameradschaftlich zur Seite stand. Ihre Unschuld wolle sie mir nicht geben. Die wäre für ihre große Liebe reserviert. Mit 16 wäre es einfach zu früh, da schon eine Entscheidung zu treffen, aber ich sei a nice mate und eine Disco sei auch unter sportlichem Aspekt ganz cool.
Jolanda dagegen wurde von einem Jean-Paul umgarnt. Er war 40, frisch geschieden und ganz angetan von meiner attraktiven Tante, die sonnengebräunt und gut gelaunt mit ihm palaverte und sicherlich mehr Französisch lernte als ich. Jedenfalls war sie wirklich traurig, als wir abreisten, während ich die Nase voll hatte, in jeder sportlichen Disziplin durch Peggy besiegt zu werden.

Jean-Paul blieb für Jolanda eine süße Erinnerung, während ich Peggy schon längst vergessen hatte.
Ich konzentrierte mich wieder auf die Schule und schaffte mein Abitur. Was sollte nur aus mir werden? Die Nullen auf Jolandas Bankkonto schmolzen zusehends dahin und so bewarb ich mich bei einer namhaften Bank und machte dort meine Lehre als Bankkaufmann. Ich war 22, als ich meinen Abschluss in der Tasche hatte.

Jolanda feierte ihren 40.Geburtstag und wirkte deprimiert.
„Ich werde alt, Jan“, jammerte sie, nachdem die Gäste gegangen waren.
Ich betrachtete ihr Gesicht, das tatsächlich Fältchen um die Augen und den Mund bekommen hatte.
Sie wegzuretuschieren war für mich nicht nötig, denn ich liebte sie mitsamt den Silberstreifen in ihrem Haar. Ich holte eine Flasche Champagner, die ich im Kühlschrank für ihren Geburtstag kalt gestellt hatte, und füllte zwei Gläser.
„Komm, ich lasse uns ein Bad ein“, schlug ich vor, während ich sie sanft auf den Mund küsste.
„Ich möchte mal wieder Kapitän sein.“

Mein Segel blähte sich auf im Sturm der Gefühle. Ich steuerte hinaus auf den großen Ozean. Unergründlich tief lag er vor mir. Er war mir schon immer Heimat und ungestillte Sehnsucht zugleich. Der Rhythmus der Wellen lud mich zum Tanz ein, vom Gesang der Sirenen begleitet. Kein Land war mehr in Sicht. Alle Barrieren von Raum und Zeit waren an den Klippen zerschellt. Die Anker blieben gelichtet.

„Nicht so stürmisch, Jani!“ , kam dieses Mal nicht über ihre Lippen.

Letzte Aktualisierung: 03.11.2014 - 08.55 Uhr
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