Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Verdorben | November 2014
Ich und Jolanda
von Eva Fischer

Als meine Tante Jolanda heiratete, war sie 18. Ihre Schwester kotzte ihr auf die weißen Hochzeitsschuhe, als sie der BrĂ€utigam zum Tanz aufforderte. Ob es an der zu sĂŒĂŸen Hochzeitsstorte lag, die die Hochschwangere nicht vertrug oder ob ich bereits meine HĂ€nde im Spiel hatte, das lĂ€sst sich jetzt nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls wurde es als böses Omen gewertet, was nicht falsch war, denn bald darauf verließ der BrĂ€utigam Jolanda, worĂŒber diese jedoch keine TrĂ€nen vergoss. „Er war eine Null, Jan“, sagte sie. „Ich habe es zu spĂ€t gemerkt. Aber wer jung heiratet, macht schon mal einen Fehler.“

Ich wurde einen Tag nach ihrer Hochzeit geboren. Zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin verlor meine Mutter im Kaufhaus das Fruchtwasser, was den VerkĂ€ufer mehr beeindruckte als die Hochschwangere. Sie presste ihre HĂ€nde stöhnend gegen ihren dicken Bauch und ließ sich ein Taxi rufen, das sie umgehend zur Klinik fuhr. Dort presste und stöhnte sie noch eine Weile weiter, bis ich sie davon befreite und durch mein Schreien bekundete, dass ich wohlauf war.

Als Baby war ich problemlos, schlief die meiste Zeit und konzentrierte mich aufs Wachsen. Meine Mutter hatte andere Sorgen. Ihr Mann konnte das Trauma nicht ĂŒberwinden, Vater zu sein, kein ungebundener Junggeselle mehr und machte sich alsbald aus dem Staub. Drei weitere Jahre hielt es meine Mutter mit mir aus. Dann packte sie mich und meine Siebensachen und ĂŒbergab mich ihrer Schwester Jolanda. Sie selbst entschwand nach Portugal, wo sie einen Job als Nanny annahm, was Jolanda mit einem KopfschĂŒtteln quittierte.

Ich schlĂŒpfte auf den Schoß meiner Tante, drĂŒckte meinen Kopf gegen ihren Busen und fĂŒhlte mich augenblicklich selig, sodass ich alsbald einschlief.
Zwar hatte Jolanda recht, dass ihr Verflossener eine Null war, allein er hatte jede Menge Nullen auf dem Bankkonto hinterlassen, so dass einem sorgenfreien Leben nichts im Wege stand.
Die Anschaffung eines Kinderbettes erwies sich als ĂŒberflĂŒssig, da ich jeden Abend zu ihr ins Bett krabbelte. Erst wenn ich ihren Körper fĂŒhlte, ihre HĂ€nde, die mich kosten, ihre Arme, die mich umschlangen, fand ich im Schlaf eine nahtlose Fortsetzung meiner TrĂ€ume.

Eines Abends wurde ich wach und entdeckte Jolanda in der Badewanne. Ihr Körper war von duftendem Schaum umhĂŒllt. Sogleich wollte ich das VergnĂŒgen mit ihr teilen. Sie bat mich, meinen Schlafanzug vorher auszuziehen. Ich gehorchte. Wir entdeckten unser eigenes Boot, das wir nun fast tĂ€glich benutzten, wo ich der KapitĂ€n sein durfte. „Nicht so stĂŒrmisch, Jani!“,mahnte sie mich manchmal, wenn zu viel Wasser auf die Badezimmerfliesen schwappte.

Ich vermisste weder Vater noch Mutter. Mit Jolanda war mein GlĂŒck perfekt. Zu meinem sechsten Geburtstag beschloss ich, Jolanda einen Heiratsantrag zu machen. Sie lachte, kĂŒsste mich auf die Wangen und riet mir, ich solle mir eine jĂŒngere Ehefrau aussuchen. „Kommt nicht in Frage,“ protestierte ich und schlang beide Arme um sie. „Na ja, ich laufe dir nicht weg“, beruhigte sie mich. „Frage mich noch mal, wenn du 18 bist.“

Mit 16 lernte ich Inga kennen. Sie war als Wiederholerin neu in unserer Klasse. Gemeinsam nahmen wir an einer schulischen Skifreizeit teil. WĂ€hrend sie indisponiert war wegen ihrer Tage, war ich außer Gefecht gesetzt, weil mein Knöchel angeschwollen war, da ich zwei rechte Skischuhe angezogen hatte. „Komm, wir spielen etwas!“, forderte sie mich auf. Ich dachte an ein Videospiel und folgte ihr. Da zog sie Jacke und BĂŒstenhalter aus. „Du darfst mich streicheln“, entschied sie großzĂŒgig. Erst dachte ich, was fĂŒr ein doofes Spiel, aber dann fand ich Gefallen daran und war traurig, als mein Knöchel wieder abschwoll. Hatte Inga doch andere Körperteile von mir zum Schwellen gebracht. Nebenbei sei bemerkt, dass Inga keineswegs ihre Tage hatte, sondern mich von Anfang an sĂŒĂŸ fand, wie sie sagte.

Wir schwĂ€nzten die Schule und gingen zu ihr nach Hause. Dort hatten wir sturmfreie Bude, weil ihre Mutter vormittags im BĂŒro arbeitete.
Der Klassenlehrerin kam es merkwĂŒrdig vor, dass wir beide immer gemeinsam krank wurden. Die Entschuldigungen hatte Inga auf dem Computer geschrieben und eine unleserliche Unterschrift darunter gesetzt. Die Lehrerin runzelte beim Lesen die Stirn.
Als ich eines Mittags nach Hause kam, empfing mich Jolanda nicht mit dem gewohnten LĂ€cheln, sondern fauchte mich gleich wĂŒtend an. „Wo kommst du her, Jan? Und sage mir nicht von der Schule. Das ist nĂ€mlich eine LĂŒge!“ Ich spĂŒrte, wie ich einen roten Kopf bekam.
Wie konnte ich Jolanda anlĂŒgen? Ich beichtete ihr alles. Anstatt einer Strafpredigt kam ein Glucksen aus ihrem Körper, das zu einem unbĂ€ndigen Lachen anschwoll.
„Mein lieber Jan, warum sagst du mir nicht gleich, dass du zum Mann wirst. Das ist doch ganz natĂŒrlich. Ich schlage vor, du gehst wieder zur Schule und wir lösen das Problem anders. Ich bin jeden Mittwoch im Yoga-Kurs. Anschließend gehe ich mit Annette noch ein Bierchen trinken. Was hĂ€ltst du davon, wenn ihr von sechs bis neun die Wohnung zur VerfĂŒgung bekommt?“
Sie drĂŒckte mich an ihre Brust. Ich wich wie elektrisiert zurĂŒck, versprach aber mit Inga darĂŒber zu reden.
Zu meinem Erstaunen wurde Inga fuchsteufelswild. Keinen Schritt wĂŒrde sie in die vermaledeite Wohnung meiner Tante tun. Wie hatte ich nur so niedertrĂ€chtig sein können, unser Geheimnis zu verraten.
Es erstaunt nicht wirklich, dass unsere Spiele ein jÀhes Ende fanden.

Yolanda entging meine Niedergeschlagenheit nicht, die Ingas Reaktion ausgelöst hatte. Eines Tages unterbreitete sie mir einen Vorschlag. Wir könnten die Sommerferien im Club-MediterranĂ© verbringen. Morgens gĂ€be es Beach-Volleyball. Da könne ich die weiblichen Körper aus der NĂ€he studieren. Abends in der Disco hĂ€tte ich dann garantiert ein hĂŒbsches MĂ€dchen im Arm. Ich sei groß und blond. Darauf stĂŒnden die französischen MĂ€dchen. Außerdem könne ich mein Schulfranzösisch bei dieser Gelegenheit aufbessern.
Ich willigte ein, konnte ja nicht ahnen, was mich erwartete.

TatsĂ€chlich traf ich auf eine sportliche EnglĂ€nderin namens Peggy, die mir von Anfang an kameradschaftlich zur Seite stand. Ihre Unschuld wolle sie mir nicht geben. Die wĂ€re fĂŒr ihre große Liebe reserviert. Mit 16 wĂ€re es einfach zu frĂŒh, da schon eine Entscheidung zu treffen, aber ich sei a nice mate und eine Disco sei auch unter sportlichem Aspekt ganz cool.
Jolanda dagegen wurde von einem Jean-Paul umgarnt. Er war 40, frisch geschieden und ganz angetan von meiner attraktiven Tante, die sonnengebrÀunt und gut gelaunt mit ihm palaverte und sicherlich mehr Französisch lernte als ich. Jedenfalls war sie wirklich traurig, als wir abreisten, wÀhrend ich die Nase voll hatte, in jeder sportlichen Disziplin durch Peggy besiegt zu werden.

Jean-Paul blieb fĂŒr Jolanda eine sĂŒĂŸe Erinnerung, wĂ€hrend ich Peggy schon lĂ€ngst vergessen hatte.
Ich konzentrierte mich wieder auf die Schule und schaffte mein Abitur. Was sollte nur aus mir werden? Die Nullen auf Jolandas Bankkonto schmolzen zusehends dahin und so bewarb ich mich bei einer namhaften Bank und machte dort meine Lehre als Bankkaufmann. Ich war 22, als ich meinen Abschluss in der Tasche hatte.

Jolanda feierte ihren 40.Geburtstag und wirkte deprimiert.
„Ich werde alt, Jan“, jammerte sie, nachdem die GĂ€ste gegangen waren.
Ich betrachtete ihr Gesicht, das tatsÀchlich FÀltchen um die Augen und den Mund bekommen hatte.
Sie wegzuretuschieren war fĂŒr mich nicht nötig, denn ich liebte sie mitsamt den Silberstreifen in ihrem Haar. Ich holte eine Flasche Champagner, die ich im KĂŒhlschrank fĂŒr ihren Geburtstag kalt gestellt hatte, und fĂŒllte zwei GlĂ€ser.
„Komm, ich lasse uns ein Bad ein“, schlug ich vor, wĂ€hrend ich sie sanft auf den Mund kĂŒsste.
„Ich möchte mal wieder KapitĂ€n sein.“

Mein Segel blĂ€hte sich auf im Sturm der GefĂŒhle. Ich steuerte hinaus auf den großen Ozean. UnergrĂŒndlich tief lag er vor mir. Er war mir schon immer Heimat und ungestillte Sehnsucht zugleich. Der Rhythmus der Wellen lud mich zum Tanz ein, vom Gesang der Sirenen begleitet. Kein Land war mehr in Sicht. Alle Barrieren von Raum und Zeit waren an den Klippen zerschellt. Die Anker blieben gelichtet.

„Nicht so stĂŒrmisch, Jani!“ , kam dieses Mal nicht ĂŒber ihre Lippen.

Letzte Aktualisierung: 03.11.2014 - 08.55 Uhr
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