Honigfalter
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Verdorben | November 2014
Blindflug
von Wolf Awert

Meine Frau arbeitete zu viel. Meist sank sie abends ins Bett und schlief ein, sobald sie die Augen geschlossen hatte. Das konnte mir nicht gefallen, aber sollte ich ihr Vorw├╝rfe machen? Ich hatte gerade meinen Job verloren, und wir waren froh, dass Mareike so erfolgreich war.
Aber unser Liebesleben schlief mit ihr ein, und was schlimmer war, die Augenblicke sanfter Ber├╝hrungen und gefl├╝sterter Worte, diese stille ├ťbereinstimmung zweier Menschen, die sich m├Âgen, waren ebenfalls dahin. Im Augenblick zumindest. Unsere Liebe bestand aus gegenseitigem Respekt und einem Abschiedskuss, wenn sie wieder einmal ohne Fr├╝hst├╝ck aus dem Haus eilte.

Wenn Mareike einschlief, war ich noch glockenwach. Also las ich ein wenig, dachte an nichts und alles und wartete darauf, dass sich etwas ├Ąnderte. Oder ich ging von Fenster zu Fenster und schaute hinaus, ob drau├čen etwas passierte. Ja, etwas passierte immer. Mal regnete es auf die Stra├čenlaterne, mal schneite es und mal schien das gelbe Licht v├Âllig ungest├Ârt vor sich hin. Die seltenen Passanten waren nicht mehr als vorbeieilende Schatten.

Doch eines Abends ging einer der Schatten viel langsamer als alle anderen, und als er an der Laterne vorbei war, drehte er um und ging zur├╝ck. Wieder und wieder wie ein Wachposten, der bis zur Abl├Âsung nur hin und zur├╝ck kannte.

Mich faszinierte die Regelm├Ą├čigkeit der Bewegung und wie kurz die Schritte waren. Der Schatten war der Schatten einer Frau. Mehr konnte ich nicht erkennen, denn das Wetter war biestig. Nordostwind, Nieselregen und Temperaturen nicht gro├č ├╝ber dem Gefrierpunkt. Sie war in einen langen Mantel und ein Kopftuch eingeh├╝llt, die alles verbargen, was f├╝r mich interessant war. Aber sie trug hochhackige Schuhe. Da musste sie doch frieren.

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, zog mir einen Mantel ├╝ber, schloss leise die Wohnungst├╝r und eilte die Treppen hinab. Die Frau war nicht allzu gro├č, hatte unter dem Kopftuch ein kleines Gesicht und volle Lippen.
ÔÇ×Kann ich etwas f├╝r Sie tun?ÔÇť, fragte ich.
Sie blieb abrupt stehen, starrte mich an und sprach kein Wort. Aber dann antworteten ihre Augen f├╝r mich, und ich wusste, was ich tun konnte. Ihre Augen waren nicht sehr h├Âflich, aber daf├╝r sehr deutlich. Wir gingen schweigend nebeneinander her. Nicht sehr lange. Vielleicht zehn oder f├╝nfzehn Minuten. Auf jeden Fall verlie├čen wir nicht unser Viertel, auch wenn ich das Haus, in dem sie wohnte, noch nie gesehen hatte.

Wir gingen in ihre Wohnung, rissen uns die Kleider vom Leib und warfen uns aufs Bett. Unsere Liebe war wild und leidenschaftlich, beinahe schon brutal. Und als unser letztes Keuchen verklungen war, sagte sie in das Dunkel der Schlafzimmernacht:
ÔÇ×Dieser Arsch. Ich bringe ihn um.ÔÇť
Dann zog sie sich die Decke ├╝ber ihre Schultern, drehte sich auf die Seite und r├╝hrte sich nicht mehr. Sie schlief nicht. Ihr Atem verriet es mir. Aber ich fragte mich, ob sie ├╝berhaupt noch wusste, dass ich neben ihr lag.
Ich stand auf, suchte meine Kleidung zusammen - einen meiner beiden Socken fand ich nicht - und verlie├č ihre Wohnung. Unten vor der Haust├╝r hoffte ich noch, dass niemand sie abgeschlossen hatte, denn ich war mir nicht mehr sicher, aus welcher Wohnung ich gekommen war.

Der R├╝ckweg war endlos und bescherte mir au├čer einem schlechten Gewissen einen eiskalten Fu├č. Ich kroch unter die Bettdecke. Mareike schlief tief und r├╝hrte sich nicht.
Ich fiel in einen unruhigen Schlummer, wachte immer wieder auf und musste an die Frau denken, die ich gef├╝hlt, aber kaum gesehen hatte. Und als ich wieder und wieder die Geschehnisse vor meinem Auge ablaufen lie├č, kam ein Begehren zur├╝ck, das mich fast verr├╝ckt machte. In den fr├╝hen Morgenstunden zog ich Mareike an mich. Ihre Gegenwehr war nur schwach.

Im Licht der fahlen Morgensonne konnte ich ihr nicht in die Augen sehen, und sie tat so, als w├Ąre nichts vorgefallen. Ich liebte meine Frau immer noch, aber irgendetwas war mit mir geschehen, denn von dieser Nacht an verlie├č ich immer h├Ąufiger nachts das Haus, und immer h├Ąufiger traf ich dann die falschen Frauen. Solche, die harten Sex mochten, nur noch wenig Illusionen ├╝ber das Leben allgemein und die M├Ąnner im Besonderen hatten und sich nahmen, was sie kriegen konnten. Und dann, wieder zuhause, nahm ich mir Mareike. Ich h├Ârte nie einen Laut des Protests.

Irgendwann ging es uns wieder besser. Ich bekam eine Anstellung, Mareike kam in eine andere Abteilung, und ich wusste, jetzt w├╝rde alles wieder gut werden.
ÔÇ×DuÔÇť, sagte Mareike eines Abends zu mir, ÔÇ×wir m├╝ssen reden. Ich habe da jemanden kennengelernt.ÔÇť

Letzte Aktualisierung: 17.11.2014 - 20.08 Uhr
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