Ganz schön bissig ...
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Verdorben | November 2014
Unverdorben
von Klaus Freise

Auf der Milchglastür des Büros stand: "Marvin Fogger - Stagemanagement". Darunter hing ein Plakat mit einem Jugendlichen in hautenger Jeans, mit strahlendem Lächeln und offenem Hemd, das seine schweißglänzende Brust zeigte. Der Junge stand auf einer Bühne, die in blaues Licht gehüllt war und davor Mädchen im Teenager alter, die ihre Hände nach ihm ausstreckten. Darüber stand in glitzernden Buchstaben "Daniello Del Gardo".


Ein feiner Rauchfaden stieg von der Zigarette in Marvin Foggers Hand auf und sammelte sich in einem graublauen Dunstschleier unter der Decke seines Büros. Der Manager saß halb auf der Schreibtischplatte, in der einen Hand den Telefonhörer und mit der anderen drückte er die Kippe im überfüllten Aschenbecher aus. Ein Schweißfilm überzog seine Stirn und sein Hemd hing teilweise über die Hose. Schnaufend drückte er den Hörer fester an sein fleischiges Ohr.
"Hör zu Linda, es ist mir scheißegal was die Anwälte der Eltern sagen. Wenn er die Kleine hinter der Bühne vernascht hat, streiten wir alles ab. Das passiert doch nach jedem Konzert, als seine Pressesprecherin solltest du das doch kennen. Übrigens habe ich die Zahlen von gestern." Er machte eine dramatische Pause. "Richtig Baby, ausverkauft. Macht locker Fünfhunderttausend."
Peter Flash stieß mit dem Ellenbogen die Bürotür auf. Er balancierte in einer Hand ein Tablett mit Kaffebechern und wedelte mit einem Umschlag in der anderen.
"Hey Marv, ich habe die Bilder vom Zoo in Chicago, wo ..."
Marvin seufzte in den Hörer: "Sekunde Linda, unser Freund mit der Kamera, Pete ist gerade gekommen." Er klatschte den Hörer an seine Brust und blaffte:
"Was für Bilder, Pete?" Der hatte das Tablett auf den Tisch geschoben und öffnete den Umschlag.
"Na die Bilder, als unser Danny das Tigerbaby auf dem Arm hält, sind echt süß geworden."
Marvin neigte den Kopf und klemmte den Hörer in die Hautfalte.
"Pete hat die Bilder vom Zoo aus Cincinnati ..." Pete hob zögernd die Hand und flüsterte:
"Chicago, Marv, in Cincinnati waren wir noch nicht ..." Der verdrehte die Augen und winkte ab, dann grapschte er nach den Fotos und kommentierte:
" Sieht scheiße aus ... nein nicht du Linda-Baby, du bist süß. Das sieht noch schlimmer aus." Er warf die Bilder nacheinander auf den Tisch. "Warum muss der Bengel auch immer so blöde grinsen, als wäre er wieder stoned. Das hier geht so, was ist das denn für ein Fleck auf seiner Hose?" Peter umrundete mit sorgenvoller Miene den Schreibtisch. Er besah das Bild und seufzte:
"Ähem, könnte vielleicht Tigerbabypisse sein." Marvin rutschte vom Tisch und fuhr herum, wobei er die Kaffeebecher herunter fegten.
"Tigerpisse! Was soll das sein? Scheiße, Pete jetzt sieh dir die Schweinerei hier an." Er deutete auf die Kaffeepfütze und sprach in den Hörer:
"Nein Linda, alles okay, ist nur Kaffee umgekippt. Was? Nein, die Tigerpisse auf der Jeans und der Kaffee auf dem Schreibtisch." Er wedelte mit dem Foto und Peter stammelte:
"Ähem, das könnte ich vielleicht retuschieren, mit "Photoshop" oder so."
"Dann sieh zu, Pete, die Bilder müssen heute noch zu Linda." Der Fotograf sammelte die Bilder ein, wischte sie ab und verschwand murmelnd aus dem Büro.
Marv zog ein Taschentuch hervor, wischte den Tisch notdürftig ab und lies sich stöhnend auf seinen Drehstuhl plumpsen.
"Mein Gott Linda-Schatz, was für ein Tag, wir sehen uns ja heute Abend. Okay. Also, sieh zu, dass die Bilder und der Text in der "Bravissimo" super aussehen. Vor allem: keine Beziehung, keine Freundin. Vielleicht noch ne Schmachtgeschichte, dass er nachts immer ins Kissen heult oder so. Lass dir was einfallen, du weißt ja, Teenieherzen sind weich wie Knete. Wir müssen sie nur richtig formen." Während Marvin noch sprach, nahm er eine Bewegung war.
Langsam ging die Tür auf und ein Mädchen schob sich herein. Marvin stockte und wedelte mit der Hand.
"Heute ist keine Autogrammstunde, Kleine. Komm morgen wieder, wie bist du hier eigentlich rein ...?"
Der Teenager mit verschmiertem Mascara um die Augen schniefte, streckte dann beide Arme aus und mit einem Schlag verstummte Marvin.
Das Mädchen hatte eine Pistole auf ihn gerichtet.
Marvin ruckte in seinem Stuhl hoch, knallte den Hörer auf und streckte abwehrend die Hände aus.
"Scheiße ... jetzt mal ganz ruhig, Kleine ..."
Auf dem Flur waren polternde Schritte zu hören. Ein Wachmann streckte schnaufend seinen hochroten Kopf herein, sein Waffenholster am Gürtel war leer. Marvin scheuchte ihn mit der Hand weg und formte mit dem Mund lautlos das Wort: "Arschloch". Der Mann wechselte seine Gesichtsfarbe von rot auf weiß und zog sich zurück.
"Sie haben ihn verdorben, ihn nur benutzt und wenn Sie mit Ihm fertig sind ...", schluchzte das Mädchen. Sie war vielleicht fünfzehn oder sechszehn Jahre alt, trug eine schwarzen Faltenrock und eine hellblaue Bluse. Einige Strähnen ihrer lockigen schwarzen Haare klebten ihr an der Stirn. Ihre Stimme wurde schrill:
"Sie haben ihn mit dem ganzen Geld und Ruhm verdorben, ihn mit Drogen vollgepumpt und ihm seine Freunde genommen, damit er zum Hampelmann wird, Ihre Marionette, die Sie reich macht ... aber ich habe Danny geliebt, wirklich geliebt ..." Sie zitterte am ganzen Körper, atmete hastig, während ihre Tränen schwarze Streifen ins Gesicht zeichneten.
"Ich werde nicht zulassen, dass Sie Ihn kaputt machen, ihn mir wegnehmen ... meinen Danny ...ich ... wirklich geliebt ..." Die Waffe schwankte von Marvins Bauch zu seinem Kopf
Marvin lief der Schweiß über den Rücken, sammelte sich auf seiner Stirn, mühsam hielt noch immer die Hände vorgestreckt und krächzte beschwörend:
"Bleib ganz ruhig. Du nimmst jetzt erst mal die Knarre runter, wir können über alles reden, Kleines. Falls du schwanger bist, wir kriegen das schon ..."
Die Bürotür flog auf und Peter Flash wedelte mit einem Foto.
"Ich habe die Tigerpisse weggekriegt ..."
Die Tür prallte dem Mädchen in den Rücken, sie strauchelte und stürzte.
Ein Schuss löste sich aus der Waffe.

Marvin schaltete die Nachrichten aus und knallte die Fernbedienung aufs Sofa.
"Von wegen >Selbstmord vor den Augen des Management<, es war ein verdammter Querschläger, hätte mich fast erwischt. Scheiße Linda, ich hätte tot sein können. Die Pressefritzen wissen gar nichts. Die wollte mich abknallen. Hörst du überhaupt zu?"
Linda saß neben ihm, knetete ihr Taschentuch und schluchzte: "Mein Gott, das arme Mädchen. Wie konnte das passieren? Wie verzweifelt muss sie gewesen sein? Sie hat unseren Danny wirklich geliebt, meinst du nicht auch Marvin?"
Der raufte sich die Haare, zündete sich eine neue Zigarette an und murmelte:
"Natürlich, Linda, das tun wir doch alle."

Letzte Aktualisierung: 26.11.2014 - 21.29 Uhr
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