Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere K├Âstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Verdorben | November 2014
Samhain
von Martina Lange

Die Zweige der Weiden schwangen sanft hin und her. Leise raschelten die Bl├Ątter im aufkommenden Wind. Rissen ab, kreiselten und legten sich auf der Wasseroberfl├Ąche nieder. Schmale Lanzetten, im Licht des vollen Mondes. Sie durchstie├čen die n├Ąchtlichen Spiegelungen, wie einst die Spitze meines Stabes. Die Wiesen und Senken ringsum atmeten noch den feuchten Dunst eines vergangenen warmen Tages. Des letzten meiner Verbannung.
Bald w├╝rde die K├Ąlte kommen. Endlich.

Die Dunkelheit unter den Weiden geriet in Bewegung. Ein Fl├╝gelschlag nur. Aus dem Schatten des vernarbten Stammes wandte ich den Blick zum Himmel. Mit brennenden Augen musterte ich die verblassenden Sterne. Der Mond war gefr├Ą├čig in dieser Nacht. Wolken zogen zerfetzt von Norden heran. Wie reitende Boten k├╝ndeten sie mit wehenden Fahnen von der nahenden Vereinigung.

Wieder neigte sich ein Jahr seinem Ende entgegen. Irgendwann hatte ich aufgeh├Ârt zu z├Ąhlen. Das Voranschreiten der Zeit konnte niemand beschleunigen, auch ich nicht.
Missf├Ąllig betrachtete ich meine bleichen H├Ąnde. Trockene graue Haut spannte sich ├╝ber die langen Glieder. Einst hatte man mir gesagt, sie seien edel. Fast mochte ich noch daran glauben, wenn nicht in einem der winzigen L├Âcher nahe der Daumenwurzel ein bleicher augenloser Wurm erschienen w├Ąre. Rasch packte ich zu, zog den sich windenden Parasiten aus seinem Unterschlupf und schnippte ihn fort.
Mein K├Ârper hatte wahrlich gelitten in dieser Welt. Der offensichtliche Verfall lie├č sich nicht mehr l├Ąnger verleugnen, war Teil meiner Strafe. Gefangen in einem Leben, das nicht das meine h├Ątte sein sollen.
Wie ich die blassen H├╝gel meiner Heimat vermisste. Den immerw├Ąhrenden Mond, der meine Sonne war. Den ewigen Winter, kalt und klar. Die Dunkelheit, silbern durchwirkt.

Das Verheerende an meiner Situation war, dass ich sie selbst verschuldet hatte. Einst studierte ich die Schriften, getrieben von der uners├Ąttlichen Gier nach Wissen und neuen Herausforderungen.
Die mahnenden Worte der Alten, der Sph├Ąrendeuter, sah ich von Neuem vor mir: Verweile nicht - Sprich mit Niemandem - Halte dich zur├╝ck - Nimm keine Nahrung zu dir! H├╝te dich!
Jung, wie ich war, fegte ich sie mit einem Handstreich beiseite. Lachte die verkn├Âcherten Denker aus, deren Expeditionen daraus bestanden, sich von einem Okular zum n├Ąchsten zu schleppen.
Und auch jetzt stieg ein Lachen in mir auf. Eine eingerissene Lippe war das freudlose Ergebnis. F├╝r meine ├ťberheblichkeit von einst war der Preis, den ich zahlen musste, sehr hoch gewesen.

Meine unruhige Gedankenwelt trieb mich vorw├Ąrts. Der letzte Spross einer alten Familie sollte nun nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wohl zum tausendsten Mal umrundete ich das schwarze Wasser. Kurze N├Ąchte und endlose Tage.
Die Sonne hatte mir die Haut wegge├Ątzt. Vor den scharfen Strahlen war ich in die N├Ąchte geflohen. In der Hoffnung, hier einen Spiegel zu meiner Welt zu finden. Vergeblich.
Mein Hunger trieb mich zu den Totenfeldern, die meine ├äcker wurden auf der Suche nach Nahrung. Zu verdorben, um mir zu bekommen. Die gro├če Seuche, der Schwarze Tod, brachte mir endlich Erleichterung. In seinem Schatten zog ich von Geh├Âft zu Geh├Âft. N├Ąhrte mich und verbarg mich in Krypten und Gew├Âlben. Dort fra├č mich die Einsamkeit.

Doch ich w├╝rde es ihnen heimzahlen, w├╝rde sie leiden lassen, wie ich gelitten hatte. Das schwor ich mir die ersten Jahrhunderte hindurch an jedem Tag. Dieser Gedanke trieb mich weiter und lie├č mich die Kraft zum ├ťberleben aufbringen. Bis zur gegenw├Ąrtigen Nacht.
Nun, da die Vereinigung so kurz bevorstand, lag mir an einer flammenden Rache nichts mehr. Nein, jetzt war sie eiskalt.
Unwillk├╝rlich zerrte sich meine vertrocknete Haut straff ├╝ber die Wangenknochen. Selbst in meiner Welt h├Ątte dies niemand als ein L├Ącheln gedeutet.

Die Stunde nahte. Die Konsistenz der Luft begann sich zu ver├Ąndern. Ich konnte sp├╝ren, wie sie dichter wurde. Noch war der ├ťbergang verschlossen. Sehns├╝chtig glitten meine Finger ├╝ber die Steine, die das Tor markierten. Kaum jemand war in der Lage, die alten Zeichen zu erkennen, die ich einst hineinge├Ątzt hatte. Ein ├äon Sonne, Regen und Wind. Und von ihnen war nur wenig mehr als eine Erinnerung geblieben. F├╝r mich waren sie ein Kompass. Ein Mondstrahl glitt zwischen Wolkenl├╝cken hindurch ├╝ber das Tor. Kaltes Licht von gegen├╝ber. Ich streckte voller Verlangen nach meiner Heimat die Hand aus. Zog sie aber im letzten Moment wieder zur├╝ck. Noch war der Augenblick nicht gekommen, diese Welt zu verlassen.

Vom Hohlweg n├Ąherten sich Schritte. Lautlos wich ich in den Schatten der Weide zur├╝ck. Nah an den Stamm gepresst, in meinen fadenscheinigen Umhang geh├╝llt, denn der Mann durfte mich nicht sehen.
Wie langsam er den Teich umrundete. Suchend. Am Stein hielt er inne und legte beinah selbstverst├Ąndlich die Hand darauf. Oh, er war jung. In der Bl├╝te seiner Jahre. Ganz und gar das Abbild seines Urahnen. Wir w├╝rden sehen, wie er in einem Jahr aussah. Heiser stahl sich ein Lachen aus meiner Kehle. Nun hob er den Kopf. Sein Blick wanderte umher. Oh nein. Er w├╝rde mich nicht sehen. Und dennoch f├╝hlte er wohl meinen brennenden Blick auf sich. Sollte er nur.

Ich aber, ich erinnerte mich wieder des ersten Menschen, der mir an eben diesem Teich begegnete. Und wie einst fra├č sich ├Ątzender Hass durch mich hindurch. Wie ein ungebetener Schmarotzer, der meinen Gedankenspuren folgte und sie vergiftete. Weder der M├╝ller noch seine Nachkommen w├╝rden je wieder sorglos leben k├Ânnen, das schwor ich vor den Stufen der M├╝hle.

* * *

Die Scham trieb mir Hitze in die hohlen Wangen. Wie ein unwissendes Kind war ich seiner Einladung gefolgt, als ich ihn unter den Weiden am Feuer sitzen sah. Brot, K├Ąse, Wein und Speck. Ein Rausch f├╝r meine Sinne. Der ungewohnte Genuss stieg mir zu Kopf und verdrehte meinen Metabolismus. Wir redeten und tranken. Wunderten uns ├╝ber unser Zusammentreffen an diesem abgelegenen Teich. Berichteten von unseren Erlebnissen. Der M├╝ller wurde nachdenklich. Erst nach mehrfachem Nachfragen trug er z├Âgernd seine Sorgen vor. Wie verwunderlich, dass ein M├╝ller ├╝ber mangelndes Wasser klagte, w├Ąhrend wir an einem Teich sa├čen. Nein, seine M├╝hle l├Ąge in einer Felsspalte. Das Rinnsal, welches von diesem Weiher gespeist wurde und seine M├╝hle antrieb, war versiegt.
Meine ├ťberheblichkeit kannte keine Grenzen mehr. Ich schwankte zu meinem Reiseumhang und kehrte mit meinem Stab zur├╝ck. Am Ufer warf ich meine Kleidung ab und stieg nackt in das schwarze Wasser.
Die Wellen kamen auf mich zu, als ich den Speer hob und zustach. Tiefer, immer tiefer. Durch den morastigen Grund, durch Sand, Ton, Schiefer und Fels, bis ich keinen Widerstand mehr sp├╝rte. Das Wasser folgte dem geschaffenen Durchgang und w├╝rde aus der Felsspalte sprudeln. Und der M├╝ller? Er reichte mir mein Gewand und dankte mir ├╝berschw├Ąnglich. Wir tranken und er schenkte mir ohne Unterlass nach, bis mir die Sinne schwanden.

Als ich erwachte, war der M├╝ller verschwunden. Daf├╝r stand der Gesandte des Erzrates neben mir, der mich wegen missbr├Ąuchlicher Benutzung eines Artefaktes, Verrat und zahlreicher weiterer Vergehen verbannte. Der Stab wurde ihm abgenommen und das Tor schloss sich hinter dem Vollstrecker.

Die D├Ąmmerung zog herauf. Mit dem zunehmenden Sonnenlicht verfl├╝chtigte sich der Reiz, den diese Welt auf mich ausge├╝bt hatte, und wandelte sie zu einem hassenswerten Exil. Mit zitternden Fingern rollte ich das Pergament auseinander und las das Urteil immer und immer wieder, bis sich die Schriftzeichen tief in mein Hirn eingebrannt hatten. Ich schrie die Ungerechtigkeit heraus. Tobte wie wahnsinnig und schlug mir die H├Ąnde an den Steinen blutig. Das Tor blieb verschlossen. Einmal in dreihundertf├╝nfundsechzig Tagen wurde mir gestattet, einen Blick in meine Welt zu tun. W├Ąhrend Samhain, der Geisternacht, wenn sich die Schleier zwischen den Dimensionen heben. In den ersten Jahren fieberte ich dieser Nacht entgegen. Versank beim Anblick der unerreichbaren Heimat in Agonie. Und f├╝llte meinen Geist mit zunehmender D├╝sternis.

Von dem M├╝ller wurde ich mit Hohn und Spott ├╝bersch├╝ttete. Er stie├č mich die Stufen seiner M├╝hle hinunter, mit dem Worten, ich solle doch selbst sehen, wo ich bleibe! Mit einem dunklen D├Ąmon wollte er, ein rechter Christenmensch, nichts zu schaffen haben. Die Bauern w├╝rden seine M├╝hle meiden, wenn er den Teufel einlie├č. Sollte ich doch in die H├Âlle zur├╝ckkehren, aus der er mich hatte steigen sehen!
Ich verfluchte ihn, seine Familie und letztlich meine eigene Torheit.

Aber, ich war ein Gelehrter, und so studierte ich die Menschen - erfreute mich an jeder ihrer Schw├Ąchen. Damit brachte ich seine Familie zu Fall, wo immer ich ihrer habhaft werden konnte. Nichts sollte von dem M├╝ller zur├╝ckbleiben. Ich grinste kalt.

* * *

Hinter mir zerriss die Schw├Ąrze. Das Tor ├Âffnete sich. ├ťberrascht wandte der letzte M├╝ller sich um. Ungl├Ąubig betrachtete er den schimmernden Lichtvorhang und streckte neugierig die Hand danach aus. Diese Reaktion hatte ich erwartet. Als verdichteter Schatten flog ich aus meinem Versteck, fasste ihn bei den Schultern und zwang ihn, mich anzusehen. Meine zerfaserten Lippen von Siegesgewissheit verzerrt, genoss ich die Angst in seinen Augen, als er meinen Atem roch. Weidete mich daran, wie sie sich wandelte, wuchs und das Blut in seinen Venen stocken lie├č.
Sein Herz stolperte.
"Noch nicht mein Freund, nicht hier", drohte ich ihm.
Die Gewissheit, endlich befreit zu sein, verlieh mir zus├Ątzliche Energie, als ich den Menschen in meine Welt stie├č. Dort w├╝rde dieser dann tausend mal tausend Jahre ├╝ber das Verm├Ąchtnis seines Ahnen nachgr├╝beln k├Ânnen. In einer Nacht ohne Morgen.
Entsetzt streckte er seine H├Ąnde ins Nichts. Sein Schrei mischte sich mit dem Ruf eines Nachtvogels ├╝ber mir. In meinem Rausch wollte ich keinen Zeugen. Feuchte Federn sanken lautlos zur Erde, als ich meinem Exil den R├╝cken kehrte.

Letzte Aktualisierung: 26.11.2014 - 19.49 Uhr
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