Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
Ich bin geladen! Bis Oberkante!
HĂ€tte ich ein KĂŒchenmesser meiner Schwester gehabt, ich hĂ€tte fĂŒr nichts garantieren können.
Sie ist eine Super-Hausfrau und hat sogar einen chinesischen Dolch in der Schublade. FĂŒr Wok-GemĂŒse.
Nur wegen meiner drei kleinen Nichten habe ich mich heute, an Heiligabend, durch das VerkehrsgewĂŒhl in die City gequĂ€lt: Weihnachtsgeschenke kaufen!
Ich! Wo ich seit jeher diese gefĂŒhlsduselige Zeit im Romantik-Outfit verabscheue. Mir wird schlecht vom Gestank der ReibeplĂ€tzchen und GlĂŒhweinbonbons.
Bisher habe ich den Kleinen immer einen ansehlichen Betrag aufs Konto ĂŒberwiesen, aber meine Schwester meinte, ich stelle mir ein Armutszeugnis aus, wenn ich nur die zahlende Tante sei, anstatt was Persönliches mitzubringen. Sie wĂŒrden sich Barbies wĂŒnschen.
Seit wann sind Barbiepuppen was Persönliches?
HĂ€tte ich mit Barbiepuppen gespielt, wĂŒrde ich heute noch auf den MĂ€rchenprinzen Ken warten, der mich im Barbie-Mobil vögelt und mir jeden Wunsch von meinen langbewimperten Augen abliest, weil ich ihn lustvoll befriedige und ansonsten immer schön anzusehen bin.
Stattdessen habe ich Karriere gemacht und das Konto der Nichten gut gefĂŒllt, damit sie mal ohne Geldsorgen studieren können. Ist das etwa nicht persönlich?
Aber was will ich erwarten von einer Ă€lteren Schwester, die in ihrer Hausfrauen- und Mutterrolle aufgeht wie ein Hefekuchen, der mit krankhaftem HarmoniebedĂŒrfnis zu lange im warmen Wigwam gelegen hat. Mamas Liebling, weil sie in ihre Hausfrauenstapfen getreten ist und sich aufopfernd um unsere alten Eltern gekĂŒmmert hat, wĂ€hrend ich da drauĂen in der kalten weiten Welt das Geld fĂŒr die Pflegeversicherung mitfinanziert habe. Einer muss schlieĂlich die Kohle fĂŒr die soziale HĂ€ngematte heranschaffen. Ich wollte eine private Pflegerin bezahlen. Aber nein! Meine Schwester musste ja unbedingt ihr Helfersyndrom befriedigen und lauft fortan mit einem Heiligenschein durch die Gegend wie Mutter Theresa.
âZwei Töchter! Und nur eine kĂŒmmert sich! Traurig ist das!â Keine Ahnung, ob die Nachbarn das so gesagt haben, aber vorstellbar ist es. Wenn man im feindlichen Leben steht, erwirbt man Menschenkenntnis, ein gutes Einkommen und keinen Heiligenschein.
Da habe ich mich auch nicht in dem Alten geirrt, der mir heute frĂŒh beim Einparken zugesehen hat.
âMan könnte sich ja linksbĂŒndig in die Parkbox stellen, dann hĂ€tte ein Auto mehr Platz!â, meckerte er.
âWie bitte? Ich habe zwei Euro fĂŒr eine Stunde bezahlt, da kann ich meinen Wagen innerhalb dieser weiĂ markierten Parkbucht hinstellen wie ich willâ, klĂ€rte ich ihn auf. Da wĂ€re ich gesetzlich nicht zum Teilen verpflichtet, zumal die Breite des Stellplatzes auch nicht fĂŒr Zwei vorgesehen wĂ€re.
Oh nein!
Der gab sich nicht mit meiner ErklĂ€rung zufrieden, nein, der hat mein Auto und den Stellplatz mit seinem KrĂŒckstock ausgemessen und blieb dabei, dass ich raumsparender hĂ€tte parken mĂŒssen. Das wiederholte er tatsĂ€chlich zweimal.
âPensionierter Polizist oder verrenteter Beamter vom Ordnungsamt?â, fragte ich ihn. âUnd nun ist das Leben langweilig, öde und leer? Oder frĂŒher ânen Job gehabt, wo Sie nichts zu sagen hatten? Und deshalb nun auf die Pauke hauen? Oder macht Sie das Weihnachtsgedudel sentimental und lĂ€sst den Sankt Martin auferstehen, der nicht nur Mantel, sondern auch ParklĂŒcken teilt?â
âIch hab âs doch nur gut gemeintâ, antwortete er laut und fuchtelte mit dem KrĂŒckstock in meine Richtung.
âIch bin nicht der heilige Martin !â, schrie ich in sein HörgerĂ€t.
âMaria!â, schrie er noch lauter, âdas ist die Mutter vom Jesuskind! Die hat mit Ihrer Parkerei nichts zu tun!â
Wie gesagt.
In dem Moment hÀtte ich gerne eine Waffe besessen und sie womöglich auch benutzt.
Meine Schwester heiĂt nĂ€mlich Maria. Aber das ist ein anderes Thema. Man muss sich nicht zwangslĂ€ufig lieben, nur weil man dieselben Eltern hat. DafĂŒr sind wir zu unterschiedlich.
Klar. Es gab auch zig Kens in meinem Leben und die Augenpaare meiner Eltern und meiner Schwester ruhten stets erwartungsvoll auf mir, ob das wohl endlich der Richtige sei, mit dem ich hĂ€uslich wĂŒrde einschlieĂlich einer Schar Mini-Kens.
Und Kens wollen Kinder! Solange sie sich ĂŒberm Wickeltisch nicht ĂŒbergeben mĂŒssen, sondern ich. Mal abgesehen davon, dass ich den Karriereknick hĂ€tte einstecken mĂŒssen.
âMein Haus! Meine Hausfrau! Meine Kinder! Mein Baum, dessen Laub meine Hausfrau jeden Herbst sĂ€uberlich wegharkt.â
Nein danke. Auch nicht mit vĂ€terlichem zweimonatigem Elternerziehungsurlaub. Seit wann ist es damit getan, ein Kind in zwei Monaten zu erziehen? Und nach diesen zwei Monaten reicht Ken eh die Scheidung ein! Kacke in Windeln macht depressiv! Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass das bei meinen Kens so sein wĂŒrde.
Und als Alleinerziehende kannst du dir die Karriere auch gleich an feuchten BabytĂŒchern abwischen.
WĂ€hrend ich nun zuhause die Barbies samt anti-emanzipatorischem Beiwerk einpacke, muss ich an meinen aktuellen Ken denken.
Der ist nun doch noch alleine, also ohne mich, ĂŒber Weihnachten zu seinem Vater aufs Land gefahren. Ich wollte nicht mit. Ich muss mich vom Job erholen.
Man kennt das doch. Sobald ein weibliches Wesen so einen Bauernhof betritt, wittern die Altbauern âne Schwiegertochter, die tier- und mistlieb ist. Zwar hat Ken oft beteuert, dass er den Hof nicht ĂŒbernehmen wird, aber die Ăhre kann sich schnell wenden, wenn die verklĂ€rten Landeier an die Erbfolge denken. Wenn der Sohn nicht will, dann will bestimmt der Enkel mit glĂŒcklichen HĂŒhnern spielen.
Diese Ruhe!
Herrlich!
Ich lege die Nichtengeschenke beiseite, lehne mich zurĂŒck und schaue hinaus. Vor meinem Fenster lĂ€sst Frau Holle eifrig die Daunen herniederwirbeln. Sie schweben wie in Zeitlupe vorbei und wenn ein Windhauch sie streift, beginnen sie fröhlich zu tanzen. Eine Daune scheint die Primaballerina zu sein. Sie gibt den anderen die Schwebefolge vor.
Oh nein!
Ich werde nicht hinunterblicken, um sehen zu mĂŒssen, wie die Elevinnen auf dem Bordstein landen und man auf ihnen herumtritt. Gedankenlos, wie Menschen sind.
In diese Stille hinein klingelt es an meiner TĂŒr. Ich öffne fluchend.
Vor mir steht der neue Nachbar: âDu kommen. Zu uns. Du alleine. Wir alle machen zusammen Bescherung.â Er will mich in den Flur ziehen.
Ich lehne dankend ab und verbessere. âBeschneidung! Beschneidung und nicht Bescherung.â
Er schĂŒttelt eifrig sein volles schwarzes Haar. âHeute nix Beschneidung, heute Bescherung wie Christen, morgen Zuckerfest wie Muslimeâ,sein Lachen hallt durchs Treppenhaus, âman muss die Feste feiern wie sie fallen. Du nix Weihnachtsbaum?â Er schielt in meine Diele.
Ich schĂŒttele den Kopf. âIch brauche heute Ruhe. VIEL RUHE!â, betone ich und schlieĂe aufatmend die TĂŒr.
Ich kann das nicht.
Feiern auf Knopfdruck, weil der Kalender es vorschreibt. Ich kann, wenn ich will, auch zu anderen Zeiten fröhlich sein. SchlieĂlich habe ich meinen aktuellen Ken auf so einer feuchtfröhlichen Betriebsfeier kennengelernt. Das war ganz spontan. Unser Team hatte einen super Deal gelandet, da sind wir um die nĂ€chtlichen HĂ€user gezogen und in einer Karaoke-Bar stand er am Micro.
Das war Liebe auf den ersten Blick. So richtig schön kitschig. Er sang eine Ballade ziemlich notentreu und ich bekam glÀnzende Augen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich allerdings bereits einige Sex-On-The-Beach getrunken.
Verdammt. Warum kriege ich ausgerechnet jetzt glasige Augen? Sicherlich vertrage ich die neuen Kontaktlinsen nicht.
Von unten ist ein Akkordeonspieler zu hören. Er spielt genau diese Ballade.
Einen Moment mal. Ich muss schniefen. Ist ja auch ErkÀltungszeit. Und es klingelt wieder.
Ich werde ĂŒberrannt von meinen Nichten samt ihrer Eltern und plötzlich drĂŒckt mich Ken an seine Brust. âĂberraschung!â
Ich höre, wie meine Schwester aus der KĂŒche ruft: âKeine Sorge, wie haben Essbares und FlĂŒssiges mitgebracht.â Geschirr klappert. âDu magst doch ReibeplĂ€tzchen und GlĂŒhwein?â
Die Nichten streiten sich. âMeine Barbie hat aber ein schöneres Kleid!â âNeee, meine!â
âAber meine hat einen Porsche! Die hat nĂ€mlich so viel Geld, wie meine Tante!â
âNun setzt euch endlich, ihr Klammeraffen!â Mein Schwager lacht uns zu und drĂŒckt uns ChampagnerglĂ€ser in die HĂ€nde. Er erhebt sein Glas. âLiebste SchwĂ€gerin, wir wissen, dass du Spontanfeten besonders gerne magst. Das hier soll eine sein.â
âOhne fröhliche Weihnachten?â, nuschele ich.
Ken drĂŒckt mich an sich. âOhne. Versprochen.â
Ich bin selig.
Plötzlich taucht hinter Ken der alte Mann von heute frĂŒh auf.
Oh nein!
Er lĂ€chelt. âIch denke, ich muss mich entschuldigen.â
Ken schaut verdutzt. âIhr kennt euch? Das ist mein Vater.â
Ăbrigens: Ken heiĂt eigentlich Jan und ich bin die Nele.