Ganz schön bissig ...
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Wen(n) wir lieben | Dezember 2014
Don’t you want somebody to love
von Jochen Ruscheweyh

Kristine, es sind viele Dinge. Lass mich eins herausnehmen, zum Beispiel die Art, wie du deine Handtasche trägst. Du lässt sie nicht baumeln, du behandelst sie wie ein wertvolles Exponat, ein Kunstwerk und dennoch wie ein Stück von dir.
Du weißt auch andere gute Dinge zu schätzen, zollst ihnen Respekt, schenkst den besonders kostbaren Zuneigung und Liebe.
Ich habe dir Gedichte geschrieben und wieder zerrissen, weil ich meine Gefühle für dich nicht in Worte kleiden konnte. Auch mit Musik hat es nicht funktioniert. Ich muss akzeptieren, dass es keine Tonleitern gibt, die meine Leidenschaft ausdrücken, kein Forte, kein Fortissimo oder irgendein anderes Tempo, das meine Herzfrequenz abbilden kann, wenn du den Raum betrittst.
Ich durchsuche Modekataloge, Online-Portale, nerve Schneidereien, aber es will mir nicht gelingen, Kleidung zu finden, die passend ist, in der ich mich an deiner Seite zeigen kann.
Vielleicht ist gerade diese Ratlosigkeit ein Zeichen echter Liebe, bedingungsloser Fixierung auf den einen, den perfekten Menschen. Auf dich.


Kristine setzte den Spachtel leicht schräg an. Ihrer konsequenten Aufwärtsbewegung folgend schob sich das Flachmetall unter die Tapete, hob diese leicht an und teilte die Bahn hinter sich in Ost und West. Sie zog den Spachtel erst heraus, als sie bereits auf den Zehenspitzen stand. Anschließend wiederholte sie das Prozedere in waagerechter Ausrichtung. Sie trat ein paar Schritte zurück und schaute auf die Wand. Die beiden Linien bildeten nicht nur ein Kreuz sondern unterteilten die Fläche gleichzeitig in vier relativ identisch große Rechtecke. Dann ließ sie sich auf die Couch, die sie bis kurz vor den zurückgeschlagenen Teppich geschoben hatte, fallen.

Es könnte alles so wunderbar, so harmonisch, so erfüllend sein für mich und dich, wenn ich an dir nicht diesen Drang feststellen würde auszubrechen.
Es gibt keinen rationalen Grund, sich mit anderen Menschen zu treffen, es sei denn, sie üben eine Funktion aus, verkaufen dir Brötchen oder Blumen, plombieren einen Zahn, oder es ist deinerseits beruflicher Natur und unabdingbar.
Manchmal wünschte ich, du würdest einfach deinen Verstand, dein intellektuelles Fundament, deine Fähigkeit analytisch zu denken, konsequenter einsetzen, denn dann kämest du zu dem Schluss, dass es dir an nichts mangelt, wenn wir zusammen sind.
Ich habe mich zusätzlich bei Pastor Borgmann - er wünscht dir gute Besserung - rückversichert: Gott stützt und fördert die bedingungslose Zweisamkeit von Individuen nicht nur, er hält sie sogar für unerlässlich, um eine reine, reife Zuneigung zu ihm, Schöpfer und Vater, aufzubauen.
Pastor Borgmann wertschätzt außerdem, dass ich mich um dich kümmere, wenn es dir nicht gut geht. Er sieht, dass uns mein Bemühen um dich noch mehr zusammenschweißt.
Ist unsere Beziehung nicht immer dann besonders harmonisch, wenn ich mich um dich sorge, dir Aspirin reiche, meine Hand auf deinen Kopf lege, wenn dich die Migräne niedergestreckt hat, wenn ich einkaufe, den Haushalt mache, die Tiere füttere?
Sicher will ich wieder arbeiten gehen, aber siehst du denn nicht, dass ich im Moment gar keine Zeit dazu habe, weil du im Zentrum meiner Aufgaben stehst?
Es hat mich getroffen, als du mir neulich vorgeworfen hast, ich brächte nichts Neues in unsere Beziehung ein, ich sei lethargisch, bewege mich immer in denselben Bahnen.


Kristine wickelte ein Stück Schokolade aus der Verpackung und goss sich ein halbes Glas Rotwein ein, das sie mit mehreren kleinen Schlücken austrank, bevor sie aufstand, auf die Wand zuging und begann, die Tapete vom Nullpunkt des entstandenen Koordinatensystems aus zu lösen.
Einige Körnchen des offensichtlich sehr sandhaltigen Putzes rieselten zu Boden, während der Wind draußen feinen Regen gegen die Fensterscheibe blies.
Kristin warf Bahn für Bahn hinter sich.
Die komplette Wand lag jetzt nackt vor ihr. Wie Inseln auf einer Seekarte verteilt hoben sich die gespachtelten Stellen vom Rest des Putzes ab. Kristine klopfte nacheinander dagegen, benutze mal den Handballen, mal die Knöchel.

Weißt du eigentlich, was für eine logistische Aufgabe ich bewältigt habe? Wie schwer es war, diese Mengen an Kupferdraht und Spulen zu besorgen, sie an dir vorbei in den Keller zu schaffen, ohne dass du es mitbekommst?
Dass ich nächtelang über den Schaltplänen gesessen und getüftelt habe, während du geschlafen hast?
Dass ich Wände aufgemeißelt, wieder verputzt und tapeziert, deine Jackenfutter aufgetrennt und wieder zugenäht, dass ich deinen kompletten Lebensraum so mit schaltbaren Magnetfeldern präpariert habe, dass ich jederzeit einen Migräne-Anfall bei dir auslösen kann, damit du dich hinlegen musst und ich bei dir sein kann?
Vielleicht schockiert es dich ein wenig, jetzt davon zu erfahren, aber Leiden ist auch immer ein Stück weit Läuterung und wenn ich mich nach einem von mir ausgelösten Anfall um dich kümmere, dann bist du wieder ganz du selbst. Die Kristine, die ich liebe und von der auch du weißt, dass du sie sein solltest. Ich übernehme Verantwortung. Nenne es eine stellvertretende Wertbindung oder nenne es Motivation, es ist mir gleich, solange ich weiß, dass es dir und damit auch mir, uns gut tut. Kristine, ich halte um deine Hand an.

Heirate mich!



Version 1

Letzte Aktualisierung: 13.12.2014 - 13.33 Uhr
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