Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Wen(n) wir lieben | Dezember 2014
Nach Hause
von Silke Sarkander

Man sah Leo seine Empörung an. Seine Augen zusammengekniffen, presste er verdrossen hervor: „Wie kannst du nur so ignorant sein?“
Woraufhin Sophie wild gestikulierend den Ball sofort zurückwarf. Sie war wütend. „Ich? Du nennst mich ignorant? Das ist nicht dein Ernst? Wer hat denn bitte schön …?“
Wer was hatte, ließ sie offen, doch Leo wusste genau, wovon sie sprach. Vielleicht sogar zu Recht. Er war sich da manchmal selbst nicht mehr sicher, aber das wollte er sich jetzt nicht eingestehen. Sie stritten oft in letzter Zeit. So wie jetzt, während sie auf dem Weg nach Hause, lebhaft diskutierend, durch die Einkaufsstraße des kleinen Städtchens marschierten.

Plötzlich und ohne Vorwarnung blieb Sophie direkt vor ihrem Lieblingsladen stehen. Irgendetwas fesselte ihre Aufmerksamkeit. Ihren Streit schien sie von jetzt auf gleich vergessen zu haben.
„Hast du das gesehen?“, fragte sie entgeistert und näherte sich dabei vorsichtig dem Schaufenster. Sie reckte den Kopf, bis ihr Gesicht beinahe die Scheibe berührte. Eben noch glaubte sie ein feines, über die Glasfläche huschendes Glitzern wahrgenommen zu haben. Doch jetzt sah alles ganz normal aus. Allerdings fühlte es sich ganz und gar nicht normal an. Ihr strömte lodernde Hitze entgegen. Wie ungewöhnlich. Ihre Nasenspitze fühlte sich bereits ganz warm an. Sie kribbelte, als ein leiser Windhauch einen unangenehmen, aufdringlichen Schweißgeruch zu ihr herüberwehte.
Sophie verharrte, vielleicht eine Sekunde, da begann es erneut. Das Schaufenster flimmerte, elektrisierende kleine Blitze schienen die Oberfläche aufzulösen und erweckten den Eindruck, einfach hindurchgreifen zu können. Wie unter Zwang hob sie ihren rechten Arm und drückte die Handfläche energisch dagegen. Sie schwankte kurz, verlor die Orientierung, aber wider Erwarten gab ihr das Glas unter ihren Fingern Halt. Es fühlte sich kalt an, glatt und undurchdringlich, so, wie sich Glas anzufühlen hatte, stellte Sophie verdutzt fest. Sie wurde unsicher. Entsprang alles ihrer Einbildung? Heiß oder kalt, fest oder durchlässig, was denn nun? Handelte es sich vielleicht nur um eine Reflektion? Schon möglich, allerdings verschwand dieser ekelhafte Schweißgeruch nicht. Im Gegenteil, er verstärkte sich noch.

„Was machste da?“ Leos harsche Stimme drang an ihr Ohr.
„Hast du das nicht gesehen?“
Überrascht drehte sich Sophie zu ihm um. Doch ihre Frage ging ins Leere. Verwundert wendete sie zuerst nur suchend den Kopf, bis sie ihn an ihrer anderen Seite entdeckte, dann erst folgte ihr Körper nach. Mit offenem Mund stand sie da. Leo hatte sich verändert: Das Hemd, eben noch ordentlich zugeknöpft und sauber, ließ genau erkennen, welche Speisen er in den letzten Tagen zu sich genommen hatte. Neben Ketchup und Majo konnte sie eindeutig Marmelade und Bratensoße ausmachen. Außerdem spannten die Knöpfe über dem Bauch, aber ihr Leo hatte doch gar keinen Bauch, jedenfalls bis vor ein paar Sekunden.
Sophie war sprachlos, verstört zögerte sie. Ihr fragender Blick fixierte diesen ihr unbekannten Leo. Hinter ihrer Stirn arbeitete es. Tiefe Falten erschienen, die sich daraufhin in nichts auflösten und grenzenlosem Erstaunen Platz machten.
Die Sekunden verrannen. Leos Fuß, der in dreckigen Turnschuhen steckte, wippte bereits nervös. „Was machste da, will ich wissen“, forderte Leo erneut eine Erklärung. Er wirkte geradezu bedrohlich auf Sophie, die instinktiv einen Schritt zurücktrat.
„Ich … Die Fensterscheibe …“, stammelte sie. In ihrem Kopf schlugen die Gedanken Purzelbäume.
Leo wetterte weiter: „Wie oft hab’ ich schon gesacht, du sollst nich’ immer meine Asche rausschmeißen, has’ genuch Klamotten. Dein Hintern is’ eh zu dick für solch’n Fummel.“
Sophie stand mit weit aufgerissenen Augen vor ihm. Mehr als ein „Aber …“ fiel ihr dazu nun wirklich nicht ein.
„Ach, halt d’ Klappe, du Schlampe, und komm.“
Sollte das Ganze ein Witz sein? Sophie suchte weiterhin fieberhaft nach einer Erklärung. Wo war das Kamerateam? Ihr gehetzter Blick glitt die Straße hinab, blieb dann an dem örtlichen Discounter hängen. Sie stutzte. Das Gebäude lag auf der falschen Straßenseite, genauso wie der Bäcker und die Fahrschule, von ihr aus links. Sie gehörten auf die rechte Seite, dessen war sie sich ganz sicher. Wie konnte das sein?
Doch Leo ließ ihr keine Zeit zum Nachdenken. Er grabschte brutal nach Sophies Handgelenk. In ihr machte sich Panik breit. Sie mochte diesen Leo nicht, schmierig, ungewaschen und grob. Sie musste zurück, was auch immer das bedeutete.
Das Schaufenster. Es begann erneut zu flirren. Es löste sich auf, nur ein kleines bisschen. Sophie spürte die Hitze. Ohne abzuwarten, riss sie sich von Leo los, hob instinktiv die Handfläche und drückte sie dagegen.
Wieder verlor sie einen Moment den Halt. Doch auch dieses Mal hielt der Kontakt zum Glas sie aufrecht, während sich kurzzeitig alles um Sophie drehte. Ihr stockte der Atem. Sie schloss die Augen und betete und wartete, verharrte regungslos.

„Sophie, hast du mich gehört?“, drang endlich Leos forsche Stimme abermals an ihr Ohr: Jegliche Brutalität war nun daraus verschwunden. Langsam öffnete sie ihre Augen und drehte sich zögernd um, wieder in die falsche Richtung. Diesmal befand sich Leo links von ihr. Spiegelverkehrt, zuckte ein Gedanke durch ihren Kopf. Vorher war alles auf der falschen Seite. Ihr Blick suchte und fand den Discounter. Er lag nun wieder rechts, wo er hingehörte.
Sophie atmete bereits erleichtert aus, registrierte dabei allerdings schon im selben Moment den unverkennbar schweren Duft, der in der Luft hing, ein starkes, eindeutig als aufdringlich zu bezeichnendes Männerparfüm. Ihr Puls stieg unwillkürlich erneut in die Höhe. Leo würde so etwas nie benutzen. Das hatte er gar nicht nötig. Angstvoll fixierten sich ihre Augen auf den Mann neben ihr. Leo stand lässig da, wieder schlank, doch er trug einen überaus teuren Anzug, den sie noch nie zuvor gesehen hatte und den er sich auch gar nicht leisten konnte. Mit seinen zurückgegelten Haaren erinnerte er Sophie stark an einen aalglatten Geschäftsmann.
„Wir können so nicht weitermachen“, teilte er ihr gerade entschlossen mit. Seine undurchdringliche Miene verriet keinerlei Mitgefühl oder gar Betroffenheit.
Sie zog die Augenbrauen hoch. „Was meinst du?“, erkundigte sie sich unsicher und viel zu laut.
„Du läufst mir jetzt seit fast drei Jahren hinterher“, stellte Leo erbarmungslos fest.
Sophies Stimme zitterte und in ihrem Kopf drehte sich alles. „Du meinst, wir sind seit drei Jahren zusammen?“, versuchte sie die Situation zu klären.
Leo wurde ungeduldig. Er stieß gepresst hervor: „Das sind wir eben nicht.“
Sophie konnte ihm beim besten Willen nicht folgen. Sicher, sie hatten ihre Probleme, und sicher stellte sie oft zu hohe Ansprüche, aber das war doch kein Grund die Vergangenheit zu leugnen. Immerhin lebten sie in einer Wohnung. Sie resignierte. „Du willst mit mir Schluss machen?“, fragte sie ihn ungläubig, während sie dabei hysterisch die Arme empor hob.
„Himmel, Herrgott, Sophie. Ich kann nichts beenden, was nie stattgefunden hat. Du musst das endlich akzeptieren“, hörte sie ihn noch keifen, bevor sie endgültig abschaltete. Ihr Geist klinkte sich aus. Sie verstand die Welt nicht mehr. Vernünftig denkende Menschen glaubten nicht an Dinge wie diese, und sie würden sie schon gar nicht erleben. Sie war ein vernünftig denkender Mensch, oder etwa nicht? Zuerst dieser feiste Leo, dann dieser Schnösel. Vielleicht schnappte sie gerade über und das hier entsprach der Wirklichkeit. Sie wollte zu ihrem Leo zurück. Vernünftig oder nicht. Sie wollte nicht hier bleiben.
Die Fensterscheibe. Ihre Augen suchten das Leuchten. Das Leuchten, welches sie so magisch anzog. Als sie es endlich entdeckte, spürte sich auch schon die Hitze. Verzweifelt hob sie ihm ihre Hand entgegen. Sie flehte, dass es erneut funktionieren würde. Sie schwankte. Die Angst vor dem, was nun unweigerlich folgte, schnürte ihr die Kehle zu. Ihre Hände zitterten. Sie blieb abermals regungslos stehen. Wartete einfach nur.

Wieder drang Leos Stimme an ihr Ohr. „Sophie! Schatz, ist alles in Ordnung? Was ist los?“, fragte er besorgt. Sie hörte, wie er dicht hinter sie trat, roch seinen männlichen Duft und spürte dann, wie er sie von hinten liebevoll tröstend umschlang. Er zog sie fest an sich.
Zögernd drehte sie sich um, nahm allen Mut beisammen und schaute ihm direkt ins Gesicht. Da stand er: Ihr Leo, in seiner Jeans und dem stets makellosen Hemd. Seine Haare lagen selten so, wie sie sollten, aber sie würde sich nie wieder beschweren. Ihr schossen die Tränen in die Augen, während ihr vor Erleichterung schwindelig wurde.
Woraufhin Leo erschrocken zu einem Erklärungsversuch ansetzte: „Ich habe das gerade nicht so gemeint. Natürlich bist du nicht ignorant. Ich weiß gar nicht, warum ich das gesagt habe. Ich …“
Aber Sophie winkte nur ab. Das war jetzt nicht mehr wichtig. Die Anspannung fiel von ihr ab. Sie war zu Hause bei ihrem Leo. Also doch ein vernünftig denkender Mensch, oder? Noch im selben Augenblick stellte sie alles in Frage, was sie vor dem Schaufenster mit seinem seltsamen Glimmern erlebt hatte. Fiktion – Tagträumerei? Gab es eine andere Erklärung? Sie wollte keine andere Erklärung.
Alles war so, wie es sein sollte. Manchmal ging ihre Fantasie eben einfach mit ihr durch. Vorbehaltlos kuschelte sie sich an ihren Leo. Seine Arme hielten sie sicher umschlungen, während sie gemeinsam ihren Weg nach Hause fortsetzten, dabei der Straße mit den Geschäften folgten. Sie passierten den besagten Discounter, die Bäckerei und die Fahrschule. Sie lagen links von ihnen.

Letzte Aktualisierung: 20.12.2014 - 15.16 Uhr
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