Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Wen(n) wir lieben | Dezember 2014
Weihnachten in einer WG
von Hartmuth Malorny

Damals bewohnten wir ein baufÀlliges Einfamilienhaus in
einer heruntergekommenen Gegend, und da die Bagger
auch zum Ende des Jahres nicht anrĂŒckten, luden wir
einen Bekannten zum traditionellen Weihnachtsabend.
Mein Bruder und seine Verlobte, und ich und
meine Verlobte, hatten einen Karpfen (verfassungsgemĂ€ĂŸ blau) in
der Röhre, und als der Bekannte endlich an die TĂŒr
klopfte, war die HĂ€lfte der Geschichte bereits vorbei.

WĂ€hrend unsere Verlobten noch die Rezepte
studierten, tranken wir den Wein aus der Korbflasche,
der fĂŒr die Sauce vorgesehen war.
Nach Streichholzziehen und lauten Diskussionen
bewaffnete ich mich mit
einem Schlachtermesser und begrĂŒĂŸte den Fisch
im Keller, der seine letzten Runden in der
Kinderbadewanne drehte, und wie
alle Beteiligten spÀter das Massaker kommentierten,
eignete ich mich nicht zum Profikiller.
Wir schoben den Leichnam ohne Kopf und
Schwanz in den Ofen, die fĂŒrchterlichen
Stellen retuschierte meine Verlobte dezent
mit einem Bund Petersilie.
Zuerst wollte mein Bruder den Karpfen mit dem
Luftgewehr fĂŒsilieren, doch da sagte seine Verlobte:
„Stop, so geht das nicht, wir möchten kein Blei essen.“
Als unser Besuch an die TĂŒr klopfte,
empfingen wir ihn mit glÀnzenden Augen, die
uns der Wein aus der Korbflasche beschert hatte.
Nach dem Essen blieb es lustig.

Da wir den Frauen den Einkauf ĂŒberlassen hatten,
fehlte uns der 54 prozentige Rum fĂŒr die
obligatorische Feuerzangenbowle, und so stöberte
mein Bruder eine Flasche Methylalkohol
auf, und auch den Hinweis des Bekannten, der meinte,
von Methylalkohol könne man blind werden, ignorierten
wir gelassen, denn das, was wir sahen, bestand aus
zwei Dauerverlobten und einem baufÀlligen Haus.

Einen weiteren Höhepunkt des Abends bildete dann die
blÀulich zur Decke zischende Flamme, die sich bereits
(unerklÀrlicherweise) in die vergilbte Wohnzimmergardine
gefressen hatte, doch da war schon der Bekannte mit der
feuerfesten Form zur Stelle, in der sich
gut ein Liter Fischsud befand.
Was fĂŒr eine Sauerei.
Anschließend tranken wir die kalte Bowle in der
warmen KĂŒche. Dummerweise bekam unser Kumpel
Gewissensbisse, und als wir endlich mit dem Suff anfingen,
machte er es wie immer:
Eine blöde Miene zum schönen Spiel – und verschwand.

Mein Bruder und ich tranken ohne Gewissensbisse die Bowle,
den restlichen Wein und das Bier.
Irgendwann zwischen 6-7 Uhr morgens warf mir die Verlobte
meines Bruders schrÀge Blicke zu, aber es war ja nicht meine,
und so tranken wir noch die drei Flaschen Sekt leer,
die wir nach langer Suche in der Abstellkammer gefunden hatten.
(Versteckt in anderthalb Paar Stiefeln.)

DafĂŒr war es dann meine Verlobte, die mich sturzbetrunken
aus der KĂŒche in die Abstellkammer verfrachtete, und ich
merkte es erst, als mein Bruder am spÀten Nachmittag
in eben dieser Kammer nach Sekt, Wein oder Bier suchte.

Letzte Aktualisierung: 21.12.2014 - 01.04 Uhr
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