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Wen(n) wir lieben | Dezember 2014
Das Gedicht
von Martina Lange

Es schneite und schneite. Sarah saß am Fenster. Draußen wurde es allmählich immer dunkler. Selbst das Licht der Straßenlaternen verlor sich im dichten Flockengewirr. Sarahs grüne Augen verdüsterten sich und zwischen ihren zarten Brauen entstand eine steile Falte. Das geschah immer, wenn sie so angestrengt nachdachte wie gerade jetzt.
"Hey, mein Schatz, was ist los?" Ihre Mutter betrat das Zimmer. Einen Stapel frisch gebügelter Wäsche auf dem Arm. "Du machst ein Gesicht wie sieben Tage Schnee. Freu dich doch, dass die Weihnachtsferien früher beginnen." In Mamas Stimme waren lauter Weihnachtsglöckchen zu hören. Sie summte ständig Lieder und war alles in allem sehr geheimnisvoll. Sie steckte jeden mit ihrer Vorfreude an. Sarah seufzte.
"Bist du traurig wegen der ausgefallenen Weihnachtsfeier?"
Sarah zuckte unbestimmt mit den Schultern. Natürlich hatte sie sich auf ihre erste weihnachtliche Schulaufführung mit allen vier Klassen in der Sporthalle gefreut. Wochenlang war die ganze Schule mit den Proben und der Dekoration beschäftigt gewesen und nun fiel alles in den Schnee. Unwillkürlich benutzte Sarah die Sprichwörter ihrer Mama, die sogar diese immer der Jahreszeit anpasste.
"Ja, schon ein bisschen." Sarah stützte ihr Kinn in die Hände und starrte weiterhin hinaus.
Der Schnee war kaum noch wegzuschaufeln, hatte Papa gesagt. Er und Mama wechselten sich nun damit ab, ihn beiseitezuschieben.
"Was machen eigentlich die Mäuse bei so viel Schnee?" Sarahs Gedanken kehrten zum vergangenen Abend zurück.

Gerade als sie beschlossen hatte, dass eine Katzenwäsche völlig ausreichend sei, lugte ihre Mama zum Badezimmer herein.
"Vergiss die Seife nicht," zwinkerte sie ihr zu, "auch wenn die Schule ausfällt", und schloss die Tür wieder. Sarah zog eine Grimasse und langte nach dem duftenden Reinigungsutensil. Hm, die war neu und hatte die Form einer Maus mit Weihnachtsmütze. Sarah liebte Mäuse und deshalb fand man sie überall in ihrem Zimmer. Als Schmusetiere und gedruckt auf ihrem Kuschelschlafanzug.
Sie bürstete ihre langen blonden Haare, bis sie glänzten, und schlüpfte ins Schlafzimmer. Mama hielt ihr bereits die Bettdecke auf, sodass Sarah mit Anlauf ins Bett hopsen konnte. Sie schmiegte sich in die weiche Wäsche.
"Bist du so weit?"
"Ja, jetzt kann es losgehen."
Mama räusperte sich, setzte sich auf dem winzigen Kinderstuhl zurecht und holte Luft. Das tat sie immer, wenn sie Sarah etwas vorlas. Doch schon schlichen sich die Schlafläuse leise von allen Seiten an sie heran. Von ganz weit hörte sie noch die sanfte Stimme ihrer Mutter: Die Weihnachtsmaus ist sonderbar, sogar für die Gelehrten, denn einmal nur im ganzen Jahr entdeckt man ihre Fährten ...
Ob es so etwas wirklich gab? Sanft verwischten die Wörter, wärmten sie wohlig und Sarah schlief ein.


"Die Mäuse? Meinst du bestimmte? In dem Gedicht waren wohl die zweibeinigen gemeint."
"Zweibeinige?" Sarah dachte augenblicklich an Wüstenspringmäuse. Für die wäre dieses Wetter gar nichts. Ihre Sorgen wuchsen.
"Die müssen hier doch erfrieren!" Und jetzt lachte Mama auch noch.
"Nein, nicht, wenn sie Mütze, Schal und Handschuhe und eine warme Jacke tragen. Oder im Haus bleiben."
Im Haus bleiben! Genau.
Drei Tage bis Weihnachten. Und es hatte tatsächlich aufgehört zu schneien. Sarah war schon vor dem Hellwerden aufgestanden. Noch im Schlafanzug hockte sie zwischen Pappe, Stofffetzen, Bändern und Füllwatte. Konzentriert arbeitete sie mit Schere und Kleber. Viel Zeit blieb ihr nicht mehr.
Als Mama sie zum Frühstück holen wollte, schlüpfte Sarah aus dem Zimmer und zog die Tür rasch zu.
"Ab sofort ist das Zimmer für Eltern verboten." Dabei verschränkte sie die Arme und sah ihre Mama sehr streng an.
"Na gut, dann will ich mich daran halten." Sie nickte ernsthaft.
"Und sag es auch Papa. Ihr dürft hier nicht rein", betonte Sarah noch einmal.
"Ja, mache ich. Für Erwachsene tabu. Frühstück?"

Sarah blieb in ihrem Zimmer. Als die Dämmerstunde begann, klopfte Mama an die Tür, kam aber nicht herein. Sarah konnte sie davor mit Papa tuscheln und kichern hören. Als es wieder still wurde und sie die Tür einen Spalt öffnete, stand dort ein Teller mit Keksen und ein Glas Milch. Während sie sich genüsslich einen in den Mund schob, hielt sie plötzlich inne. Das war genau das, was ihr noch gefehlt hatte. Jetzt würden die Mäuse sicher im Haus bleiben. Bedächtig legte sie den Keks auf den Teller zurück.

Am nächsten Morgen huschte Sarah von Zimmer zu Zimmer und schob sich unter jeden Schrank, jedes Regal und in jede geschützte Ecke. Ihr Keksteller war nun beinah leer, als Mama plötzlich hinter ihr stand.
Sarah richtete sich hastig auf und versuchte mit dem Fuß den verdächtigen Teller unter dem Möbel verschwinden zu lassen. Nicht schnell genug.
"Sag mal Schatz, was schiebst du dort unter das Sofa?" Mama bückte sich und hielt den leeren Teller in der Hand.
"Kekse zum Frühstück? Aber wieso unter dem Sofa?"
Sarah druckste herum, aber anlügen konnte sie ihre Mama nicht.
"Für die Mäuse."
Entgeistert starrte Mama sie an. Sarah kannte den Blick der Erwachsenen, wenn sie einmal wieder gar nichts verstanden.
"Damit sie im Haus bleiben und nicht erfrieren müssen! Die zweibeinigen." Mama verstand noch immer nicht. So führte Sarah sie zu dem Haus, das sie für die Mäuse gebaut hatte. Gemütlich war es eingerichtet und erinnerte an eine Puppenstube. Und tatsächlich hatte Sarah diese zum Vorbild genommen. Bettchen mit Kissen, Tisch und Stühle. Sogar Fenster mit Gardinen und ein Kamin mit einem selbstgemalten Feuer. Stolz betrachtete sie ihr gelungenes Werk. Ja, hier könnten die Mäuse überwintern.

Mama lachte hell auf. Damit hatte Sarah überhaupt nicht gerechnet.
"Jetzt weiß ich, was du meinst. Aber mit den Mäusen in dem Gedicht sind Menschen gemeint."
Sarah war enttäuscht. Menschen. Plötzlich fand sie das Gedicht schrecklich blöd. Tränen stiegen ihr in die Augen. Die ganze Arbeit war umsonst gewesen.
"Es tut mir leid. Das Haus ist wirklich ganz, ganz toll geworden." Mama betrachtete es von allen Seiten.
Sarah konnte sich nicht über ihr Lob freuen. Finster starrte sie auf ihre Puschen. Sorgsam stellte Mama das Haus zurück an seinen Platz zwischen Wand und Regal.
"Komm mal her", sie ging in die Hocke und nahm Sarah in den Arm. "Ich finde es schön, dass du auch die kleinen Tiere so lieb hast und dich um sie sorgst. Wir lassen alles so, wie du es aufgebaut hast, und zeigen es dem Papa. Der wird sich auch darüber freuen."
Den Rest des Vormittags verbrachte sie in ihrem Zimmer, selbst Papa konnte sie nicht zu einer Schlittenfahrt überreden.
Am Tag vor Heiligabend stellten Mama und Papa den Tannenbaum auf. Langsam zog die Wärme durch die Zweige und ein frischer Duft verbreitete sich im Wohnzimmer.
"Nur gut, dass wir ihn in der Garage stehen hatten. Stellt euch vor, wir hätten ihn unter dem Schnee suchen müssen." Papa trat einige Schritte zurück und betrachtete den Baum. Ganz dicht waren die Zweige und immer noch ein wenig nach oben gebogen, von dem engen Netz, in dem er gesteckt hatte.
"Ich denke, mit dem Schmücken müssen wir noch warten", meinte Mama besorgt und breitete alte Laken unter ihm aus. "Wenn er nicht mehr tropft, dann könnten wir Sarahs Mäusehaus darunterstellen. Was meinst du dazu?"
Sarah nickte, aber noch immer war die Vorfreude nicht zurückgekehrt.

Der Abend kam, der Baum tropfte nur noch wenig und begann herrlich zu duften. Mama holte die Lichterkette und Papa die Leiter. Sarah brachte die Strohsterne und Kugeln.
"Morgen früh können wir ihn gemeinsam schmücken", verkündeten ihre Eltern zufrieden. "Was für ein schöner Baum."
Sarah musterte ihn äußerst aufmerksam. Im dichten Zweiggewirr sah sie, dass sich das Deckenlicht in zwei schwarzen Knopfaugen spiegelte.
"Ja, er ist toll", murmelte sie, und heimlich, als ihre Eltern in der Küche Kaffee tranken, legte Sarah einen großen Keks und ein paar Erdnüsse unter den Baum.
"Lass sie dir gut schmecken", flüsterte sie und verließ auf Zehenspitzen das Wohnzimmer.

"Seht euch das einmal an!" Sarahs Papa stand in der Diele und schwenkte entrüstet seinen Hausschuh.
"Wieso? Das ist dein alter Hausschuh, und?" Mama blickte ihn verständnislos an.
"Na, hier!" Papa ließ seine Finger in dem Schuh verschwinden. Aber nur kurz, denn sein Zeigefinger erschien sofort wieder an der Spitze.
"Das ist ein wirklich großes Loch. Du brauchst neue", erklärte Mama unbeeindruckt. Die Hausschuhe hatten ihre besten Zeiten wirklich schon längst hinter sich.
"Das war gestern noch nicht da", grummelte Papa. Sarah musste kichern.
"Weißt du, wer das war?", wunderte er sich und hielt Sarah den Schuh entgegen. Sie betrachtete ihn und lächelte geheimnisvoll in sich hinein, bevor sie an Papa und Mama vorbei ins Wohnzimmer ging.
"Das war bestimmt die Weihnachtsmaus."
Die Erdnüsse und der Keks waren ebenfalls verschwunden.

Letzte Aktualisierung: 19.12.2014 - 19.37 Uhr
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