Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Ziele | Januar 2015
Die letzte Chance
von Christian Rautmann

„Warum wollen Sie mich nicht zur Aufnahmeprüfung zulassen?“
Jessica bemühte sich, ruhig zu bleiben.
„Sie haben Beurteilungen meiner Klavierlehrer und ich kann Ihnen gerne etwas vorspielen. Wo ist das Problem?“
Sie spürte, dass der Mann, dem sie gegenübersaß, sich unwohl fühlte und um eine Antwort rang.
„Nun, Frau Wallowski, wissen Sie, also, na ja, Sie müssen schon verstehen, dass ein Studium an unserer Hochschule für Sie einfach nicht in Frage kommt.“
„Nun hören Sie mal. Ich erfülle alle Anforderungen. Lassen Sie mich zur Aufnahmeprüfung zu und Sie werden sehen, was ich kann.“
„Aber, wie soll das gehen? Wie wollen Sie die schriftlichen Tests ausfüllen? Notenlehre, Musiklehre? Und selbst wenn Sie das schaffen? Sie kämen am Konservatorium doch gar nicht zurecht. Wir sind auf blinde Studenten nicht eingerichtet.“
Mit sanfterer Stimme fuhr er fort: „Es tut mir wirklich leid, aber verstehen Sie das bitte. Sicher haben Sie woanders Erfolg. Ich wünsche es Ihnen. Auf Wiedersehen.“
Kurz darauf stand Jessica wieder auf dem Flur. Sie hatte Tränen in den Augen. Erneut war sie abgewiesen worden. Eine weitere Musikhochschule, die sich weigerte, sie aufzunehmen. Was wurde aus ihrem Traum, eine berühmte Konzertpianistin zu werden? Wie sollte sie ihn verwirklichen, wenn sie keine Chance bekam?
Enttäuscht trottete sie zur Bushaltestelle. Den Weg hatte sie sich vorhin gut eingeprägt.
Ihr Handy klingelte. „Hallo? Ach, Maja, du bist‘s? - Ja, bin gerade rausgekommen. - Nein, war auch nichts. Sie sind auf Blinde nicht eingerichtet, haben sie mir gesagt. Klasse, was? Ich durfte nicht mal vorspielen. - Ja, ich weiß. Jetzt habe ich nur noch eine Chance. Das musst du mir nicht extra sagen. Wenn sie mich in Dresden nicht nehmen, dann ist es aus mit der Karriere als Musikerin. - Ja, das muss klappen, aber ehrlich gesagt... - Du hast eine Idee? Erzähl!“

Drei Tage später warteten Jessica und Maja in Dresden darauf, ins Zulassungsbüro gerufen zu werden. Jessica war aufgeregt. Ob Majas Idee wirklich so gut war? Hoffentlich. Diesmal musste es einfach klappen.
Sie straffte sich, als sie hört, wie die Türe sich öffnete. „Frau Wallowski? Kommen Sie bitte?“
Jessica stand auf. Sie streckte ihre Hand in Richtung der Stimme aus. Zum Glück fühlte sie direkt den kräftigen Händedruck des Mannes.
„Müller, freut mich“, stellte er sich vor.
Maja berührte sie leicht am Rücken und schob sie durch die Türe zu einem Stuhl, auf den sie sich setzte. Jessica spürte Schweiß auf ihrer Stirn. Wie sollte sie dem Mann vorspielen, dass sie sehen konnte? Es war nur eine Frage von Sekunden, bis er es merkte und sie hinauswarf.
„Und sie sind?“, fragte der Mann Maja.
„Mein Name ist Maja Ruthmann. Jessica, äh Frau Wallowskli, hat mich gebeten, ihr ein wenig die Hand zu halten. Sie ist sehr aufgeregt, wissen Sie?“
„Na ja, üblich ist das ja nicht gerade“, sagte der Mann zögernd. Jessica hielt den Atem an.
„Aber, es ist ja nur ein erstes Eignungsgespräch. Bleiben Sie ruhig hier. Ich war damals auch sehr aufgeregt. Es hilft, wenn man jemanden an seiner Seite hat.“
Jessica atmete auf und spürte, wie Maja kurz ihren Arm drückte. Bis jetzt klappte es. Er schien nichts bemerkt zu haben.
Sie versuchte, mit ihrem Kopf den Geräuschen zu folgen, die der Mann machte. Offensichtlich saß er ihr gegenüber an einem Schreibtisch. Sie hörte das Klappern einer Tastatur. Dann blätterte er in einem Buch oder einem Ordner.
Ob er sie ansah? Sie trug extra eine Sonnenbrille, damit man ihre Augen nicht sehen konnte. Zum Glück war es Sommer. Da fiel es nicht so auf.
„Nun erzählen Sie mal etwas von sich. Wie lange spielen Sie schon Klavier? Und warum möchten Sie hier an der Musikhochschule studieren?“
Die Antworten auf die Frage fielen Jessica nicht schwer. Sie hatte sich gut vorbereitet und war zufrieden mit sich, als sie ihr Vorstellung beendet hatte.
„Das klingt sehr interessant, Frau Wallowski. Die Musik und das Klavier scheinen ja wirklich Ihre große Liebe zu sein. Und Ihre bisherigen Beurteilungen sprechen auch sehr für Ihre Kenntnisse und Ihr Talent.“
„Das freut mich“, sagte Jessica.
Das lief gut. So weit war sie noch nie gekommen. Das musste einfach klappen. Bitte, lass jetzt nichts schiefgehen.
„Ja, dann beantworten Sie doch bitte die Fragen auf diesen beiden Bögen. Es sind nur ein paar Testaufgaben zur allgemeinen Musik- und Notenlehre. Ähnliches erwartet sie dann auch in der Aufnahmeprüfung. Allerdings etwas ausführlicher. Nehmen Sie bitte die Bögen. Sie können sich dort an den Tisch setzen. Da liegt auch ein Stift.“
Mist! Was nun? Das war‘s. Gleich fliegen wir raus. Jessica wurde übel.
„Darf ich mal schauen, wie so etwas aussieht?“, sagte Maja. „Was musst du denn da ausfüllen?“
Jessica hörte es Rascheln. Offenbar hatte Maja die Aufgabenblätter an sich genommen. Sie spürte ihre Hand auf der Schulter.
„Komm schon, das kannst du doch leicht“, sagte Maja und schob Jessica zu dem Tisch, wo sie ihr einen Stift in die Hand drückt.
„Aber ...“, begann Jessica.
„Tu erst mal so, als würdest du schreiben. Mir fällt schon etwas ein.“, flüsterte Maja. - „Ach, Herr Müller. Das sind aber interessante Instrumente da an der Wand? Können Sie mir sagen, was das alles ist?“
Jessica hörte, wie Herr Müller Maja die Instrumente erklärte. Sie fühlte das Papier vor sich. Wie sollte sie Fragen beantworten, die sie nicht sehen konnte?
Sie versuchte trotzdem, konzentriert zu wirken und wenigstens so zu tun, als würde sie schreiben. Hoffentlich hatte Maja wirklich eine Idee.
Maja schien sich gut mit Herrn Müller zu verstehen. Immer wieder hörte sie die beiden lachen.
„Möchtest du auch eine Tasse Kaffee, Jessica?“
Bevor sie ablehnen konnten, spürte sie ihre Freundin neben sich. „
„Rutsch etwas zur Seite“, flüsterte sie. Dann laut: „Hier, ich stelle dir die Tasse auf den, ... Ach du meine Güte! Jetzt habe ich den Kaffee auf Deine Blätter geschüttet.“
Erneut hörte Jessica ein Rascheln. „Nein, nichts mehr zu erkennen. Das tut mir sehr leid. Das kann nur noch in den Müll.“
Papier wurde zerknüllt und landete offenbar im Papierkorb.
„Ach, wie ärgerlich“, sagte Herr Müller. „So ein Pech. War denn wirklich gar nichts mehr zu erkennen, Frau Ruthmann?“
„Nein, leider. Alles voll mit Kaffee. Es tut mir sehr leid.“
Jessica musste sich beherrschen, um nicht loszulachen. Maja war unglaublich. Vorsichtig fragte sie: „Soll ich den Test nochmal ausfüllen?“
„Äh. Na ja. Ach, lassen wir das. Ich denke, das wird nicht nötig sein. Aber spielen Sie mir doch bitte etwas auf dem Klavier vor.“
Als sie die vertrauten Tasten berührte und den Klang der Musik hörte, fühlte Jessica sich frei und sicher. Sie spielte Stücke von Beethoven und Mozart, ein Präludium von Chopin und improvisierte ein Jazzstück. Wie immer, wenn sie am Klavier saß, hatte sie das Gefühl, sie könne endlos weiterspielen. Aber als Herr Müller und Maja schließlich klatschten, hörte sie auf und wandte sich den beiden zu. In ihrem Inneren stieg eine wilde Party. Sie hatte es geschafft. Sie würde zur Prüfung zugelassen werden. Und die würde sie irgendwie bestehen. Unglaublich. Sie hätte laut singen können.
Überschwänglich sprang sie auf, um sich zu verbeugen. Doch als sie aus der Klavierbank trat, stieß ihr Fuß an einen Widerstand. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin. Schnell versuchte sie, sich wieder aufzurappeln. Sie fasste sich ins Gesicht. Die Sonnenbrille war weg. Ohne weiter nachzudenken, tastete sie den Boden danach ab. Wo war das dumme Ding nur?
„Frau Wallowski?“, hörte sie die Stimme von Herrn Müller. „Die Brille liegt direkt vor Ihnen. Sehen Sie sie denn nicht?“
„Hier ist sie Jessica.“ Maja half ihr auf die Beine und gab ihr die Brille.
„Sehen Sie mich bitte mal an“, sagte Herr Müller. Stille. „Haben Sie mir vielleicht etwas zu sagen?“
„Ach, das ist nichts ...“, begann Maja, doch Jessica unterbrach sie.
„Doch, es ist etwas. Jetzt ist Schluss damit. Ich bin blind, Herr Müller. Ich kann nichts sehen. Von Geburt an. Aber ich möchte hier studieren. Und ich möchte Konzertpianistin werden. Daher habe ich versucht, Ihnen die Sehende vorzuspielen. Es tut mir leid. Komme Maja, wir gehen.“
„Warten Sie. So leicht kommen Sie mir nicht davon.“
Jessica wandte sich wieder Herrn Müller zu. An ihrem Arm spürte sie Majas Hand. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Mich so hinters Licht zu führen“, schimpfte Herr Müller. „Das ist unglaublich. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Sie haben beide wirklich Talent als Schauspielerinnen. Dabei hätte ich mich fragen sollen, weshalb Ihre Freundin sie immer führt. Aber das fällt mir erst jetzt auf.“
„Hören Sie, ...“, begann Maja.
„Nein“, unterbrach Herr Müller sie, „was Sie beide versucht haben, ist unglaublich. Und das alles, um einen Studienplatz bei uns zu bekommen.“
Er schwieg für einen Moment, bevor er ruhiger fortfuhr: „Unglaublich war aber auch Ihr Klavierspiel, Frau Wallowski. Daher möchte ich Sie trotz allem zu unserer Aufnahmeprüfung einladen. Ich bin sicher, wir finden einen Weg, wie Sie daran teilnehmen können.“
Jessica konnte nicht glauben, was sie da hörte. Fassungslos stammelte sie nur leise ‚Danke‘. Erneut füllten sich ihre Augen mit Tränen. Diesmal kamen sie vor Freude. Dann fiel ihr Maja lachend um den Hals.



21.01.2015 - Version 2

Letzte Aktualisierung: 22.01.2015 - 07.45 Uhr
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