Schreib-Lust Print
Schreib-Lust Print
Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Barbara Hennermann IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Ziele | Januar 2015
Die roten Schuhe
von Barbara Hennermann

Staubteilchen tanzten aufgeregt in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne, die sich ihren Weg durch die schr├Ąge Dachluke bahnten. Astrid schleppte sich die letzten Zentimeter der steilen Holztreppe hinauf und lie├č sich schwer schnaufend auf einem wackeligen Stuhl nieder. Verdammt, die zunehmende Last der Lebensjahre bildete mit dem angesammelten ├ťbergewicht eine schlechte Kombination f├╝r derartige Unternehmungen! Noch nie, seit sie das Haus von den Eltern geerbt hatte, war sie hier heraufgestiegen.
Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, das neue Jahr gleich mit irgendwelchen Vors├Ątzen zu beginnen ... Aber jetzt war sie hier und konnte genauso gut weitermachen.
Sie tastete nach dem Lichtschalter. Immerhin, das Licht funktionierte noch! Ach, und dort dr├╝ben, der sorgf├Ąltig abgedeckte Stapel, da mussten sie sein. ÔÇ×SieÔÇť, das waren die graugr├╝nen Gummistiefel ihrer Mutter, die hier wohl seit Jahren lagerten. ÔÇťBesser mit schie├čgegrieselten Gummistiefeln drau├čen rote Backen bekommen als drinnen mit blauen Seidenschl├Ąppchen am Sofa verk├╝mmern.ÔÇť Astrid erinnerte sich genau an den Lieblingsspruch der Mutter. Sie grinste und zog die Decke von dem Stapel. Eine Staubwolke vernebelte ihr kurzzeitig die Sicht auf die sauber gestapelten Schuhkartons. Astrid nieste laut. Oje, das waren viel mehr, als sie erwartet hatte! Nun w├╝rde sie wohl alle durchsuchen m├╝ssen ...
Ihr Neujahrsvorsatz ging ihr durch den Kopf: Bewegung, Bewegung, Bewegung. Sie zweifelte bereits jetzt daran, ob er sinnvoll war. Per se nat├╝rlich schon, aber f├╝r sie? Immerhin kannte sie sich schon ein paar J├Ąhrchen, nicht wahr? Und wusste um das Verfallsdatum ihrer guten Vors├Ątze ... ÔÇťVors├Ątze sollte man nur in hom├Âopathischen Dosen verabreichen, damit sie einen nicht erschlagen.ÔÇť Noch so ein schlauer Spruch von Mama. Astrid strich in Gedanken zweimal ÔÇ×BewegungÔÇť. Steigern lie├č sich das ja noch nach, nun ja, Lust und Laune ...
Trotzdem mussten jetzt die Gummistiefel her. Da, ganz unten in dem Stapel, der gro├če Karton k├Ânnte es sein!
Sie zog ihn langsam heraus in der Hoffnung, der Rest des Stapels m├Âge Stabilit├Ąt beweisen. Wie meist erwies sich die Hoffnung als tr├╝gerisch und die sauber gestapelten Kartons polterten wild durcheinander. Wenigstens hatte sie richtig gew├Ąhlt und tats├Ąchlich die Gummistiefel ergattert. Sch├Ân waren sie beileibe nicht, aber n├╝tzlich! Sie warf sie zur weiteren Verwendung die Holzstiege hinunter. Der Gedanke, dass sie selbst auch in K├╝rze diesen Weg w├╝rde nehmen m├╝ssen, wenn auch nat├╝rlich hoffentlich nicht ganz so ungeordnet, verursachte ihr schon in der Vorschau ein unbehagliches Magengrummeln.
Doch so weit war es noch nicht.
Wer war das gleich nochmal gewesen mit dem Haufen Schuhe? Richtig, Till Eulenspiegel. Astrid schniefte. So eine Narrenkappe w├Ąre das Schlechteste nicht, entband sie einen doch von den kleinlichen Allt├Ąglichkeiten wie Aufr├Ąumen und ├Ąhnlichem.
M├╝hsam b├╝ckte Astrid sich, um das Chaos zu entwirren. Du liebe G├╝te, das waren ja nicht nur Mamas Schuhe! Ein paar bunte Pant├Âffelchen, wie aus TausendundeinerNacht entlaufen, rollten aus einem Karton. Sie hatte sie geliebt und so lange getragen, bis die Stickereien sich aufl├Âsten. Selbst dann hatte sie es nicht fertig gebracht, sie in den M├╝ll zu werfen. Mutter hatte sie wohl f├╝r sie hier oben deponiert. Astrid bettete die Schl├Ąppchen liebevoll in den Karton zur├╝ck. Sollten sie ihren wohlverdienten Ruhestand ruhig weiter genie├čen!
Angesichts der wirren Schuhsammlung beschlich Astrid der Gedanke, dass sie in K├╝rze eine Entscheidung w├╝rde treffen m├╝ssen: Alles wieder ordentlich einr├Ąumen und stapeln. Oder mit der Decke des Vergessens zudecken und wieder nach unten steigen.
Ein kurzer Blick in Richtung Holzstiege machte ihr die Entscheidung leicht: So etwas Dummes, sie hatte vor dem Heraufsteigen vergessen, unten das Licht anzuschalten! Bedrohlich schlich die Dunkelheit sich durch die offenen Stufen, was ihr den Abstieg nicht leichter machen w├╝rde. Genau genommen g├Ąhnte ihr da ein schwarzes Loch entgegen ... Zudem wurde es hier oben langsam empfindlich k├╝hl.
Astrid schob mit einer raschen Bewegung die Schuhe zusammen.

Nein, das gab┬┤s doch nicht! Da leuchteten doch ... Tats├Ąchlich. Selbst im tr├╝ben Licht der einsamen Gl├╝hbirne funkelte der rote Satin wie H├Âllenfeuer. Mein Gott, nach drei├čig Jahren noch! Wertarbeit. Yves Saint Laurent. S├╝ndhaft teuer schon damals.
Astrid schluckte, nahm einen Schuh, strich mit dem Zeigefinger behutsam ├╝ber die rote K├Âstlichkeit, von der Spitze zur hoch gew├Âlbten Ferse, hinunter ├╝ber den edlen Zehnzentimertabsatz, ├╝ber das glatte Leder der Innenw├Âlbung zur├╝ck zur Spitze ÔÇô ein absolut sinnliches Erlebnis, auch jetzt noch ...
Genau genommen waren das gar keine Schuhe im eigentlichen Sinn. Schon immer waren sie die pure Erotik gewesen und genau deswegen hatte sie sie seinerzeit auch gekauft. Fast ein halbes Monatsgehalt war daf├╝r drauf gegangen, wie sie sich jetzt wieder erinnerte.
Das macht man nat├╝rlich nicht so, nicht grundlos ...


Ein Bild von einem Mann war er gewesen. Breit, gro├č, muskul├Âs. Wilder schwarzer Haarschopf, graugr├╝ne Augen. Wortgewandt. Dazu ein ausgezeichneter T├Ąnzer. Neben ihm und in den roten Schuhen pulsierte das Leben in Astrid ÔÇô sie war jung, sie war sch├Ân, sie wurde begehrt.
Selbst jetzt noch sp├╝rte sie diese Hitze, diesen Anflug von Verruchtheit, als sie die Schuhe in der Hand hielt.
Nat├╝rlich war es ein entsetzlicher Schlag f├╝r sie, als er ihr nach f├╝nf Wochen ein Portraitbild seiner Frau mit dem Neugeborenen zeigte und meinte, Astrid w├╝rde sicher Verst├Ąndnis haben, wenn sie sich in Zukunft nicht mehr so h├Ąufig w├╝rden sehen k├Ânnen. Er h├Ątte ja dem Kind gegen├╝ber auch eine gewisse Verantwortung. Astrid fiel aus allen Wolken und aus den roten Schuhen, die sie seitdem nie mehr getragen hatte.
ÔÇťM├Ąnner sind Schweine, mein Kind.ÔÇť Ach, Mama! Es hatte nachgewirkt. Das Misstrauen sa├č fest in Astrid. Nur keine Bindung mehr, keine H├Âhenfl├╝ge! Keine Entt├Ąuschung ...

Aber das war drei├čig Jahre her.
Die Schuhe sahen aus wie neu, noch immer.
Astrid blickte zur Treppe. ÔÇťManchmal ist ein Abstieg auch ein Aufstieg.ÔÇť Warum hatte ihre Mutter die Schuhe wohl hier aufgehoben? Damit sie sie irgendwann wieder finden sollte? Ach was, sicher aus Sparsamkeit, weil sie ÔÇ×noch gutÔÇť waren.

Samtene Dunkelheit h├╝llte die Holzstiege ein wie eine weiche Decke. Verhei├čungsvoll stieg W├Ąrme von unten herauf.
Astrid stopfte die roten Schuhe unter den Pullover und begann r├╝ckw├Ąrts den Abstieg. Unten angekommen knipste sie das Licht an und lie├č die Holzstiege nach oben klappen. Die Gummistiefel kickte sie mit dem Fu├č achtlos zur Seite.
Sie holte sich ein Glas Rotwein und fuhr den Rechner hoch.
Es war nicht ganz einfach, die F├╝├če in die roten Schuhe zu zw├Ąngen. Doch das war nebens├Ąchlich, denn bequem waren sie noch nie gewesen.
Ihre Zehen, ihre Fersen signalisierten ihr: Du lebst! Du bist da!
Astrid sp├╝rte das Blut in ihren Adern pulsieren, das Rauschen in ihren Ohren: Es ist noch lange nicht vorbei!
Sie rief die bekannte Seite auf: ÔÇ×Et c┬┤est parti!ÔÇť
Loggte sich ein.
Betrat den Chatroom.
Sah, e r war wieder da.
Sie zog die Schuhe aus und stellte sie neben den Rechner.

Ab heute w├╝rde alles anders werden!


01/2015 V3 hb

Letzte Aktualisierung: 26.01.2015 - 20.33 Uhr
Dieser Text enthńlt 7372 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2024 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.