Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Ziele | Januar 2015
Die roten Schuhe
von Barbara Hennermann

Staubteilchen tanzten aufgeregt in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne, die sich ihren Weg durch die schräge Dachluke bahnten. Astrid schleppte sich die letzten Zentimeter der steilen Holztreppe hinauf und ließ sich schwer schnaufend auf einem wackeligen Stuhl nieder. Verdammt, die zunehmende Last der Lebensjahre bildete mit dem angesammelten Übergewicht eine schlechte Kombination für derartige Unternehmungen! Noch nie, seit sie das Haus von den Eltern geerbt hatte, war sie hier heraufgestiegen.
Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, das neue Jahr gleich mit irgendwelchen Vorsätzen zu beginnen ... Aber jetzt war sie hier und konnte genauso gut weitermachen.
Sie tastete nach dem Lichtschalter. Immerhin, das Licht funktionierte noch! Ach, und dort drüben, der sorgfältig abgedeckte Stapel, da mussten sie sein. „Sie“, das waren die graugrünen Gummistiefel ihrer Mutter, die hier wohl seit Jahren lagerten. “Besser mit schießgegrieselten Gummistiefeln draußen rote Backen bekommen als drinnen mit blauen Seidenschläppchen am Sofa verkümmern.“ Astrid erinnerte sich genau an den Lieblingsspruch der Mutter. Sie grinste und zog die Decke von dem Stapel. Eine Staubwolke vernebelte ihr kurzzeitig die Sicht auf die sauber gestapelten Schuhkartons. Astrid nieste laut. Oje, das waren viel mehr, als sie erwartet hatte! Nun würde sie wohl alle durchsuchen müssen ...
Ihr Neujahrsvorsatz ging ihr durch den Kopf: Bewegung, Bewegung, Bewegung. Sie zweifelte bereits jetzt daran, ob er sinnvoll war. Per se natürlich schon, aber für sie? Immerhin kannte sie sich schon ein paar Jährchen, nicht wahr? Und wusste um das Verfallsdatum ihrer guten Vorsätze ... “Vorsätze sollte man nur in homöopathischen Dosen verabreichen, damit sie einen nicht erschlagen.“ Noch so ein schlauer Spruch von Mama. Astrid strich in Gedanken zweimal „Bewegung“. Steigern ließ sich das ja noch nach, nun ja, Lust und Laune ...
Trotzdem mussten jetzt die Gummistiefel her. Da, ganz unten in dem Stapel, der große Karton könnte es sein!
Sie zog ihn langsam heraus in der Hoffnung, der Rest des Stapels möge Stabilität beweisen. Wie meist erwies sich die Hoffnung als trügerisch und die sauber gestapelten Kartons polterten wild durcheinander. Wenigstens hatte sie richtig gewählt und tatsächlich die Gummistiefel ergattert. Schön waren sie beileibe nicht, aber nützlich! Sie warf sie zur weiteren Verwendung die Holzstiege hinunter. Der Gedanke, dass sie selbst auch in Kürze diesen Weg würde nehmen müssen, wenn auch natürlich hoffentlich nicht ganz so ungeordnet, verursachte ihr schon in der Vorschau ein unbehagliches Magengrummeln.
Doch so weit war es noch nicht.
Wer war das gleich nochmal gewesen mit dem Haufen Schuhe? Richtig, Till Eulenspiegel. Astrid schniefte. So eine Narrenkappe wäre das Schlechteste nicht, entband sie einen doch von den kleinlichen Alltäglichkeiten wie Aufräumen und ähnlichem.
Mühsam bückte Astrid sich, um das Chaos zu entwirren. Du liebe Güte, das waren ja nicht nur Mamas Schuhe! Ein paar bunte Pantöffelchen, wie aus TausendundeinerNacht entlaufen, rollten aus einem Karton. Sie hatte sie geliebt und so lange getragen, bis die Stickereien sich auflösten. Selbst dann hatte sie es nicht fertig gebracht, sie in den Müll zu werfen. Mutter hatte sie wohl für sie hier oben deponiert. Astrid bettete die Schläppchen liebevoll in den Karton zurück. Sollten sie ihren wohlverdienten Ruhestand ruhig weiter genießen!
Angesichts der wirren Schuhsammlung beschlich Astrid der Gedanke, dass sie in Kürze eine Entscheidung würde treffen müssen: Alles wieder ordentlich einräumen und stapeln. Oder mit der Decke des Vergessens zudecken und wieder nach unten steigen.
Ein kurzer Blick in Richtung Holzstiege machte ihr die Entscheidung leicht: So etwas Dummes, sie hatte vor dem Heraufsteigen vergessen, unten das Licht anzuschalten! Bedrohlich schlich die Dunkelheit sich durch die offenen Stufen, was ihr den Abstieg nicht leichter machen würde. Genau genommen gähnte ihr da ein schwarzes Loch entgegen ... Zudem wurde es hier oben langsam empfindlich kühl.
Astrid schob mit einer raschen Bewegung die Schuhe zusammen.

Nein, das gab´s doch nicht! Da leuchteten doch ... Tatsächlich. Selbst im trüben Licht der einsamen Glühbirne funkelte der rote Satin wie Höllenfeuer. Mein Gott, nach dreißig Jahren noch! Wertarbeit. Yves Saint Laurent. Sündhaft teuer schon damals.
Astrid schluckte, nahm einen Schuh, strich mit dem Zeigefinger behutsam über die rote Köstlichkeit, von der Spitze zur hoch gewölbten Ferse, hinunter über den edlen Zehnzentimertabsatz, über das glatte Leder der Innenwölbung zurück zur Spitze – ein absolut sinnliches Erlebnis, auch jetzt noch ...
Genau genommen waren das gar keine Schuhe im eigentlichen Sinn. Schon immer waren sie die pure Erotik gewesen und genau deswegen hatte sie sie seinerzeit auch gekauft. Fast ein halbes Monatsgehalt war dafür drauf gegangen, wie sie sich jetzt wieder erinnerte.
Das macht man natürlich nicht so, nicht grundlos ...


Ein Bild von einem Mann war er gewesen. Breit, groß, muskulös. Wilder schwarzer Haarschopf, graugrüne Augen. Wortgewandt. Dazu ein ausgezeichneter Tänzer. Neben ihm und in den roten Schuhen pulsierte das Leben in Astrid – sie war jung, sie war schön, sie wurde begehrt.
Selbst jetzt noch spürte sie diese Hitze, diesen Anflug von Verruchtheit, als sie die Schuhe in der Hand hielt.
Natürlich war es ein entsetzlicher Schlag für sie, als er ihr nach fünf Wochen ein Portraitbild seiner Frau mit dem Neugeborenen zeigte und meinte, Astrid würde sicher Verständnis haben, wenn sie sich in Zukunft nicht mehr so häufig würden sehen können. Er hätte ja dem Kind gegenüber auch eine gewisse Verantwortung. Astrid fiel aus allen Wolken und aus den roten Schuhen, die sie seitdem nie mehr getragen hatte.
“Männer sind Schweine, mein Kind.“ Ach, Mama! Es hatte nachgewirkt. Das Misstrauen saß fest in Astrid. Nur keine Bindung mehr, keine Höhenflüge! Keine Enttäuschung ...

Aber das war dreißig Jahre her.
Die Schuhe sahen aus wie neu, noch immer.
Astrid blickte zur Treppe. “Manchmal ist ein Abstieg auch ein Aufstieg.“ Warum hatte ihre Mutter die Schuhe wohl hier aufgehoben? Damit sie sie irgendwann wieder finden sollte? Ach was, sicher aus Sparsamkeit, weil sie „noch gut“ waren.

Samtene Dunkelheit hüllte die Holzstiege ein wie eine weiche Decke. Verheißungsvoll stieg Wärme von unten herauf.
Astrid stopfte die roten Schuhe unter den Pullover und begann rückwärts den Abstieg. Unten angekommen knipste sie das Licht an und ließ die Holzstiege nach oben klappen. Die Gummistiefel kickte sie mit dem Fuß achtlos zur Seite.
Sie holte sich ein Glas Rotwein und fuhr den Rechner hoch.
Es war nicht ganz einfach, die Füße in die roten Schuhe zu zwängen. Doch das war nebensächlich, denn bequem waren sie noch nie gewesen.
Ihre Zehen, ihre Fersen signalisierten ihr: Du lebst! Du bist da!
Astrid spürte das Blut in ihren Adern pulsieren, das Rauschen in ihren Ohren: Es ist noch lange nicht vorbei!
Sie rief die bekannte Seite auf: „Et c´est parti!“
Loggte sich ein.
Betrat den Chatroom.
Sah, e r war wieder da.
Sie zog die Schuhe aus und stellte sie neben den Rechner.

Ab heute würde alles anders werden!


01/2015 V3 hb

Letzte Aktualisierung: 26.01.2015 - 20.33 Uhr
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