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Ziele | Januar 2015
Befehlsgewalt
von Ingo Pietsch

Es schüttete wie aus Eimern. Dazu gesellte sich ein eisiger Wind.
Der perfekte Tag für einen Fünfkilometermarsch der neuen Rekruten.
Gustav Ammeling lag bäuchlings im Schlamm. Er zitterte vor Kälte und kam aus eigener Kraft nicht mehr hoch, da ihn sein Gepäck nach unten drückte.
Neben ihm kniete Feldwebel Möller. Ihm schien das Wetter nicht im Geringsten etwas auszumachen.
Rainer Scharnhorst, Gustavs Freund, war im Begriff, ihm aufzuhelfen.
„Scharnhorst, Sie bleiben da stehen!“, schrie der Feldwebel durch den Sturm und machte eine entsprechende Geste.
Demonstrativ flüsterte Möller in Gustavs Ohr, damit er begriff, dass es nur ihm galt, was er zu sagen hatte: „Los, du Weichei! Heb` deinen Hintern und mach hinne. Oder willst du die anderen enttäuschen?“
Gustav sah in die grimmigen Gesichter seiner Kameraden.
Mühsam stemmte er sich hoch.
„Na geht doch!“, rief Möller den anderen zu. „Alle wieder in Zweierreihen und dann ab nach Hause. Der letzte bekommt kein Abendessen!“, fügte er mit einem scharfen Blick auf Gustav hinzu.

Mit knurrendem Magen und unter großen Schmerzen versuchte Gustav sich die Stiefel auszuziehen.
Schon das Aufschnüren tat in den halb gefrorenen Fingern weh. Und schon ein leichtes Ziehen am Hacken jeden Stiefels kündete aufgeplatzte Blasen an.
Gustav warf sich rücklings auf sein Bett.
Rainer gesellte sich zu ihm: „Du musst dich fertigmachen, der Feldwebel kommt gleich zur Inspektion!“
„Ich kann nicht“, wimmerte Gustav.
„Ich helfe dir!“ Mit einem Ruck hatte er den ersten Stiefel samt Socke abgezogen.
Gustav schrie so laut, dass man es wahrscheinlich durch die ganze Kaserne hörte.
Die ganze Ferse schien ein rohes Stück Fleisch zu sein.
„Jetzt den anderen noch.“
Gustav drehte sich weg.
Die Tür sprang auf. Augenblicklich standen die Rekruten wie eine Eins - bis auf Gustav.
„Was ist das für ein Lärm?“, fragte Feldwebel Möller.
Ein Kamerad nickte zu Gustav.
„Noch nicht fertig, Ammeling?“, wollte Möller wissen.
„Ich bin verletzt“, sagte Gustav.
„Wo denn?“
„Hier“, Gustav zeigte ihm die Fleischwunde.
„Na dann. Stiefel an und im Dauerlauf ab zum Sanitäter.“
Gustav riss die Augen auf und rührte sich nicht.
„Auf die andere Seite des Geländes. Sofort!“ , brüllte Möller.

Am nächsten Tag bei der Waffenausgabe wurden sie in Gruppen eingeteilt.
Gustav kam zur Paintball-Übungseinheit und Rainer zu denen, die zum Schießübungsplatz sollten.
„Für die Paintballübungen benutzen wir diese Repliken der echten Gewehre. Sie unterscheiden sich weder vom Äußeren noch vom Gewicht von den echten. Der einzige auf Anhieb erkennbare Unterschied sind die farbig gekennzeichneten Magazine“, erklärte Feldwebel Möller. „Wie die Gewehre funktionieren, haben wir oft genug geübt.“
Nachdem alle ihre Gewehre erhalten hatten, klopfte Rainer Gustav noch einmal auf die Schulter und sie verabschiedeten sich.

Der Sanitäter hatte gute Arbeit geleistet: Gustav spürte die Schmerzen in seinen Hacken kaum noch und die neuen Stiefel passten wie angegossen. Das, mit dem In-die-Stiefel-pinkeln, damit sie besser passten, war doch eher ein Mythos.
„Rekruten und Mädels“, Möller nickte in Gustavs Richtung. „Wir teilen uns in zwei Gruppen. Ich führe Gruppe eins an. Ziel ist, die gegnerische Flagge zu erobern. Das kennt ihr sicher alle aus euren Videospielen.“ Der Feldwebel entsicherte seine Waffe und schoss wahllos auf einen Rekruten. Ein roter Farbfleck breitete sich auf dessen Brust aus. „Wer getroffen wurde, ist tot und scheidet aus. Du bist schon mal raus.“
Der erschossene Rekrut senkte den Kopf und machte sich auf den Weg zur Kaserne.
„Und los!“

Die Teams rannten in entgegengesetzte Richtungen.
Das Gelände war mit Bäumen und Büschen zugewachsen. Ab und zu gab es einen Hügel, hinter dem man sich verstecken konnte.
Gustavs Teamführer unterteilte sie nochmals in kleinere Gruppen. Gustav bildete die Nachhut, da er nicht so schnell laufen konnte.
Ein Pfiff erscholl und alle liefen los.
Beim Rennen schmerzten Gustavs Füße dann doch wieder und musste langsamer machen.
Von überallher zischte es.
Gustav beobachtete vom Rand des Schlachtfeldes, wie getroffne Kameraden das Gelände verließen.
Von einer Deckung zur nächsten pirschte er sich an den Feldwebel heran, der einsam auf einer Anhöhe stand und vor der Fahne patrouillierte.
Gustav schaltete sein Gewehr auf Dauerfeuer und sprang mit einem Satz auf die Lichtung.
Feldwebel Möller drehte sich zu ihm herum. Er hatte seine Waffe auf den Boden gerichtet, als erwartete er, dass Gustav nicht abdrücken würde.
„Na, Ammeling, traust du dich nicht, zu schießen?“, verhöhnte ihn der Soldat.
„Ich, ich“, stammelte Gustav. Der Lauf begann zu zittern.
„Du Memme! Ich warne dich: Wenn du auch nur einmal auf mich schießt, mache ich dir das Leben zur Hölle!“ Möller lachte laut auf.
Gustav vergaß alles um sich herum: Mit aufgestauter Wut riss er die Waffe vor sein Gesicht, zielte, drückte ab und schoss, bis das Magazin leer war.
Rote Flecken breiteten sich auf der Brust des Feldwebels aus, das Grinsen auf seinem Gesicht erstarb und er fiel rücklings um.
Gustav war es egal, was der Feldwebel nachher mit ihm anstellen würde.

Zeitgleich lag Rainer auf einem Haufen Sandsäcke und zielte mit seinem Gewehr auf eine Pappfigur. Er trug einen Hörschutz und konzentrierte sich. Bei den letzten Schießübungen waren ihm immer heiße Patronenhülsen ins Gesicht geflogen und er hatte sich leichte Verbrennungen zugezogen.
Kimme – Korn – Abdrücken.
Es gab einen kaum merklichen Rückstoß.
Rainer sah nach vorne: Statt eines Loches prangte auf Herzhöhe ein roter Farbfleck auf der Pappfigur.
Rainer musterte sein Gewehr, als ein Soldat schreiend angerannt kam und wild mit den Armen wedelte: „Stoppt sofort sämtliche Übungen!“
Alle sahen ihn fragend an.
Der Mann musste erst einmal Luft holen: „In der Waffenausgabe sind möglicherweise Gewehre vertauscht und falsch markiert worden. Ich muss noch weiter zum Paintball-Gruppe.“
Doch schon erklang aus Richtung des anderen Übungsplatzes das Rattern eines Maschinengewehrs …

Letzte Aktualisierung: 25.01.2015 - 12.33 Uhr
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