Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Ziele | Januar 2015
Einmal im Leben
von Suse Schroeder

Die Zeiger sprangen einen Satz nach vorn und mit der nĂ€chsten Sekunde zu weit zurĂŒck, wodurch Unsicherheit ĂŒber die tatsĂ€chliche Zeit bestand. Die Anwesenden blickten sich an und die Abwesenden bekamen sowieso nichts mit.
„Nun dann“, rief einer der Lauten, „Prosit und was man sonst noch so sagt!“ Jana wendete sich ab vom GelĂ€rm, wissend, dass nur Loser und Loserinnen NeujahresvorsĂ€tze festschrieben; so besagte es der aktuelle Trend in den Medien. Die Haltung der Anwesenden kannte Jana nicht, weswegen sie unsicher war: mitmischen oder verheimlichen, das waren ihre beiden Optionen.
Sie entschied sich fĂŒr GeheimniskrĂ€merei, die sie vorbereitet sein ließ, falls es Not tat. Leise schloss sie die BadtĂŒr hinter sich und ließ sich auf den Klodeckel sinken. Mit zitternden HĂ€nden hielt sie einen Stift auf das oberste Blatt eines Notizblocks und hörte in sich hinein. Leere vernahm sie. In letzter Zeit war sie entscheidungsmĂŒde geworden. Schon morgens fiel ihr die Wahl zwischen Grau- und Weißbrot schwer. Mittlerweile hatte sie eine ausgewachsene Abneigung gegenĂŒber Wahlmöglichkeiten entwickelt. Sie schrieb wenig ĂŒberzeugt: „Ich möchte mich weniger entscheiden mĂŒssen.“ Mit hochgezogener Augenbraue, die an ihren Haaransatz stieß, riss sie den Zettel vom Block, zerknĂŒllte ihn und warf ihn angewidert in den BadmĂŒlleimer. Beim ausversehenen Blick hinein sah sie andere zerknĂŒllte Zettel. Mit spitzen Fingern entnahm sie dem Eimer die oben aufliegenden.
„Ich möchte leichter sein“, las Jana und grinste.
„Das wird mein Jahr!!!“. DarĂŒber lachte Jana ein kehliges Lachen.
„Ich möchte Wollen!“ Jana durchzuckte es. In diesen drei Wörtern steckte etwas, was Jana in eine euphorische Stimmung versetzte. „Ja“, entfuhr es ihr, „ja!“. Nun musste sie nur noch herausfinden, was sie wollte. Sie hörte noch einmal in sich hinein, ganz tief und Ruhe bewahrend. Da blitzte ein noch nie gedachter Gedanke in ihr auf, eine richtige Schnapsidee. In ihrer Sektlaune schrieb Jana: „Ich möchte diesjĂ€hrige Kartoffelkönigin von Bad DĂŒben werden.“ Der Zettel zerriss unter dem Stift, den sie mit solcher Vehemenz aufdrĂŒckte, dass die Mine sich bog. Mit einem Grinsen, das sich in ihr Gesicht geschnitzt zu haben schien, spĂŒlte sie und verließ das Badezimmer und kurz darauf die Party.
Die anderen waren ihr mit ihren aufdringlichen Fragen und Blicken unangenehm auf die Pelle gekrochen, dachte Jana wĂ€hrend sie sich noch einen Piccolo gönnte. Auf ihrem KĂŒchentisch breitete sie A3 BlĂ€tter und farbige Stifte aus und begann ein sektgelauntes Brainstorming zu ihrem Jahresziel. Sie schrieb in hoffnungsvollem GrĂŒn: KARTOFFELKÖNIGIN. In solidem Schwarz: Bad DĂŒben.
Sie wusste nicht einmal ganz genau, wo das lag und zog ihren Rechner zu Rate. Einmal angeschaltet, suchte sie gleich nach Wohnmöglichkeiten. Ein Zuzug war zwingend erforderlich, verfestigte sich in ihrem Kopf der Plan. Sie schrieb:
1- Wohnungssuche
Gar nicht mal so weit weg von hier, dachte Jana, als sie auf die digitale Karte starrte. Mit einem Zeigefinger auf Bad DĂŒben maß sie mit Daumen- und Augenmaß die Entfernungen nach Herzberg und Torgau. Schön, dachte sie und dass sie sich eine 2-Zimmerwohnung wĂŒnsche. Jana tippte: ‚Bad DĂŒben Wohnung mieten 2-Zimmer‘ ein. Ihre Augen weiteten sich, als sie die Mietpreise sah. Da geht noch was und die Postleitzahl ist auch gut zu merken. Die wohlige Stimmung des Abends hielt sich, genau jene, die Jana seit den letzten Sommertagen vermisste. Ja, dachte sie, ja, ich will.
Versuchsweise gab sie ein: ‚Bad DĂŒben, Wohnung mieten 3-Zimmer‘. Die Angebotszahl vervierfachte sich, die Miete blieb nahezu gleich. Die Entscheidung fĂŒr mehr Platz bei nahezu gleicher Miete fiel Jana leicht, bot sie doch die Option eines Audienzzimmers fĂŒr die Kartoffelkönigin in spe. Sie schrieb:
2- Wohnung anmieten
3- Umzug
4- Transparent malen und aufhĂ€ngen. „Hier wohnt ihre zukĂŒnftige Kartoffelkönigin“. Sie korrigierte noch einmal: „Hier wohnt Ihre zukĂŒnftige KARTOFFELKÖNIGIN“.
Um die Botschaft weniger aufdringlich zu formulieren, verwendete sie Piktogramme: eine rote Kartoffel, mit wenig Augen und eine gelbe Krone, reich verziert. Jana lachte sich schlapp und fĂŒhlte sich zickezackehĂŒhnerkackewohl. Mit einem LĂ€cheln, das Zufriedenheit ausdrĂŒckte, kippte sie den letzten Schluck Piccolo in sich hinein und sich selbst ins Bett.
„Bruns, Herrmann Bruns“, stellte sich der BĂŒrgermeister von Bad DĂŒben vor. „Sie sind die Neue, wie ich gehört habe“, fĂŒgte er den oft erprobten Witz an und schlug Jana dabei zu hart auf die Schulter. Sie japste nach Luft, bewahrte jedoch Haltung. „Herr Bruns, bitte kommen Sie doch herein. Wie wĂ€re es mit einem KartoffelschnĂ€pschen?“, sagte Jana eine Oktave zu hoch und zog Bruns an seiner fetten, schwitzigen Hand ins Audienzzimmer. „Sie wollen mich wohl bestechen?“, scherzte Bruns und flatterte dabei mit seiner Hand in der Luft herum. „Ach iwo-chen“, sagte Jana schrill. „Na, mal Probesitzen?“. Bruns errötete. Alter feister Sack -lange wĂŒrde sie das nicht aushalten. Als Bruns mit diesem gierigen Blick auf sie zusteuerte, gegen das FußbĂ€nkchen trat, das er wegen seiner dicken Plautze nicht sehen konnte, und einen Ausfallschritt auf Jana zumachte, wobei sich seine extra angeleckten Lippen zu einem Kussschlund formten, schreckte Jana klitschnass aus diesem Albtraum hoch. Ein undeutbarer Laut entfuhr ihr. Als sie durch ihre rotgeĂ€derten Augen ihre eigenen vier WĂ€nde in Berlin wiedererkannte, ließ sie sich nach hinten fallen und strich ihre klebrigen Haare aus Stirn und Wangen. Na, das konnte ja was werden!

Am 05. Januar machte sich Jana im Zug auf den Weg in ihre neue Wahlheimat. Ihre Augen haftete sie auf die befensterte Landschaft, voller Spannung die Mulde erwartend, das Landschaftsereignis der Gegend.

Die zweite Wohnung mit Balkon direkt auf den Marktplatz, mit drei Zimmern zum unschlagbaren Nettowarmpreis von 481,30 Euro wurde es. Die Lage war perfekt fĂŒr ihr Vorhaben, so dass sie zwei Mieten im Voraus und die Kaution in bar bezahlte. Der Umzug verlief problemlos. Jana begann sich in der Stadt bekannt zu machen. Ihr AnwĂ€rterinnenstatus als Kartoffelkönigin wurde ihr alltagsbestimmendes Moment: KartoffelschnĂ€pschen und dann zackizacki ans KartoffelnschĂ€len. „Zwei Kilo am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen“, sang sie mit zartem Stimmchen aus dem trotz der frostigen Jahreszeit weit geöffneten Fenster ĂŒber den Marktplatz. Zwei Stunden briet Jana knusprig braune Kartoffelpufferherzen und dann machte sie sich auf, um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. Von Haus zu Haus bot sie ihre Pufferherzen als Geschenke feil. Zuweilen kam es vor, dass, wenn sie abends völlig gerĂ€dert nach Hause fand, ein ungeladener Gast vor ihrer WohnungstĂŒr herumlungerte und um eine Audienz bat. Das schlauchte, aber nach drei Monaten fĂŒhlte sich Jana stadtbekannt und stark genug, um das Anmeldungsprozedere auf sich zu nehmen. Die nachzuweisenden Aufgaben: Kartoffel-WISSEN, -SCHÄLGESCHWINDIGKEIT, -SCHNAPSSTANDFESTIGKEIT. Die potentiellen Königinnen standen Schlange und sich die Beine in ihre BĂ€uche. Viele Qualifizierte gab es, wie Jana nun als eine von vielen feststellen musste. Und alle hatten diese auffĂ€llig knolligen Nasen, der Kartoffelsorte „Molli“ gleich. Das ließ Jana stutzen. Schnell, um ihre Anmeldung nicht zu gefĂ€hrden, eilte sie nach Hause, um nach geeignetem Material fĂŒr eine eigene Knollnase zu suchen. Ihre Nase hatte eher etwas von Spargel, im Vergleich mit den anderen. Hektisch kramte sie in Kisten und KĂ€stchen, ĂŒberlegte krampfhaft, angestrengt. Als sie auf ihre Bastelkiste stieß, kam ihr die Idee: eine Knetnase! Mit kribbligen Fingern suchte sie nach der ihrer Gesichtsfarbe am Ă€hnlichsten aussehende Knete und formte eine lebensechte Molli nach. Mit einem farblosen Gummi befestigt, war sie mit dem vorlĂ€ufigen Ergebnis sehr zufrieden. Sie flitzte zurĂŒck und meisterte die Aufgaben mit Bravour. Jana spĂŒrte: Sie hatte einen Lauf und versprach sich, ihn bis zur Ernte und der damit verbundenen Preisverleihung aufrecht zu erhalten. Sie gab sich beste MĂŒhe, briet, obwohl es ihr bereits zum Halse heraushing, Kartoffelpufferherzen, trank mit Miefke und MĂŒller, mit Anatol und Zacharias bis zum Umfallen. ‚Ihre Molli‘, wie sie Jana mittlerweile liebevoll nannte, legte sie nur noch abends in ihrem Bett ab. Die grĂ¶ĂŸte Herausforderung, die sich ihr in der Zeit von MĂ€rz bis August stellte, war den richtigen Farbton ihrer Knetnase mit ihrer Gesichtsfarbe, die durch ErntehilfseinsĂ€tze farblich variierte, abzustimmen. Bis zum Tag der Entscheidung lief alles glatt. Ihre Chancen standen ausgezeichnet.

Und dann: Jana wurde tatsĂ€chlich und wahrhaftig als diesjĂ€hrige Kartoffelkönigin gekĂŒrt. Sie konnte es nicht fassen, riss abwechselnd die Arme und Beine in die Luft, hĂŒpfte und hopste, bis sie plötzlich von einem sich KartoffelkĂ€fer-schnell ausbreitenden Raunen in ihrer Freude gebremst wurde. Zeigefinger zeigten auf sie, zerstachen die Luft, fixierten ihre Nase.

Mit zitternden Fingern griff sich Jana in ihr Gesicht. TatsÀchlich! Ihre lange schlanke Nase hatte sich einen Weg in die Frischluft gebahnt.
Mit TrĂ€nen in den Augen wendete sie sich an ihr Publikum. „Sehr verehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen, dass ich mein Ziel wenigstens bis zur Zielgeraden verfolgen konnte. Dass nun doch alles anders kommt, begrĂŒndet sich in meiner Physiognomie. Ich bitte Sie mir das zu entschuldigen. (PAUSE) Wir hatten doch eine gute Zeit, oder?“ Bravo- und Hurra-Rufe verunmöglichten fĂŒr halbe Minuten ein Weitersprechen. „Da es hier nicht klappt, hege ich die Hoffnung auf ein anderes Mal. Sie werden von mir hören. Seien sie gewiss, wenn es zu Ausschreibungen der Blumenkohlohrenkönigin kommt, Sie werden mich dort finden.“ Mit galanter Bewegung fuhr sich Jana durch die Haare und legte den Blick auf ihre röschenförmigen, knorpligen Ohren frei. Tosender Applaus brach los und Jana machte sich wieder auf den Heimweg nach Berlin. Was sie dort erzĂ€hlen wĂŒrde, wusste sie noch nicht.

Letzte Aktualisierung: 26.01.2015 - 13.43 Uhr
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