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Ziele | Januar 2015

Versuchsanordnung
von Helga Rougui

Es werde installiert eine ovale Metallplatte, mit Sand bestreut zum Auffangen des Blutes, mit winzigen Nägeln dicht beschlagen, zum Liegen nicht geeignet.

Da auf die Knie zu fallen unausweichlich sein wird, wird die Haut an der Patella und an den Handballen mit unzähligen nadelfeinen Rissen gesprengt werden.
Die Unversehrtheit gebrochen, in Fetzen.

Oval ist die Platte, weil, wenn der Versuchsperson die Möglichkeit gegeben wäre, im Kreis zu rennen, diese durchbrennte und ersetzt werden müßte. Es gibt aber nur dieses eine, isolierte Subjekt, das glaubt, gegen jeden beliebigen und nie gegen seinen eigentlichen Gegner zu kämpfen.

Im übrigen ist das Durchbrennen als Möglichkeit einer Flucht von vornherein zu verwerfen. Rettung gibt es nicht. Ein Ausweg ist ausgeschlossen.

Das Ausgeschlossensein begreift sich als Entfernung aus dem Dunstkreis jedes verfügbaren Quentchen Verstandes, das jemals einem denkenden Wesen zur Verfügung gestanden haben mag.
Das braucht die Versuchsperson nicht zu interessieren, sie denkt nicht.
Was sie darüber hinaus nicht erinnert, ist die Stunde, in der sich ihr gesamtes geistiges Reservoir unter Verätzung der langsam erblindenden Augen in bleiernen Tränen in den Sand der Arena gestürzt hat.
Sie empfindet ihre Blindheit als schicksalsergebene Liebkosung, das Fehlen ihres Verstandes verwandelt sie in verständnislose Hingabe.

Man gestatte der Versuchsperson eine Art Verschlag, nicht groß, nicht komfortabel, worin sie weder ausruhen noch stehen noch schlafen möge. Keine Minute während ihres Aufenthalts soll sie sich geborgen fühlen. Sie muß spüren, daß ihr Körper getroffen wurde, nicht erwählt, obwohl er der festen Überzeugung ist, er befinde sich wohl.
Die Versuchsperson darf nicht einen Atemzug lang glauben, sie sei im Paradies, auch wenn es ihr gelungen ist, sich dies erfolgreich einzureden.

Der eiskalte Windhauch der Wahrheit fegt über die baumlose spiegelnde frostige Fläche, kein Felsen und kein Strauch bieten Schutz dem langsam erstarrenden Leib, der, um von dem aufkommenden Eissturm nicht hinweggefegt zu werden, nur die Wahl hat, sich in die Grube in der Mitte der Arena zu stürzen – ein See aus flüssigem Stickstoff, der angesichts der ansteigenden Dunkelheit alsbald die einzige Alternative zum lichtlosen Universum darstellt.
Jetzt endlich schießen die völlig vereisten Augen mit seelenlosem Geräusch in den Kopf hinein, die Innenseite des Schädels schwingt unter dem Schmerz des Aufpralls.
Die Versuchsperson ist endgültig ohne Sicht, sie wird ihr Augenlicht auch in Äonen nicht wiedererlangen.
Was angesichts der Vergänglichkeit ihrer Hülle irrelevant ist. Und doch.

Die Versuchsperson, die nicht weiß, daß sie keine Wahl hat, entschließt sich zum Sprung.
Sie springt bei vollem Bewußtsein in die einzig mögliche falsche Richtung, mit der Behauptung auf den Lippen, sie handele aus freien Stücken und könne das Licht auf dem Grund des Tümpels sehen.

Was passiert?

a. Sie stirbt.
b. Sie schrumpft.
c. Sie birst.
d. Sie lebt.

Angesichts der Alternativen ist der Versuchsperson dringend anzuraten, zu wissen, daß sie immer die Wahl habe, sich aus ihrer Situation zu befreien.
Sie wird dieses Ziel nicht erreichen, weil ihr Verstand durch die Kette ihrer eigenen Illusionen gefesselt ist.

Sie will es nicht erreichen.
Sie hat, was sie wollte.

Ihr Duell, allein.

Letzte Aktualisierung: 22.01.2015 - 07.47 Uhr
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