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Ziele | Januar 2015

Schneckentempo
von Monika Heil

Auch wenn ihr nicht klar war, wie lang sich der Weg noch hinzog, sie würde sich durch nichts und niemanden entmutigen lassen. Sie nicht. Dazu war ihr Ehrgeiz zu ausgeprägt. Dennoch - die Strecke war möglicherweise eine zu ambitionierte Aufgabe für die Zeit, die ihr blieb, denn es war ihr wichtig, das Ziel vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Sie mahnte sich, ihr Tempo sorgfältig einzuteilen.

Die Sonne stand jetzt im Zenit. Sie sollte sich sputen. Geschmeidig kroch sie unter den Ästen des Petersilienbaumes entlang, der ihr angenehmen Schatten bot. Später, auf freier Strecke zwischen zwei Gemüsebeeten, war sie der Mittagshitze unbarmherzig ausgesetzt. Andererseits kam sie dort schneller voran. Das musste sie ausnutzen. Noch einmal zog sie ihr Tempo an. Leider konnte sie nicht verhindern, dass eine lange, feuchte Schweiß- und Schleimspur ihren Weg markierte. Hoffentlich folgte ihr niemand. Beten hatte sie nie gelernt. Sie musste sich auf ihre eigenen Kräfte verlassen. Sie nahm sich nicht die Zeit, nach hinten zu schauen. Vor ihr lag das Ziel.

Unablässig machte sie sich klar, dass sie im Hellen bei Schneck ankommen, ihn und sein warmes Haus erreichen musste. Unbedingt! Nur das war wichtig. Schneck würde sie beschützen, auch wenn sie sein Haus nicht betreten durfte. Er hatte es ihr versprochen, als sie sich auf dem Salatblatt nahe dem Komposthaufen kennengelernt hatten. Wie lange war das her? Sie hätte es nicht sagen können. Eines war klar - wenn sie es bis zu seinem Grundstück im gelben Blumenbeet schaffte, wäre sie nicht mehr so einsam wie in den letzten Wochen. Das war der Grund für ihren Aufbruch. Die Schnecke hatte Angst. Vor Menschen, vor großen Tieren, vor allem vor Mäusen. Auch wenn sie wusste, die kamen erst nach Einbruch der Dunkelheit und, selbst wenn sie ihr nichts antaten, sie hatte Angst vor ihnen.

Warum nur war sie nicht sofort mit ihm gegangen? Sie erinnerte sich an seinen liebevollen Blick und sein zaghaftes Werben. Er hatte sie doch gefragt:
„Willst du mitkommen?“ Und sie dumme Schnecke hatte darauf bestanden, noch einmal nach Hause zu schleichen, ihrem Mann das Abendessen mit diesen lila Körnern zuzubereiten, die der Menschenmann an den Wegrand gestreut hatte. Ihre Kinder waren vor ein paar Wochen daran gestorben.

Schwer atmend befahl sie ihrem Körper: Muskeln zusammenziehen, Muskeln strecken, Muskeln zusammenziehen, Muskeln strecken. Welle um Welle bewegte sie sich vorwärts, kroch weiter, Meter um Meter.

Plötzlich war da ein Rauschen, ein Flügelschlagen, eine Gefahr. Und dann war da nichts mehr. Stille und ewige Dunkelheit umgab sie.

Version 3

Letzte Aktualisierung: 27.01.2015 - 20.20 Uhr
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