Mainhattan Moments
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Erotik | Februar 2015
Unschuld
von Anne Zeisig

“... die Rechte und den Schutz von Kindern besonders ... .”

Die Unterhaltung meiner engsten Fraktionskollegen nehme ich nur als Gemurmel wahr.
Normalerweise sitze ich gerne mit ihnen wĂ€hrend der Mittagspause hier in diesem urigen Gartenlokal, aber heute ist es mir entschieden zu heiß. Ich ziehe mein Sakko aus und lege es auf die Bank neben mich. Das Oberhemd klebt mir klamm am schweißnassen RĂŒcken.
Ich blicke um mich. FĂŒr einen Wochentag sind recht viele Tische mit AusflĂŒglern belegt. Kinder tollen umher.
Auf dem freien Platz in der Ecke ist eine provisorische BĂŒhne aus Lattenholz aufgebaut. Sicherlich fĂŒr ein zĂŒnftiges musikalisches Wochenende. Das wĂŒrde ich bei meiner Familie verbringen, bevor der Wahlkampf beginnt.
Ich blicke auf mein I-Phone. Es zeigt unsere beiden Kinder. Zwölf und neun. Zwei clevere Jungs. Mittelblond wie ihre Mutter. HÀtte gerne noch ein Drittes gehabt, denn ich liebe Kinder. Aber Helen wollte nicht, was ich auch verstand, war sie doch die meiste Zeit allein erziehend.
Plötzlich schrecke ich aus meinen Gedanken.
Der Wirt hat die Musikanlage eingeschaltet. Nun wird die Idylle mit Schunkelliedern gestört. Einige GĂ€ste machen davon fröhlich Gebrauch, singen mit, Kinder stĂŒrmen die BĂŒhne, tollen und tanzen umher.

In all dem Wirrwarr bleibt mein Blick an ihr haften.


Sie bewegt sich langsam, wiegt ihren grazilen Körper sanft hin und her, hĂ€lt ihre Augen geschlossen, wirkt völlig entrĂŒckt, als befĂ€nde sie sich in einer anderen Welt.
Ihre schlanken Arme hat sie seitlich von sich gestreckt, bewegt sie schlangenartig auf und ab, die mageren Beine scheinen schwerelos ĂŒber den Brettern zu schweben, zwischendurch stellt sie sich auf ihre barfĂŒĂŸigen Zehenspitzen und dreht sich gemĂ€chlich im Kreis.
Ihre weiße Haut ist ebenmĂ€ĂŸig und makellos.
So sieht ein Engel aus!
Das duftige Kleid schwingt weit und leicht um den zerbrechlichen Körper. Bestimmt sind ihre Augen so blau wie das Kleid.
Ihr schulterlanges Haar klebt feucht an Nacken und Stirn. Es schimmert in der Sonne facettenreich von kastanienbraun bis honigblond.
Nun lÀsst sie ihren Kopf langsam kreisen, hebt das Gesicht an und ich meine, das Pulsieren hinter der durchsichtigen Haut ihrer Kehle sehen zu können.
Ich streife meine Krawatte ab und öffne den obersten Hemdenknopf, damit ich freier atmen kann. FÀchel mir mit dem Bierdeckel Luft zu.
Die Kleine strahlt eine geheimnisvolle NaivitÀt aus.
Ihre aprikosenrosa Lippen hÀlt sie aufeinander gepresst, sie sind jedoch zu einem EtwaslÀcheln hochgezogen.
Die Kleine ist wirklich was Besonderes.
Eine kurze Windböe wirbelt ihren Rock hoch und gestattet fĂŒr einen Herzschlag lang den Blick auf das blĂŒtenweiße Höschen. Ich wandere an ihr hoch und bemerke, dass sich unter dem Oberteil zwei taufrische Knospen abzeichnen.
Bald wird der schlummernde Vamp in ihr erwachen.


Ich greife zitternd zu meinem Glas Wasser, stĂŒrze den Inhalt hinunter und spĂŒre die angenehme KĂŒhle in der Magenkuhle.

Ihr Tanz scheint einer eigenen Choreographie zu unterliegen, denn der Ablauf beginnt von vorn.
Aber jetzt blinzelt sie glucksend in die Sonne und bei der nÀchsten Drehung schaut sie in meine Richtung.
Ja, ihre Augenfarbe ist blau.
Sie ist ein perfektes Gesamtkunstwerk.
In dem Alter sind sie wahrlich am schönsten.
Noch unschuldig und doch in gewisser Weise raffiniert.
Ich muss meinen stoßenden Atem unter Kontrolle bringen. Ziehe die Luft tief ein und aus.
Diese Hitze heute.

“ ... und mit den Kernthemen Kinderförderung, Familie, ist uns der Wahlsieg sicher.”

Ihre niedlichen FĂŒĂŸchen tĂ€nzeln flink umher. Nun sehe ich, dass ihre Schuhe vor dem BĂŒhnenaufgang stehen. Das weiße Lackleder glĂ€nzt in der Sonne.
Kann nicht mehr sitzen bleiben.
Begebe mich zum BĂŒhnenrand.
Das MÀdchen hÀlt inne, ihre Kulleraugen schauen mich erwartungsvoll an, ihre Wangen sind gerötet.
“Deine FĂŒĂŸe”, ich zeige auf den Boden, “du könntest dir HolzspĂ€ne hineinziehen.” Ich hebe die Schuhe auf und halte sie ihr hin.
Sie greift nach ihnen und fĂŒr einen kurzen Moment spĂŒre ich ihre weiche Hand an der meinen.
Pfirsichhaut.
Pfirsichduft.
Erhalte plötzlich einen Schulterklopfer. Mein Parteigenosse ĂŒbergibt mir mein Sakko und zeigt zum Ausgang. “Die Anderen sind bereits vorgegangen.”
Bevor wir abbiegen, drehe ich mich noch einmal herum.
Die Musik ist verstummt und keiner befindet sich mehr auf der BĂŒhne.
Das MĂ€del auch nicht.
Vor die Sonne hat sich eine dunkle Wolke geschoben.
In der Ferne braut sich grollend ein Gewitter zusammen.

Mein engster Vertrauter flĂŒstert mir ins Ohr, dass er mich warnen mĂŒsse, es stĂ€nden arge VerdĂ€chtigungen im Raum, weshalb man meinen privaten und beruflich genutzten Laptop im Visier habe, eine Untersuchung sehr bald anstehen könne.
“Nicht, dass ich dir was vorwerfe, aber wir können uns weder vor, noch nach dem Wahlkampf einen Skandal leisten. Es soll sich um den illegalen Ankauf von diversen pikanten Fotos handeln.”
Ich ziehe mein Sakko ĂŒber, weil es mich plötzlich fröstelt.
Es kann immer Neider geben, die dir schaden wollen.
Mein Parteigenosse legt den Zeigefinger auf seinen Mund. “Aber ich habe dir diesen Hinweis nicht gegeben. Ist das klar?”
Ich nicke.

Es ist gut, wenn man loyale Freunde um sich hat, sonst wĂŒrde man das Leben eines erfolgreichen Politikers nicht unbeschadet ĂŒberstehen.


©Anne Zeisig, Fassung ZWEI

Letzte Aktualisierung: 09.02.2015 - 23.22 Uhr
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