Der himmelblaue Schmengeling
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Erotik | Februar 2015
Nur ein Ast
von Karl-Otto Kaminski

Der Bericht über die Ereignisse, die sich vor Jahrtausenden in Eden abspielten, wird immer noch weltweit verbreitet. Leider entspricht er in manchen Teilen nicht den Tatsachen, vor allem nicht in denen, die mich betreffen. Man schreibt da, ich allein sei die Ursache für den verhängnisvollen Eklat. Dabei war in Wirklichkeit ein simpler Ast Schuld an unserem Rausschmiss aus dem herrlichen Park.
Ich bin die allererste Schlange, die Er erschaffen hat. Wir lebten damals eine Weile recht zufrieden miteinander, Eva und ich. Das Problem begann erst, als Er Adam machte.
Ich weiß, dass es in der Bibel anders steht. Da sieht man, wie weit man Worten trauen darf, selbst wenn sie in schönen gotischen Lettern gedruckt werden.
Die Schwierigkeiten begannen also mit Adam. Den schuf der Herr erst auf ausdrückliche Bitten Evas, die sich in der sorg- und problemlos paradiesischen Umgebung oft herzlich langweilte. Und ihr neuer Gefährte genoss das sorglose Leben in Eden und den Sex mit seiner Frau natürlich lange Zeit auch ausgiebig. Irgendwann aber begann er unzufrieden zu werden, nörgelte, stritt sich mit Eva, und wurde allmählich unleidlich.
Da bekam ich Mitleid mit ihm. Mir schien, dass der Mann Abwechslung brauchte. Also führte ich ihn zu dem Apfelbaum, zum Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, wie der Herr das weit ausladende Exemplar damals pathetisch genannt hatte. Er verbot Adam und Eva, von den Früchten zu essen, sie würden sonst sterben. Mir verbot er es nicht, und so habe ich sie probiert. Ich bin nicht gestorben, und seither weiß ich einiges, was mir mehr nützt als schadet. Der wahre Grund für das Verbot war ein anderer. Der Herr wollte nicht, dass jemand den Baum bestieg. Es ragte nämlich einer seiner kräftigsten Äste über die angeblich undurchdringlich dichte Hecke, die unser Paradies von der Außenwelt abschirmte. Dieser Ast bot Menschen, wenn auch mit etwas sportlichem Einsatz, die Möglichkeit, nach draußen zu gelangen. Und genau das wollte Er verhindern.

Ich ermunterte Adam, den Baum zu ersteigen. Von dort hätte man eine besonders interessante Aussicht. Zuerst zögerte er, der göttlichen Weisung eingedenk. Ich beruhigte ihn. Solange er keinen der Äpfel anrührte oder davon aß, würde er das Verbot ja nicht übertreten. Da kletterte er hinauf, zunächst ohne großes Interesse. Schließlich war er schon auf so viele andere Bäume im Park gestiegen.
Als der gelangweilte Mann dann aber seinen Blick über die scheinbar unüberwindliche Hecke warf, war er auf einmal hellwach. Auf der anderen Seite nämlich sah er eine Gruppe von Frauen die, im Gegensatz zu Eva, bekleidet waren. Ihre Körper waren in helle Stoffe gehüllt, die sie raffiniert gerüscht, gerafft und gegürtet hatten. Manche trugen Tücher, anmutig um die Köpfe drapiert, und die meisten liefen auf leichten Sandalen, deren schmale geflochtene Riemchen ihre zarten Füße äußerst vorteilhaft betonten. Und sie tanzten zum Klang einfacher Instrumente unter schattigen Pinien, freuten sich ihres Lebens, während ihre Männer auf den Feldern arbeiteten oder auf die Jagd gingen.

Adam, der weder gewusst hatte, dass eine Welt außerhalb Edens existierte, noch dass es außer Eva andere weibliche Wesen auf der Welt gab, war fasziniert von dem Anblick, der sich ihm bot. Die durch die Gewänder nur angedeuteten Körper forderten seine Vorstellungskraft heraus. Hier sah er nicht, was war, er konnte nur ahnen. Und seine Phantasie malte sich lustvoll aus, was seinen Blicken entzogen blieb. So bedurfte es keiner weiteren Worte. Adam erkannte seine Chance und nutzte die Gelegenheit. Er hangelte sich an besagtem Ast entlang und sprang herab auf die Seite außerhalb des Gartens Eden. Aus diesem Sprung und den daraus resultierenden Begegnungen mit den verführerisch verhüllten weiblichen Wesen entstand übrigens später der Begriff Seitensprung. Adams Rückkehr war ein wenig mühsamer, denn sein Ausflug hatte Kraft gekostet. Doch er schaffte den Weg zurück, an jenem Tag und an manchem anderen, der noch folgte.

Eva begann, sich Sorgen zu machen. Ihr Mann, den der Herr ja schließlich ihr zur Freude erschaffen hatte, kam nun abends meist reichlich müde zu ihr zurück. Außerdem trug er neuerdings einen schmalen Gürtel aus geflochtenem Bast um die Taille, daran hatte er große Feigenblätter befestigt, die er täglich wechselte. Das mache er gegen den Sonnenbrand, log er. Und abgespannt sei er von den langen Wanderungen, die er unternommen habe. Der Park sei ja so riesig und voller fabelhaft Überraschungen. Zum Kuscheln „und so“ sei er deshalb zu müde. Sprachs, warf sich auf das Blätterlager, das ihm seine Frau liebevoll aufgeschüttet hatte, und schnarchte kurz drauf wie ein Bär im Winterquartier.

Irgendwann war es die erste Bewohnerin des Paradieses leid. Sie hatte sich schon vorher wegen einiger Fehler ihres Gatten beim Herrn beschwert, wegen seiner manchmal etwas rücksichtslosen Art, seinem Mangel an Taktgefühl, und weil er überhaupt so völlig anders war als sie. Nun wollte sie nicht schon wieder mit einer Reklamation zu Ihm gehen. Also wandte sie sich an mich.
Ich schwöre, es war das reine Mitleid, das mich bewog, ihr das kleine Guckloch in der Hecke zu zeigen, einen kaum zu entdeckenden schmalen Spalt, durch den ich manchmal unbemerkt entwischte, um mich draußen an fetten Mäusen und Fröschen zu laben. In Eden durfte ich ja nicht, da war ich auf Rohkost gesetzt. Durch diese winzige Öffnung schaute Eva lange neugierig hinaus. Sie sah die Mädchen und Frauen in ihren hübschen Gewändern tanzen, sah nachdenklich an ihrer eigenen Nacktheit herab, blickte wieder hinaus, und begriff: Dort draußen also lagen die Ziele für Adams tägliche Ausflüge, nicht in den wunderbaren Winkeln des großen Gartens. Dort, bei diesen verführerisch verhüllten Körpern, fand er täglich den Zeitvertreib, der ihn so ermüdete, dass er abends keine Kraft mehr übrig hatte zum Kuscheln „und so“.

Eva sank in Tränen neben mir auf den Rasen nieder. Obwohl ihr Mann sie betrogen hatte, war sie verzweifelt und rang die Hände. „Was soll ich nur tun?“, fragte sie mich. „Wie bekomme ich meinen Adam wieder?“ Und dann habe ich vielleicht einen Fehler gemacht. Aus Mitleid, ich betone, nur aus Mitleid gab ich der armen Frau etwas von meiner Erkenntnis ab:
Im Gegensatz zur nackten Wahrheit, an der es selten etwas gibt, das neugierig machen könnte, erklärte ich ihr, kann eine geschickte Lüge überaus erregende Spannung erzeugen. Die raffinierteste Form der Lüge aber ist die Andeutung, denn sie lügt nicht wirklich. Wer auf sie hereinfällt, ist stets ein Opfer seiner eigenen Vorstellungen.
Ich glaube nicht, dass die junge Frau damals wirklich alles verstanden hat. Doch das Wesentliche begriff sie dank weiblicher Intuition sofort. Sie wusste spontan, wie sie es anstellen konnte, ihren Gatten zurückzugewinnen. Aus rötlichen Binsen und grünen Feigenblättern bastelte sie sich einen raffinierten kurzen Rock, den sie mit der Ranke einer jungen Liane um ihre schmale Taille band. Um ihre Schultern und die attraktive Brust legte sie ein kunstvolles Netz aus wohlriechenden Gräsern in unterschiedlichen Farben, das ihre fraulichen Formen teils verbarg, teils reizvoll betonte. Und um ihr hochgestecktes Haar wand sie einen üppigen Kranz aus betörend duftenden Jasminblüten.

Als Adam an diesem Abend wieder einmal ein wenig erschöpft aus der Außenwelt zurückkam, blieb ihm vor Staunen der Mund offen stehen. So hatte er seine Eva noch nie gesehen. Nie vorher hatte es an ihr etwas Verborgenes gegeben, nichts, was entdeckt werden wollte. Es war eindeutig ihre unschuldige Nacktheit, die ihn auf Dauer gelangweilt hatte. Die aufreizend verhüllten Tatsachen jedoch, obwohl ihm ja hinreichend bekannt, begannen ihn sofort zu erregen. In der folgenden Nacht zeugte er Kain.
In der Bibel steht es ganz anders. Ich weiß. Aber zeige mir jemand eine Geschichtsschreibung, die sich ausschließlich an die Tatsachen hält!

Der Rausschmiss erfolgte übrigens ohnehin schon am nächsten Morgen. Der Herr hatte, wie immer, nach einer Weile alles spitz gekriegt und stellte uns äußerst wütend zur Rede. Adam versuchte sich rauszureden, indem er mich anschwärzte. Ich hätte ihn zum Seitensprung überredet. Eva schlug sich erstaunlicherweise auf die Seite ihres Mannes, obwohl der sie doch betrogen hatte. Und auch sie gab mir die Schuld. Ich hätte sie zum Blick auf die aufreizend bekleideten Mädchen und Frauen verführt, von denen sie bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. Erst das habe sie dazu verleitet, sich modisch und hoffärtig zu kleiden.
Ich mache es kurz. Wir wurden auf der Stelle aus Eden ausgewiesen, für immer, Adam wegen Seitensprungs, Eva wegen Neugier und Eitelkeit und ich wegen der Verführung zu allem. Ich wandte mich um, wollte noch etwas einwenden, weil ich ja doch wirklich nur aus Mitleid gehandelt hatte. Wollte erklären, dass nicht ich, sondern der überhängende Ast schuld sei an der Affäre, aber da knallte das schwere Tor bereits hinter uns zu. Bedauerlicherweise klemmte ich mir bei der Gelegenheit meine empfindliche Zunge ein. Nur mit Mühe bekam ich sie wieder heraus. Seither ist sie gespalten. Die Folge dieses dummen Unfalls, eine Behinderung, stempelt mich bis heute zum Symbol der Doppelzüngigkeit.

Letzte Aktualisierung: 13.02.2015 - 19.06 Uhr
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