Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Erotik | Februar 2015
Nur ein Ast
von Karl-Otto Kaminski

Der Bericht ├╝ber die Ereignisse, die sich vor Jahrtausenden in Eden abspielten, wird immer noch weltweit verbreitet. Leider entspricht er in manchen Teilen nicht den Tatsachen, vor allem nicht in denen, die mich betreffen. Man schreibt da, ich allein sei die Ursache f├╝r den verh├Ąngnisvollen Eklat. Dabei war in Wirklichkeit ein simpler Ast Schuld an unserem Rausschmiss aus dem herrlichen Park.
Ich bin die allererste Schlange, die Er erschaffen hat. Wir lebten damals eine Weile recht zufrieden miteinander, Eva und ich. Das Problem begann erst, als Er Adam machte.
Ich wei├č, dass es in der Bibel anders steht. Da sieht man, wie weit man Worten trauen darf, selbst wenn sie in sch├Ânen gotischen Lettern gedruckt werden.
Die Schwierigkeiten begannen also mit Adam. Den schuf der Herr erst auf ausdr├╝ckliche Bitten Evas, die sich in der sorg- und problemlos paradiesischen Umgebung oft herzlich langweilte. Und ihr neuer Gef├Ąhrte genoss das sorglose Leben in Eden und den Sex mit seiner Frau nat├╝rlich lange Zeit auch ausgiebig. Irgendwann aber begann er unzufrieden zu werden, n├Ârgelte, stritt sich mit Eva, und wurde allm├Ąhlich unleidlich.
Da bekam ich Mitleid mit ihm. Mir schien, dass der Mann Abwechslung brauchte. Also f├╝hrte ich ihn zu dem Apfelbaum, zum Baum der Erkenntnis des Guten und B├Âsen, wie der Herr das weit ausladende Exemplar damals pathetisch genannt hatte. Er verbot Adam und Eva, von den Fr├╝chten zu essen, sie w├╝rden sonst sterben. Mir verbot er es nicht, und so habe ich sie probiert. Ich bin nicht gestorben, und seither wei├č ich einiges, was mir mehr n├╝tzt als schadet. Der wahre Grund f├╝r das Verbot war ein anderer. Der Herr wollte nicht, dass jemand den Baum bestieg. Es ragte n├Ąmlich einer seiner kr├Ąftigsten ├äste ├╝ber die angeblich undurchdringlich dichte Hecke, die unser Paradies von der Au├čenwelt abschirmte. Dieser Ast bot Menschen, wenn auch mit etwas sportlichem Einsatz, die M├Âglichkeit, nach drau├čen zu gelangen. Und genau das wollte Er verhindern.

Ich ermunterte Adam, den Baum zu ersteigen. Von dort h├Ątte man eine besonders interessante Aussicht. Zuerst z├Âgerte er, der g├Âttlichen Weisung eingedenk. Ich beruhigte ihn. Solange er keinen der ├äpfel anr├╝hrte oder davon a├č, w├╝rde er das Verbot ja nicht ├╝bertreten. Da kletterte er hinauf, zun├Ąchst ohne gro├čes Interesse. Schlie├člich war er schon auf so viele andere B├Ąume im Park gestiegen.
Als der gelangweilte Mann dann aber seinen Blick ├╝ber die scheinbar un├╝berwindliche Hecke warf, war er auf einmal hellwach. Auf der anderen Seite n├Ąmlich sah er eine Gruppe von Frauen die, im Gegensatz zu Eva, bekleidet waren. Ihre K├Ârper waren in helle Stoffe geh├╝llt, die sie raffiniert ger├╝scht, gerafft und geg├╝rtet hatten. Manche trugen T├╝cher, anmutig um die K├Âpfe drapiert, und die meisten liefen auf leichten Sandalen, deren schmale geflochtene Riemchen ihre zarten F├╝├če ├Ąu├čerst vorteilhaft betonten. Und sie tanzten zum Klang einfacher Instrumente unter schattigen Pinien, freuten sich ihres Lebens, w├Ąhrend ihre M├Ąnner auf den Feldern arbeiteten oder auf die Jagd gingen.

Adam, der weder gewusst hatte, dass eine Welt au├čerhalb Edens existierte, noch dass es au├čer Eva andere weibliche Wesen auf der Welt gab, war fasziniert von dem Anblick, der sich ihm bot. Die durch die Gew├Ąnder nur angedeuteten K├Ârper forderten seine Vorstellungskraft heraus. Hier sah er nicht, was war, er konnte nur ahnen. Und seine Phantasie malte sich lustvoll aus, was seinen Blicken entzogen blieb. So bedurfte es keiner weiteren Worte. Adam erkannte seine Chance und nutzte die Gelegenheit. Er hangelte sich an besagtem Ast entlang und sprang herab auf die Seite au├čerhalb des Gartens Eden. Aus diesem Sprung und den daraus resultierenden Begegnungen mit den verf├╝hrerisch verh├╝llten weiblichen Wesen entstand ├╝brigens sp├Ąter der Begriff Seitensprung. Adams R├╝ckkehr war ein wenig m├╝hsamer, denn sein Ausflug hatte Kraft gekostet. Doch er schaffte den Weg zur├╝ck, an jenem Tag und an manchem anderen, der noch folgte.

Eva begann, sich Sorgen zu machen. Ihr Mann, den der Herr ja schlie├člich ihr zur Freude erschaffen hatte, kam nun abends meist reichlich m├╝de zu ihr zur├╝ck. Au├čerdem trug er neuerdings einen schmalen G├╝rtel aus geflochtenem Bast um die Taille, daran hatte er gro├če Feigenbl├Ątter befestigt, die er t├Ąglich wechselte. Das mache er gegen den Sonnenbrand, log er. Und abgespannt sei er von den langen Wanderungen, die er unternommen habe. Der Park sei ja so riesig und voller fabelhaft ├ťberraschungen. Zum Kuscheln ÔÇ×und soÔÇť sei er deshalb zu m├╝de. Sprachs, warf sich auf das Bl├Ątterlager, das ihm seine Frau liebevoll aufgesch├╝ttet hatte, und schnarchte kurz drauf wie ein B├Ąr im Winterquartier.

Irgendwann war es die erste Bewohnerin des Paradieses leid. Sie hatte sich schon vorher wegen einiger Fehler ihres Gatten beim Herrn beschwert, wegen seiner manchmal etwas r├╝cksichtslosen Art, seinem Mangel an Taktgef├╝hl, und weil er ├╝berhaupt so v├Âllig anders war als sie. Nun wollte sie nicht schon wieder mit einer Reklamation zu Ihm gehen. Also wandte sie sich an mich.
Ich schw├Âre, es war das reine Mitleid, das mich bewog, ihr das kleine Guckloch in der Hecke zu zeigen, einen kaum zu entdeckenden schmalen Spalt, durch den ich manchmal unbemerkt entwischte, um mich drau├čen an fetten M├Ąusen und Fr├Âschen zu laben. In Eden durfte ich ja nicht, da war ich auf Rohkost gesetzt. Durch diese winzige ├ľffnung schaute Eva lange neugierig hinaus. Sie sah die M├Ądchen und Frauen in ihren h├╝bschen Gew├Ąndern tanzen, sah nachdenklich an ihrer eigenen Nacktheit herab, blickte wieder hinaus, und begriff: Dort drau├čen also lagen die Ziele f├╝r Adams t├Ągliche Ausfl├╝ge, nicht in den wunderbaren Winkeln des gro├čen Gartens. Dort, bei diesen verf├╝hrerisch verh├╝llten K├Ârpern, fand er t├Ąglich den Zeitvertreib, der ihn so erm├╝dete, dass er abends keine Kraft mehr ├╝brig hatte zum Kuscheln ÔÇ×und soÔÇť.

Eva sank in Tr├Ąnen neben mir auf den Rasen nieder. Obwohl ihr Mann sie betrogen hatte, war sie verzweifelt und rang die H├Ąnde. ÔÇ×Was soll ich nur tun?ÔÇť, fragte sie mich. ÔÇ×Wie bekomme ich meinen Adam wieder?ÔÇť Und dann habe ich vielleicht einen Fehler gemacht. Aus Mitleid, ich betone, nur aus Mitleid gab ich der armen Frau etwas von meiner Erkenntnis ab:
Im Gegensatz zur nackten Wahrheit, an der es selten etwas gibt, das neugierig machen k├Ânnte, erkl├Ąrte ich ihr, kann eine geschickte L├╝ge ├╝beraus erregende Spannung erzeugen. Die raffinierteste Form der L├╝ge aber ist die Andeutung, denn sie l├╝gt nicht wirklich. Wer auf sie hereinf├Ąllt, ist stets ein Opfer seiner eigenen Vorstellungen.
Ich glaube nicht, dass die junge Frau damals wirklich alles verstanden hat. Doch das Wesentliche begriff sie dank weiblicher Intuition sofort. Sie wusste spontan, wie sie es anstellen konnte, ihren Gatten zur├╝ckzugewinnen. Aus r├Âtlichen Binsen und gr├╝nen Feigenbl├Ąttern bastelte sie sich einen raffinierten kurzen Rock, den sie mit der Ranke einer jungen Liane um ihre schmale Taille band. Um ihre Schultern und die attraktive Brust legte sie ein kunstvolles Netz aus wohlriechenden Gr├Ąsern in unterschiedlichen Farben, das ihre fraulichen Formen teils verbarg, teils reizvoll betonte. Und um ihr hochgestecktes Haar wand sie einen ├╝ppigen Kranz aus bet├Ârend duftenden Jasminbl├╝ten.

Als Adam an diesem Abend wieder einmal ein wenig ersch├Âpft aus der Au├čenwelt zur├╝ckkam, blieb ihm vor Staunen der Mund offen stehen. So hatte er seine Eva noch nie gesehen. Nie vorher hatte es an ihr etwas Verborgenes gegeben, nichts, was entdeckt werden wollte. Es war eindeutig ihre unschuldige Nacktheit, die ihn auf Dauer gelangweilt hatte. Die aufreizend verh├╝llten Tatsachen jedoch, obwohl ihm ja hinreichend bekannt, begannen ihn sofort zu erregen. In der folgenden Nacht zeugte er Kain.
In der Bibel steht es ganz anders. Ich wei├č. Aber zeige mir jemand eine Geschichtsschreibung, die sich ausschlie├člich an die Tatsachen h├Ąlt!

Der Rausschmiss erfolgte ├╝brigens ohnehin schon am n├Ąchsten Morgen. Der Herr hatte, wie immer, nach einer Weile alles spitz gekriegt und stellte uns ├Ąu├čerst w├╝tend zur Rede. Adam versuchte sich rauszureden, indem er mich anschw├Ąrzte. Ich h├Ątte ihn zum Seitensprung ├╝berredet. Eva schlug sich erstaunlicherweise auf die Seite ihres Mannes, obwohl der sie doch betrogen hatte. Und auch sie gab mir die Schuld. Ich h├Ątte sie zum Blick auf die aufreizend bekleideten M├Ądchen und Frauen verf├╝hrt, von denen sie bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. Erst das habe sie dazu verleitet, sich modisch und hoff├Ąrtig zu kleiden.
Ich mache es kurz. Wir wurden auf der Stelle aus Eden ausgewiesen, f├╝r immer, Adam wegen Seitensprungs, Eva wegen Neugier und Eitelkeit und ich wegen der Verf├╝hrung zu allem. Ich wandte mich um, wollte noch etwas einwenden, weil ich ja doch wirklich nur aus Mitleid gehandelt hatte. Wollte erkl├Ąren, dass nicht ich, sondern der ├╝berh├Ąngende Ast schuld sei an der Aff├Ąre, aber da knallte das schwere Tor bereits hinter uns zu. Bedauerlicherweise klemmte ich mir bei der Gelegenheit meine empfindliche Zunge ein. Nur mit M├╝he bekam ich sie wieder heraus. Seither ist sie gespalten. Die Folge dieses dummen Unfalls, eine Behinderung, stempelt mich bis heute zum Symbol der Doppelz├╝ngigkeit.

Letzte Aktualisierung: 13.02.2015 - 19.06 Uhr
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