Honigfalter
Honigfalter
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Alles nur Show | Mrz 2015
Der falsche Zeitpunkt
von Anne Zeisig

Lucie, bepackt mit einigen Einkaufstüten, klingelte bei ihrer Freundin an.
Diese öffnete ihr im Bademantel.
“Bist du krank?”
“Nein, äh, ich”, Melissa ordnete mit den Händen ihr zerwühltes Haar, wendete ihren Kopf und blickte die Treppe des Reihenhauses hinauf. “Ich habe Kopfweh.”
Sie wollte die Freundin abwimmeln, aber Lucie war flink an ihr vorbei gehuscht und hatte es sich im Wohnzimmer bequem gemacht.
Sie nestelte an einer Tüte und zog den Inhalt heraus. “Na? Was sagst du? Das macht doch bestimmt aus einem lahmen Ochsen einen Hengst.” Sie lachte gequält und hielt ihrer Freundin ein schwarzes Spitzendessous entgegen.
“Stier”, verbesserte Melissa und massierte sich demonstrativ die Schläfen.
“Ist ‘n Stier noch wilder als ein Hengst?”
“Du kannst ein Pferd nicht mit einem Rind vergleichen.” Auch sie setzte sich nun.
“Ich will von dir wissen, ob Bernd mich mit diesem Outfit sofort auf dem Küchentisch vernascht, oder nicht. Mit dem Teil müsste bei uns doch endlich wieder die Post abgehen.”
Melissa kratzte sich an der Schläfe. “Ich bin derzeit nicht die richtige Ratgeberin.”
Lucie knuffte Melissa in die Seite. “Nun tu nicht so, als wenn du keine Lingerie zum Aufheizen benutzen würdest! Du! Singlefrau! Und nie ‘ne Kostverächterin!”
Ihre Freundin stand auf und blickte aus dem Fenster. “Vielleicht benötigen Mann und Frau mehr im Leben als aufreizende Wäsche?”
“Ach! Seit wann bist du philosophisch angehaucht? Oder willst du mir sagen, dass mein Bernd, ein bodenständiger Handwerker, nicht empfänglich ist für eine hübsche Verpackung an seiner Ehefrau?”
“Passt da überhaupt dein üppiger Busen hinein?” Sie setzte sich wieder, strich sich fahrig durchs Haar.
Lucies Augen füllten sich mit Tränenflüssigkeit.
Die Freundin nahm sofort ihre Hand. “Oh nein! Entschuldige! So habe ich das nicht gemeint!”
“Ist schon gut”, schluchzte Lucie, “du hast es nicht böse gemeint. Du musst ja auch nicht jeden Tag in den Spiegel schauen und . . . “ Sie schniefte in ihr Taschentuch, atmete tief durch und nahm ihre linke Brust in eine Hand. “Es wird Zeit, dass mein Gatte zumindest der verbliebenen mehr Aufmerksamkeit schenkt als seiner Bohrmaschine im Keller.”
Sie blickte an Melissa hinunter, die nie über A-Cups nie hinausgekommen war.
“Ich müsste für Silikon ‘ne Menge Geld hinblättern”, antwortete die Freundin, als habe sie Lucies Blick entsprechend gedeutet.
“Aber du hast zwei gesunde Brüste. Sei dankbar dafür.”
“Bin ich auch, aber wenn deine Brust wieder aufgebaut worden ist, wirst du dich viel besser fühlen.” Melissa stand auf. Sie wollte endlich, dass die Freundin geht. “Lucie, ich sagte ja bereits, dass . . . “
Aber die Freundin unterbrach sie. “Wir hatten immer eine gewisse Leichtigkeit im Bett, wenn du verstehst, was ich meine. Mit Humor konnten wir stets einige sexuelle Missverständnisse bereinigen. Mit Humor kann man eher sagen, was man will, oder nicht, ohne den Partner unter Druck zu setzen. Seit dieser”, sie stockte kurz, “Amputation lastet unser gesamtes Leben zentnerschwer auf uns.” Sie weinte laut auf.
Melissa stand auf. “Tut mir leid, sei mir nicht böse, aber mein Kopf”, sie zeigte hinauf. “Würde mich gerne wieder hinlegen. Du kommst hier einfach so unangemeldet vorbei und überrumpelst mich.”
“Okay, tut mir leid, aber vorher will ich das Teil anziehen und dir vorführen. Es dauert nicht lange, versprochen.” Sie sprang auf. “Deine Meinung ist mir so wichtig!”
Melissa hielt sie am Arm zurück. “Bitte! Nicht heute.”
Nun weinte Lucie abermals. “Und wenn er ‘ne Andere hat?” Sie sank wieder in den Sessel.
“Ließe er sich denn von dem Teil auf Dauer beeindrucken? Willst du ihm täglich den Vamp vorspielen? Bist du das wirklich? Du warst das vor der OP nicht und wirst es auch jetzt nicht sein.”
“Aber ich sehe doch, dass er anderen Ärschen hinterherguckt.”, kreischte Lucie, “und in andere Ausschnitte stiert!”
Melissa ging nervös im Zimmer auf und ab. “Er guckt sich andere Hinterteile und Brüste an?”
Lucie nickte und putzte sich wieder die Nase. “Habe mich sogar letztes Wochenende einen Abend mit einem Pornofilm arrangiert, weil ich dachte, das mache ihn womöglich an.”
“Wie hat er denn darauf reagiert?” Nun benötigte Melissa einen Schnaps. Sie stellte auch der Freundin ein Glas hin und trank selbst sofort ein zweites.
“Ärgerlich ist er geworden. Meinte, ich sei bescheuert und hat das Haus verlassen. Keine Ahnung, wo er war. Eine Fahne hatte er jedenfalls nicht, als er heimgekommen ist.”
Sie schluchzte immer noch. “Für die Pornos, die Dessous und die Schuhe habe ich fast fünfhundert Euro bezahlt! Wenn Bernd das erfährt, killt er mich! Dann ist auch Schluss mit Kuscheln.”
“Er kuschelt mit dir?” Melissas Stimme vibrierte.
Lucie schnäuzte sich wiederholt. “Warum nicht? Nach diesem Vorfall hat er mich sogar mit der Hand befriedigt. Aber reicht das? Alle Jubeljahre einmal? Neeee! Mir nicht!”
“Er hat dich”, Melissa rang nach Luft, “mit der Hand zum Höhepunkt gebracht?”
“Ich hätte lieber mit ihm geschlafen”, flüsterte Lucie, “aber er wollte nicht.”
“Hat Bernd denn wirklich echte Gefühle für dich?”, fragte Melissa leise.
“Wenn er mit nahe ist, meint er das bestimmt ehrlich mit mir. Nur, nur”, stotterte sie, “er will keinen Sex und mag nicht über den Grund reden.”
Von oben war ein Rauschen zu vernehmen.
“Was ist das? Deine Toilettenspülung?”
“Das? Das? Das sind hier die hellhörigen Wände. Wenn die Nachbarn duschen, dann hört man das.”
Lucie blickte zur Zimmerdecke. “Komisch. Das ist mir noch nie aufgefallen.”
Melissa umarmte ihre Freundin. “Es tut mir leid, aber nun musst du wirklich gehen.”
Lucie nahm die Hände der Freundin. “Aber du bist doch auch der Meinung, dass mein Bernd ein pflichtbewusster, solider Ehemann ist? Bernd und ich müssen einfach wieder mehr miteinander reden über unsere Wünsche und Vorstellungen. Meinst du das nicht auch? Vielleicht hilft eine Paartherapie. Der Krebs hat sich zwischen uns eingefressen.”

Melissas Mundwinkel zuckten, als sie die Haustüre hinter ihrer Freundin schloss. Sie wischte ihre schweißnassen Hände am Bademantel trocken und atmete tief durch. Ihr Blick fiel für einen kurzen Moment auf Lucies Einkaufstüte, die zerknittert im Sessel lag.
“Das war knapp”, meinte Bernd, als er die Treppe hinunter trat.
“Sie ist erst misstrauisch geworden, als sie das Wasserrauschen von der Klospülung gehört hat.”
Er wollte sie umarmen, aber Melissa zierte sich. “Du kuschelst mit ihr und befriedigst ‘Lucie”, keifte sie. “Aber mir erzählen, dass bei euch nichts mehr läuft und du nichts mehr für sie empfindest!”
“Aber was soll ich denn tun! Sie komplett abweisen? Lucie hat genug durchgemacht! Seit der Krankheit ist das alles nicht so einfach.”
“Und anderen Ärschen und Brüsten gierst du auch hinterher!”
Bernd lachte. “Hat Lucie dir das erzählt? Du glaubst ihr diese Einbildungen? Warum war sie so lange hier? Hast du es etwa darauf angelegt, dass sie mich oben entdecken soll?”
“Habe ich dir gesagt, dass du dich bemerkbar machen sollst? Außerdem hätte das ganze Versteckspiel dann endlich ein Ende. Wir müssen es Lucie endlich sagen.”
Bernd zündete sich eine Zigarette an. “Ich weiß, dass ich Lucie Zuneigung vorgaukele. Aber wenn sie jetzt von uns erfährt, das bringt sie um.”
Melissa zerrte ihn an seinem Ärmel und drängte ihn zur Haustür hinaus. “Du spielst ihr was vor und mir auch”, sagte sie wütend. “Melde dich, wenn du eine Entscheidung getroffen hast.”
Sie sank zu Boden, als sie die Tür geschlossen hatte und weinte bitterlich.
Bernd polterte gegen die Haustür und rief: “Aber das ist der falsche Zeitpunkt für eine Entscheidung!”
“Bernd ? Entscheidung?”
Bernd drehte sich erschrocken herum und blickte in Lucies blasses Gesicht. Er zuckte mit den Schultern und brachte kein Wort heraus.
“Ich habe nur meine Einkaufstüte vergessen”, flüstere sie kaum hörbar und starrte ihn an.


© anne zeisig, ENDversion

Letzte Aktualisierung: 23.03.2015 - 19.58 Uhr
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