Ganz schön bissig ...
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Alles nur Show | Mrz 2015
Die Besucherin
von Eva Fischer

„Kommen Sie herein. Ich habe Sie erwartet.“
Er musterte sein Gegenüber. Sie war groß und schlank, jung, um die dreißig, ihre dunklen Haare klebten an ihrer Stirn.
„Sie sind ja ganz nass.“
Blaugraue Augen scannten den Unbekannten. Ein alter Mann mit weißen Haaren, aber mit einem freundlichen Lächeln.
Sie klopfte ihre Schuhe an der Matte ab, ohne das Paket zu lockern, das sie gegen die Brust gedrückt trug, und schritt über die Schwelle.
„Wie alt ist der Kleine?“
„Sie. Es ist eine Sie.“
Die Besucherin wickelte sorgfältig die Tücher auseinander, bis ein kleines Gesicht zum Vorschein kam.
„In dem Alter kann man das Geschlecht noch nicht erkennen, wenn das Baby nicht gerade auf der Wickelkommode liegt“, entschuldigte sie seinen Irrtum.
„Sie sieht friedlich und zufrieden aus.“
„Ja, sie macht uns viel Freude“, bestätigte die junge Frau.
„Kann ich Ihnen etwas anbieten? Einen Kaffee oder Tee?“
„Ein Tee wäre nett. Und wenn Sie ein Handtuch hätten.“
„Natürlich.“
Er ging in die Gästetoilette und händigte ihr ein kleines Handtuch aus.
Sanft wischte sie die unsichtbaren Tropfen auf dem Kopf des Kindes ab, bevor sie damit ihre kurzen Haare trocken rubbelte. Sie war nicht bedacht, die verursachte Unordnung auf dem Kopf wieder zu einer Frisur zu formen.
„Kann ich Ihnen helfen?“, rief sie Richtung Küche.
„Nein. Geht schon. Der Wasserkessel macht seinen Job.“
„Sie suchen ein Haus für Ihre junge Familie?“, sagte er, nachdem er ihr mit leichtem Zittern den Tee eingeschüttet hatte.
„Ja. Die Etagenwohnung ist für uns zu eng geworden. Lea soll mal in einem Garten herumtollen können.“
Sie schaute durch das große Wohnzimmerfenster, wo die Forsythien mit gelben Blüten den Frühling ankündigten.
„Das passt gut“, meinte er. „Für mich allein ist das Haus zu groß geworden. Wir können uns gleich umschauen, wenn Sie wollen.“
„Das hat Zeit. Lassen Sie uns ganz in Ruhe den Tee zu Ende trinken.“
Er nickte erfreut. Hatte sie ihm etwas angemerkt? Merkten es Außenstehende bereits, dass er an Parkinson litt?
„Wo werden Sie hinziehen, wenn Sie das Haus verkauft haben?“
Er kräuselte die Stirn. Es war falsch gewesen, sich darüber noch keine Gedanken gemacht zu haben.
„Sie wissen doch noch gar nicht, ob Sie das Haus wollen,“ konterte er.
„Stimmt.“ Sie lächelte.
„Kann ich Lea auch etwas zu trinken geben?“
„Natürlich.“
Er hatte nicht vorausgesehen, dass sie nun ihre Bluse öffnete und ihr Kind an die Brust legte. Brennend gern hätte er genau hingeschaut, aber er wagte es nicht. Er wollte nicht als Lüstling dastehen, als was sonst? Als lieber Opa??
„Ich werde eine Weltreise auf dem Schiff machen“, hörte er sich zu seiner eigenen Verwunderung sagen. Noch nie hatte er darüber nachgedacht, aber die Nähe dieser jungen Frau ließ diesen Wunsch wie eine Narzisse aus der dunklen Erde sprießen.
„Was möchten Sie sich gern anschauen?“
Sie ließ ihn nicht aus den Augen, und auch er bemühte sich, seine Blicke nicht tiefer rutschen zu lassen.
„Mexiko.“
„Mexiko? Das ist eine gute Wahl.“
Sie verpackte ihren Busen in ihrem Büstenhalter, schloss die Bluse.
„Kennen Sie Mexiko?“ Voller Bewunderung schaute er sie an, er, der nie ein Flugzeug bestiegen hatte, nie weiter als Italien gekommen war.
„Ja. Es ist toll, welche Bauwerke Menschen lange vor unserer Zeit geschaffen haben“, sagte sie.
Er nickte.

Langsam stieg er vor ihr die Treppe hoch.
„Hier ist das Badezimmer.“
Auf olivgrünen Fliesen wuchs roter Klatschmohn, während Badewanne und Waschbecken in dezentem Beige gehalten waren.
„Das können Sie alles ändern. Unsere neuen Nachbarn haben auch alles in Weiß fliesen lassen. Mit der Zeit wird eben alles altmodisch.“
„Ach, ich finde, das Alte hat seinen eigenen Charme, nicht so einheitlich und steril wie in einem Krankenhaus.“
Er schmunzelte, dachte daran, dass der alte Nachbar genau die gleichen Fliesen wie er hatte, bevor die Jungen sie herausgerissen hatten.
„Hier ist das Schlafzimmer.“
Sie betrachtete den großen Kleiderschrank, der den Raum zu erdrücken schien.
„Sie können einen begehbaren Kleiderschrank daraus machen.“
Er führte sie in einen kleine Raum nebenan, wo ein kleiner Sekretär stand.
„Arbeiten Sie hier?“, wollte sie wissen.
„Nein, das war das Reich meiner Frau.“
„War? Ist sie gestorben?“
Er ließ sie in dem Glauben. Warum sollte er der Fremden sagen, dass seine Frau ihn verlassen hatte. Er war abgewohnt wie dieses Haus. Sie hatte sich etwas Moderneres gesucht.
„Schauen Sie, hier ist das Kinderzimmer!“
Er zeigte auf ein kleines Sofa mit einem Eichentisch davor. Auf einem Sideboard im gleichen Holz stand ein Fernseher.
Ein glucksendes Lachen vibrierte in ihrem Bauch. Er sah sie verwundert an.
„Wir Jungen haben jetzt alle ein Lowboard und einen Flachbildfernseher und halten uns für originell.“
Die Drei spiegelten sich im Bildschirm, als wären sie Teil der Daily Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“.
„Riechen Sie etwas?“
Er schnupperte, konnte aber nur den Geruch von abgestandenen Leben wahrnehmen.
„Lea hat in die Windel gemacht. Kann ich die hier im Kinderzimmer wechseln?“
Er verließ den Raum, als dürfe er ähnlich wie beim Stillen nicht dieser intimen Szene beiwohnen.
„Haben Sie auch Kinder?“, rief sie ihm nach.
Da erfand er eine Tochter, die er nie gehabt hatte, die er sich aber immer sehnlichst gewünscht hatte.
„Sie wohnt jetzt in London, kommt mich nur selten besuchen.“
„Schade! Und haben Sie auch Enkelkinder?“
„Hat leider noch nicht geklappt.“ Er stand wieder neben ihr, reichte ihr eine Mülltüte für die Windel.
„Enkelkinder sind etwas Schönes“, sagte sie und stopfte die Pampers in die Tüte.
Lea verzog den Mund zu einem breiten Lächeln, als wolle sie diese Aussage unterstreichen.

„Haben Sie noch einen Tee?“, bat sie, nachdem sie wieder unten im Wohnzimmer angekommen waren.
Als er die Tassen auf den Tisch setzte, lagen Croissants daneben.
„Ich hoffe, Sie mögen so etwas“, sagte sie und zermalmte den Blätterteig mit ihren Zähnen, sammelte jedoch geschickt die Brösel auf, bevor sie auf dem braun-melierten Teppichboden landeten.
Sie aßen schweigend.
“Wie viel wollen Sie für das Haus haben?“, fragte sie schließlich.
„Dreihunderttausend.“
Sie reagierte nicht auf seine Antwort, was ihn verunsicherte.
„Ist Ihnen das zu teuer? Mein Nachbar hat denselben Preis bekommen, als er vor einem Jahr verkauft hat, und dabei steigen die Immobilien im Moment an Wert, weil die Leute bei den Niedrigzinsen ihr Geld nicht auf der Bank lassen wollen.“
„Nein, der Preis ist vollkommen angemessen für die Lage“, stimmte sie zu.
Er war überrascht, dass sie sich auf kein Feilschen einließ.
„Ich muss das alles erst mit meinem Freund besprechen.“
Freund? Er schaute verwirrt auf Lea, die auf dem Sofa lag und mit den Beinen strampelte.
„Heutzutage heiratet man nicht mehr so schnell, nur weil man ein Kind hat.“
Sie sah ihn selbstbewusst an.
Wie konnten die heutigen Männer nur so verantwortungslos sein, dachte er.
„Alles will gut überlegt sein“, sagte er schließlich. Sie nickte.

Er stand an der Tür, schaute ihr nach. Sie ging zu ihrem Wagen, öffnete den Kofferraum, holte einen Kinderwagen heraus, klappte ihn auf und legte ihre Tochter hinein. Dann drehte sie sich noch einmal um, winkte dem Alten zu, bevor sie die Straße entlangschritt.
Die Wolken hatten sich mittlerweile ausgeregnet und die Märzsonne lugte zaghaft hervor.
Sie öffnete das Verdeck.
„Meine kleine Lea, ist das nicht ein schöner Ausflug? Das Haus war doch recht interessant und der Opa ganz sympathisch, oder? Jetzt gucken wir uns mal die Umgebung hier an. Hörst du die Vögel zwitschern? Alles grün hier, kaum Autos. Bisschen langweilig auf die Dauer, findest du nicht? Ach, wer braucht schon ein Haus! Sind wir beide nicht vollkommen glücklich in unserer Etagenwohnung!“

Letzte Aktualisierung: 03.03.2015 - 12.09 Uhr
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