Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Alles nur Show | März 2015
Von Monstern und Mythen
von Ingo Pietsch

Die beiden Jungen eilten durch die Straßen von Hanau. Trotz der lauen Sommernacht kroch ihnen ein Schauer über den Rücken, in Erwartung dessen, was passieren würde, wenn ihre Mutter herausfand, dass sie sich heimlich aus dem Haus geschlichen hatten.
Die Gaslaternen endeten kurz vor der Stadtgrenze und die Wege waren nicht mehr gepflastert.
Vor ihnen, auf einem Feld, hatte sich der Jahrmarkt ausgebreitet: Bunte Zelte, von Fackeln erhellt.
Lautes Gelächter und noch lautere Musik wehten ihnen entgegen.
Halb Hanau vergnügte sich bei Glücksspielen, bei denen niemand gewann, oder aß Spezialitäten, von denen keiner wusste, was sie wirklich waren.
Ein besonders großes, hell erleuchtetes Zelt hatte es den beiden angetan.
Auf einem bemalten Holzschild stand: Kuriositäten. Eintritt auf eigene Gefahr.
Die Jungen kramten aus ihren Hosentaschen eine kleine Münze.
Mit offenen Mündern starrten sie die junge Frau an, die in dem Kassenhäuschen hockte.
Sie hatte schöne Augen und einen beeindruckenden Zopf, aber ihr ganzes Gesicht war von einem haarigen Flaum bedeckt: Die bärtige Frau.
Die beiden kannten das von der Schlachterfrau in der Nebenstraße, die hatte aber nur einen leichten Oberlippenbart.
„Gafft nicht so! Rein mit euch!“, sagte sie mit freundlicher Stimme.
Die Jungen gingen hinein. Auch hier brannten überall Feuer und warfen im Halbdunkel unheimliche Schatten.
Sie setzten sich auf eine der Bänke zu den anderen Besuchern.
Ein Zwerg, kaum größer als einen Meter, drehte an einem Leierkasten und es ertönte eine märchenhafte Melodie.
Der Zwerg trug die Kleidung der Holzfäller und man konnte eindeutig seine spitzen Ohren erkennen.
Mit seiner rauen Stimme kündete er: „Der große Vladimir!“
Ein Blitz fuhr durch die Luft und ein Mann öffnete theatralisch mit seinem Arm einen Umhang, der ihn in der Dunkelheit verhüllte hatte.
Vladimir hatte einen festlichen Anzug an. Die goldene Kette einer Taschenuhr baumelte aus der Westentasche. Der Umhang war innen mit rotem Stoff gefüttert. Auf dem Kopf thronte ein Zylinder und dessen Krempe endete kurz über den stechenden Augen des bleichen Gesichtes.
Er nahm den Zylinder ab, zog einen weißen Hasen heraus, steckte ihn wieder hinein und präsentierte dann den leeren Hut.
Der Zauberer verbeugte sich, aber niemand klatschte. Nur ein Raunen ging durch das Zelt. Es war heiß und stickig. Die Stimmung war sehr angespannt.
„Schwindler! Ich will mein Geld zurück!“, rief einer der Leute. Andere verlangten das gleiche.
Grimmig blickte Vladimir zu dem Mann und zog ein Schwert aus seinem Zylinder. Mindestens vier Ellen lang. Der Zauberer zielte auf den Rufer.
Ohs und Ahs waren zu hören.
„Zufrieden?“, fragte der Zauberer mit seiner tiefen, angenehmen Stimme. Er ließ das Schwert wieder in seiner Kopfbedeckung verschwinden.
„Wir präsentieren Ihnen Monster und Kuriositäten.“
Wieder blitzte es.
„Die Schlangenfrau!“
Auf einer Kiste stand eine Frau mit einem Kapuzenkleid. Sie schlug die Kapuze aus ihrem Gesicht und öffnete das Kleid. Ihr Körper war nur noch nur mit leichten Tüchern bekleidet.
Ihre Haut bestand aus bläulich-grünlichen Schuppen. Die Augen waren gelb, mit schwarzen, senkrechten Pupillen. Sie ließ ein Zischen vernehmen und streckte ihre lange, gespaltene Zunge hervor. Die Schlangenfrau verbeugte sich und die Leute jubelten.
„Der Wassermann!“, rief Vladimir.
Aus einer Zinkwanne kletterte ein menschliches Wesen, ähnlich der Schlangenfrau. Bedeckt mit einem Lendenschurz, tropfte das Wasser an dem Wassermann ab. Die Schuppen waren kräftiger ausgeprägt und er zeigte die Schwimmhäute zwischen seinen Fingern. Der Kamm auf seinem Kopf und die Ohren wirkten, als seien es Korallen. Die Kiemen an seinem Hals bewegten sich in einem wellenartigen Takt.
„Und der Riese!“
Hinter den beiden Gestalten erhob sich eine dritte: Der Riese reichte bis zur Decke des Zeltes, zehn Fuß hoch. Er hatte eine Jacke aus Bärenfell an, an die etliche Fuchsschwänze angenäht waren. Sein Kopf war kantig und sein Gesicht wirkte wie aus Stein gemeißelt.
Der Zwerg führte ein Pony auf die Bühne und der Riese packte es mit seinen Pranken und hob es mühelos über seinen Kopf.
Alle applaudierten und standen auf.
„Wir danken Ihnen und hoffen, dass sie und wieder beehren, wenn wir wieder in der Stadt sind.“
Der Zauberer und die anderen verneigten sich.

Beim Verlassen des Zeltes unterhielten sich die Menschen. Manche ehrfürchtig, andere machten sich lustig über die Kostüme und die verkleideten Darsteller.
Die beiden Jungen wollten es genauer wissen. Sie schlichen zum Hintereingang, wo auch die Wagen der Jahrmarktsleute standen, und spähten durch ein kleines Loch im Zelt. Vielleicht konnten sie sehen, wie sich die Monster abschminkten und wie sie wirklich aussahen.
Alle hatten sich dort versammelt.
„Wie lange wollen wir noch durch die Gegend ziehen?“, wollte der Zwerg wissen. Mit einem Tritt beförderte er den Leierkasten von sich weg.
„Ja, Vlad, ich will zurück zu meinem Liebsten.“ Die bärtige Frau strich über ihren Flaum, der erst verschwand und dann stärker wuchs, bis sie ein Wolfgesicht hatte. „Ich habe es kaum noch unter Kontrolle. Besonders nicht bei Vollmond!“
„Ich kann dieses Dreckzeug nicht mehr ab. Ich brauche fließendes Wasser. Ich muss meine Kiemen mehr nutzen, sonst verkümmern sie“, sagte der Wassermann.
„Und ich habe Hunger!“, grollte der Riese. Er drehte dem Pony den Kopf um, riss ihm ein Bein ab und begann es zu verspeisen.
„Nicht mehr lange. Wir suchen noch bis Ende des Jahres nach unseresgleichen. Dann kehren wir mit ihnen zurück zu meinem Schloss und bilden dort eine Armee, um mein Land zurückzuerobern, damit wir dort in Ruhe leben können.“ Vladimir zog den Hasen aus seinem Zylinder, fuhr seine Eckzähne aus und biss dem Tier in die Schlagader.
Die Jungen wurden an den Ohren zurückgerissen.
Eine kräftige Frau zog die die beiden an ihre Seiten.
„Ich habe euch beiden verboten, zum Jahrmarkt zu gehen. Hier treiben sich nur Gesindel, Diebe und Scharlatane herum.“
Vladimir trat aus dem Zelt. „Alles in Ordnung?“, fragte er höflich.
„Mama, das ist ein Vampyr! Wie aus den Geschichten!“, rief einer der Jungen.
„So ein Unsinn. Das sind nur Märchen“, entgegnete die Mutter.
Der Zauberer beugte sich zu den Jungen. „Eure Mutter hat recht. Wir sind nur Schauspieler.“ Er zeigte ihnen die spitzen Zähne, die er in der Hand hielt.
„Ich hoffe, dass sie ihnen keinen Ärger gemacht haben!“
„Nicht doch. Die Jungen sind nur wissbegierig. Ich wünsche noch einen angenehmen Abend.“ Vladimir verbeugte sich.
Die Mutter zerrte die Jungen mit sich. Die beiden schauten zurück und sahen den Vampyr, wie er grinste und ihm dabei seine Eckzähne über die Unterlippe wuchsen.
Laut schimpfte die Mutter mit den beiden: „So, Jakob und Wilhelm Grimm, ihr werdet gleich zu Hause euer eigenes Wunder erleben!“

Letzte Aktualisierung: 22.03.2015 - 10.04 Uhr
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