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Alles nur Show | März 2015
Letzte Tage
von Martina Bracke

„Jess hat extra ihr Zimmer gerĂ€umt. Aber das macht ihr nichts aus, nicht wahr?“ Sonja sagte das in ihrer betont freundlichen Art und mit einem leichten Unterton zu ihrer Tochter, als sie meinen Rollstuhl ĂŒber die Schwelle schob.
Sie hatten in der Tat ganze Arbeit geleistet. Das Zimmer sah nicht mehr nach einem MĂ€dchentraum aus. Kein Hauch von Rosa war zu entdecken. Stattdessen dominierte das elektrisch verstellbare Krankenbett den Raum. Hier wĂŒrde ich also meine letzten Tage verbringen. Sonja hatte mich zu sich geholt. Meine nĂ€chste Verwandte meinte, im Kreise der Familie zu sterben, wĂ€re doch das Mindeste, was so ein kinderloser Onkel verdient hĂ€tte.
Vielleicht hatte sie Recht. Ich könnte wenigstens auf meine alten Tage versuchen, die Reste meiner Verwandtschaft kennenzulernen. Jess schien dieser Meinung nicht zu sein. Mit fĂŒnfzehn plötzlich das Zimmer mit einem zwölfjĂ€hrigen Bruder teilen zu mĂŒssen, war sicherlich nicht der Traum eines jungen MĂ€dchens. Deshalb glich ihre Miene eher einer Maske, wĂ€hrend alle anderen sich bemĂŒhten, stets zu lĂ€cheln. Ab und zu stupsten sie Jess an, die dann auch kurz die Mundwinkel nach oben zog. Ich lĂ€chelte in mich hinein. Das MĂ€dchen gefiel mir.
Sonja hatte an alles gedacht. Selbst eine Pflegerin hatte sie mir organisiert, die zum GlĂŒck sogar einigermaßen hĂŒbsch aussah. Und ich fand Gefallen daran, sie ordentlich auf Trab zu halten – wie die anderen auch. FĂŒr einen Todkranken hatte ich einen gesegneten Appetit und durfte mir fast jeden Tag ein Essen wĂŒnschen, das Sonja mir dann zubereitete. Die KĂŒche hatte sie im Griff und ihre Familie auch. Zur Stunde meines MittagsschlĂ€fchens schlichen alle nur auf Zehenspitzen durchs Haus, um mich nicht zu stören. Abends ertrugen sie es, dass ich den Fernseher laut aufdrehte, schwerhörig, wie ich in meinem Alter sicher war. Bis in die Nacht schaute ich am liebsten Actionfilme, auch wenn Sonja meinte, dass das fĂŒr das Herz nicht gut sein könne. Mein Herz schlug PurzelbĂ€ume, aber ansonsten krĂ€ftig. Das sagte ich natĂŒrlich nicht.
Wenn der Doktor kam, war ich leidend. Meine Stimme zitterte sogar manchmal. Ich war sehr stolz auf mich. Und ich hörte, wie sie jedes Mal im Flur besorgt fragten, wie viel Zeit mir denn noch bliebe.
Die Zeit war mein Gegner, das wusste ich. Aber auch ein VerbĂŒndeter. Jess und ihr Bruder hatten manchmal morgens Schatten unter den Augen, zwinkerten mir aber verschwörerisch zu. Kein Wunder, denn nachts schlichen sie sich heimlich in mein Zimmer und wir sahen uns all die Filme an, vor denen Sonja sie als gute Mutter bewahren wollte. Böser Onkel! Die beiden gewannen mich lieb. Und ich sie. Trotz ihrer Mutter. Deren Freundlichkeit hielt sich in immer engeren Grenzen, je lĂ€nger ich bei ihnen lebte, besser: ĂŒberlebte. Denn nach ihren Berechnungen hĂ€tte sie schon lĂ€ngst erben mĂŒssen. Warum sollte man sonst einen alten, fast unbekannten Mann bei sich aufnehmen?
HĂ€tte ich ihr sagen sollen, dass die letzte Wohnung nur gemietet und ich vier Monate in Verzug war? Meine Glanzzeiten lagen hinter mir, in denen ich mich auf Jachten im Mittelmeer getummelt hatte. Meine Firma hatte ich noch gut verkauft. Aber dann auch gut gelebt. Einige Investitionen waren nicht ganz so wie geplant gelaufen. Da war es doch verlockend, ein Dach ĂŒber dem Kopf zu haben. Der Boulevardpresse sei Dank, die sich gierig auf die Meldung von meinem bevorstehenden Ableben gestĂŒrzt hatte, was Sonja auf meine FĂ€hrte gebracht hatte.
Ich genoss die FĂŒrsorge, das Essen und die NĂ€chte. Doch so langsam musste ich darĂŒber nachdenken, wie ich entweder meinen Aufenthalt hier gut begrĂŒndet verlĂ€ngern konnte oder was fĂŒr Alternativen ich hatte. Nicht viele, das war klar, aber bis jetzt war mir noch immer etwas eingefallen. Über das ganze GrĂŒbeln wurde ich melancholisch. Das viele Liegen tat mir auch nicht gut. Ab und zu versuchte ich meine Muskeln zu strecken, aber sie bauten doch immer mehr ab. Der Doktor setzte eine ernste Miene auf und in Sonjas Augen sah ich ein Glitzern. Der Spaß an der nĂ€chtlichen Unterhaltung verging und Jess und ihr Bruder zogen manches Mal betrĂŒbt aus meinem Zimmer. Die Rollos blieben auch tagsĂŒber meistens unten und alle schlichen den ganzen Tag durchs Haus. Das Essen schmeckte nicht mehr so lecker, doch Sonja kam immer demonstrativ mit dem Korb frischen GemĂŒses vom Markt zu mir, bevor sie in der KĂŒche verschwand.
Vielleicht lösten sich meine Probleme doch von selbst. Ich begann, ĂŒber den Tod nachzudenken. Ernsthaft. Und fast bedauerte ich es, meiner Familie nichts als ein paar Manschettenknöpfe zu hinterlassen.
Sonja brachte mir das Essen, das jetzt nur noch aus formlosem PĂŒrierten bestand. Doch Jess schlĂŒpfte nach ihr ins Zimmer, flĂŒsterte: „Ich mach' das schon, Mama.“ Und Sonja ĂŒberließ ihr den Löffel, mit dem sie mich fĂŒttern wollte.
Ich sah Jess an, die ihrer Mutter nachblickte, bis die TĂŒr ins Schloss fiel. Doch statt meinen offenen Mund zu bedienen, öffnete sie das Fenster und ließ den Brei im Garten verschwinden.
„Jess?“, sagte ich fragend.
„Pscht!“, machte sie nur und hob ihren Zeigefinder. „Schlaf jetzt, ich komme nachher noch einmal. Keinen Mucks.“ Dann verließ auch sie das Zimmer.
Mitten in der Nacht, in der ich nicht schlafen konnte, kam sie mit dem Rollstuhl herein. „Schaffst du es bis zur HaustĂŒr, oder brauchst du den Stuhl?“
Ich starrte sie an.
„Draußen wartet ein Taxi. Es bringt dich fort. In meinem Sparschwein waren noch 200 Euro, die kannst du haben. Sieh zu, dass du wegkommst, bevor Mama dich endgĂŒltig vergiftet hat.“
Meine Augen wurden noch grĂ¶ĂŸer, wenn das ĂŒberhaupt ging.
Erst als das Taxi anfuhr, fĂŒhlte ich mich einigermaßen sicher.

© mb2015, 2. Version

Letzte Aktualisierung: 25.03.2015 - 19.47 Uhr
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