Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Alles nur Show | März 2015
Galaktisches Mädchen
von Jochen Ruscheweyh

Cynthias Haare waren der Hammer: ein pinkfarbener Hybrid aus dem Interstellar Girl und einer Manga-Figur. Und leuchten taten sie wie eine Space-Faden-Lampe aus den Siebzigern.
Gleichzeitig hatte Cynthia den ganzen Abend dieses Lächeln drauf, das einen vollkommen kolone macht, weil man nie genau weiß, wo man dran ist. Zumal sie nicht wie der Rest der Girls rüberkam, die sich normalerweise auf UFO-Börsen rumtrieben. Wenn sie etwas war, dann nicht nerdmäßig. Und das galt als Grundvoraussetzung für mich, wenn ich etwas mit einer anfangen wollte.
OK, sicher, dass ich etwas mit ihr anfangen wollte, war ich anfangs nicht, sondern erst, nachdem sie mich im LAN-Bereich der Börse sieben mal hintereinander bei Space-Invaders plattgemacht und zusätzlich den großen Gont zur Detonation gebracht hatte.

Der Mond grinste wie ein gutmütiger, besoffener Pac-Man auf uns hinab, und ich hatte ein derartiges Kribbeln im Bauch wie seit Monaten nicht mehr, als wir durch die laue Nacht zusammen zu ihrer Butze liefen. Cynthia schien sich nichts aus Straßen oder Wegen zu machen, sondern bevorzugte scheinbar die Cross-Schiene. Ich dackelte jedenfalls neben und manchmal auch hinter ihr her, über Zäune, Rasenstücke, Terrassen und Mauervorsprünge, bis wir irgendwann in einem Hinterhof standen, der offensichtlich zu einer Reifenhandlung gehörte.
„Da oben wohnst du?“, fragte ich und malte mir gedanklich bereits den Rest der Nacht aus, während sie die Feuerleiter hinaufstieg. Statt zu antworten, hielt sie mir ihre Hand hin und zog mich treppauf hinter sich her.

Cynthias Bude war der Hammer. Ich glaube, ich hatte noch nie vorher so viele Sternenkarten, Teleskope, Illuminationen und Ufo-Toporamen gesehen, wie hier auf einen Haufen kamen.
„Das ist jetzt vielleicht ’ne doofe Frage, aber das sieht alles ziemlich professionell aus. Ich meine, studierst du Astro-Physik oder so was?“ Meine zehn Sinnlos-Semester Raumplanung würde ich nicht erwähnen, falls sie gegenfragte. Man musste ja nicht gleich kompletten Lebens-Striptease machen.
Sie warf den Kopf zurück und lachte genauso crazy sexy wie das Interstellar Girl es immer getan hatte, bevor der Andromeda-Wesir ihr in Band 11 die Positiv-Positronen raubte. „Ich bin auf einer Mission“, erklärte sie.
Das ließ Raum für Spekulationen.
„Come on, Erdenjunge, positioniere deine Hand auf meinem Oberschenkel, dann gebe ich dir eine vertrauliche Information!“
Erdenjunge war nicht unbedingt ein Wort, das richtig geil klang, mehr so, als hätten einen die Eltern Karl-Heinz oder Waldemar genannt, aber das Angebot, ihren Oberschenkel anzufassen, war definitiv eins, das jeder ohne künstliches Gehirn angenommen hätte. Und dieser Spezies fühlte ich mich zugehörig.
Cynthias Snake-Optik Leggings waren der Hammer. Ich konnte mich nicht daran erinnern, mal irgendwann vorher ein Stück Stoff in der Hand gehabt zu haben, das sich so kühl und so sehr nach Tier anfühlte und sich obendrein noch wie eine zweite Haut an ihre anschmiegte.
Sie strich meine Haare zur Seite und flüsterte mir ins Ohr: „Ich konstruiere UFO-Fotos.“
„OK“, sagte ich, ohne den Inhaltsaspekt ihrer Nachricht zu verstehen.
„Dreier-Flugformation, April 2015, über Dinslaken, das Bild habe ich erstellt. Geholfen haben mir ein Satz Aluminium-Radkappen und eine spezielle Belichtung.“
„Wow“, entgegnete ich, „das hätte ich jetzt nicht erwartet.“
„Bist du nun depressiv?“, fragte Cynthia, „ich stellte zumindest eine Affinität zu UFOs bei dir fest. Daher wäre es logisch, wenn du auf diese Weise menschlich reagieren würdest.“
Ich zuckte mit den Schultern und versuchte mein pokerfacigstes Face aufzusetzen, das ich drauf hatte. Dann sagte ich: „Machst du noch mehr in der Hinsicht?“
„Komm“, gab sie zurück, stand auf, und ich folgte ihr.
Cynthia zeigte mir Starnberger See, Lüneburger Heide, Pommersche Seenplatte, einfach jede bedeutende, auf Foto festgehaltene UFO-Sichtung der letzten Jahre und wie sie sie inszeniert hatte. Mal waren es Haushaltsgegenstände, ein anderes Mal technische Geräte vom Sperrmüll, ein jedes für sich aber so geil verfremdet, dass mit bloßem Auge nicht erkennbar war, um was es sich handelte.
„Wie sind deine Emotionen mir gegenüber nun?“
Ich musste mir selbst eingestehen, dass mich Cynthias altkluges Gequatsche immens scharf machte. Daher nutzte ich die Gelegenheit, ihr so nah gegenüberzustehen, griff ihr ins Haar und spielte damit. Ich konnte gar nicht beschreiben, wie es sich anfühlte, künstlich, aber auf eine verrückte Weise auch wiederum lebendig und vital.
„Ich verstehe noch nicht ganz, warum du es machst, also, die Leute an der Nase herumführen.“
„Die Intention ist, es nicht perfekt zu machen.“
„Hä? Wie meinst du das?“
„Jede meiner Inszenierungen, so realistisch sie auch wirken, enthält minimale Fehler und Abweichungen. Ein einzelner Mensch erkennt sie nicht, aber die Institution NASA.“
„Du meinst, du hast es nicht besser hinbekommen?“
Sie kam wieder mit diesem Lachen um die Ecke, das mich verrückt machte. „Ich befinde mich auf einer Mission“, wiederholte sie, wurde dann wieder ernst und erklärte: „Damit stelle ich ein höchstmögliches Maß an Sicherheit her.“
„Das ist mir echt zu abgespaced, Cynthia, wen wiegst du in Sicherheit?“
„Diejenigen in der NASA, die auf der Suche nach intelligentem Leben sind. Solange sie verifizieren, dass 99% aller UFO-Bilder erklärbar sind, bleiben sie bei der Theorie, dass der Weltraum unbesiedelt ist. Und dass du und andere Erdenmenschen eine Affinität zu einer irrationalen Vorstellung habt.“
„Warum betonst du das mit der Erde eigentlich immer?“, unterbrach ich sie.
„Tue ich das? Es wird Commander Zufall gewesen sein.“
Ich ließ Cynthia stehen und sah mir ihre Inszenierungen noch einmal von Nahem an. Unglaublich, was für Arbeit sie geleistet hatte. Andererseits stand auch irgendwie fest, dass sie eine kräftige Schraube locker hatte. Am Ende behauptete sie noch, sie hätte auch Roswell gefälscht. Die Frage war: Wie sollte ich damit umgehen? So tun als fände ich es ganz normal und richtig, um mit ihr zusammenzusein oder diskret die Biege machen und Cynthia unter der Rubrik Psycho abhaken? Ich wusste es nicht.
„Löse ich Angst oder eine Blockade in dir aus?“, fragte sie.
„Nicht mehr als irgendein anderer Freak auf dieser UFO-Börse“, log ich. Aber dann kam es noch heftiger. Sie trat vor mich und eröffnete mir: „Und wenn ich dich nun informieren würde, dass ich nicht von diesem Planeten stamme, Erdenjunge?“
Ich legte die Stirn in Falten und reloadete: Was wäre, wenn ich ihre Schrägheit einfach ausblenden oder als gegeben annehmen würde? Könnte ich dann nicht einfach mit ihr zusammensein, zumindest eine Weile lang?
Cynthia musste bereits auf ihre eigene Weise vorgedacht zu haben, als sie fragte: „Wie ist deine Position gegenüber gemischt-stellaren Verbindungen?“

Sex mit Cynthia war der Hammer. Sie schien tausend Arme und eine unglaubliche Kondition zu haben. Irgendwann in der Nacht wurde ich mal kurz wach und Cynthia saß immer noch auf mir, murmelte Zahlenkolonnen und schob - wenn ich es richtig mitbekam - irgendwelche Schläuche in diverse meiner Körperöffnungen. Wenn ich nicht so müde gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich in weiteren multiplen Orgasmen explodiert. So fühlte es sich einfach nur wohlig an, und ich dämmerte wieder weg.

Am nächsten Morgen wurde ich davon geweckt, dass mir jemand in einem Blaumann heftig in die Seite trat. „Was machst du in meiner Halle, du Penner?“, brüllte mich der fast haarlose Mann an. Ich rieb mir die Augen, aber alles was ich sah, war ein Hochraumlager voller nach Gummi stinkender Autoreifen. „Wo ist Cynthia?“, fragte ich überflüssigerweise, denn der Blaumann würde mir ganz sicher keine Antwort geben. Er klemmte seine Speckfinger hinter die Träger seiner Latzhose und meinte: „Du bist einer von diesen Spinnern von der UFO-Börse und bildest dir ein, du hätt’st ’ne Außerirdische gebumst.“ Dann trat er mir erneut in die Seite: „Du bist doch sowas von krank, Mann. Mach, dass du hier wegkommst!“

Eine Viertelstunde später saß ich in meiner bevorzugten Fastfood-Kette über einem EggMcMuffin und pflegte meinen verdrehten Liebeskummer, denn die Nacht mit Cynthia war trotz all ihrer Verstrahltheit der Hammer gewesen. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr realisierte ich, dass Cynthia zurückkehren würde. Unter meinem Shirt zeichnete sich bereits eine kleine Rundung ab. Es war nicht alles Show gewesen. Dieser Teil hatte zu ihrem Plan gehört. Die Vorstellung, dass die Frucht unserer gemischt-stellaren Beziehung in mir wuchs, war auf verrückte Weise tröstlich und beängstigend zugleich.

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Letzte Aktualisierung: 27.03.2015 - 07.35 Uhr
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