Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breiten├Âder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Alles nur Show | Mńrz 2015
Die alte Frau am Zebrastreifen
von Silke Sarkander

Knapp vor mir schlug die Ampel um, auf Rot um genau zu sein, wie die gef├╝hlten 100 Male davor ebenfalls. Der krampfhafte Versuch, mittels tiefem Ein- und Ausatmen die Ruhe zu bewahren, misslang kl├Ąglich. Meine Fingerspitzen f├╝hrten ein Eigenleben, trommelten nerv├Âs auf dem Lenkrad herum.
Ich konnte mir lebhaft meine Schwester Pia vorstellen, wie sie wartend durch die K├╝che tigerte, immer wieder auf die Uhr schaute. Dummerweise hatte ich in einer schwachen Minute eingewilligt, heute auf ihre Kinder aufzupassen und mich zu allem ├ťberfluss dazu hinrei├čen lassen, den G├Âren Pizza zum Abendbrot zu versprechen. Ich verzog das Gesicht. Aber was tut man nicht alles f├╝r seine Schwester?
Eine alte Frau stand am Zebrastreifen. Mein Fu├č fand automatisch das Bremspedal. Die Reifen quietschten. Ich war gezwungen ruhig dabei zuzusehen, wie sich langsam ihre Muskeln anspannten. Dann folgte der erste zaghafte Schritt. Bed├Ąchtig setzte sie einen Fu├č vor den anderen.
W├Ąre ins Lenkrad bei├čen eine Option gewesen, ich h├Ątte es getan.
Etwa auf der H├Ąlfte der Strecke hielt sie pl├Âtzlich inne, wendete langsam ihren Kopf und schaute mich, mit sp├Âttisch blitzenden, blauen Augen, direkt an.
Unvermittelt kochte eine Erinnerung in mir hoch: Das runzelige Gesicht meiner Uroma, mit dem Haarnetz auf den wei├čen Locken, tauchte vor mir auf.

Ungeduldiges Hupen klang mir in den Ohren, riss mich aus meinen Gedanken. Hektisch Gas gebend, schloss ich eilig zu den Fahrzeugen vor mir auf. H├Ąngte mich hinten an, stoppte, wenn die Bremslichter aufleuchteten und beschleunigte reflexartig, sobald eine L├╝cke entstand.
Ich erinnerte mich kaum noch an meine Uroma aus Kindheitstagen. Eigentlich traf ich sie nur an Geburtstagen und Weihnachten. Sie sa├č den ganzen Nachmittag vor sich hinl├Ąchelnd und zumeist alleine in einem Sessel, schien nur darauf zu warten, wieder nach Hause gehen zu d├╝rfen.

ÔÇ×Du Lackaffe, kannst du nicht blinken?ÔÇť, rief ich aufgebracht in die Leere meines Autos, als direkt vor mir ein Wagen aus der Parkl├╝cke schoss. Ich atmete erst einmal tief durch.
Das Bild meiner Uroma lie├č sich nicht vertreiben. Ich sah sie noch klein und unscheinbar, schon fast vergessen, in diesem Krankenhausbett liegen, die Laken zerknautscht wie ihre gr├Ąulich schimmernde, pergamentartige Haut. Sie zerrte an ihren Fesseln, strebte verzweifelt danach auf die Beine zu kommen, wollte nur nach Hause. Die ├ärzte nannten sie verwirrt.

Der Verkehr staute sich, an ein Fortkommen war nicht zu denken. Die Lichter des Andreaskreuzes k├╝ndigten einen herannahenden Zug an. Ich stellte frustriert den Motor ab.
Erinnerte mich beklommen an ihr eingefallenes Gesicht, als sie sich im Zimmer des Altenheimes wiederfand. Ihr neues Zuhause ma├č etwa sechszehn Quadratmeter. Es sollte nicht nur ihren Lebensabend beschlie├čen, sondern auch den ihrer Mitbewohnerin. Eine Decke, gef├╝llt mit Daunen, verbarg sie fast komplett. Sie schien sich zu verlieren, in diesem Bett, in dieser Familie und in ihrer Existenz. Resignation glaubten wir in ihren Augen zu sehen. Diesmal gab es keine Fesseln. Sie hatte aufgegeben, versuchte gar nicht erst aufzustehen.
Meine Eltern erz├Ąhlten ihr von Dingen, die ich schon lange vergessen habe und meine Uroma gar nicht erst h├Ârte. Auch ihre Augen wurden immer schlechter. Sie zog sich in sich selbst zur├╝ck.

Die Bahnschranke ├Âffnete sich. F├╝r einen Moment widmete ich meine Aufmerksamkeit erneut dem Verkehr. Der Stau hatte sich aufgel├Âst. Die Landstra├če lag frei, dabei gl├Ąnzend vom Regen, vor mir. Ich stellte den Tempomat ein, lie├č mich treiben, auf der Stra├če und zur├╝ck zu meiner Uroma.
Der ├Ąrztlichen Diagnose zum Trotz, lag sie nach ein paar Wochen noch immer in ihrem Bett anstatt unter der Erde. Sie begann zu schimpfen, klagte ├╝ber das Essen, die Pfleger, das Wetter und ├╝ber ihre Mitbewohnerin, k├Ąmpfte sich bis auf den Stuhl vor. F├╝r einen Sessel gab es in diesem Zimmer keinen Platz. Es schien fast, als wenn Atmen f├╝r sie keine Lebensnotwenigkeit mehr w├Ąre. Luftholen stellte keine Option dar, unterbrach ihren Klagefluss zu keiner Zeit. Auf diese Art verbrachte meine Uroma ihre Tage, indem sie morgens aufstand und auf Besuch wartete. Aber zumindest diesen Wunsch erf├╝llten wir ihr getreulich einmal in der Woche. Ihr immerw├Ąhrendes Gezeter ignorierend, f├╝hrten wir eine belanglose Konversation, spazierten anschlie├čend gemeinsam eine kurze Runde durch den Garten. K├Ârperlich ging es ihr wieder besser. Doch nach sp├Ątestens einer Stunde verlie├čen wir die alte, bedauernswerte Frau, erleichtert endlich frische Luft zu schnappen und unsere Pflicht erf├╝llt zu haben.

Vor mir befand sich die Autobahnzufahrt. Der schlimmste Teil der Strecke lag nun hinter mir. Ich setzte den Blinker und f├Ądelte mich in die Abbiegekolonne ein, da schob sich meine Uroma bereits wieder in mein Blickfeld.
Besuchstag, diesmal f├╝r mich ausnahmsweise ohne Begleitung meiner Eltern. Ich kam unangek├╝ndigt. Als ich das Zimmer betrat, registrierte ich unwillk├╝rlich den in der Luft h├Ąngenden schweren, s├╝├člichen Geruch des Alters, weiterhin den leeren Platz am Fenster.
Ihre Mitbewohnerin informierte mich auf Nachfrage, dass meine Uroma im Haus unterwegs w├Ąre.
ÔÇ×Im Haus?ÔÇť, erkundigte ich mich ungl├Ąubig. ÔÇ×Wo im Haus?ÔÇť
Na, das wisse sie nun wirklich nicht, bekam ich patzig zur Antwort. M├Âglicherweise bei der Elsa am Ende des Flurs, oder bei Hans im anderen Fl├╝gel oder eventuell hatte sie sich auch zu der Gruppe drau├čen vor dem Eingang gesellt.
Ah ha! Sprachen wir von meiner st├Ąndig zeternden Uroma, die nur h├Ârte, was sie wollte, schlecht sah und am liebsten auf ihrem Stuhl sa├č?
Sie zu finden, konnte nicht schwer sein, dachte ich mir in meinem jugendlichen Leichtsinn. Die Gruppe vor dem Eingang hakte ich getrost ab, daher kam ich gerade. Also machte ich mich auf den Weg, sprach zuerst mit Elsa, dann mit Hans. Sie hatten sie nicht gesehen, schickten mich jedoch weiter zu Erna, die wiederum zu Lissi und so ging es weiter. Schlie├člich st├Âberte ich sie in der kleinen Gemeinschaftsk├╝che auf, wo sie alleine mit einer Tasse Tee sa├č. Der hei├če Wasserkessel stand noch auf dem Herd.
Auf meine Frage ÔÇ×Was tust du hier?ÔÇť erkl├Ąrte sie mir gelassen: ÔÇ×Ich g├Ânne mir ein bisschen Ruhe.ÔÇť
ÔÇ×Ein bisschen RuheÔÇť, betete ich ihre Worte d├╝mmlich nach. Ich befand mich definitiv im falschen Film.
Sie lachte auf. ÔÇ×Hast du eine Ahnung, wie anstrengend die jungen H├╝hner hier sein k├Ânnen?ÔÇť
Junge H├╝hner?! Dar├╝ber musste ich erst mal nachdenken. Aber aus ihrer Warte gesehen: mit stolzen 97 Jahren, war selbst 80 noch jung.
Wer war diese Frau, die jetzt heiter lachend vor mir sa├č, mich mit leuchtenden, wissenden Augen betrachtete?
Kopfsch├╝ttelnd lie├č ich damals unsere Vergangenheit vor meinem inneren Auge vorbeiziehen. Die Scham lie├č nicht lange auf sich warten, w├Ąhrend meine Uroma mir verst├Ąndnisvoll die Hand t├Ątschelte.
ÔÇ×Lass gut sein M├Ądchen. Das ist der Lauf der Welt. Du darfst dich nur nicht unterkriegen lassen.ÔÇť
Jetzt waren wir auf uns alleine gestellt. Einfach nur Uroma und Urenkelin, ohne ÔÇ×du musstÔÇť, ÔÇ×du solltestÔÇť oder ÔÇ×das macht man soÔÇť.

Ich trat das Gaspedal durch. W├Ąhrend ich auf der ├ťberholspur an allen vorbeirauschte, dieselbe Ungeduld versp├╝rte, mit der ich damals meinen weiteren Besuchen entgegensah.
Meine kleine Dame ├╝berraschte mich jedes Mal aufs Neue. Sie erz├Ąhlte von ihrer Kindheit, einer anderen Welt. Ich h├Ârte aus erster Hand die Geschichten ├╝ber den letzten deutschen Kaiser, erlebte die Stimmung bei seinen Paraden. Sie sah die ersten Autos, erlebte zwei Weltkriege und floh vor den Russen. Ihre Welt ver├Ąnderte sich kolossal, immerhin fast ein ganzes Jahrhundert.
Au├čerdem wurden unsere Spazierg├Ąnge immer l├Ąnger, dank meiner durfte sie endlich wieder das Gel├Ąnde des Altenheimes verlassen.
Wir beide verschworen uns gegen den Rest der Familie, gewundert haben sie sich, mich dabei wohlwollend betrachtet. Sie nannten es ÔÇ×eine Last tragenÔÇť. Ich dagegen nannte es Vergn├╝gen.
Ich vermisste meine Uroma, nicht immer, aber immer mal wieder und dann umso mehr.

Vor mir lag nun die Einfahrt.
Lina und Lukas st├╝rzten mir bereits entgegen, meine Schwester im Schlepptau.
In mir jubelte es: Pizza-Time ÔÇŽ

Version 2
Stand: 23.03.15

Letzte Aktualisierung: 23.03.2015 - 19.56 Uhr
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