Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Alles nur Show | Mrz 2015
Angeber
von Monika Heil

Manni traute seinen Augen nicht. Überrascht starrte er auf den Brief. Feinstes Bütten. Die restliche Post bestand aus Reklamebriefen und nicht angeforderten Katalogen. Noch im dunklen Hausflur stehend, riss er den Umschlag auf.
»Boah, Iris hat mich zu ihrer Hochzeit eingeladen«, rief er aufgeregt und laut. Niemand antwortete, denn er stand allein vor der langen Briefkastenreihe. »Sie erinnert sich noch an mich. Unglaublich. Hat wohl nicht vergessen, wer der beste Liebhaber ihres Leben war.« Ein diabolisches Grinsen nistete sich in seinen Mundwinkeln ein.
»Empfang im Savoy! Großes Theater, wie es scheint. Genau das Richtige für mich. Da strengt sich mein alter Kumpel Bobby aber mächtig an«, murmelte er.

Später stand er grübelnd vor seinem Kleiderschrank. Smoking? Oder doch das weiße Dinner-Jackett? Aha, dunkler Anzug erwünscht, steht da. Also Smoking. Ist doch auch ein dunkler Anzug, nur besser. Was anderes kommt da für mich nicht in Frage. Iris und Bobby. Das hat also wirklich gehalten. Nicht zu fassen. Pete kommt bestimmt in seinem grauen Allerweltsanzug und Finn, na, soviel ich weiß, hat der seit seiner Konfirmation keinen Anzug mehr angehabt. Ob die überhaupt eingeladen sind? Vielleicht hat Iris ja nur mich aus der alten Clique eingeladen. Savoy-Hotel – da muss man sich schließlich benehmen können. Wie war das? Bestecke von außen nach innen in der Reihenfolge, Kartoffeln nicht mit dem Messer schneiden, vor jedem Trinken Mund abputzen. Ach, Tante Grete, wie gut, dass du mich damals zu diesem blöden Benimmkurs geschickt hast.

Ich sollte Lothar anrufen. Der muss mir noch mal seinen Jaguar leihen. Da werden die Mädels schauen, was Iris für Freunde hat. Okay – abgehakt.

Was schenke ich den beiden? Bobby, der Geizhals, hat uns damals zur Hochzeit ein Bowleservice geschenkt – echt Bleikristall gepresst. Das hat genau so kurz gehalten wie meine Ehe. Was haben wir damals eigentlich von Iris bekommen? Keine Ahnung.

Manni stieg in den Keller, inspizierte, was da alles herumstand. Manni kletterte auf den Dachboden. Originalverpackt stapelten sich dort Toaster, Kaffeemaschinen, Tischlampen und vieles mehr. Überbleibsel aus seiner Geschäftsaufgabe vor etwas mehr als fünf Jahren. Viola, seine Verflossene, hätte zwar Pleite dazu gesagt, aber das ließ er nicht gelten. Verdrossen schaute er sich um. Da war nichts Passendes dabei. Irgend etwas ganz Spektakuläres müsste es sein.

Sein Blick fiel auf das Bild. Allein der protzige Goldrahmen sah aus, als sei er aus dem 15. Jahrhundert. Ritter Kuno zu Pferd.
»Das isses«, dachte er. Antiquitäten sind teuer und wertbeständig. Wenn ich da auf der Rückseite so eine klitzekleine Expertise anbringen würde?! Nichts Hochtrabendes – unsignierter van Dyck, von den Erben bestätigt. Damit könnte ich wahrlich Eindruck schinden, egal, wer da noch als Gast kommt.


+++

Professor Dr. Dr. Meyerinck, wie er sich auf seiner Visitenkarte nannte, schlenderte mit seinem Champagnerglas in der Hand durch den Festsaal des Savoy. Langweilige Gesellschaft. Wäre er nicht der derzeitige Geliebte von Olga, die wiederum die Tante der Braut war, hätte er längst das Weite gesucht. Wenig interessiert glitt sein Blick über den ausladenden Tisch mit den Geschenken. Was heißt hier Tisch? Mindestens 50qm mit weißen Decken und Rüschenborten gesäumte Reihen, angefüllt mit Edlem und Unedlem, Krimskrams, Kitsch und wertvollen Präsenten langweilten seinen Blick. Plötzlich stutzte er. Überrascht leerte er sein Glas. Vorsichtig näherte er sich dem Objekt. Als selbsternannter Kunstsachverständiger zog ihn dieses Gemälde geradezu magisch an.
»Niemals«, murmelte er als Antwort auf seine ungestellte Behauptung. Er zog die Lupe aus der Jackett-Tasche, ohne die er niemals sein Haus verließ. Vorsichtig schaute er sich um. Niemand beobachtete ihn. Gut so. Er beugte seinen Oberkörper über die Tischplatte, fuhr mit dem Zeigefinger vorsichtig über den Goldrahmen, als wollte er prüfen, ob Staub gewischt worden war. Langsam, ganz langsam scannte er durch die Lupe schauend, das Gemälde ab.
»Das gibt´s doch nicht«, raunte er sich zu. Vorsichtig nahm er das Objekt in die Hand, drehte es um, las die sogenannte Expertise.
»Pff. van Dyck. Dass ich nicht lache. Wer hat sich denn da einen Scherz erlaubt?« Erneut schaute er sich um. Er war allein im Raum. Die meisten Gäste vergnügten sich im Ballsaal. Professor Dr. Dr. Meyerinck kramte in seinem Gedächtnis wie in einem übervollen Aktenschrank. Wolfgang Beltracci. Sein Freund Wolfgang. Genau. Dieses Bild passte eins zu eins zur Handschrift des begnadeten Kölner Kunstfälschers. Leider saß der zur Zeit in Haft. Offenbar hatte Tilli, seine Frau, doch Recht gehabt. Die Fahnder hatten nicht alle seine Fälschungen eingezogen. Ein paar waren noch auf dem Markt. Diese hier gehörte eindeutig dazu und hatte durchaus einen Wert. Denn seit Wolfgangs Verhaftung waren seine Arbeiten in der Kunstszene begehrte Sammlerobjekte. Vor Jahren hatte ein Berliner Händler, so erinnerte sich Meyerinck jetzt, eine dieser Fälschungen auf dem Flohmarkt für wenige Euro verhökert, weil er glaubte, im Besitz eines wertlosen Gemäldes zu sein. Er hatte ja nicht ahnen können, dass auch ein »echter falscher Beltracci« inzwischen mehrere tausend Euro wert war.
»Was suchst du, mein Lieber?«
»Olga! Hast du mich jetzt erschreckt. Ich schaue mir dieses imposante Gemälde an.«
»Iris hat Tränen gelacht, als sie es sah. ´Echt Manni`, meinte sie.
»Ein echter Manet? Niemals. Der hat völlig anders gemalt.«
»Wenn du es sagst. Davon verstehst du mehr als ich. Ist ja auch egal. Sie wird bestimmt auch das Bild, wie diesen ganzen Kram hier, nächste Woche bei ebay anbieten.«
»Wieso das denn?«
»Ach weißt du, dieses eine Wochenende war der große Traum von Iris. Sie hat ihn sich erfüllt. Einmal wie eine Prinzessin feiern. Einmal im Savoy tanzen, dinieren und schlafen. Hätte sie nicht dieses nette Sümmchen im Lotto gewonnen, wäre ihre Hochzeitsfeier mit Sicherheit viel bescheidener ausgefallen. Alles nur Show, mein Lieber, alles nur Show.«
»Und all diese wertvollen Geschenke ...«
»verkauft sie bei ebay. Kann sie in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung sowieso nicht unterbringen. Bringt sicher ein Sümmchen.« Tante Olga seufzte theatralisch.
»Das heißt, äh, du glaubst, also meinst du, sie würde mir diesen Kuno hier verkaufen?«
»Wenn der Preis stimmt. Ganz sicher.«
Er rechnete blitzschnell. Tilli hatte in der Szene verbreitet, dass sie gutes Geld für jeden wieder aufgetauchten Beltracci zahle. Sie wollte ihrem Mann nach seiner Entlassung die Chance für einen Neuanfang bieten.
Fünftausend Eure zahlte sie mit Sicherheit.
»Fünfhundert. Ist das ein Angebot?«
»Und ob, da brauche ich das Kind gar nicht zu fragen. Dieser Kuno auf dem Pferd gehört dir, mein Schatz.«
»Sehr schön, nach ihrer Hochzeitsreise ...«
»Was heißt hier Hochzeitsreise? Mit dieser pompösen Feier ist das Geld vom Lotto aufgebraucht. Jetzt muss sie erst mal neues verdienen. Dank ebay wird sie das schon schaffen.
Nimm das Bild gleich mit. Dieser Manni hat sich vorhin bereits verabschiedet. Der merkt das also nicht. Und Iris sage ich Bescheid. Und morgen bringst du ihr 3000 Euro. Abgemacht?«
»Abgemacht, meine Liebe. Und jetzt wagen wir auch mal ein Tänzchen. Ja? Man hat ja nicht jeden Tag Gelegenheit, so nobel zu feiern.«
Liebevoll legte er den Arm um seine Geliebte und verließ mit ihr den Raum. Ein gutes Geschäft, dachte er, bevor er den Ballsaal betrat. Tilli wird sich freuen und ich freue mich auch. So schnell verdient man nicht so oft fünftausend Euro und bringt dabei auch gleich noch immerhin fünfhundert von dem Falschgeld unter. Wenn das keine guter Tag ist.

Version 3

Letzte Aktualisierung: 10.03.2015 - 21.07 Uhr
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