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Alles nur Show | Mrz 2015
Die Tochter
von Barbara Petermann

Der Hund bellt. Ein hässlicher alter Köder, der nur noch mit letzter Kraft, aber nicht minder vehement als früher bellt. Alles etwas vergammelt hier draußen vor der Tür, aber auch innen im ganzen Haus.
Jetzt reagiert der Mann auch innen. Sie hört, wie die Wohnzimmertür sich öffnet und er zum Eingang schlappt. Ein kleiner, etwas zu warm für die Jahreszeit gekleideter alter Mann fasst mit einer Hand die Klinke, während er mit der anderen den immer noch kläffenden Hund am Halsband festhält.
„Hör auf, Franz. Still. Hallo. Komm rein. Oma ist im Wohnzimmer“. Als ob das etwas Überraschendes wäre. Sie weiß, dass ihre Mutter wie eine fette Kröte mit eingezogenem Hals im Wohnzimmer auf sie wartet.
In ihm spannt sich alles an in ängstlicher Erwartung des Augenblickes der Begegnung zwischen seiner Frau und seiner Tochter. Es waren, so weit er auch nur zurückdenken konnte, immer Spannungen zwischen den beiden die beherrschende Stimmung gewesen.
Seine Tochter könnte behutsamer mit seiner Frau umgehen. Aber aus ihr strahlte nur Verachtung für ihre Mutter. Diese war eben, wie sie immer war, und er hatte sich nicht nur im Laufe ihrer langjährigen Ehe daran gewöhnt, nein, er wusste sogar ganz sicher, dass er nicht ohne sie leben wollte. Klar, war es nicht immer einfach gewesen. Die ewigen Streitereien zwischen Mutter und Tochter. Da hätte die Tochter schon mal mehr klein beigeben können. Aber es gab immer wieder Zeiten, da wollte die Tochter ihre durchaus verständliche Sicht auf die Dinge durchdrücken gegen seine Frau. Aber das hatte diese nie ertragen. Die Mutter war halt sehr labil und hatte ihren Kopf. Erst hielt sie die Tochter für ungehorsam, dann für unverschämt mit ihren freiheitlichen Ansichten und ihrer Nähe zum Vater, mit dem sie so viel besser über alles reden konnte. Er hatte zwar immer die Tochter verstanden, aber er lebte nun einmal mit seiner Frau, also musste er dieser beistehen. Das hatte er auch immer wieder versucht der Tochter verständlich zu machen. Aber diese kam mit Argumenten, durchaus vernünftige, aber für seine Frau eben nicht zugängliche. Also versuchte er eine Zeit lang beide voreinander zu schützen, bis er sich dann endgültig ganz auf die Seite seiner Frau geschlagen hatte. Und so hegte und pflegte er diese und deren Eigenheiten über alle Maßen. Sie konnte zwar kaum noch sehen, doch wäre sie zu weitaus mehr in der Lage, als sie vorgab. Aber sie genoss es eben hilflos zu sein mit ihm an ihrer Seite als gefügigen Helfer. Helfeshelfer würde die Tochter sagen. Denn er brachte seine Frau mit seiner übermäßigen Unterstützung nur vollends in die Hilfsbedürftigkeit. Und es machte die Tochter wahnsinnig, wie beflissen er auf die stetige Veranlassung seiner Frau tat, wozu sie eigentlich größtenteils selbst in der Lage gewesen wäre. Zumal diese Tatenlosigkeit der Mutter gar nicht gut bekam, wie die Tochter schon öfter beobachtet hatte. Mit jeder kleinen Aufgabe war die Mutter in der Vergangenheit aufgeblüht. Aber grenzenlose Ergebenheit anderer frönte ihrem Narzissmus, über den sie mit diesem Mann an ihrer Seite nie ernsthaft reflektieren musste. Damit verband die beiden eine ungesunde Spirale, in der sie sich immer mehr verhedderten.
So dackelt er jetzt voller Besorgnis hinter der Tochter her Richtung Wohnzimmer. Auch weiß er, dass sie weiß und deshalb schämt er sich. Klar freut er sich, seine Tochter zu sehen, aber es verursacht eben immer ein ungutes Gefühl in ihm. So schaut er sie flehend an, in der Besorgnis, diese könne nicht die richtigen Worte finden, die über die Klippe der Begrüßung führten. Denn seiner Frau kommt es immer auf die Form an. Diese zu wahren, ist ihr wichtig und so erwartet sie eigentlich Mitleid für ihre Gebrechen, die sie fein säuberlich pflegt, Respekt, denn sie ist ja die Mutter, Bewunderung für alles, was sie je getan hat.
Sie empfängt die Tochter mit einem routinierten „Wie geht’s?“, will aber gar keine Antwort wissen, sondern vielmehr erwartet sie ungeduldig die gleiche Frage. Auf diese kann sie dann sofort, wie aus der Pistole geschossen, antworten: „bescheiden“. Und dann ist sie da, die Stimmung des Leidens, die Mitleid erfordert und sie damit auf den ihr angemessenen Thron setzt.
„Willst du was trinken“, fragt sie in dem Moment, als die Tochter sich auf das Sofa setzen will. „Ja, ein Glas Wasser wäre gut.“ „Herbert, hol mal deiner Tochter Wasser“. „Was macht ihr denn so“, fragt die Tochter. „Ach ich kann ja nichts mehr machen. Ich sehe ja nichts mehr und mit dem Hören wird es auch immer schlimmer.“ „Aber du kannst doch telefonieren?“ „Nein, ich kann die Nummern doch nicht wählen und dein Vater macht auch nicht alles, was er soll.“
In ihr sträubt sich alles. Jede einzelne Zelle will hier möglichst schnell raus, bevor sie in der Tochter zu explodieren droht. Die Mutter könnte sich mit der Schnellwahl behelfen, sie könnte auch aufstehen und die Tür oder Fenster öffnen, sie könnte sich alleine einschenken, sie könnte mehr im Haushalt tun…..
„Wir machen gerade Hausputz. Papa muss mir dabei helfen, weil ich kann ja so vieles nicht mehr….“und so weiter und so weiter. Die Tochter hört das alles und kann es kaum glauben, wie es jedes Mal schlimmer wird mit den Klagen und zum Beweis der Klagen gleichsam mit dem vermehrten Einspannen des Mannes an ihrer Seite.
Das Glas Wasser steht auf dem Tisch. „Möchtest Du etwas essen. Papa kann Dir Käse mit Brot holen.“ Und warum nicht Du, geht es ihr durch den Kopf. Sie möchte das alles eigentlich gar nicht erleben, von was sie hier Zeuge wird.
Vieles und Entscheidendes wird nie ausgesprochen. Versuche dazu sind kläglich gescheitert. Haben sogar zu einer Verschärfung der unguten Mutter-Tochter-Beziehung geführt, indem die Mutter sich mit Tränen und Vorwürfen wegen ungerechter Behandlung bewaffnet unter den bedingungslosen Schutz ihres Mannes gestellt hatte.
Normalerweise würde jeder Mitleid haben angesichts des Bildes, das sich da bot in diesem dunklen Wohnzimmer. Nur in ihr sträubte sich alles dagegen und deshalb saß sie nun wieder einmal mit schlechtem Gewissen auf dem Sofa. Dies war über Jahre hinweg das gnadenlose Band gewesen, das sich wie Fessel aus Drahtseilen in ihr Fleisch grub und es immer wieder erneut wund scheuerte.
Wenn sie sich in Distanz zu ihren Gefühlen setzte, schimmerte auch dieses Mitleid auf mit der alten Frau, die ganz nahe am Fernsehen mit ihrem Schaukelstuhl saß, den sie wohl kaum noch verließ. Aus dem heraus sich ihr ganzes jämmerliches Leben abspielte. Die Befehle an ihren Mann, die Klagen über alles, was ihr das Leben schwer machte. Ohne darüber nachzudenken, dass sie selbst an diesem Schicksal einen großen Anteil hatte. Natürlich forderte das hohe Alter seinen Tribut. Aber es wäre doch noch so einiges möglich gewesen mit ein bisschen Willen, das Leiden zu verlassen und das ewige Klagelied umzustimmen. Aber alles hatte schon über Jahrzehnte Prinzip: Leiden verursacht Mitleid und macht andere gefügig.
So kann auch die Tochter dieses Mal nicht das Mitleiden zulassen. Es macht sie aggressiv. Auch angesichts dessen, was dieses mit ihrem Vater macht und wozu dies ihn mutieren ließ. Er füllte mit bedingungsloser Hörigkeit diesen Platz an ihrer Seite schon fast sein ganzes Leben lang. Natürlich oftmals mit falschen Versprechungen und hilflosem Traktieren, das die Tochter wütend machte und jegliches familiäres Gefühl im Keim erstickte.
Aber dieses Jahr hatte es eine kleine Genugtuung gegeben. Der Vater hatte die Tochter nicht wie jedes Jahr daran erinnert, der Mutter zum Muttertag zu gratulieren oder gar ein Geschenk zu machen. Und prompt hatte diese die Lücke bereitwillig genutzt. Mit der Genugtuung, nicht zum Muttertag gratuliert zu haben, sitzt sie nun auf dem Sofa und wartet auf die nächsten Fragen, die nicht verbinden, sondern Fremdheit fester zementieren würde. Gleichsam als Bestätigung, so empfinden zu dürfen, wie sie es tat.
Und so kommt es dann auch. Nichts, was wirklich bewegt, wird besprochen. Nur alles oberflächlich gestreift. Weniger aus Desinteresse, mehr aus Angst, wunde Punkte zu berühren. Also lieber gar keine Berührung anstreben außer der einen, der des grenzenlosen Mitleides für die ach so kranke Mutter. Trotzdem würde man gerne die Stimmung mit etwas Imposantem anreichern. Was tat sie beruflich oder wie geht es in Berlin. Damit würde man dann im Bekanntenkreis zeigen können, dass auch diese Eltern mit Stolz auf ihre Tochter blickten und das Leben dieser mit Interesse verfolgten. So viel Wissen musste schon sein.
Jetzt wagt sich die Tochter weit aus dem Fenster mit der Frage, warum beide nie in Berlin bei ihr anrufen würden oder geplante Treffen nicht weiterverfolgen würden. Da antwortet der Vater verlegen, er wolle doch ihre Kreise nicht stören. Nicht böse, nein wirklich verlegen, wie es scheint. Bequem gemacht, denkt sie. So ist es natürlich einfach, den alten Konflikten aus dem Weg zu gehen.
Mit einer anderen Seite in ihr kommt sie in solchen Momenten ins Schwanken. Vielleicht sieht sie alles ganz falsch. Vielleicht müsste sie sich nur etwas freundlicher, wohlwollender angesichts der Macken ihrer Mutter geben und schon wäre es da, das gute Tochter-Eltern-Verhältnis, worauf sie bei anderen schon so manche Mal neidvoll geschaut hat. Das verunsichert die Tochter da auf dem Sofa. Vielleicht ist sie zu unbescheiden, zu wenig rücksichtsvoll. Immerhin sind ihre Eltern 85 Jahre und hätten mehr Verständnis verdient.
Aber da war so viel, was jetzt noch so im Raum steht, Beklemmung verbreitet und ein friedvolles Miteinander nicht zulässt. So lange schon, eigentlich seit sie denken kann, kennt sie kein Wohlwollen von der Mutter. Mehr das Verlangen, Stoff für Tratsch und Klatsch aus der Kommunikation ihrer Tochter zu ziehen. Keine Hilfsbereitschaft oder Herzensgüte, wie es eine Mutter so haben sollte und die diese nun auch bei der Tochter vermisst. Zu Recht.
Vielleicht müsste sie es aufgeben, diese Beziehungen verändern zu wollen. Die Veränderung müsste nur in ihr passieren und schon könnte es leichter werden. Vielleicht.

Letzte Aktualisierung: 13.03.2015 - 07.23 Uhr
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