'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespĂŒrt.
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Alles nur Show | März 2015
Zoo Show
von Stephan Lill

Elefant: "Ich habe euch zusammengetrötet; der Zoo geht den Bach runter. Meine Eminenz hatte die Idee 'ne Muppet Show den Zuschauern anzubieten; dazu gehört friedliches Miteinander - zumindest vor den Kulissen. Schaffen wir das, Robbe, Löwe, Uhu, ... und ihr anderen, die nicht zu meinem engsten Freundeskreis zÀhlen?"
Otter: "Ich habe den Film Madagascar gesehen; vielleicht sollten wir uns demgemĂ€ĂŸ verhalten: Ausbruch! Freiheit! Was geht mich der Zoo an - aber jemand wie Miss Piggy, der mich umschwĂ€rmt, das wĂ€re fĂŒrwahr allerliebst."
Er umklammert die Pinguin-Dame.
Der Löwe: "Also jemand, der mir als Puppenspieler die Hand irgendwo reinstecken will - also Leute, da hört bei mir der Spaß auf. Sie haben ja schon BuchsbĂ€ume modelliert nach unseren Maßen - stehen gleich beim Zoo-Eingang; wie wirkt denn das - als ob ich nicht mehr alle BlĂ€tter im Tee hĂ€tte?"
BĂ€r: "Du immer mit deinen leonesken Redensarten; soll das kapriziös sein? - Wen wĂŒrden wir als Gaststar einladen? Eine Imkerin?"
Elefant: "Nun setzt euch erst mal - ist ja wie im Dschungel, ich verstehe mein eigenes Getröte kaum. Ich habe gerade Reineke Fuchs gelesen von Goethe - ein Kind hat mir ein Reclam-Heft zugesteckt - na ja, eigentlich habe ich es stibitzt; praktisch so ein RĂŒssel. Wollt ihr mal meine SchĂ€tze sehen?"
Affe: "Nun bleib beim Thema. Die Show-Idee fasziniert mich; könnten wir Tarzan und Jane Einladungen schicken?"
Uhu: "Die sind doch nur fiktiv. Leute, ihr lest zu viel. Diese E-Reader verwirren euch."
Affe: "Ich bevorzuge die Tablets; haufenweise Kino-Trailer - ich will ins ShowBiz!"
BĂ€r: "Die wollen den Zoo schließen! Tiere brauchen Freiheit. 'ne Show könnte sie davon ĂŒberzeugen, dass wir was drauf haben; mehr als nur den ewig gleichen Trott zu bieten. Wie bin ich es leid, euch nur heimlich besuchen zu können. Aber ich sehe da ein Problem: Die verstehen uns nicht! Die behaupten, ich wĂŒrde nur brummen; ich bin ein differenzierter BĂ€r! Ich habe Nuancen. Okay, nicht ein ganz so dichtes Fell wie der Otter, aber ich bin vorzeigbar."
Der BĂ€r zieht sich schmollend auf das Felsplateau zurĂŒck, wo die GĂ€msen Bockspringen ĂŒben.
BĂ€r: "Die ĂŒben, als ginge es um eine Olympiade. Ihr spinnt doch alle! Auch wenn wir fit wĂ€ren, es hapert an der Kommunikation. Die senden nicht auf derselben Frequenz wie wir - die Menschen haben sich vor einer Million Jahren vom Tierisch-Spaß-Haben verabschiedet und sehnen sich jetzt womöglich danach, wieder so zu sein wie wir: kreatĂŒrlich, begnadet mit Instinkten. Deshalb das andĂ€chtige Staunen vor unseren Gehegen."
Uhu: "Du bildest dir was ein - die Menschen sind genauso stumpfsinnig wie wir. Esprit gibt es nur im Kino."
Affe: "Oder durch eine Show. Die Idee von Elefant haut mich um."
Er schlÀgt sich vor die Stirn. Der Löwe hilft mit einem Prankenhieb nach.
Löwe: "Nicht zu danken. Ich bin umwerfend. Welche Rolle wĂ€re fĂŒr mich adĂ€quat? Lasst mich Kermit sein! Hier, das ist mein Mikro." Er will dem Affen die Banane wegnehmen.
BĂ€r: "Wir mĂŒssen da professioneller ran. - Vielleicht liegt das Problem darin, dass im Muppets-Publikum Puppen sitzen; die sind einfacher zu begeistern als die Menschen. Die sind ĂŒberfĂŒttert mit Entertainment. Das kauen die und spucken es wieder aus, als sei es Kaugummi. Gibt es Kaugummi auch mit Honig-Geschmack?"
Elefant: "Konzentration! Jeder kommt immer mit seinen Vorlieben. Wir sind Team-fÀhig! Brainstorming ist das Motto dieser Nacht - in der wir weitergedacht als je eine Spezies vor uns, unendliche Weiten ..."
Uhu: "Raumschiff Enterprise? Wir sind tatsĂ€chlich mit zu viel Menschen-Material zugeschĂŒttet; in der Natur gibt es GrĂ€ser und BĂ€ume und MĂ€use; - habe ich einen Hunger."
Der Uhu stĂŒrzt sich auf den Schwanz des Elefanten. Elefant lĂ€uft panisch davon.
BĂ€r: "Ja, wenn man Hunger hat, dann wird alles zur Nahrung - gut, dass wir gesĂ€ttigt sind, sonst kĂ€me uns unsere Natur in die Quere. Also ist Show nur möglich bei ausreichendem SĂ€ttigungsgrad. Könnte auch fĂŒr die Menschen gelten: Sie sind satt; dann kommt der Hunger nach Entertainment. Kultur in ihrer wahren GrĂ¶ĂŸe ruht auf dem Sockel des Sattseins."
Uhu: "Mensch, bist du weise; soll ich dich Mensch-BĂ€r nennen? Wir anthropomorphen rapide! Die NĂ€he zum Menschen - wir werden nicht nur domestiziert, sondern wir werden ent-tiert. Ich halte fest an meiner WĂŒrde." Er schlĂ€gt die FlĂŒgel um sich.
Uhu: "Außerdem konnte ich den Elefanten nicht erbeuten; aber einen Schrecken habe ich ihm eingejagt. Könnten wir einbauen in die Show. Und Harry Potter einladen; da kommen tolle Eulen darin vor - vielleicht habe ich Magie und muss sie nur freilassen?"
Löwe: "Ich muss auch was freilassen." Er pupst. Der Elefant bleibt stehen.
Elefant: "Am besten ich bleibe euch fern; mir stinkt das. Wir sind willens zur Kooperation, aber die Kommunikations-Barriere halte ich fĂŒr unĂŒberbrĂŒckbar: Menschen unterdrĂŒcken das Tierische in sich. - Andererseits rĂŒcken wir auf ins Menschliche - dank ausreichender Langeweile ersinnen wir UnnatĂŒrliches. RĂŒcken ab von der Natur - und finden womöglich eine zweite bessere Natur?"
Der Löwe pupst erneut.
Elefant: "Ach, wir bleiben Barbaren. Ich kann nicht mit Besteck essen. Eine Mistgabel ... Dabei hatte ich mich darauf gefreut, das Drehbuch zu schreiben, zusammen mit meinen Freunden. Witzig sein, geistreich. Aber keiner wĂŒrde es uns abkaufen. So steh ich stoisch im Gehege und meine Gedanken gehen ihrer Wege. GefĂŒttert mit Medien-Infos rotieren unsere Gehirne; ich habe einen Gehirn-Kreisel." Er versucht, Kopfstand zu machen.
Affe: "Wenn das nicht so beschĂ€mend wĂ€re, hĂ€tte es Klamauk-Wert. Nonverbale Kommunikation ist nicht so mein Ding." Er zĂŒndet sich 'ne Zigarette an.
Affe: "Wollt ihr auch eine? Habe ich mir auf dieselbe Art besorgt, wie der Elefant zu seinem Reclam-Heft gekommen ist. Ein diebischer Affe kann es weit bringen im Zoo. Was sollte ich im Dschungel? Hier bin ich der King; kann meinen KĂ€fig öffnen, Abend-SpaziergĂ€nge machen, wie Batman ĂŒber die Stadt wachen."
Der Löwe schmaucht eine Pfeife und hustet.
Löwe: "Als Tabak nehme ich LaubblÀtter. Ich habe die falschen Zoobesucher - die halten Abstand. Wie soll ich mir da was aus ihren Klamotten mit meinen Pfoten holen - ich habe die GitterstÀbe gedehnt, dank Bodybuilding alles ganz easy. - Schön, dass uns der Hunger keinen Strich durch die Kommunikations-Rechnung macht."
Affe: "Wie grundverkehrt! Komm in meinen Lehrgang: Small Talk fĂŒr Dummies und Salonlöwen."
Robbe: "Ich vermisse mein Planschbecken. Vielleicht will ich ja nur meine Runden drehen - mich fĂŒttern lassen? Wozu die Ambitionen? Das Showbusiness verlangt ganzen Einsatz, Hingabe. Wir bieten dem Publikum Echtheit: echt gelangweilte Tiere. Da können sie sich daran ergötzen, dass sie um ein Haarbreit weniger gelangweilt sind. Otter, streich dir nicht immer ĂŒbers Fell - worauf bist du stolz? Das ist angeboren - aber Show, das ist etwas, was man sich erarbeiten muss; gewissermaßen ein zweites Fell, Fell culturelle."
Affe: "Ihr macht mich wahnsinnig. Neologismen ohne Ende - ihr produziert so viel davon, dass wir darin herumwaten und -staksen."
Er springt dem Löwen auf den RĂŒcken.
Affe: "Ich bin ein Herrentier! Na ja, zumindest die Abzweigung davon. Beinahe hĂ€tte meinereiner die Kurve zu Kultur und mehr Gehirnvolumen hinbekommen; aber wir sind ausgerutscht; liegen geblieben. Darwin hat ja so recht: Es geht um Anpassung. Und diese Situation der Langeweile bedarf einer Show; sich vormachen, dass man dem Leben etwas bieten kann. Frage nicht, was das Leben dir zu bieten hat, sondern, was du aufbringen kannst an Talent fĂŒr deine Show."
Löwe: "Soll ich dir jetzt den Fahneneid abnehmen, du Patriot?"
Papagei fliegt herbei. "Hat hier jemand parrot gerufen?"
Elefant: "Ist ĂŒberhaupt noch jemand in seinem KĂ€fig? Das fĂ€llt doch auf. Freue mich aber, wenn mein Weckruf euch klargemacht hat, dass wir etwas bewirken können. - Dann lese ich euch jetzt Reineke Fuchs vor. Achtet auf die Hexameter. Wir können von ihm lernen - in der Raffinesse ist das Tor zur Freiheit."

ENDE

Letzte Aktualisierung: 22.03.2015 - 10.10 Uhr
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