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Alles nur Show | März 2015

Katzenjammer
von Gabi Flacke

Den ganzen Tag ĂŒber hatten dichte Wolken den Himmel bedeckt, jetzt riss der aufkommende Wind ein Loch in die graue Decke.
Imke blieb stehen, schaute nachdenklich ĂŒber das Meer in das spĂ€te Abendlicht.
Völlig unerwartet war sie Peer begegnet, der am Vormittag plötzlich vor ihr gestanden hatte, als sei er nie fortgegangen. Mit gemischten GefĂŒhlen dachte sie daran, ihn gleich in der „KajĂŒte“ zu treffen. Wie schon in ihrer Kinder – und Jugendzeit half ihr auch jetzt der Blick auf die anrollenden Wellen, ihre Gedanken zu ordnen.
Lange Jahre hatten sie zusammen die Schulbank gedrĂŒckt, Anfang des letzten Schuljahres waren sie sogar fĂŒr kurze Zeit ein Paar, doch als sie zusammen schlafen wollten, merkten sie beide, dass etwas fehlte. So entstand zwischen ihnen das, was es angeblich zwischen Frau und Mann nicht gibt – eine echte Freundschaft, und gemeinsam verbrachten sie eine tolle Zeit.
Seit dem Unfalltod von Peers Vater hatte sich das Herzleiden seiner Mutter verschlimmert. Oft hatte sie Angst vor dem Alleinsein, deshalb lernten sie meist bei Peer zu Hause. Auf seinen Bruder war kein Verlass, er sorgte mit seiner unzugĂ€nglichen Art und seiner stĂ€ndigen Abwesenheit fĂŒr noch mehr Kummer. Obwohl der drei Jahre Ă€ltere Morten und Peer sich glichen wie Zwillinge, hatten die beiden nicht viel gemeinsam. Schon als Kinder gab es stĂ€ndig Streit, der wĂ€hrend der PubertĂ€t beinahe in Feindschaft umschlug. Morten experimentierte mit Alkohol und Drogen und hatte ein paar Mal Ärger mit der Polizei. Peer vermutete, dass er inzwischen seine HĂ€nde in grĂ¶ĂŸeren kriminellen GeschĂ€ften hatte, aber darĂŒber schwieg er eisern.
Obwohl die Sorgen um die Mutter und die stĂ€ndigen Reibereien mit dem Bruder Peer mehr und mehr belasteten, bestand er und Imke mit Bravour ihr Abitur. Doch noch in der Nacht nach dem Abiball endete fĂŒr sie der letzte gemeinsame, unbeschwerte Sommer, ehe er richtig begonnen hatte.

In den frĂŒhen Morgenstunden des folgenden Tages starb Morten an den Folgen eines schrecklichen Unfalls im Hafen. Die UmstĂ€nde blieben ungeklĂ€rt, einige vermuteten Selbstmord, andere glaubten den GerĂŒchten ĂŒber einen Racheakt.
Mortens Tod löste bei der Mutter einen weiteren schweren Anfall aus, von dem sie sich nicht wieder erholen sollte. Ihr Lebenswille war gebrochen.
Als Imke von dem UnglĂŒck erfuhr, rannte sie direkt zu ihrem Freund, doch der wies sie noch an der TĂŒr schroff ab. Er mĂŒsse alleine sein, begrĂŒndete er auch in den nĂ€chsten Tagen und Wochen sein Verhalten, er wolle niemanden sehen, er mĂŒsse jetzt ganz fĂŒr seine Mutter da sein.
Mortens Urne wurde in aller Stille und nur im engsten Familienkreis beigesetzt, so las Imke in der Zeitung. Nicht anders war es, als im September Peers Mutter starb. Imke ging trotzdem zur Beerdigung, aber Peer verschanzte sich hinter Onkel und Tante, die ihn wie Leibwachen abschirmten.
Eine Woche spĂ€ter fand sie einen Zettel im Briefkasten: „Ich gehe weg, komm bitte heute um 20.00 Uhr in die „KajĂŒte“.
Imke war verwirrt, wusste nicht, was sie tun sollte, Peers Verhalten hatte sie tief verletzt, aber ganz ohne Abschied wollte sie ihn auch nicht ziehen lassen.
Vor dem Treffen ging sie zum Nachdenken an den Strand, doch trotz Anorak und Schal ließ der erste Oktobersturm sie schon bald bei ihrer Freundin Zuflucht suchen. Dort hatten die beiden jungen Katzen, die mit ihren Krallen ihren Schal von der Garderobe zogen und sich daraufhin hoffnungslos darin verknĂ€uelten, sie zum Lachen gebracht, so dass sie schließlich zuversichtlich zum Treffen aufbrach.
Die „KajĂŒte“, damals eine Mischung aus Diskothek und Jugendkneipe, war brechend voll. Im schummrigen Licht entdeckte sie Peer in einer Ecke. Er schien ĂŒbermĂŒdet, trug einen Dreitagebart und wirkte fahrig und abwesend. Bei der lauten Musik war es fast unmöglich, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, sie saßen schweigend vor ihren GetrĂ€nken. Imke spĂŒrte, dass Peer sie ab und an prĂŒfend ansah, doch er drehte den Kopf weg, sobald sie seinen Blick erwiderte, und sie glaubte, die Ablehnung und KĂ€lte zu spĂŒren, die von ihm ausging. Trotzdem nahm er sie in den Arm, als sie nach kurzer Zeit aufbrachen. Dick vermummt traten sie nach draußen in den Wind. Einige Sekunden standen sie eng beieinander, dann drehte Peer sich wortlos um und verschwand – fĂŒr zehn lange Jahre.
Er hinterließ keine Adresse, auch die Verwandten konnten oder wollten keine Auskunft geben, er kam zu keinem Klassentreffen.
Imke brauchte lange, das Ende ihrer Freundschaft zu akzeptieren. Die wenigen Begegnungen mit Peer nach Mortens Tod hatten sie irritiert und seine abschÀtzenden, kalten Blicke hatten sie geÀngstigt. Das war nicht mehr der Peer, den sie kannte, das hÀtte eher zu Morten gepasst.

Nach ein paar Jahren verblassten die KrĂ€nkungen der ZurĂŒckweisung, und fröhlichere Bilder nahmen den Platz ein. Imke konnte sogar wieder lachen, wenn sie in ihrem Fotoalbum auf die Locke von Peer stieß, die sie ihm heimlich abgeschnitten hatte, ehe er sich von seiner langen MĂ€hne trennte.

Als sie, ganz in Gedanken, mit dem groß gewachsenen, athletischen Mann zusammen gestoßen war und in dem gepflegten grau melierten Bartgesicht Peer erkannte, hatten sie sich spontan umarmt, und doch... irgend etwas stimmte nicht.
Jetzt war keine Zeit, lĂ€nger zu grĂŒbeln. Mit festen Schritten machte Imke sich auf den Weg zur „KajĂŒte“.
Sie staunte nicht schlecht, als sie dort eintraf. Aus der Kneipe, die ihre Eltern gerne als „Spelunke“ bezeichneten, hatten die neuen Besitzer ein gemĂŒtliches Lokal gemacht, in dem die Möblierung und eine geschmackvolle, maritime Dekoration tatsĂ€chlich an eine SchiffskajĂŒte erinnerte.
Angenehm ĂŒberrascht ließ sich Imke gerne von Peer zum Essen einladen, und nach anfĂ€nglicher Befangenheit entspann sich ein lebhaftes GesprĂ€ch. Peer berichtete von seiner Reise auf dem Forschungsschiff, die ihn schon in einer Woche wieder in die Arktis fĂŒhren wĂŒrde. Ein dringend benötigtes Ersatzteil hatte das Schiff hier vor Anker gehen lassen, er selbst hatte nie an eine RĂŒckkehr oder an einen Besuch in der Heimat gedacht.

Jetzt in der Nachsaison war es ruhig im Lokal, nach einer Stunde waren sie die einzigen GĂ€ste. Sie hatten fast aufgegessen, als ein junges KĂ€tzchen auf den Platz neben Peer sprang und neugierig ihre Teller beĂ€ugte. Als es allzu mutig wurde und zum Sprung auf den Tisch ansetzte, griff Peer zu, nahm das widerstrebende Tierchen lachend auf den Arm und brachte es zur Theke, wo es schon gesucht wurde. Verlegen entschuldigte sich die Wirtin fĂŒr die BelĂ€stigung durch den kleinen Ausreißer, aber Peer wiegelte ab.
„Du bist ganz blass, stimmt etwas nicht?“ erkundigte er sich bei Imke, als er zum Tisch zurĂŒck kam. Sie murmelte etwas von Kopfweh , und dass sie zur Entspannung nun gerne ein Glas Rotwein hĂ€tte. Sie war froh, mit den vorgetĂ€uschten Kopfschmerzen einen Vorwand zu haben, sich schnell verabschieden zu können. Nachdem sie sich fĂŒr den kommenden Abend zum Kinobesuch verabredet hatten, stieg sie erleichtert zu ihrer SchwĂ€gerin ins Auto, die gerade vom Sport kam. So konnte sie Peers Angebot ablehnen, sie heimzubringen.
Imke zitterte jetzt so sehr, dass sie es fast nicht schaffte, sich anzuschnallen. Ihr Bruder war bereits daheim und es gelang ihnen, die verstörte Imke auf das Sofa zu packen und mit einem Tee und vielen Streicheleinheiten soweit zu beruhigen, dass sie wieder sprechen konnte.
„Peer ist Morten“ murmelte sie leise, und als Hauke und Maren sie fassungslos anstarrten, wiederholte sie es, lauter jetzt und mit fester Überzeugung.
Hauke hatte sich aufgesetzt, auch Maren, die gerade auf dem Weg in die KĂŒche gewesen war, kam zurĂŒck.„Das musst du begrĂŒnden, das kannst du nicht ohne Grund behaupten!“
Fragend sahen sie Imke an.
Die nahm einen Schluck Tee und atmete nochmal tief durch.„Peer litt unter einer ausgeprĂ€gten Katzenallergie.“ begann sie.“Es reichte aus, neben jemandem zu sitzen, der eine Katze in der Wohnung hatte, um bei ihm einen Asthmaanfall auszulösen. Als er sich damals von mir verabschiedete, steckte er seine Nase in meinem Schal, mit dem vorher zwei junge Katzen gespielt hatten, ohne dass er auch nur niesen musste. Damals war ich zu durcheinander und auch zu wĂŒtend, um es zu bemerken. Heute hat er sogar freiwillig ein KĂ€tzchen auf den Arm genommen und mit ihm geschmust.
Außerdem hat er ohne zu Zögern oder nachzufragen einen Rotwein fĂŒr mich bestellt, obwohl er wusste, dass ich Rotwein nicht vertrage. Ihr wisst, dass ich mich damals nach nur einem halben Glas ĂŒbergeben musste und seine neue Wildlederjacke ruiniert habe. Er hĂ€tte mir niemals wieder Rotwein bestellt.“

Hauke schwieg lange. Er hatte damals gerade seinen Polizeidienst begonnen, aber die Aufregung um Mortens angeblichen Unfall mitbekommen. Intern war den Beamten klar, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein konnte, eine Zeitlang wurde Peer verdÀchtigt, seine Finger im Spiel gehabt zu haben. Im Lauf der Ermittlungen aber gab es Hinweise, dass Morten zwischen die Fronten zweier Banden geraten war, allerdings war nichts Konkretes nachzuweisen.
„Ich habe Haare von Peer, und als er auf der Klassenfahrt den Blinddarmdurchbruch hatte, haben die seine Blutgruppe festgestellt, das dĂŒrfte ausreichen, obwohl die Praxis von Dr. Mertens damals bei der Flut alle Unterlagen verloren hat.“

Zwei Wochen spĂ€ter saß Morten in Untersuchungshaft und wartete auf seinen Prozess, er hatte gestanden!
Im Gegensatz zu Peer liebte er Katzen. Nun war er einer zwischen die Pfoten geraten.

Letzte Aktualisierung: 19.03.2015 - 09.22 Uhr
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