Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mord und Totschlag | April 2015
Nie mehr!
von Anne Zeisig

Bernd wand sich im zerwühlten Bett hin und her. Die Ketten schepperten und
schmerzten bei jeder Bewegung. Seine Handgelenke waren wundgescheuert, die Knöchel aufgerieben bis aufs rohe Fleisch.
Es hatte keinen Sinn. Er würde sich nicht befreien können.
Der Knebel saß fest auf seinem Mund, die Nasenschleimhaut war angeschwollen, jede Zelle seines Körpers verlangte sehnsüchtig nach etwas Trinkbarem. Er rang um jeden Atemzug. Sein nackter Brustkorb hob und senkte sich schwer.
Das heiße Wachs, welches Lucie ihm heute früh darauf getröpfelt hatte, war inzwischen hart und krümelig geworden. Die Haut darunter gerötet.
“Du musst leiden für das, was du mir angetan hast.” Das ansonsten liebreizende Gesicht seiner Frau sah im Halblicht zerfurcht und vergrämt aus. Ihre helle, klare Stimme brüchig.
Lucie hatte ganze Arbeit geleistet, als sie ihn an das schmiedeeiserne Kopf- und
Fußende des Ehebettes gekettet hatte. Auch die Vorhangschlösser hatte sie in seinem Handwerkerkeller gefunden.

Er musste gestern Abend sehr schnell eingeschlafen sein, nachdem sie gemeinsam Champagner getrunken hatten. Sicherlich hat sie ihm ein Schlafmittel hineingetan.
Seit ihrer Brustkrebsoperation fand Lucie keine Ruhe mehr ohne diese Medikamente.
Sie hatte herausbekommen, dass er mit ihrer besten Freundin Melissa ein Verhältnis hatte.
Eigentlich hätten bei ihm alle Alarmglocken läuten müssen, weil seine Frau sehr gefasst war und ihn um ein klärendes Gespräch bat. Wegen ihrer Verspannungen im Nacken sollte das im Bett stattfinden.
Bernd war erleichtert, dass das Versteckspielen endlich vorbei war und hatte sich darauf eingelassen.

“Der Krebs hat meine Brust zerfressen und du hast unserer Liebe den Todesstoß versetzt!”
Dann hat sie Essigwasser auf den Knebel geträufelt und kreischend gefragt, ob es
ihm schmecke.
Die Äderchen in ihren weit aufgerissenen Augen waren rot und dick angeschwollen. Wie
schwer sie auf ihm hockte, wo Lucie doch eigentlich nur noch eine Feder war. Sie beugte
sich vornüber und zischte ihm ins Ohr: “Hat es Spaß gemacht, wenn sie auf dir geritten ist?
Ist sie wilder und lauter als ich? Hat sie dich mit obszönen Worten angestachelt? Stehst du
auf dreckigen Sex?”
Er hatte die Hoffnung, dass Melissa misstrauisch werden würde, wenn er ihre Kurznachrichten nicht beantwortete. Hatte sie nicht seinerzeit von Lucie einen Zweitschlüssel zum Haus erhalten?
Er rüttelte wild mit den Armen an den Ketten und schloss die Augen. Solange er die Schmerzen spürte, lebte er.

Das hier war doch nicht Lucie! Nicht seine Lucie, mit der er fünfzehn Jahre verbracht hatte.
Sie schwang sich hinunter und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. “Ach ja! Du
stehst neuerdings auf kleine Nippel! Das ist es!” Lucie wischte sich ihre tränennassen
Wangen mit dem Handrücken trocken. “Alles klar! Besser zwei kleine Möpschen als nur
einen großen!”
Lucie riss ihre Bluse auf. “Schau hin! Gefällt dir die Narbe? Nein? Sie ist abstoßend für dich! Du ekelst dich davor!”
Bernd warf seinen Kopf hin und her. So einfach ist es nicht. Sie musste den Krebs überleben, das war doch wichtig. Keine Metastasen. Später der Brustaufbau.
Und ihn und Melissa verband nicht nur der Sex.
Wie gerne hätte er Lucie erklärt, dass seine Liebe bereits lange vor dem Krebsleiden erloschen war und es zu dem Zeitpunkt noch nichts zwischen Melissa und ihm gegeben hatte. Er und Melissa hatten sich langsam einander zugewandt. Das schlechte Gewissen stand lange zwischen ihnen und Lucies Erkrankung.
Aber man kann nicht auf Dauer gegen Gefühle ankämpfen.

Lucie war nun eine hasserfüllte, fremde Frau, die ihn in seinen Exkrementen liegen ließ.
Der Gestank im Zimmer war ebenso unerträglich wie sein Würgereiz.
Im Raum war es stockfinster, sie hatte die Jalousien komplett heruntergelassen. Kein noch so kleiner Spalt gab dem Licht die Chance, einzudringen und das Grauen wenigstens etwas zu erhellen.
Bernd wollte keine Angst zulassen und träumte sich in eine andere Welt.
Dort saß Lucie in ihrem schönste Negligé an seinem Bett und summte ein Lied. So, wie eine Mutter ihrem Kind zum Einschlafen eine Beruhigung zukommen lässt.
Sie strich sanft über sein Haar und hauchte: “Trink. Du musst trinken. Es wird dir gut tun. Danach schläfst du ein.”
Sein Kopf wurde angehoben und der Knebel ein wenig gelockert. Dann wurde ein Trinkhalm im Mundwinkel zwischen seine Lippen gestoßen.
Trinken! Endlich!
“Trink, damit du ewig schlafen kannst. Hab keine Angst. Ein Engel holt dich ab und begleitet dich hinüber.”
Ewig schlafen?
Bernd riss die Augen auf. In der Zimmerecke brannte die Stehlampe. Weil die Glühbirne defekt war, flackerte das gelbe Licht.
Es warf unruhige Schatten auf Lucies wutverzerrtes Gesicht. Ihr Atem stank nach Bier und Schnaps.
Plötzlich schlug sie ihm ins Gesicht. Das Wort ‘Ehebrecher’ brannte sich auf seiner Wange ein.
“Trink!” Sie zog die Bettdecke von seinem Unterkörper hinunter. “Oder willst du lieber bei lebendigem Leib kastriert werden?” Sie blickte auf den Nachttisch. Dort lag das Damastmesser, welches er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Sie fasste danach und hielt es ihm an die Kehle. “Und was hast du Melissa geschenkt? Bestimmt kein Kochutensiel.”
Bernd sog die Flüssigkeit in sich hinein und spürte, wie sie kalt und bitter über die Speiseröhre in den Magen gelang. Sie musste einige Tabletten im Wasser aufgelöst haben.
Sein Körper begann zu zittern. Ihn fröstelte.
Schlafen. Dann würde alles vorbei sein.
Sie straffte ihren Oberkörper, legte das Messer zurück, knöpfte ihre Bluse zu und zog die Jalousien hoch.
Die Morgensonne blendete Bernd.

* * *

Lucie blickte in den blinden Spiegel des Hotelzimmers. Irgendwo an der Küste.
Die Streublümchen auf der Tapete waren vergilbt und kaum mehr zu erkennen. Die Zeit hatte sie verwelken lassen.
Nie mehr würde Melissa Bernd für sich haben! „Nie mehr!“ Sie wurde lauter. „Nie mehr!!“
Von nebenan polterte jemand gegen die Wand. “Ruhe! Schlafenszeit!”
Lucie kauerte sich wimmernd auf das Bett: “Bernd schläft bereits.”
Sie summte ein Schlaflied, hangelte nach ihrer Reisetasche, zog einen Pyjama von Bernd heraus und breitete ihn ordentlich neben sich auf dem Bett aus. Sie vergrub ihre Nase darin und sog den Duft gierig ein. “Du gehörst mir ganz alleine.” Abermals strich sie zärtlich über seinen Schlafanzug.
Wann hatte das alles zwischen Bernd und Melissa angefangen?
Als er ihr den Elektroherd angeschlossen hatte? Oder die Schlafzimmerlampe? Oder als er ihr das Wohnzimmer tapeziert hat? Haben Bernd und Melissa sich nicht verstohlen angeblickt, als sie ihnen etwas zu Essen vorbeigebracht hat?
Oh ja! Melissa hat sie um Bernd beneidet. Der große starke Mann, immer hilfsbereit, zupackend und bodenständig. Ein solider Mann, geradlinig und treu.
Anders, als Melissas bisherige Liebhaber, lauter Filous unter ihnen.
“Du warst immer treu! Bis diese Hure dich verhext hat!” Sie warf den Pyjama auf den Boden, stieß mit dem Fuß gegen eine leere Cognacflasche und wankte zum Schreibtisch.
Dort stand das Glas mit milchigem Inhalt.
Draußen brodelte und gurgelte die Brandung an die Kaimauer. Die Fensterläden konnten sich des Windes nicht erwehren und klapperten im wilden Takt.
Ein lautes Krachen ließ Lucie umherfahren, Holz splitterte und plötzlich wimmelte es im Zimmer von Polizisten, die auf sie einredeten, nach ihrem Namen fragten.
Dann führte man sie hinaus. Zunächst weigerte Lucie sich. “Das Glas! Ich muss doch zu Bernd!”
Aber ihr Widerstand war zwecklos.

Auf dem Bürgersteig schlug ihr der kalte Atem der Nacht ins Gesicht, sie blickte kurz zurück.
Stand Bernd etwa dort hinten im fahlen Schein der Laterne? Ja! Er war es! “Bis gleich, mein Liebster!” Aber das Requiem der Brandung zerfetzte ihre Worte.
Und neben ihm stand der Engel, der ihn abgeholt hatte auf seinem Eintritt in ein anderes Leben.
Bevor sie in den Streifenwagen hineingedrückt wurde, warf sie Bernd eine Kusshand zu.
Er wandte sich ab. “Ich habe gewusst, dass man sie hier finden würde, wo wir damals unseren ersten Urlaub miteinander verbracht haben.”
“Lass uns fahren”, sagte Melissa und hakte ihn unter. “Es war keine gute Idee, hier her zu kommen.”



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© anne zeisig

Letzte Aktualisierung: 27.04.2015 - 19.42 Uhr
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