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Mord und Totschlag | April 2015
Das Manuskript
von Christian Rautmann

Keuchend wälzten die beiden Männer sich auf der Erde und schlugen aufeinander ein. Keiner wollte dem anderen Pardon geben. Schließlich gewann einer die Oberhand, drückte den anderen mit dem Rücken zu Boden, stemmt ein Knie auf seine Brust und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Er sah nicht, wie dessen Hand nach einem Stein tastete. Der Schlag traf ihn hart an der Schläfe. Der andere befreite sich, sprang auf und schlug erneut mit dem Stein zu. Immer wieder, bis keine Regung mehr zu sehen war. Er betrachtete kurz den Toten. Dann nahm er ihm Uhr, Handy und Portemonnaie weg, stieg in sein Auto und fuhr davon.

Drei Tage zuvor.

Lustlos blätterte er im Manuskript herum, überflog einige Seiten und legte es wieder weg. Sein Magen erinnerte ihn daran, dass er seit Mittag nichts gegessen hatte. Auf dem Weg in die Küche fragte er sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, Rolf anzubieten, den Romanentwurf zu lesen. Er kannte ihn ja kaum und Anfänger war er auch noch. Na ja, ein paar Seiten wenigstens. Er seufzte. Auch, weil der Kühlschrank nicht viel Auswahl bot. Spiegeleier mit Brot würden es schon tun. Dazu ein Glas Wein.
Eine halbe Stunde später saß Thomas in seinem Sessel und betrachtete das Manuskript. Rolf war erst drei Monate in der Schreibgruppe und kam schon mit einem Roman daher. Na, das würde was sein. Und dann der Titel: ’Schuld meines Lebens‘. Schmalziger ging es ja wohl kaum. Er schüttelte den Kopf, trank noch einen Schluck Wein und begann zu lesen.
Schon nach wenigen Seiten stockte er. Besonders gut war Rolfs Stil nicht. Trotzdem entstanden in seinem Kopf sofort Bilder. Bilder von Erinnerungen, die er für immer in das Dunkel des Vergessens gedrängt zu haben glaubte. Ihm wurde heiß.
Der Roman handelte von einem Verkehrsunfall und demjenigen, der ihn verursacht hatte. Thomas rieb sich sein steifes Bein. Auf einmal schmerzte es. So als ob es sich ebenfalls an das Geschehen vor zwanzig Jahren erinnern würde.
Er las Seite um Seite. Immer aufrechter saß er im Sessel. Schneller und schneller blätterte er durch das Manuskript, übersprang Absätze und ganze Seiten. Er wollte wissen, wie es weiterging, hoffte, dass die Handlung doch noch einen Verlauf nähme, der ihn wieder zur Ruhe lassen kommen würde.
Als er schließlich die letzte Seite umblätterte, saß er schon lange nicht mehr in seinem Sessel, sondern ging im Zimmer umher.
Wie konnte das sein? Der Unfall, bei dem seine Eltern ums Leben gekommen waren und der ihn zum Krüppel gemacht hatte, lag zwanzig Jahre zurück. Mehr als die Hälfte seines Lebens. Siebzehn war er gewesen. Auf dem Heimweg von Freunden seiner Eltern war es passiert. Spät nachts.
Er sah noch seine Mutter vor sich sitzen. Sie fuhr, Vater auf dem Beifahrersitz. Die Landstraße leer um diese Zeit. Die Lichter der Stadt funkelten wie Sterne. Er erinnerte sich gut. Auch an die beiden Lichter, die plötzlich direkt vor ihnen aufgetaucht waren. An die panischen Schreie seiner Eltern. Seine Fassungslosigkeit, als die Wagen wie in Zeitlupe frontal ineinander fuhren. Sogar den Mann im anderen Auto hatte er kurz gesehen. Dann hatte es schrecklich laut gekracht und alles war schwarz geworden. Als er aufgewacht war, hatte er im Krankenhaus gelegen und man hatte ihm gesagt, dass seine Eltern tot waren.
Thomas betrachtete erneut das Manuskript. Es enthielt genau diese Geschichte seines Unfalls. Aber jemand anderes hatte sie geschrieben. Aus der Sicht des anderen Fahrers. Des Mannes, der seine Eltern auf dem Gewissen hatte.
Thomas goss sich noch ein Glas Wein ein und trank es in einem Zug aus. Wer war dieser Rolf eigentlich? Genau genommen wusste er gar nichts über ihn. Er hatte ihn vor drei Monaten im Supermarkt kennengelernt, war wegen eines Notizbuchs mit ihm ins Gespräch gekommen und hatte ihn zur Schreibgruppe eingeladen. Viel war das nicht. Er musste unbedingt mehr herausfinden. Vor allem, ob er gerade das Romanmanuskript des Mörders seiner Eltern gelesen hatte.

Am folgenden Tag versuchte Thomas Rolf zu erreichen. Aber weder per Telefon noch über Handy konnte er Kontakt aufnehmen. Thomas war nervös. Zweifel und Ängste nagten an ihm. Den ganzen Tag über war er unkonzentriert und hätte einem Kunden beinahe ein falsches Medikament verkauft.
„Was ist denn nur mit dir los, Thomas?“, hatte seine Kollegin gefragt. „Du bist überhaupt nicht bei der Sache.“
Thomas hatte genickt. Ja, das war er wirklich nicht. Auch jetzt stand er am Fenster seiner Wohnung und sah auf die Lichter der Stadt, die langsam ausgingen. Kaum eines der umliegenden Fenster war noch erleuchtet. Er sah auf die Uhr. Es war schon nach 2.00 Uhr nachts. Kein Wunder, dass alle schliefen. Nur er war hellwach. Weil seine Gedanken sich immer wieder darum drehten, ob Rolf tatsächlich Schuld am Tod seiner Eltern war. Und was, wenn es so war? Was sollte er tun? Die Polizei einschalten? Rolf hatte ja keine Strafttat begangen. Nein. Wenn er wirklich der Täter war, dann musste Thomas selbst etwas unternehmen.
Auch wenn er ihn heute nicht erreicht hatte: Morgen traf sich die Schreibgruppe. Und da war Rolf sicher anwesend. Thomas konnte es kaum erwarten, dass der Tag anbrach. An Schlaf war für ihn im Moment auf jeden Fall nicht zu denken.

Am folgenden Abend kam Thomas als erster an. Wie immer trafen sie sich im Hinterzimmer ihres Stammlokals ’Zum Hirschen‘. Er legte seine Unterlagen auf den Tisch, bestellte ein Bier und wartete auf die anderen. Es dauerte nicht lange, bis Angelika eintraf, dann folgten Hajo und Pat, schließlich kam Rolf.
Er sah Thomas erwartungsvoll an. „Na, hast du mein Manuskript gelesen?“, fragte er.
Thomas nickte. Sagen konnte er nichts. Im fiel einfach nichts ein. - Ja, war toll. Hat mir gut gefallen vom Tod meiner Eltern zu lesen. Ach, übrigens, hast du sie vielleicht auf dem Gewissen? - Kaum.
Rolf sah enttäuscht aus. „Es hat dir nicht gefallen, oder? Ich habe es gewusst. Ich bin einfach nicht gut.“
„Doch. Es war, äh, sehr interessant. Aber lass uns doch nachher darüber reden. Ich glaube, heute ist Angelika dran, ihre Geschichte vorzustellen, oder?“
Thomas sah auffordern zu Angelika hinüber, die freudig nickte und dann begann, vorzulesen.
Wie immer wurde es spät, bis sich die Runde auflöste. Besonders Pat und Hajo waren mal wieder unterschiedlicher Meinung gewesen und hatten noch beim Herausgehen diskutiert.
Nun standen Thomas und Rolf alleine auf dem Parkplatz.
„Sagst du mir jetzt, was du von meinem Text hältst?“
Thomas wich Rolfs Blick aus. Er merkte aber, wie der andere ihn fixierte.
„Ja, natürlich. Aber vorher habe ich eine Frage. Hast du dir das ausgedacht oder hast du das wirklich erlebt?“
Rolf lächelte verkniffen und sah Thomas traurig an. „Das habe ich bis auf Kleinigkeiten alles selbst erlebt. Es ist sozusagen der Roman meines Lebens, den du gelesen hast.“
Thomas nickte langsam. „Das hatte ich mir gedacht.“ Er zögerte, bevor er fortfuhr. Genau genommen ist es auch der Roman meines Lebens.“
Rolf sah ihn an. Ein Lächeln umspielte seinen Mund. „Ich weiß.“
„Wie meinst du das, du weißt? Was weißt du?“
„Dass du der Sohn von Marion und Karl Kopfler bis, der den Unfall überlebt hat.“
„Aber... Was soll das alles?“ Thomas deutete auf das Manuskript, das er noch immer in der Hand hielt.
„Na ja. Nennen wir es Rache. Rache für mein verdorbenes Leben.“
„DEIN verdorbenes Leben? DU hast doch meine Eltern auf dem Gewissen!“
„Unsinn. Ich bin ein hervorragender Autofahrer. Wäre deine Mutter ausgewichen, wäre nichts passiert. Aber das tat sie nicht.“
„Und musste sterben. Weil du frontal in uns hineingefahren bist. Ich sehe es doch noch vor mir. “
„Das ist doch alles gelogen. Ich bin unschuldig! Ich bin doch das Opfer! Das wollte mir schon damals keiner glauben. Verschworen haben sie sich alle gegen mich. Führerschein weg, Job weg, Frau weg. In psychatrische Behandlung haben sie mich geschickt. Die haben mich für verrückt erklärt! Kannst du dir das vorstellen? Mich! Verrückt!“
Rolf wurde zunehmend lauter und näherte sich Thomas. „Ich musste in ein kleines Ein-Zimmer-Appartment ziehen. Und Medikamente musste ich schlucken. Zur Beruhigung. Ha! - Kannst du dir das vorstellen? Kannst du? LOS, ANTWORTE!“
Thomas packte Rolf am Kragen. „Spinnst du, du Irrer? Du hast meine Eltern umgebracht. Du bist einfach auf die Gegenfahrbahn gefahren. Gib es wenigstens zu, du verdammter Mörder!“
Ein Fausthieb traf ihn Magen, doch er ließ nicht los. Eng umklammert und auf sich einschlagend gingen die beiden zu Boden.

Eine Woche später.
Angelika erhob sich und bat auch die anderen Mitglieder der Schreibgruppe aufzustehen. Wie immer hatten sie sich im Hinterzimmer getroffen.
„Ich möchte Euch bitte, eine Gedenkminute einzulegen für unseren guten Freund und Kollegen, der Opfer eines Raubüberfalls wurde und dabei umkam.“
Die anderen erhoben sich und standen für eine Minute schweigend da. Dann hob Rolf das Glas. „Auf Thomas!“

Letzte Aktualisierung: 25.04.2015 - 15.18 Uhr
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