Honigfalter
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Mord und Totschlag | April 2015
Die Farbe der Hoffnung
von Robert Pfeffer

Er stand immer an derselben Stelle. So, als sei er vom Schicksal an diesen Platz beordert worden. Die Haare wurden länger, der Bart eine streuselkuchenartige Ansammlung von Grautönen. Die Hände hin und wieder halbwegs sauber, meist jedoch braungrau und fleckig. Und dann dieser Kaffeebecher. Oft genug hab ich ihm einen Kaffee spendiert, nur damit er mal in einem anderen Pappteil das Kleingeld fallen hört, das die vermeintliche Zivilisation für ihn übrig hat. Aber es musste wohl dieser mit dem grünen Streifen außen rum sein. Grün sei doch die Hoffnung, hat er immer gesagt.

Es war gar nicht einfach, ihn zu einem Besuch im Bistro zu überreden. Die Jahre in der Öffentlichkeit haben aus ihm einen scheuen Charakter gedrechselt. Wer keine Wände mehr gewohnt ist, für den sind Häuser ein gefährlicher Ort. In der Masse fällt er nicht auf, vor allem, weil ihn ja eigentlich niemand sehen will. Er hat sich immer gewundert, warum ich mit ihm spreche. Gefreut hat er sich aber doch. Und schließlich saßen wir zusammen an diesem Tisch. „Händewaschen nicht vergessen“, lächelte ich ihn an und fühlte mich, als hätte ich ein Kind gemaßregelt. Er trollte sich und kam mit sauberen Pfoten wieder. Das Besteck blieb rechts liegen, es interessierte ihn nicht. Griff so schnell es ging alles, was er greifen konnte. Selbst die Butter leckte er aus den kleinen Alu-Päckchen. Ich erwischte mich dabei, wie ich mich im Café umsah, ob wir beobachtet wurden. Ihm beim Essen zuzusehen hatte was von Zoo. Die Fütterungen sind ja immer das Spannendste. Im Bistro scheute ich den Gedanken an diesen Vergleich, aber er ließ sich nicht verscheuchen.

Wir redeten vom Job. Also, ich redete von meinem. Ich fing davon an, um überhaupt ins Gespräch zu kommen. Die Alltagssorgen von Steuerberatern waren für Obdachlose wohl nur von mäßigem Interesse. Er sah mich gelegentlich an, konzentrierte sich ansonsten auf das Leeren von Tellern und Schälchen. Eigentlich wollte ich etwas über seinen früheren Beruf wissen, aber es erschien mir unhöflich. Mit der Frage, wie es ihm gehe, fror seine Schlingerei allerdings für einen Moment ein. Er wüsste es nicht, sagte er. Danach hätte ihn seit Jahren niemand mehr gefragt. Auch er sich selbst nicht. Meine Beharrlichkeit sorgte dafür, dass er nachdachte. Ohne das Kauen einzustellen, erzählte er in Bruchstücken.

Eine rasche Folge von Schlägen versetzte seiner Biografie den Knick, formte ich seine Satzfragmente zusammen. Mit dem Riss der Immobilienblase vor ein paar Jahren zerplatzte seine Existenz gleich mit. An der Konditorei komme er gelegentlich vorbei, die mal seine war. Könne kaum hingucken, meinte er. Nachvollziehbar, dachte ich. Als er sagte, das läge vor allem an den Schweinsöhrchen im Schaufenster, musste ich kurz lachen, verbot es mir sofort wieder. Meine Vermutung für den Grund war schließlich eine ganz andere.

Vier Milchkaffee trank er und bei seinem Schlucktempo konnte er sich nur die Zunge verbrannt haben. Es schien ihm egal. Immer unruhiger wurde er. Das Tier in ihm musste auf die Straße, so war mein Eindruck. Er griff seine Plastiktüte, ließ sie aber noch einmal sinken, küsste mir umständlich die Hand, murmelte eine Art Dankeschön und schob ab.

Eines war all die Jahre offensichtlich: seine Freundlichkeit. Er lächelte immer, obwohl ihm kaum danach gewesen sein kann. Als ob er an etwas glaubte, das auf ihn wartete. Nur ein Mal sah ich ihn anders. Letzte Woche war das. Saß an seiner üblichen Stelle, in sich zusammengesunken, das Gesicht in die speckige Jacke vergraben. Ich griff seine Schulter, wollte wieder wissen, wie es ihm gehe. Er sah hoch, verheulte Augen blickten mich an. Als ich ihn fragte, was los sei, sagte er: „Ich habe sie umgebracht.“ Auf mein „Wen, zum Himmel?“ antwortete er nicht, nur sein Kopf senkte sich.

Es waren seine letzten Worte an mich. Die Polizei wartete einige Tage später an seiner üblichen Stelle. Der Kioskinhaber von gegenüber hatte verraten, dass ich ihn öfter gesprochen habe. Einer der Wachtmeister meinte, Herr Bruch sei einfach so eingeschlafen. Kein Selbstmord. Ich sagte, dass er zuletzt sehr traurig war, ich den Grund aber nicht kannte. Er werde auf städtische Kosten beigesetzt, verrieten sie mir. Falls ich hingehen wolle.

Auf einer großen Wiese begruben sie ihn. Ohne Stein, ohne alles. Der Pfarrer sprach gestelzte Worte, wusste sogar, dass der Mann mal Konditormeister war. Noch lange stand ich da. Ich glaube, er hat seine Träume umgebracht. Da war einfach nichts mehr, was ihn antrieb. So ist er stehen geblieben am Ende seines Lebens.

Ein paar Blumen hab ich Herrn Bruch da gelassen. In seinem Pappbecher. Grün, das wusste ich von ihm, ist schließlich die Hoffnung.


Version 3

Letzte Aktualisierung: 22.04.2015 - 20.18 Uhr
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