Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mord und Totschlag | April 2015
Kissenschlacht
von Ingo Pietsch

Ich nahm auf einer metallenen Bank an der Rolltreppe neben einem Leidensgenossen Platz.
Erstaunlicherweise hatte ich nur drei kleine Tragetaschen dabei – das konnte sich schnell ändern, denn vor uns lagen noch ein paar Etagen des Kaufhauses.
Meine Frau war in einem der Gänge mit den reduzierten Bekleidungsstücken verschwunden. Geschickt hatte sie sich zwischen den Wühltischen mit den Restposten durchgeschlängelt, dabei nur einen kurzen Blick riskiert, als würden sie die Angebote nicht interessieren. Und war dann weiter gegangen.
Ich wusste aber genau, dass sie zurückkommen würde. Rote Etiketten zogen sie magisch an.
Vor mir sah ich schon die Fetzen fliegen: Frauen, die über Leichen gingen – sich an den Haaren zogen, sich schubsten, verbal verprügelten und die Fäuste schwangen.
So wie neulich im Discounter, wo es Kinderstrumpfhosen zum Spottpreis zu erwerben gab. Mütter verschiedener nationaler Herkunft stürzten sich kampfeslustig und gleichzeitig auf den So-lange-der-Vorrat-reicht-Tisch. Meistens waren die gerade gängigsten Größen, wenn überhaupt, nur ein Mal vorhanden. Oder was mir schon öfters untergekommen war: Ein gesuchter Artikel war schon vor dem Öffnen des Ladens ausverkauft gewesen.
Ich lehnte mich zurück und blickte auf das riesige Display des Smartphones, das mein Banknachbar in der Hand hielt. Er spielte gerade ein Spiel, bei dem verschiedene Früchte herunterfielen und in eine bestimmte Reihenfolge gebracht werden mussten.
Er bemerkte es und erwiderte den Blick.
„Na, auch kastriert worden?“, begann ich ein Gespräch.
Er zog eine Grimasse und hielt kurz zwei Finger hoch.
Beide Kreditkarten! Das arme Schwein!
Ein Scheppern ließ mich nach meiner Frau sehen. Ich erwartete einen Tumult. Statt der Kampfgeräusche wurde nur ein Kleiderständer wieder aufgerichtet, der durch die schiere Masse der Lagerbestände Schlagseite bekommen hatte.
Ich stützte meinen Kopf auf meine Hände und tippelte mit den Füßen.
Ein Junge wurde von seiner Mutter hinterher gezogen und meinte, als er mich passiert hatte: „Mama, der Mann stinkt!“
Ich roch an meinen Unterarmen: Meine Frau hatte mich in der Parfumabteilung als Versuchskaninchen missbraucht.
Das was mich einhüllte war eine Mischung aus billigem Eau de Toilette aus dem Literkanister vom Flohmarkt, einer Woche Dauerholzhacken (Axe im Walde) und Schlachthaus – süßlich herber Verwesungsgeruch, der jedem Fliegenköder zur Ehre gereicht hätte.
Aber ich konnte, trotz meines Schnupfens, immerhin wieder frei durchatmen, da ich mich an den Gestank schon gewöhnt hatte.
Auch der Mann neben mit rümpfte die Nase.
Ein Aufschrei drang aus der Bekleidungsabteilung: „Es passt!“. Gefolgt von einem Reißen von Stoff.
Ich zückte meine Schreibheftchen und machte ein paar Notizen über die Eindrücke, die ich gerade gewonnen hatte. Ich arbeitete freiberuflich für die örtliche Tageszeitung und schrieb dort die Kolumne.
Mein Nachbar spielte inzwischen ein aggressives Autorennspiel und sah immer wieder auf seine Armbanduhr.
Wie viel Zeit mochte inzwischen vergangen sein? Minuten oder gar schon Stunden?
Eigentlich hatte meine Frau nur nach Schuhen sehen wollen. Denn sie besaß ja, wie jede Frau, noch nicht genug davon.
Bei mir im Schrank standen genau vier Paar: Alles dunkle, bequeme Halblederschuhe, die zu allem passten.
Auch wenn ich nach Kleidung schaute, ging es schneller: Farbe, Schnitt, Preis, Anprobe. Brauchte ich eine Hose, sah ich mich nicht nach Pullovern um, nur weil die günstiger waren.
Und wenn doch, gab es unter den reduzierten Artikeln immer nur Größen, die kein normaler Mensch trug.
Der Mann mit dem Smartphone war jetzt damit beschäftigt, Termine aus seinem Kalender zu löschen. Mit jedem Eintrag tippte er heftiger auf das Display.
Ich fragte mich allmählich, warum meine Frau nicht einfach wie immer online Kleider bestellte: Alle möglichen Größen auswählen – nur um dann festzustellen, dass das Kleid dem Model auf dem Bild perfekt stand, bei ihr aber wie ein Kartoffelsack aussah.
Ich war schon drauf und dran aufzustehen, um in die Herrenabteilung zu gehen. Herrenabteilung hieß meistens: In der hintersten Ecke und dann nur eine geringe Auswahl.
Ich blieb sitzen, weil ich meine Frau nicht verpassen wollte.
Neben mir wurde jetzt ein brutaler Ego-Shooter gezockt.
Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren.
Als ich mich vorhin im Untergeschoss ein paar DVDs ausgesucht hatte, hieß es seitens meiner Frau: „Der ist doof“ und „Brauchen wir die wirklich?“
Also war ich nur mitgekommen, um zu bezahlen und die Tüten zu schleppen.
Eine Frau stellte sich vor meinen Nachbarn: „Na, bist du endlich fertig?“, fragte sie.
Neben ihr stand ein Mädchen im Teenageralter.
Die Frau drückte ihm mehrere dicke Tüten in die Hände und er trottete stoisch und völlig erschöpft hinterher. The walking dad.
Ich saß jetzt schon so lange auf der Bank, dass ich nicht mehr wusste, ob Tag oder Nacht war.
Eine Reinigungskraft kam mit ihrem Wagen an mir vorbei und ich hatte schon Angst, dass sie mich in ihren Sack stopfen würde.
Noch mehr Angst hatte ich, meine Frau würde mich rufen, damit ich ihr sage, ob ein bestimmtes Stück ihr stand oder nicht.
Eine gefährliche Fangfrage war: „Sehe ich gut aus?“
Sollte ich dann lügen oder die Wahrheit sagen?
Denn manchmal vergriff sich meine Frau im Farbton.
Eine passende Antwort meinerseits war dann: „Was denkst du denn selber?“
Sie entgegnete darauf: „Ich will aber deine Meinung wissen.“
Sonst wollte sie die auch nicht wissen. Bevor es in Streit ausartete, sagte ich dann: „Du siehst toll aus!“ Egal ob es von mir ernst gemeint war oder nicht, betrachtete sie sich im Spiegel und meinte: „Ich ziehe doch was Anderes an.“
Niemand prügelte sich oder keifte sich an. Es war ein ganz ungewöhnlicher Schlussverkauf.
Meine Frau kam mit nur einer Tüte zurück!
„Na, nichts gefunden?“, fragte ich sarkastisch.
„Doch! Und was ich alles gespart habe!“ Sie zeigte mir den Kassenbon.
Wir hätten auch alles sparen können, weil das alles Sachen waren, die sie eigentlich gar nicht brauchte.
„Gehen wir jetzt nach Hause?“ Ich war schon aufgestanden.
„Bleib ruhig sitzen. Dahinten gibt es reduzierte Hüte und Schals.“
„Du trägst doch gar keine Hüte!“ Und vor lauter Schals ging die Schranktür kaum noch zu.
„Bis jetzt noch nicht. Und danach gehen wir noch auf die andere Straßenseite!“ Und schon war sie verschwunden.
Ich schaute aus einem Fenster: Da gab es noch ein großes Modehaus und daneben noch eins und noch eins …

Letzte Aktualisierung: 12.04.2015 - 19.36 Uhr
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