Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Mord und Totschlag | April 2015
animal instinct
von Jochen Ruscheweyh

Mike fror. Entsetzlich. Eigentlich konnte er sich nicht daran erinnern, schon jemals in seinem Leben so gefroren zu haben. Dazu kam der Gestank nach Diesel, der bis in jeden noch so engen Winkel der Kabinen zu ziehen schien. Ganz sicher hatten sich die Treibstoffausdünstungen auch in den Laken und Decken festgesetzt, mit denen sie sich in der Nacht vor den eisigen Temperaturen schützen würden.
Die Suppe schmeckte salzig, fettig und so wie er sich brackiges Hafenbeckenwasser vorstellte. Bei jedem Löffel kämpfte Mike gegen die Übelkeit an, die dieser noch nicht einmal lauwarme Sud in ihm aufsteigen ließ.
John Riley saß vor Kopf des Tisches, wahrscheinlich, weil alle erwarteten, dass er dort saß. Schließlich war er derjenige, der das Sagen hatte. Und vermutlich hatte deswegen niemand gewagt, diesen Platz zu besetzen. Aber mit jeder Minute, die verstrich, fragte Mike sich mehr, ob er das hier überhaupt wollte.

****

„Das Hakapik wird schon seit Jahrhunderten zur Robbenjagd eingesetzt“, erklärte Riley, als sie später auf dem Eis standen und strich dabei über die abgewinkelte Spitze des Jagdwerkzeugs. In John Rileys bürstenähnlichem Oberlippenbart hatten sich, wie bei einigen anderen, erste gefrorene Kondenstropfen festgesetzt. „Was die Sache aber nicht weniger hässlich macht“, ergänzte Riley, und schlug mit der Innenfläche einer Hand gegen den Stiel des Hakapiks. „Der Trick besteht darin, sich mental frei zu machen. Es gibt keinen Unterschied. Ob ihr nun einen Hund, eine Katze, ein Schwein oder eine Robbe tötet. Who fuckin’ cares?
Mike versuchte, irgendeine Regung, eine Emotion, zumindest ein Zögern in den Mienen der anderen zu erkennen.
Fehlanzeige.

„Pow!“, schrie Riley, als er das Hakapik in das Eis, auf dem sie standen, krachen ließ. „Pow!“, wiederholte er ein zweites und drittes Mal, bevor das Beil auftraf. Er schob die herausgeschlagenen Stücke mit dem Fuß zur Seite und zeigte auf die Mulde, die nun etwa die Größe eines Footballs hatte.
„Jetzt du!“, rief Riley und warf Warnicke das Hakapik zu. Der äußerst stämmige Kerl mit den buschigen, wolfsähnlichen Augenbrauen war Mike bisher vor allem deswegen aufgefallen, weil er sich immer dann von seinem Platz erhob, wenn Riley die Kabine betrat.
Anfangs hatte Mike eine militärische Ausbildung bei Warnicke vermutet, aber dessen wenig aufrechte Körperhaltung sprach eher dagegen.
„Bis du mental frei?“, schrie Riley Warnicke entgegen.
„Jawoll“, kam es zurück.
„Dann los! Pow! Pow!“
Mike entdeckte, wie sich eine wulstige Falte zwischen Warnickes Augenbrauen bildete, die Nasenflügel zu beben begannen und sich sein Mund zu einem schmalen Strich verengte, bevor er das Hakapik gen Himmel wuchtete. Dabei entfuhr ihm ein Laut, der Mike weniger an ein Pow, sondern eher an die Schreie von Palliativ-Patienten erinnerte, die auf ihre nächste Dosis Morphium warteten. Zumindest hatte es bei Mikes Mutter so geklungen.

„Entschuldigung, aber warum gibt es nur ein Hakapik?“, fragte Sarah, die einzige Frau der Gruppe. Ihr Gesicht, das von einer fellgesäumten Kapuze eingerahmt wurde, verschwand fast vollkommen hinter der überdimensionalen Skibrille. Vorhin bei Tisch waren Mike vor allem ihre kräftigen und maskulin wirkenden Wangenknochen aufgefallen und ihre mandelförmigen Augen, die ihn jedoch mehr an Tartaren-Frauen oder Lappländerinnen erinnerten, obwohl ihr Nachname Wong in eine andere Richtung zu deuten schien und er irgendetwas im Ohr hatte, dass sie aus Wisconsin stammte.
Riley überhörte die Frage und bestimmte stattdessen: „Wir gehen in Zweierreihen, jeder bleibt dicht beim anderen. Der Unterschied zwischen Packeis und Polynjas besteht darin, dass Polynjas wesentlich dünner sind. Falls also jemand einbricht, bringen sich die anderen in Sicherheit. Niemand leistet Hilfe, sonst bekommt er oder sie eine hiervon ab.“ John Riley zog eine Art Leuchtpistole hervor, von der Mike annahm, dass ihre Munition geeignet war, ein faustgroßes Loch in einen menschlichen Körper zu brennen.

****

Zu Beginn waren sie in nördlicher Richtung gelaufen, mussten jetzt aber immer wieder kleinere Halbkreise beschreiben, um den freien Wasserflächen an den Grenzen der Schollen auszuweichen. „Hör zu, was auch immer Riley sagt“, begann Mike, „ich möchte, dass du weißt, dass ich versuchen werde, dich zu retten, falls du einbrechen solltest.“
„Ich hab dich nicht darum gebeten, also lass es“, zischte Sarah, die neben Mike ging, zurück. Bereits vor einer guten Stunde war ihm aufgefallen, dass Sarah ein Bein leicht nachzog. Mittlerweile waren sie die letzte Zweiergruppe und ihr anfängliches Nachziehen hatte sich zu einem umfassenden Humpeln ausgeweitet.
Er war sich nicht sicher, ob sie den weiteren Weg, von dem wohl nur Riley wusste, wie lang er sein würde, überhaupt durchhielt.
„Ich werde Riley jetzt sagen, dass wir eine Pause machen müssen. So kannst du nicht weitergehen.“
„Hör auf damit!“, zischte Sarah. „Du machst mir noch alles kaputt.“

****

Mike hatte mittlerweile jedes Gefühl dafür verloren, wie lange sie schon unterwegs waren. Die Kälte brannte trotz des Tuchs, das er sich zum Schutz umgelegt hatte, auf seinen Wangen. „Wie lange willst du das noch durchhalten?“, rief er Sarah gegen den eisigen Wind zu, der von der Seite blies. „Komm, ich stütz dich.“
Sarah blieb stehen. Mike überlegte, ob sie zur Einsicht gekommen war oder nur Kräfte sammelte, um ihn zu treten, zu schlagen oder ihre Ablehnung auf eine andere Weise auszudrücken. Erst dann fiel ihm auf, dass die anderen Zweiergruppen vor ihnen auch gestoppt hatten.
„Hey, Riley, was ist mit deinen verdammten Robben?“, hörte Mike den vollbärtigen Russen, dessen Namen er nicht richtig verstanden hatte, fragen.
Riley wandte sich um, breitete die Arme aus, wie ein Prediger über die Gemeinde und rief: „Es gibt keine.“
In nicht allzu weiter Entfernung erkannte Mike die Silhouette des Schiffes. Sie waren also wieder dort angelangt, wo sie begonnen hatten.
Riley musste sie im Kreis geführt haben.

„Keiner von euch hat den Test bestanden“, schrie Riley ihnen entgegen. „Wir wollten sehen, wer sich dem Gruppenzwang entziehen kann. Ihr habt versagt. Alle. Ihr wärt zu Mördern geworden, nur um zu SolinventCo zu gehören. Ihr seid erbärmlich. Kein Rückgrat. Kein Respekt. Menschen wie euch können wir in unserem Unternehmen nicht gebrauchen. Ihr kotzt mich an!“
Riley schleuderte das Hakapik in hohem Bogen über die Zweiergruppen hinweg.

****

„Komm, hak dich unter“, bot Mike an.
In einem letzten Akt der Verzweiflung - so schien es ihm zumindest - trommelte Sarah so lange mit den Fäusten gegen seine Brust, bis ihre Bewegungen langsamer wurden und er sie zu sich heranziehen konnte. „Ist schon gut.“
„Du verstehst das nicht. Das College, die Universität, das Volunteering, mein ganzes Leben, ich habe alles darauf ausgerichtet, bei SolinventCo unterzukommen. Ich will nichts so sehr wie für dieses Unternehmen arbeiten und die Welt verbessern. Sie menschlicher machen.“
„Ich weiß, aber du wirst eine andere Aufgabe finden. Einen bessere“, entgegnete Mike, wobei ihm nicht nur auffiel, dass ihre Biografien sich beinahe zu decken schienen, sondern auch, dass er niemals bis in die letzte Konsequenz hinterfragt hatte, worin die Aufgabe eines SolinventCo-Mitarbeiters bestand oder was das Unternehmen mit dem politisch korrekten Image überhaupt tat.
„Und wann? Wenn ich fünfzig bin?“
„Jetzt müssen wir uns erstmal um dein Bein kümmern, wir ...“
„Pow!“, kam es von irgendwo neben ihnen.
„Pow!“

Sarah schrie, als der Russe zu Boden ging.
„Habt ihr euch mental frei gemacht?“, krächzte Warnicke. Er musste sich von den Gruppen entfernt und das Hakapik zurückgeholt haben, mit dem er jetzt noch einmal auf den Russen einhieb. Das Eis um dessen bereits leblosen Körper färbte sich rot.
Mike packte Sarah und versuchte sie zu stützen.
„Was soll das, Warnicke?“, brüllte Hartmut, einer der beiden Deutschen mit dem harten Akzent und stürzte an ihnen vorbei auf Warnicke zu, „hast du den Verstand verloren?“
Mike brauchte sich nicht umzublicken, um einordnen zu können, was der dumpfe Laut, der folgte, bedeutete.
„Es läuft aus dem Ruder“, presste Riley heraus und zog die Leuchtpistole, als Sarah, Mike und die anderen sich an ihm vorbei Richtung Schiff drängten.
„Pow!“, stieß Warnicke noch einmal hervor.
Dann das sirrende Geräusch des Leuchtgeschosses und ein Aufschrei.
„Los, rauf auf das Boot!“, rief Mike und drückte Sarah hoch.
Als er sich umdrehte, sah er, wie Warnicke dem knienden Riley die Leuchtpistole abnahm, an den Kopf hielt und abdrückte.

Version 1

Letzte Aktualisierung: 25.04.2015 - 15.18 Uhr
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