Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Mord und Totschlag | April 2015
Die Schubkarren-Lösung
von Glädja Skriva

Der weit gespannte Himmel zeigt sich heute von seiner besten Seite. In Blitzeblau, das sich am Horizont im saftigen Grün Ostfrieslands verliert. Einsamkeit. Wohltuende Einsamkeit. Nur hier und da sind malmende Schäfchen auf die Deiche getupft.
Es ist still. Dem Wind ist ungewöhnlicherweise der Atem ausgegangen, als er die pudrigen Wölkchen mit dicken Backen ins Landesinnere pustete. Selbst die Möwen höre ich nur von ferne krächzen. Die Ebbe hat sie mit ihrem Frischfleischplankton aufs Watt an den gedeckten Tisch gelockt.
Umso mehr zucke ich zusammen, als plötzlich diese Stille durchbrochen wird von einem dumpfen, schlurfenden Poltern, das ich nicht zuordnen kann. Es hört sich an, als würde jemand über mittelalterliche Pflastersteine Vieh ziehen, das jedoch immer wieder in den Steinrinnen hängenbleibt und mit einem ordentlichen Ruck daraus gerissen und weitergeschleppt werden muss. Aber ich höre kein angestrengtes Schnaufen. Nur dieses Schleifen. Jetzt steigt auch Kadavergeruch in meine Nase. Von dem Gehöft von Willmersen kann es nicht sein; der hat seine Schweinezucht längst aufgegeben. Und ansonsten entdecke ich nur das freche Kerlchen eines Trommelpfeifers, der auf einem schwankenden Rohrkolben entlang des Dükers munter hin- und herhüpft.
Dennoch, der Gestank verdichtet sich und legt sich wie eine Dunstglocke über Aurich, wo ich kurze Zeit später ankomme; jedoch niemand außer mir scheint dies wahrzunehmen. Leichtes Würgen steigt meinen Hals hoch, aber die Kinder klappern weiter mit ihren Holzpantinen über die Pflastersteine und treiben munter ihre Kreisel an. Und wie jeden Abend lassen sie sich höchst ungern in ihrem Spiel unterbrechen und bei Einbruch der Dunkelheit von den Erwachsenen hereinrufen.
Auch das Leuchtfeuer glimmt jetzt auf und wirft den verruchten, alten Hafen in rotes Licht. Alles ist wie immer, wenn sich nur nicht dieser Modergeruch mit dem scharfen Geschmack des Seetangs und der eingeholten Fische vermischen würde. Doch die Männer schlendern wie immer unbeeindruckt mit ihren Händen in den Hosentaschen und der Kippe im Mund lässig an den hin- und hertrippelnden Miezen vorbei: „Wie viel?“, nuscheln sie, während vier Enten im Gänsemarsch heranwackeln und ein Erpel sie vor sich her in einen Bollerwagen treibt, der mit trockenen Brotstücken bedeckt ist. Knuspernd zersäbeln sie die harten Brocken. Ich muss wohl einen zu viel getrunken haben.

* * * *


Das alles habe ich fast vergessen, als ich wie jeden Dienstag im Kinosaal in Engerhafe, unweit von Aurich, sitze. Wobei, eigentlich ist es gar kein Kinosaal, sondern eine alte Lagerhalle mit einem Betttuchfetzen als Leinwand und einem surrenden Abspulgerät. Aber die Stimmung ist bestens. Besonders, wenn Meta auf einer der abgestossenen Klappstühle grazil ihre Beine übereinanderschlägt, pfeifen die Jungs schrill durch die Finger. Und wenn sie mit ihrem aufgetürmten Haarberg, der einem Adlerhorst gleichkommt, die Sicht auf die flimmernden Bilder versperrt, traut sich sogar einer von ihnen sie anzuquatschen in Polnisch, Niederländisch oder Französisch. Fremdarbeiter sind es, die hier in den Baracken hausen und um Aurich Gräben ausheben. Panzergräben. Meist visieren sie sich dann an, Meta und so ein Pollacke oder Franzmann, wie zwei Ornithologen, die sich viel Zeit lassen, um dann beim Vögeln auf der Leinwand zuzuschauen.

* * * *


Als ich an diesem Abend ins Freie trete, hat sich das blitzeblaue Sommerwetter gewandelt. Der Himmel gleicht einer graubraunen Suppe, die ihr Gegenstück in einem der schlammigen, schmutzigen Gräben findet. Der Wind peitscht zwei, drei Möwen auf, die krächzend in den Himmel getrieben werden, um dann zur Erde abzustürzen und auf den Stacheldraht geworfen zu werden, den die Lagerleitung seit jüngster Zeit um die Baracken gezogen hat. Vor dem Eingang ist eine Holzfigur postiert, die die Hand über die Augen legt und maritim melancholisch in die Ferne blickt: „My bonny is over the ocean … oh bring back my bonny to me.“ Bis der Liebste nach Hause kommt, wird es noch ein bisschen dauern, denke ich; inzwischen sind es 2200 Lagerinsassen an der Zahl, die versuchen in den Schlaf zu finden. Dicht drängen sie sich aneinander, zu zweit oder zu dritt auf einem Strohsack der Stockbetten, in denen sich die Himmelsbrühe von dem oberen in das untere Bett durchzuweinen scheint, als in dieser Nacht die Ruhr ausbricht. „De is verloren as ` n Jödenseel“, beginnt man in Aurich zu flüstern. Und da ist er wieder zu riechen, dieser Geruch, der sich auf die Brust legt und sich nun mit dem Dumpfen der Verwesung vermischt.

* * * *


Das Kino wird geschlossen und der Bevölkerung wird gedroht, den Fremdarbeitern bei Strafe nicht zu nahe zu kommen. „Sonst kümmst bi di Jöden in ` t Sloot!“, drohen sie. Aber, wer ist schon morgens vor 5.00Uhr auf den Beinen, wenn die hageren Männer in aller Frühe in klapprigen Eisenbahnwaggons nach Aurich gefahren werden, um bis zu den Knien in den schlammigen Panzergräben zu stehen? Nur einmal sehe ich zwischen ihnen den Haarberg von Meta auftauchen, als ich in der Frühdämmerung meine wohltuende Einsamkeit aufsuche. Und hier und da entdecke ich ein Kind, zu dessen Mutproben es zählt, den ausgezehrten Händen ein Stück steinhartes Brot aus dem Bollerwagen zuzustecken, um sich gleichermaßen einen Spaß daraus zu machen, das gierige Mahlen darauf zu hören, wie das der Enten, die vom Erpel vor sich her getrieben worden waren.
Inzwischen ist das Schleifen, durchbrochen von einem „Klack – Klack – Klack“, immer unüberhörbarer. In Engerhafe. In Aurich. Und jetzt höre nicht nur ich es. Die Türen bleiben verschlossen. Die Kinder werden zum Spiel nicht mehr herausgelassen. Die Kreisel haben ihren unbeschwerten Tanz eingestellt.
Düsternis legt sich über Aurich und deshalb wird eine Ratsabstimmung durchgeführt gegen diese Lärmbelästigung und gegen die einhergehende Minderung der eigenen Lebensqualität. Einstimmig wird der Kauf einer Schiebekarre beschlossen. Eine Schiebekarre, die sowohl für den Torfabbau verwendet werden kann, als auch für den Transport der toten Fremdarbeiter, d.h., wenn diese die Karre nicht zu sehr beschmutzen. Aber dann würden endlich deren Köpfe beim Schleifen ins Verwesungslager nicht mehr geräuschvoll auf jeden Pflasterstein aufschlagen. Klack – Klack – Klack.
So wird stolz in einem Beschluss festgehalten, dass das KZ Engerhafe nicht nur eine Leinwand besitzt, sondern der Tod der 188 Häftlinge keineswegs forciert ist. Es sind Arbeitsunfälle, die nun innovativ beseitigt werden können.

* * * *


Es kehrt wieder Stille ein. Mitten in Ostfriesland. Das saftige Grün verliert sich im Blitzeblau des Himmels am Horizont und die Möwen höre ich nur von der Ferne, da sie sich bei Watt zufrieden an den reich gedeckten Tisch gesetzt haben. Ich atme tief durch und bete inbrünstig auf meiner Pilgerreise, wo nun in Engerhafe der Pfarrgarten auf den nahrhaften Torfschollen so idyllisch blüht: „Danke, Herr, danke, dass ich nicht bin wie die anderen! Und wenn man Lärm wirklich mit einer Schubkarre abwenden kann, dann werde ich jetzt erst einmal in den nächsten Baumarkt gehen. In der Metropole, in der ich mit so vielen Russen, Polen und Türken wohne, kann ich deren Geräuschkulisse manchmal auch nicht ertragen!“
Ich zurre die Jacke meines Windbreakers hoch, die sich ganz meiner Figur anpasst und mich endlich vor diesem Schietwetter bewahrt.
Eine vereinsamte Möwe hinterlässt einen schmierigen Kackfleck auf der maritimen Holzfigur.


© P.S./Glädja Skriva/April 2015/ 3. Version


Die Geschichte „Die Schubkarren – Lösung“ ist eine Kurzgeschichte; d.h. sie beinhaltet fiktive Anteile. Entstanden ist sie nach der Lektüre des Pilgerheftes „Pilgerweg Schola Dei“, erhältlich im Pilgerbüro der Tourist-Information, Alte Wieke 6, 26632 Ihlow; www.ostfriesland-pilgerweg.de. Dort können auch geführte Pilgertouren zum KZ Engerhafe erfragt werden.
Wie unser „Gestern“ wahrgenommen und interpretiert wird, wird Einfluss darauf haben, wie wir unser „Heute“ gestalten. Gerne möchte ich in diesem Zusammenhang auf geschichtliche Informationen des Historischen Museums in Aurich verweisen.
“Aurich“ wurde in dem Text benannt, eingebettet sind wir jedoch in eine gesamtgeschichtliche Vergangenheit und es bleibt die Frage nach der Gestaltung unserer Zukunft.

Letzte Aktualisierung: 10.08.2015 - 16.58 Uhr
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