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Mord und Totschlag | April 2015
Kräuterkunde
von Sarina Stützer

Nachdenklich betrachtete Nicole den Eisenhut, der zwischen den Ritterspornstauden im Beet stand. Diese Pflanze war so giftig, dass man sie ohne Handschuhe nicht einmal anfassen, geschweige denn in irgendeiner Form einnehmen sollte. Doch auch wenn sie ihre Handschuhe zum Unkrautjäten angezogen hätte, hätte sie die Pflanze nicht angerührt.
Nicole hatte den Eisenhut dort weder gepflanzt noch ausgesät. Sie hatte mal gelesen, dass Pflanzen sich in der Umgebung der Menschen ansiedelten, die sie gerade benötigten. Nun wuchs also Eisenhut in ihrem Garten.
Ihr kleiner Garten war ihr Schatzkästchen, ihr Rückzugsort und ihre Tankstelle. Es war ein echter Glücksfall, dass sie zu ihrer Einzimmermietwohnung einen eigenen Garten bekommen hatte. Dafür nahm sie auch die Nachbarn in Kauf.
Ja, die Nachbarn ... Ihre Gedanken schweiften zum Ehepaar Koller, mit dem sie Tür an Tür wohnte. Beide in den Siebzigern, lebten sie seit mehr als dreißig Jahren in dem Haus und waren weitläufig mit dem Vermieter verwandt. Und glaubten infolgedessen, neue Mieter hätten sich nach ihnen zu richten.
Nicole wusste gar nicht mehr, wie oft sie schon mit ihnen aneinandergeraten war. Entweder bellte der Hund zu laut oder das Treppenhaus war nicht klinisch rein und überhaupt sie ja viel zu laut. Die Polizisten, die anfangs wöchentlich vor ihrer Tür gestanden hatten, kamen mittlerweile nur noch pro forma, unterhielten sich freundlich mit Nicole und fuhren wieder, wenn sie ihre Pflicht erfüllt hatten.
Oder die Sache mit den Gardinen. Das Ehepaar hatte sich tatsächlich offiziell und schriftlich beim Vermieter beschwert, um sie zu zwingen, ihre Fenster mit Gardinen zu verhängen. Schließlich machte man das ja so und früher war ja und überhaupt.
Als aber Herr Koller versucht hatte, ihren Hund mit einer Wäschespinne zu schlagen, weil er der Meinung war, der würde den gemeinsamen Grünbereich am Haus verschmutzen, da war bei ihr der Ofen endgültig aus. Die auf der Motorhaube ihres Wagens platzierten Hundehaufen, die Herr Koller an dem beliebten Wanderweg hinter dem Haus aufsammelte, und die seiner Meinung nach natürlich ausnahmslos von ihrem Hund stammten, hatte sie ignoriert. Doch die Attacke mit der Wäschespinne ging weit über das hinaus, was sie tolerieren konnte. Oder wollte.
Nicole hatte sich schon die unterschiedlichsten Todesarten für die Kollers ausgedacht. Das reichte ganz profan vom Überfahren mit dem Auto oder vor den Bus schubsen über Stolperdrähte im Treppenhaus bis hin zu der Vorstellung, die beiden in die Sickergrube zu werfen, damit sie in den gesammelten Fäkalien der Hausbewohner erstickten und anschließend von den Bakterien zersetzt wurden.
Dass Frau Koller zu Nicole vornherum immer überaus freundlich war, wenn sie nicht gerade Staubkörner im Treppenhaus zählte, war zusätzlich anstrengend. Aber Nicole spielte mit, denn sie wollte hier wohnen bleiben, und solange es wenigstens an der Oberfläche freundlich blieb, war die Nachbarschaft etwas leichter zu ertragen. So tackerte sie ihr Lächeln fest und nickte freundlich, wenn Frau Koller sie um einen magenberuhigenden Tee bat.
„Sie können das ja so gut mit den Kräutern“, pflegte Frau Koller immer dann einzufallen, wenn ihre chronische Magenschleimhautentzündung wieder mal auf die Medikamente nicht mehr ansprach. Und: „Es ist wirklich sehr beeindruckend, wie Sie das mit Ihrem Garten so hinbekommen. Ich wüsste gar nicht, was ich ohne Sie machen sollte.“
Jedes Mal nahm Nicole sich vor, Frau Koller vor die Wand laufen zu lassen und ihr zu sagen, sie möge bitte an ihrer chronischen Magenschleimhautentzündung elendig zugrunde gehen. Mitsamt ihrem fettigen, schmerbäuchigen Gatten. Und jedes Mal blieb sie um des wenigstens zu einem Minimum friedlichen Nebeneinanders willen stumm. Und mischte den Tee.
Gerade vor zwei Tagen hatte Frau Koller wieder nach einer neuen Portion gefragt. Nicole rief ihren Hund und ging in ihre Wohnung, um den Tee zusammenzustellen. Die ganze Zeit ging ihr dabei der Eisenhut nicht aus dem Kopf. Ob Herr Koller wohl auch von dem Tee trank? Schon einige Blütenblätter konnten einen Menschen töten – von Knolle und Wurzel ganz zu schweigen. Und es war kein schöner Tod. Kältegefühle, Krämpfe und Herzrhythmusstörungen waren erst der Anfang. Später dann Kreislauflähmung und Atemstillstand.
Nicole lächelte vor sich hin, als sie die Dose mit der Teemischung bei den Kollers vor die Tür stellte. Eisenhut war keiner drin. Der war doch ganz hübsch im Beet. Ganz im Gegensatz zu dem Jakobskreuzkraut. Geduld hieß die Devise.

Version 3

Letzte Aktualisierung: 24.04.2015 - 20.17 Uhr
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