Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Liebeskummer | Mai 2015
Der Maler von Montmartre
von Eva Fischer

Der Wind fuhr in die rote Markise, blähte sie zu einem Segel auf, aber das Haus rührte sich nicht von der Stelle, ließ sich nicht mitnehmen auf große Fahrt. Krachend, missmutig, weil unverrichteter Dinge fiel die Markise wieder in sich zusammen.
Sandra rührte unbeeindruckt den Zucker in ihrem Café Crème um und schaute auf den Platz vor ihr.
Die noch verbliebenen Maler warfen einen Blick in den grauen Sommerhimmel. Bald brachte der Sturm Regen mit sich. Das Geschäft an diesem Nachmittag fiel ins Wasser. Keine Touristin ließ sich portraitieren oder kaufte als Mitbringsel eine Ansicht von Montmartre. Es war Zeit, die Sachen zusammenzupacken, sie in Sicherheit zu bringen. Vielleicht lief das Geschäft am Abend wieder besser. Vielleicht hatte sich bis dahin das Unwetter verzogen.

Die Tropfen tänzelten erst sanft auf der Markise, bevor sie zu einem Crescendo anschwollen. Jetzt prasselten sie wie ein Maschinengewehr gegen den roten Stoff. Die letzten Touristen hatten sich in Sicherheit gebracht. Aber Sandra blieb. Durch den Dunst hindurch starrte sie auf den Platz, der sich nun vollkommen geleert hatte. Dieser Ort materialisierte ihre Erinnerungen, schmerzhaft und schön zugleich.
*
Am Ende stand die Angst, groß und heimtückisch wie ein Dämon. Die Studienzeit dagegen war ein beschaulicher Spaziergang gewesen. Der Gedanke an die Prüfungen ließ ihr Herz rasen, verweigerte dem Gehirn jegliche Souveränität, hinterließ Chaos.
„Nimm eine Auszeit! Fahr nach Paris, wenn du willst!“, riet ihr Vater und steckte ihr ein paar Geldscheine zu, die für eine Busreise nebst einem billigen Hotel auf dem Boulevard de Clichy reichten.
*
Sandra ging durch den Regen zurück in ihr Hotelzimmer. Sie betrat den seelenlosen Raum, der an eine Legebatterie für Hühner erinnerte und rubbelte ihre Haare trocken, bevor sie sich allein auf das Doppelbett fallen ließ. Sie wartete, bis das Unwetter vorbei war. Sie wartete auf eine neue Chance. Die Bilder der Vergangenheit schoben sich wie ein Vorhang hinter die geschlossenen Lider.
*
Damals war sie von ihrem Hotel aus hinauf auf den Place du Tertre gestiegen. Es dauerte nicht lange, bis ein Maler vor ihr stand. „Darf ich Sie malen, Mademoiselle? Vous êtes tellement jolie.“ Sie folgte ihm zu einem Hocker, wo er sie Platz nehmen hieß. Seine dunklen Augen fixierten ihr Gesicht. Sie spürte, wie leichte Röte in ihr hochstieg. Sie wendete den Kopf. “ Non, ma belle, Sie müssen mich ansehen“, protestierte er.
Er hatte mittellange, schwarze, glatte Haare und knochige, markante, männliche Gesichtszüge. Sie war 24, er mochte gut zehn Jahre älter sein. Er arbeitete schweigend mit höchster Konzentration. Seine Augen schienen alle Hautschichten zu durchdringen. Etwas in ihr wollte, dass es nie aufhörte, obwohl seine Blicke wie Laserstrahlen schmerzten.
Vorbeischlendernde Touristen begutachteten wohlwollend sein Werk, das sie noch nicht sehen konnte und von dem er sich scheinbar nicht trennen mochte.
Endlich zeigte er ihr das Bild. Der Mittelscheitel verlieh ihr ein madonnenhaftes Gesicht. Ihre Augen drückten Sehnsucht und Schmerz, Verwirrung und Angst aus. Er hatte mit wenigen Kohlestrichen das Wesentliche auf Papier gebracht, ihr Wesen eingefangen.
Sie biss sich auf die Lippen, denn sie hatte vergessen, einen Preis auszuhandeln.
„Combien?“, fragte sie zaghaft. Das Bild sei unverkäuflich, so wie Schönheit unverkäuflich sei. Sie starrte ihn entsetzt an. Aber wenn sie wolle, könne er es ihr schenken. Vielleicht.
Vielleicht? Was war die Bedingung? Sie müsse ihm ein Glas Wein ausgeben. Danach wolle er weitersehen.
Er führte sie abseits des Platzes in ein Bistro, wo der Kellner den Maler mit Serge ansprach und sofort ein Glas Rotwein vor ihn auf den Tisch stellte. „Möchtest du dasselbe?“ fragte er sie und sie schauerte vor dem intimen Du wie vor einem ersten Kuss. Es dauerte nicht lange, bis er das erste Glas geleert hatte. Für das zweite ließ er sich mehr Zeit. Entspannt lehnte er sich zurück, fragte sie aus, woher sie kam und was sie in Paris machte.
Die Stimme von Charles Aznavour tönte aus dem Lautsprecher.
„Gefällt dir die Musik ?“ Sie nickte, spürte, wie der Wein alle neuen Eindrücke in sinnliche verwandelte, die auf der Haut prickelten. La bohème, jedes Wort traf ins Schwarze.
„Wusstest du, dass Aznavour Armenier ist?“ Sie schüttelte den Kopf.
„Ich bin auch Armenier.“
Dann erzählte er ihr vom Schicksal seines Volkes, von dem sie noch nichts gehört hatte, wie sie beschämt gestand, obwohl sie Geschichte studierte. Wie Scheherezade entführte er sie in eine andere Welt. Da ging es um unterschiedliche ethnische Gruppen und Religionen, um Hass und Schmähung, um Trauer über die Toten, um Verrat und gescheiterte Fluchtversuche, um Liebe und den Willen zu überleben, auch in einem fremden Land. Er hatte es geschafft, voilà, aber er bleibe der ewig Fremde, auch wenn er in diesem Land geboren sei und seine Sprache beherrsche.
Sein Schicksal sei das des ewigen Wanderers, ihres nicht. Sie habe eine Heimat. Das sagte er ihr wenig später, als er ihr auf das Hotelzimmer folgte und sie sich eng an ihn schmiegte wie ein herrenloser Hund, der gerettet werden wollte. Sie träumte davon, dass diese Nacht endlos sei, der Rausch des Abenteuers nie aufhöre, diese verdammte Prüfung sich auflösen würde wie ein Stern in einer fernen Galaxie.
Aber er ließ nicht locker. Er wolle sie wiedersehen, wenn sie ihre Prüfung bestanden habe, und sie solle nicht vergessen, ihren zukünftigen Schülern von dem Schicksal seines Volkes zu erzählen.
*
Auf dem Platz waren die Stände der Maler aufgebaut, als habe es nie ein Unwetter gegeben. Sandra hatte im Hotelzimmer eine Dusche genommen, sich sorgfältig geschminkt, sich erneut auf den Weg gemacht. Sie folgte einem Mann in einer schwarzen, schäbigen Lederjacke. Als er sich umdrehte, schaute sie in das Gesicht eines Fremden. Es war zerfurcht und zerklüftet wie eine Berglandschaft. War Serge in seine Heimat zurückgekehrt oder war er weiter gewandert?
Sie verließ den Platz und suchte das alte Bistro, fand es, stieg die Stufen hinab, bestellte ein Glas Rotwein. Verblasste Fotos starrten sie von verrußten Wänden an. Steine wuchsen dort aus dem karstigen Boden, bildeten Krater. Alte zahnlose Männer lachten den Betrachter an. Sie saßen auf einem Holzschemel, stolz, dass sie sich nicht hatten mitreißen lassen von einer Zivilisation, die dem Menschen den Überlebenskampf ersparte.
Als der Besitzer das zweite Glas Wein vor sie stellte, wagte sie es endlich.
„Wo ist Serge?“
Er zuckte mit den Schultern. „Welcher Serge? Ich kenne keinen Serge.“
„Ich war vor drei Jahren mit ihm hier. Erinnern Sie sich nicht?“
Er lachte auf. „Mademoiselle, Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich mich an alle meine Gäste erinnere. Was kann nicht alles in drei Jahren passieren?“ , fügte er hinzu die Stirn kräuselnd.
Nach dem dritten Glas Rotwein tappte sie durch den halbdunklen Flur auf der Suche nach einer Toilette. Weitere Fotos klebten an den Wänden gleich einem Kreuzweg in einer Kirche. Am Rande einer einsamen Landstraße stand ein hölzerner Pfahl. Sie trat näher, glaubte einen Namen entziffern zu können. Das Wort SERGE blitzte vor ihren Augen auf. Doch die Buchstaben schienen zu zerbröseln, sich in Treibsand aufzulösen.

Letzte Aktualisierung: 04.05.2015 - 22.06 Uhr
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