Mainhattan Moments
Mainhattan Moments
Susanne Ruitenberg und Julia Breiten├Âder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Jochen Ruscheweyh IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Liebeskummer | Mai 2015
The Story of Hendrik
von Jochen Ruscheweyh

Stuhlgang ist der Gradmesser. Je weicher und fluffiger, desto ├╝bler. Und das, was da unter Hendrik im Klo schwimmt, l├Ąsst nur einen Schluss zu: Ganz ├╝bel!

Kippen helfen. Bedingt. Bis ihre beruhigende Wirkung auf's vegetative Nervensystem nachl├Ąsst und sie - weil Magen leer - auf den Darm schlagen und Hendrik wieder zur├╝ck auf Anfang bringen, und am liebsten auch wieder auf ein Klo, was nicht geht, weil er schon unterwegs ist.

Dr.Sommer, Fred, der Fotzenmann (die sexuellen Phantasien der M├Ąnner) und auch Kate Winslet (ÔÇ×Als Kind war ich pummlig, hatte Glasbausteine, und Frauen stehen eh auf sch├╝chterne TypenÔÇť) sind keine gro├če Hilfe, wenn man in seiner eigenen Denke so gefangen ist, dass es einfach kein Herauskommen gibt.

Wenn im Olymp noch Platz w├Ąre, Tina w├╝rde direkt neben Zeus, Poseidon, Hermes und der ganzen Bagage liegen und blendend aussehend Weintrauben in Kette lutschen. Das findet zumindest Hendrik. Und vielleicht macht gerade dieser Umstand die Sache so kompliziert, weil die Messlatte verdammt hoch liegt und die Chance, das Ding zu verkacken, damit ins Unermessliche steigt.

Also macht Hendrik das, was er jeden Morgen macht: Sich zu den anderen theoretischen Fickexperten stellen und Tina aus sicherem Abstand anstarren.

Hendrik wei├č, dass Tina sich ab und zu einen mit ein paar RichKids aus dem S├╝den durchzieht. Das k├Ânnte eine Gemeinsamkeit werden, wenn Hendrik sich nicht arbeiterklassenm├Ą├čig dem Alk als Droge verpflichtet f├╝hlen w├╝rde und schon aus Prinzip nicht mit RichKids abh├Ąngen kann.

Da Tina Italienisch, Franz├Âsisch und Mathematik gew├Ąhlt hat, bleibt die einzige Interaktionsm├Âglichkeit der gemeinsame Kunst GK. Dr. Gahlen ist ein moderner P├Ądagoge, der m├Âchte, dass sich die Kursteilnehmer fallen lassen und in Ekstase pinseln. Da LSD immer noch verboten ist, motiviert Dr. Gahlen seine Sch├╝ler zum Arbeiten unter Musik. Dieser Umstand f├╝hrt allerdings dazu, dass Tina die ganze Doppelstunde unter Dauerberieselung und nicht zur Kommunikation mit Hendrik zur Verf├╝gung steht.

Hendrik ist mittlerweile Gro├čwesir darin, unauff├Ąllig durch seinen am Kinn kitzelnden Pony zu Tina r├╝berzustarren.
Sein Herz wird zum Voodoo-Kissen, Tinas kurze Auf-Blicke die dazugeh├Ârigen Nadeln, weil sie nicht ihm gelten, sondern einem jedes zweite Wochenende im Wellness-Bereich der elterlichen Gro├čimmobilie Party machenden-RichKids; einem Typen, der dazu noch ├╝ber einen schier unersch├Âpflichen Vorrat an Dope zu verf├╝gen scheint.
Hendrik ist sich nicht sicher, was ihn mehr wurmt: die Tatsache, dass er in Tinas Wahrnehmung wahrscheinlich so existent ist wie ein Stopp-Schild auf einer schwach beleuchteten Landstra├če im Kreis Coesfeld oder die Gewissheit, dass er selbst mit mittlerem Abi Durchschnitt immer AsiKid bleiben wird und Tina nicht das bieten kann, was sie wahrscheinlich erwartet.
Die Gedankenspirale dreht sich f├╝r Hendrik weiter, w├Ąhrend er Stahlgerippe zerfallener Hochh├Ąuser in seine Wasserfarb-Landschaft integriert und auf die Frage seines Lehrers nach dem Titel des Bildes ÔÇ×Thermonukleares EndzeitstilllebenÔÇť nuschelt. Der nachfolgende ungerechtfertigte Eintrag ins Klassenbuch bereitet ihm weniger Kopfschmerzen als die Erkenntnis, dass er selbst wenn alle Gottheiten im Olymp in chilliger Gruppensexlaune beschlie├čen, Tina zur Heirat mit Hendrik zu verschicksalen - Hendrik mag dieses Wort ziemlich -, ihn das doch keinen Schritt weiterbringen t├Ąte, weil er wegen des Fluffig-Schiss-Problems noch nicht einmal in die N├Ąhe des Altar kommen w├╝rde.
Und Zeremonien auf ├Âffentlichen Toiletten wohl noch Jahre brauchen, um in der gesellschaftlichen Akzeptanz gleichzuziehen.

Mittags wartet Mutti auf Tina, im Mercedes auf dem Parkplatz, der so unweit vom Schulhof liegt, dass es sich einfach nicht lohnt, ein Gespr├Ąch anzufangen. Zumal Hendrik sich auch nur dazu entschlie├čen w├╝rde, wenn Tina allein w├Ąre. Was ein zus├Ątzliches Problem darstellt, wenn er an den Kreis weiblicher Follower denkt, die in Tina eine Stufen- vielleicht sogar Schul-Ikone sehen.

Hendrik versucht, dem Mercedes nicht nachzugucken, als er sich mit den anderen theoretischen Fickexperten zum Saufen am Nachmittag verabredet.

Saufen ist super, findet Hendrik, weil Katalysator f├╝r alles, auch Liebeskummer. Wenn man genau aufpasst, was man sagt, bzw. an den richtigen Stellen die Fresse h├Ąlt.
Marko macht den Fehler, zu sehr ins Detail zu gehen. Er steht wie Hendrik auf Tina, und beschreibt in blumig verwaschener Sprache, woran er festmacht, dass Tina magisch auf ihn abf├Ąhrt und nur zu sch├╝chtern ist, es zuzugeben.
Der Nachmittag ist gerettet, da die gr├Â├čtm├Âgliche Verarsche auf Marko einprasselt und Hendrik in einer psychologisch gewagten, aber mit ausreichend westf├Ąlischem Korn untermauerten Gegen├╝bertragung davon ├╝berzeugt ist, dass die Theorie der sch├╝chternen Tina nicht auf Marko sondern auf ihn, Hendrik, selbst zutrifft und dass morgen alles gut wird, wenn er, Hendrik, auf den Schulhof einbiegt.
Ein gelungener Saufnachmittag braucht einen w├╝rdigen Abschluss und so taumelt sich der Tross unaufhaltsam gen Bonzen-S├╝den, um sich mindestens sechs bis sieben gehobenen Mittelklassewagen von RichKidsParents zu widmen.
Hendrik findet das mehr als fair. Wenn RichKidsParentsDaughters Herzen brechen d├╝rfen, darf er auch Antennen abbrechen.

St├╝ckigkeit ist der Gradmesser. Je klarer das ist, was Hendrik hochw├╝rgt, desto weniger Kopfschmerzen wird er morgen haben. Das ist weder logisch noch wissenschaftlich bewiesen, aber definitiv Erfahrungswert und so f├Ąllt er - zwar mit bitterem Galle-Geschmack, aber auch der Gewissheit, am n├Ąchsten Tag fit zu sein - in einen kurzen, traumlosen Schlaf.

Kippen helfen. Bedingt. Und auch nur, wenn man das Fr├╝hst├╝ck ausl├Ąsst, was Hendrik jedoch nicht besonders schwerf├Ąllt. Denn Cornflakes und Herzdepression waren noch nie besonders gute Freunde.
Hendriks Pegel vom Vortag ist noch ausreichend hoch f├╝r einen verr├╝ckten Entschluss: Heute wird er Tina ansprechen und das Stopp-Schild in eine blinkende Neon-Reklame verwandeln.
So zumindest ist der Plan ...

... der sich einem Faustschlag in die Magengrube gleich relativiert, als Tina Hand in Hand mit Tim, dem Ober-Superior-RichKid, ├╝ber den Hof dackelt.
Ganz ├╝bel, stellt Hendrik fest, als Hendrik wenige Minuten sp├Ąter auf dem Schulklo in die Sch├╝ssel unter sich guckt.
Die neue Situation macht sich dar├╝ber hinaus noch in massivem Bauchkneifen bemerkbar, einer heftigen Magenschleimhautentz├╝ndung gleich. Die Erkenntnis trifft ihn mit der Wucht eines 20 Tonnen Tiefladers: Was her muss, ist eine spektakul├Ąre Aktion, um Tinas Aufmerksamkeit zu bekommen, ├╝ber den Fenstersims balancieren, Blendgranaten werfen, irgendetwas Heftiges sprayen. Hendrik kreiert die Ideen so schnell wie er sie wieder verwirft. Denn letztendlich, das wird ihm immer klarer, ist es so, wie der Titel der 87er Septic Death-Scheibe: Now that I have the attention, what do I do with it?

In der gro├čen Pause sind Tina und das Ober-Superior-RichKid nat├╝rlich Top-Thema bei den theoretischen Fickexperten, allen voran Marko, der dem O.S.R.K - in Abk├╝rzungen l├Ąstert es sich besser - einen Mikro-Penis, ein Analgeschw├╝r und H├Ąngehoden attestiert. Was die Frage in der aufgekl├Ąrten Runde aufkommen l├Ąsst, warum sich Marko so brennend f├╝r anale und penizistische (findet man kein Wort f├╝r einen Sachverhalt, baut man sich eins, das ist hier Konsens) Angelegenheiten von Mitsch├╝lern in der Sportumkleide interessiert.
Der Vormittag ist gerettet, da die gr├Â├čtm├Âgliche Verarsche auf Marko einprasselt.

Auf dem Weg nach oben in den Oberstufentrakt passiert etwas Unvorhergesehenes: Hendriks Schn├╝rband l├Âst sich. Daher f├Ąllt er zur├╝ck, um sich das Band zu binden, um nicht hinzufallen. Dieses dreifach-deutige Satz-Monstrum leitet hin├╝ber zu einer beinahe klassischen Inszenierung: Der Flur hat sich geleert, Hendrik das Band klargemacht, aber hockt noch in Bundesjugendspiel-Startpose auf dem Boden, als die G├Âttin herself durch die Zwischenglast├╝r schreitet. Hendrik muss kein Fluglotse sein, um zu sehen, dass sich ihre Wege treffen werden, sobald er aufsteht und losgeht. Mit maximalstem Adrenalinpegel wuchtet er sich hoch, klopft sich den nicht vorhandenen Westernstaub von der Buchse und go!

Es rumort in Hendriks Eingeweiden, so stark, dass er Sorge hat, die W├Ąnde k├Ânnten das Gluckern reflektieren.
Er schaltet auf Durchblick, fixiert einen Punkt in der Mitte von Tinas Stirn und ...
ÔÇ×Hey!ÔÇť, sagt Tina pl├Âtzlich, als sie sich fast gegen├╝berstehen.
ÔÇ×Selber, heyÔÇť, sagt Hendrik und findet seinen Kommentar nicht direkt stark, aber zumindest eine 8 auf einer 10er Skala.
Tina scheinbar auch, denn sie l├Ądt ihn zu ihrer Party ein.
Dogmen sind nur gute Dogmen, wenn sie gebrochen werden k├Ânnen, denkt Hendrik und sagt zu, in RichKid-Country-Land einzureisen.

Auf dieser Party wird er Rotwein trinken. Unglaublich viel Rotwein mit Aurora, einer Halbsizilianerin mit einer Menge Pestosteron im Blut, wie sie selbst von sich sagt. Und jetzt, wo Hendrik die Aufmerksamkeit hat, wei├č er was er damit anstellen kann.
In den n├Ąchsten Wochen wird Hendriks Stuhlgang wieder h├Ąrter und geformt und ├╝berraschenderweise zwieselt es nicht mehr im Magen, wenn ihm Tina in der Schule ├╝ber den Weg l├Ąuft, sich auch mal zu ihm stellt und mit ihm quatscht oder im Kunstunterricht von einem ihrer komischen, immer gleichen Blumenbilder zu ihm statt dem Ober-Superior-RichKid r├╝berguckt.

Hendrik wird diese an vielen Stellen mehr als unrunde Geschichte irgendwann seiner pubertierenden Nichte Melissa erz├Ąhlen, als die ungl├╝cklich verliebt ist. Fred, der Fotzenmann, hei├čt in seiner Erz├Ąhlung dann Jerry Seinfeld und auch Markos Analfixierung f├Ąllt unter den Tisch. Melissa hilft das kaum weiter, aber ihr imponiert, dass der Onkel wohl mal geschrieben hat und immer noch schreibt, was sie irgendwie s├╝├č findet.
Der Frage, ob er ├╝ber Tina weg ist, weicht er diplomatisch aus, denn egal was er sagen w├╝rde, es w├Ąre irgendwie gelogen, weil es immer noch schmerzt, jeden Tag und jede Stunde.
The Story of Hendrik.

Letzte Aktualisierung: 10.05.2015 - 19.38 Uhr
Dieser Text enthńlt 10116 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.