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Liebeskummer | Mai 2015
The Story of Hendrik
von Jochen Ruscheweyh

Stuhlgang ist der Gradmesser. Je weicher und fluffiger, desto übler. Und das, was da unter Hendrik im Klo schwimmt, lässt nur einen Schluss zu: Ganz übel!

Kippen helfen. Bedingt. Bis ihre beruhigende Wirkung auf's vegetative Nervensystem nachlässt und sie - weil Magen leer - auf den Darm schlagen und Hendrik wieder zurück auf Anfang bringen, und am liebsten auch wieder auf ein Klo, was nicht geht, weil er schon unterwegs ist.

Dr.Sommer, Fred, der Fotzenmann (die sexuellen Phantasien der Männer) und auch Kate Winslet („Als Kind war ich pummlig, hatte Glasbausteine, und Frauen stehen eh auf schüchterne Typen“) sind keine große Hilfe, wenn man in seiner eigenen Denke so gefangen ist, dass es einfach kein Herauskommen gibt.

Wenn im Olymp noch Platz wäre, Tina würde direkt neben Zeus, Poseidon, Hermes und der ganzen Bagage liegen und blendend aussehend Weintrauben in Kette lutschen. Das findet zumindest Hendrik. Und vielleicht macht gerade dieser Umstand die Sache so kompliziert, weil die Messlatte verdammt hoch liegt und die Chance, das Ding zu verkacken, damit ins Unermessliche steigt.

Also macht Hendrik das, was er jeden Morgen macht: Sich zu den anderen theoretischen Fickexperten stellen und Tina aus sicherem Abstand anstarren.

Hendrik weiß, dass Tina sich ab und zu einen mit ein paar RichKids aus dem Süden durchzieht. Das könnte eine Gemeinsamkeit werden, wenn Hendrik sich nicht arbeiterklassenmäßig dem Alk als Droge verpflichtet fühlen würde und schon aus Prinzip nicht mit RichKids abhängen kann.

Da Tina Italienisch, Französisch und Mathematik gewählt hat, bleibt die einzige Interaktionsmöglichkeit der gemeinsame Kunst GK. Dr. Gahlen ist ein moderner Pädagoge, der möchte, dass sich die Kursteilnehmer fallen lassen und in Ekstase pinseln. Da LSD immer noch verboten ist, motiviert Dr. Gahlen seine Schüler zum Arbeiten unter Musik. Dieser Umstand führt allerdings dazu, dass Tina die ganze Doppelstunde unter Dauerberieselung und nicht zur Kommunikation mit Hendrik zur Verfügung steht.

Hendrik ist mittlerweile Großwesir darin, unauffällig durch seinen am Kinn kitzelnden Pony zu Tina rüberzustarren.
Sein Herz wird zum Voodoo-Kissen, Tinas kurze Auf-Blicke die dazugehörigen Nadeln, weil sie nicht ihm gelten, sondern einem jedes zweite Wochenende im Wellness-Bereich der elterlichen Großimmobilie Party machenden-RichKids; einem Typen, der dazu noch über einen schier unerschöpflichen Vorrat an Dope zu verfügen scheint.
Hendrik ist sich nicht sicher, was ihn mehr wurmt: die Tatsache, dass er in Tinas Wahrnehmung wahrscheinlich so existent ist wie ein Stopp-Schild auf einer schwach beleuchteten Landstraße im Kreis Coesfeld oder die Gewissheit, dass er selbst mit mittlerem Abi Durchschnitt immer AsiKid bleiben wird und Tina nicht das bieten kann, was sie wahrscheinlich erwartet.
Die Gedankenspirale dreht sich für Hendrik weiter, während er Stahlgerippe zerfallener Hochhäuser in seine Wasserfarb-Landschaft integriert und auf die Frage seines Lehrers nach dem Titel des Bildes „Thermonukleares Endzeitstillleben“ nuschelt. Der nachfolgende ungerechtfertigte Eintrag ins Klassenbuch bereitet ihm weniger Kopfschmerzen als die Erkenntnis, dass er selbst wenn alle Gottheiten im Olymp in chilliger Gruppensexlaune beschließen, Tina zur Heirat mit Hendrik zu verschicksalen - Hendrik mag dieses Wort ziemlich -, ihn das doch keinen Schritt weiterbringen täte, weil er wegen des Fluffig-Schiss-Problems noch nicht einmal in die Nähe des Altar kommen würde.
Und Zeremonien auf öffentlichen Toiletten wohl noch Jahre brauchen, um in der gesellschaftlichen Akzeptanz gleichzuziehen.

Mittags wartet Mutti auf Tina, im Mercedes auf dem Parkplatz, der so unweit vom Schulhof liegt, dass es sich einfach nicht lohnt, ein Gespräch anzufangen. Zumal Hendrik sich auch nur dazu entschließen würde, wenn Tina allein wäre. Was ein zusätzliches Problem darstellt, wenn er an den Kreis weiblicher Follower denkt, die in Tina eine Stufen- vielleicht sogar Schul-Ikone sehen.

Hendrik versucht, dem Mercedes nicht nachzugucken, als er sich mit den anderen theoretischen Fickexperten zum Saufen am Nachmittag verabredet.

Saufen ist super, findet Hendrik, weil Katalysator für alles, auch Liebeskummer. Wenn man genau aufpasst, was man sagt, bzw. an den richtigen Stellen die Fresse hält.
Marko macht den Fehler, zu sehr ins Detail zu gehen. Er steht wie Hendrik auf Tina, und beschreibt in blumig verwaschener Sprache, woran er festmacht, dass Tina magisch auf ihn abfährt und nur zu schüchtern ist, es zuzugeben.
Der Nachmittag ist gerettet, da die größtmögliche Verarsche auf Marko einprasselt und Hendrik in einer psychologisch gewagten, aber mit ausreichend westfälischem Korn untermauerten Gegenübertragung davon überzeugt ist, dass die Theorie der schüchternen Tina nicht auf Marko sondern auf ihn, Hendrik, selbst zutrifft und dass morgen alles gut wird, wenn er, Hendrik, auf den Schulhof einbiegt.
Ein gelungener Saufnachmittag braucht einen würdigen Abschluss und so taumelt sich der Tross unaufhaltsam gen Bonzen-Süden, um sich mindestens sechs bis sieben gehobenen Mittelklassewagen von RichKidsParents zu widmen.
Hendrik findet das mehr als fair. Wenn RichKidsParentsDaughters Herzen brechen dürfen, darf er auch Antennen abbrechen.

Stückigkeit ist der Gradmesser. Je klarer das ist, was Hendrik hochwürgt, desto weniger Kopfschmerzen wird er morgen haben. Das ist weder logisch noch wissenschaftlich bewiesen, aber definitiv Erfahrungswert und so fällt er - zwar mit bitterem Galle-Geschmack, aber auch der Gewissheit, am nächsten Tag fit zu sein - in einen kurzen, traumlosen Schlaf.

Kippen helfen. Bedingt. Und auch nur, wenn man das Frühstück auslässt, was Hendrik jedoch nicht besonders schwerfällt. Denn Cornflakes und Herzdepression waren noch nie besonders gute Freunde.
Hendriks Pegel vom Vortag ist noch ausreichend hoch für einen verrückten Entschluss: Heute wird er Tina ansprechen und das Stopp-Schild in eine blinkende Neon-Reklame verwandeln.
So zumindest ist der Plan ...

... der sich einem Faustschlag in die Magengrube gleich relativiert, als Tina Hand in Hand mit Tim, dem Ober-Superior-RichKid, über den Hof dackelt.
Ganz übel, stellt Hendrik fest, als Hendrik wenige Minuten später auf dem Schulklo in die Schüssel unter sich guckt.
Die neue Situation macht sich darüber hinaus noch in massivem Bauchkneifen bemerkbar, einer heftigen Magenschleimhautentzündung gleich. Die Erkenntnis trifft ihn mit der Wucht eines 20 Tonnen Tiefladers: Was her muss, ist eine spektakuläre Aktion, um Tinas Aufmerksamkeit zu bekommen, über den Fenstersims balancieren, Blendgranaten werfen, irgendetwas Heftiges sprayen. Hendrik kreiert die Ideen so schnell wie er sie wieder verwirft. Denn letztendlich, das wird ihm immer klarer, ist es so, wie der Titel der 87er Septic Death-Scheibe: Now that I have the attention, what do I do with it?

In der großen Pause sind Tina und das Ober-Superior-RichKid natürlich Top-Thema bei den theoretischen Fickexperten, allen voran Marko, der dem O.S.R.K - in Abkürzungen lästert es sich besser - einen Mikro-Penis, ein Analgeschwür und Hängehoden attestiert. Was die Frage in der aufgeklärten Runde aufkommen lässt, warum sich Marko so brennend für anale und penizistische (findet man kein Wort für einen Sachverhalt, baut man sich eins, das ist hier Konsens) Angelegenheiten von Mitschülern in der Sportumkleide interessiert.
Der Vormittag ist gerettet, da die größtmögliche Verarsche auf Marko einprasselt.

Auf dem Weg nach oben in den Oberstufentrakt passiert etwas Unvorhergesehenes: Hendriks Schnürband löst sich. Daher fällt er zurück, um sich das Band zu binden, um nicht hinzufallen. Dieses dreifach-deutige Satz-Monstrum leitet hinüber zu einer beinahe klassischen Inszenierung: Der Flur hat sich geleert, Hendrik das Band klargemacht, aber hockt noch in Bundesjugendspiel-Startpose auf dem Boden, als die Göttin herself durch die Zwischenglastür schreitet. Hendrik muss kein Fluglotse sein, um zu sehen, dass sich ihre Wege treffen werden, sobald er aufsteht und losgeht. Mit maximalstem Adrenalinpegel wuchtet er sich hoch, klopft sich den nicht vorhandenen Westernstaub von der Buchse und go!

Es rumort in Hendriks Eingeweiden, so stark, dass er Sorge hat, die Wände könnten das Gluckern reflektieren.
Er schaltet auf Durchblick, fixiert einen Punkt in der Mitte von Tinas Stirn und ...
„Hey!“, sagt Tina plötzlich, als sie sich fast gegenüberstehen.
„Selber, hey“, sagt Hendrik und findet seinen Kommentar nicht direkt stark, aber zumindest eine 8 auf einer 10er Skala.
Tina scheinbar auch, denn sie lädt ihn zu ihrer Party ein.
Dogmen sind nur gute Dogmen, wenn sie gebrochen werden können, denkt Hendrik und sagt zu, in RichKid-Country-Land einzureisen.

Auf dieser Party wird er Rotwein trinken. Unglaublich viel Rotwein mit Aurora, einer Halbsizilianerin mit einer Menge Pestosteron im Blut, wie sie selbst von sich sagt. Und jetzt, wo Hendrik die Aufmerksamkeit hat, weiß er was er damit anstellen kann.
In den nächsten Wochen wird Hendriks Stuhlgang wieder härter und geformt und überraschenderweise zwieselt es nicht mehr im Magen, wenn ihm Tina in der Schule über den Weg läuft, sich auch mal zu ihm stellt und mit ihm quatscht oder im Kunstunterricht von einem ihrer komischen, immer gleichen Blumenbilder zu ihm statt dem Ober-Superior-RichKid rüberguckt.

Hendrik wird diese an vielen Stellen mehr als unrunde Geschichte irgendwann seiner pubertierenden Nichte Melissa erzählen, als die unglücklich verliebt ist. Fred, der Fotzenmann, heißt in seiner Erzählung dann Jerry Seinfeld und auch Markos Analfixierung fällt unter den Tisch. Melissa hilft das kaum weiter, aber ihr imponiert, dass der Onkel wohl mal geschrieben hat und immer noch schreibt, was sie irgendwie süß findet.
Der Frage, ob er über Tina weg ist, weicht er diplomatisch aus, denn egal was er sagen würde, es wäre irgendwie gelogen, weil es immer noch schmerzt, jeden Tag und jede Stunde.
The Story of Hendrik.

Letzte Aktualisierung: 10.05.2015 - 19.38 Uhr
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