Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Klaus Eylmann IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Mein Freund, der Baum | Juni 2015
Gummibaum
von Klaus Eylmann

Udo Schmitz, Kriminalbeamter, mittelgroß, blond, mit blassem Teint und wasserblauen Augen, konnte sich seine Wohnung ohne Gummibaum nicht vorstellen. Dessen Präsenz erzeugte, so hatte Udo schon vor Jahren festgestellt, eine beruhigende Atmosphäre, obwohl der Baum nichts tat, als zu wachsen, Staub einzufangen, Blätter fallen zu lassen.
Die Altbauwohnung lag in Hamburg-Winterhude, in einer Seitenstraße, die so wenig befahren war, dass Tauben auf ihr spazieren gingen. Hier schien die Zeit langsamer abzulaufen und Udo meinte, das läge an seinem Gummibaum. Ficus Elastica, um die ein Meter fünfzig hoch mit einer durchschnittlichen Blattlänge von fünfunddreißig Zentimetern. Udo genoss die Ruhe, die von ihm ausging und die nur von dem hin und wieder zu vernehmenden Brummen des Kühlschrankes, dem Rasseln der Kette einer Standuhr, dem gluckernden Geräusch einer Kaffeemaschine unterbrochen wurde. Wohnung, Gummibaum und Standuhr hatte Udo von seinen Eltern übernommen. Die Kaffeemaschine vor einigen Tagen gekauft. Das Lächeln der Verkäuferin, schlank, Größe um die 1,60 m, kastanienbraune, kurzgeschnittene Haare, vermutlich unverheiratet. Ein reizendes Mädchen. Udo würde gern eine wie diese zu einem Kaffee in seine Wohnung einladen.
Außer die Erde mit Sauerstoff zu versorgen, hatten Bäume sicher noch andere Aufgaben, die der Menschheit bisher verborgen geblieben waren. Sie waren nicht dafür geschaffen, nur herum zu stehen. Für Udo wäre es nicht abwegig, wenn alle Bäume miteinander in Verbindung stünden, vermutlich über Partikel, die in einem Teilchenbeschleuniger wie dem Hadron Collider bisher noch nicht aufgespürt worden waren. Dark Matter, zum Beispiel. Und es war, so dachte Udo, nicht auszuschließen, wenn sie mit Bäumen in anderen Galaxien und Paralleluniversen kommunizieren würden. Udo hütete sich, seine Theorie mit anderen Personen zu erörtern. Die Welt war nicht reif dafür. So genoss er die Ruhe in dem Bewusstsein, dass es der Gummibaum war, der dafür sorgte, dass er abends Schachpartien der Meister ungestört am Küchentisch nachspielen konnte.
Schach spielte er im Club, dann mit den großen Figuren im Stadtpark. Einem Freund hatte er bei einer Schachpartie von seinem Gummibaum erzählt.
„Ich wusste gar nicht, dass es die noch gibt,“ hatte sich der Mann gewundert. „Die waren doch in den 60er Jahren in. Zur Zeit der Nierentische und Tütenlampen.“
„Schon vorher,“ hatte Udo erwidert. „Zur Zeit der Volksempfänger, Drahtfunk, Lautsprechern an den Stränden und grölenden Horden in Uniform.“
„Gummibäume…“. Der Mann sah vom Schachbrett hoch. „Gummibäume waren ein Fad, eine Marotte, eine Modeerscheinung. Soweit mir bekannt ist, hatte jeder einen bei sich zu Haus stehen. Im Zeitalter des Internets und der Social Networks, der Meme, Jingles, könnte man Gummibäume wieder populär machen. Wir haben den E-Commerce und das wäre eine neue Geschäftsidee.“ Er redete weiter. Udo hörte nicht hin. Auch wusste er nicht, was Meme und Jingles waren. Er analysierte die Stellung des Gegners und setzte ihn nach einigen Zügen matt. Dann stand er auf und verabschiedete sich.
Um Gedanken an Beruf und Schach hinter sich zu lassen, ging Udo hin und wieder tanzen. So wie an diesem Abend. Für das Damenwahl-Lokal, eine tropisch warme von Veilchenduft, Bierdunst und deutschen Schlagern geschwängerte Vorhölle, war Ladies Night angesagt mit Frauen in der Überzahl. Udo störte das nicht. Als Kriminalbeamter hatte er gefährlichere Situationen überstanden. Doch nun saß er mit dem Rücken zur Tanzfläche an der Bar, und es kam ihm vor wie Russisches Roulette.
Der Jockey legte eine Scheibe auf. Udo starrte in sein Bier und wurde von hinten angetickt. Udo drehte sich um, erstarrte, fing sich wieder. Sekunden später quetschte sich eine korpulente ältere Frau an ihn. Der Discjockey brachte seinen Spruch: „Haben Sie Ihrer Dame schon gesagt, wie gut sie heute Abend wieder aussieht?“ Das bekam Udo nun doch nicht über die Lippen. Er redete über die Standuhr seiner Mutter und den Gummibaum. Die Frau schreckte das nicht ab, stürzte sich beim nächsten Tanz wieder auf ihre Beute. Es gab für Udo zwei Fluchtorte zur Auswahl: Ausgang oder Herrentoilette. Udo entschied sich für den letzteren.
Dort ließ er die Luft aus der Lunge und blickte in den Spiegel, strich eine Strähne zurück, hielt die Hände unter den Wasserstrahl, benetzte sein Gesicht und versuchte an nichts zu denken. Als er sich nach zehn Minuten wieder hinaus traute, lauerte die Frau in fünf Meter Entfernung. „Kommen Sie“, hörte er neben sich eine Stimme, die ihm bekannt vorkam. Eine junge Frau lächelte ihn an, ergriff seine Hand und zog ihn auf die Tanzfläche. Das Mädchen aus der Innenstadt, das ihm die Kaffeemaschine verkauft hatte.
„Sie haben mich gerettet“, seufzte er erleichtert und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Sollte er ihr sagen, wie gut sie heute wieder aussah? Das wusste sie wohl selbst. Und überhaupt musste man Abstriche machen. Schummrige Beleuchtung und Biere konnten seine kognitiven Fähigkeiten herabsetzen. Aber soweit er sich erinnern konnte, war sie auch bei Tageslicht hübsch, wenn er nüchtern war.
„Ich habe Sie mit Ihrem markanten Gesicht gleich wieder erkannt und dann abgefangen.“ Die Frau kicherte und schmiegte sich an ihn. ´Was? Markantes Gesicht?´ Er sah das blasse Oval aus dem Spiegel vor sich und musste grinsen. ´Ich versuch es mal´, dachte er und sagte: „Ich kann nicht mehr allzu lange bleiben. Habe vergessen, meinen Gummibaum zu gießen.“
„Was!“, rief sie aus. „Sie haben auch einen?“ Udo musste sich beherrschen. Markantes Gesicht, Gummibaum. Sprüche klopfen hatte sie drauf. Interessant. Was für ein Kontrast zu ihrem unschuldigen Aussehen!
Dann jedoch sagte sie: „Bäume sind Poesie“. Und Udo drückte das Mädchen fester an sich.

Letzte Aktualisierung: 01.06.2015 - 19.22 Uhr
Dieser Text enthält 5754 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2020 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.